Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

MAGDALENA



Ein Poem
 
Von Josef Maria Mayer


ERSTER GESANG

O Muse, Himmelskönigin,
In diesem Wonnemonat Mai
Will singen Magdalena ich,
So steh du meinem Liede bei!

Als Jesus Nazarenus war
Beim Pharisäer Simon Gast,
Gab ihm der Pharisäer nicht
Den Bruderkuss auf seine Stirn.

Als Jesus in die Hütte trat
Des Pharisäers Simon, war
Des Wandrers Fuß von Staub befleckt,
Wie müde war des Wandrers Fuß!

Doch Simon gab ihm Salböl nicht,
Wusch nicht den staubbefleckten Fuß.
Weil Simon ohne Liebe war,
Tat er dem Wandrer nichts zu lieb.

Die Pharisäer jener Zeit,
Sie waren ziemlich selbstgerecht,
Weil die Gesetze Moses sie
Und eigenes Gesetz bewahrt.

Die Pharisäer dachten stolz:
Wir beten und wir fasten viel,
Almosen geben wir genug,
Wir fürchten Gott und die Torah!

Die Sünder aber dieser Welt,
Die Kopfgeldsteuer treiben ein,
Sind ein Geschlecht, von Gott verflucht,
Gott Dank, dass ich nicht bin wie sie!

Die Sünder aber dieser Welt,
Sie treiben Hurerei vor Gott,
In Unzucht und in Ehebruch
Die Sünderinnen schänden Gott.

Gott liebt die Sünderinnen nicht,
Auf ihnen lastet Gottes Zorn!
Doch ich, der Pharisäer, bin
Ein auserwählter Knecht des Herrn!

Was Jesus Nazarenus will
Mir sagen heut in dieser Nacht?
Ich bin zum Streitgespräch bereit,
Bin ja bewandert in der Schrift.

Da aber trat die Hure ein,
Fürwahr, sie war ein schönes Weib!
Die öffentliche Sünderin
Freimütig trat zum Menschensohn.

Die lange rote Lockenflut
Ihr fiel aufs weiße Schulterpaar,
Die Brüste zeichneten sich ab
Spitz durch das seidenfeine Kleid.

Die öffentliche Hure war
Gewesen manches Mannes Braut
Und hatte oft gespreizt das Paar
Der Schenkel irgendeinem Mann.

Nun trat sie zu dem Menschensohn
Und weinte Reuetränen heiß:
Ach, tote Hündin bin ich nur!
Ich bin ja nichts als eine Laus!

Du aber der Messias bist,
Der mir die Würde wiedergibt!
Nimm meine Reuetränen an,
Sie fallen dir auf deinen Fuß.

Ich wasche deine Füße dir
Mit meinen Reuetränen klar,
Ich trockne deine Füße dir
Mit meinem roten Lockenhaar.

Ich küsse deine Füße dir,
Der Sünderin geschminkter Mund
Liebkost dir deinen Wanderfuß
Zum Zeichen meiner Reu und Buß.

Und Jesus hob die Hure auf
Und sagte zu dem schönen Weib:
Maria Magdalena, du,
Ich hab dich auserwählt zur Braut!

Der Pharisäer dachte da:
Wenn Jesus wäre ein Prophet,
Er wüsste, dass dies schöne Weib
Ist öffentliche Sünderin.

Der Menschensohn zu Simon sprach:
Du gabst mir keinen Bruderkuss,
Hast meine Füße nicht gesalbt,
Wie diese schöne Hure tat.

Erwiesen hat sie mir zu lieb
Die große Liebe ihrer Buß.
Weil viel ich ihr verziehen hab,
Ist ihre Liebe auch sehr groß.


ZWEITER GESANG


Maria Magdalena war
Besessen von der Siebenzahl
Der höllischen Dämonen, die
Die Seele ihr verfinsterten.

Sie sah in ihrer Seele Reich
Und sah im Seelen-Inneren
Dämonen weiblicher Gestalt,
Die siebenfache Teufelin.

Der Name dieses Dämons war
Gespenstisch, Lilith hieß der Geist,
Denn Lilith ist ein Nachtgespenst,
Der Dämon aus der Unterwelt.

Was ist denn Dämon Liliths Werk?
Sie treibt die Leibesfrüchte ab,
Der Rabenmutter böser Grimm
Ist des Gespenstes Lilith Werk.

Die Unzucht treibt sie auch voran,
So dass die Frau zusammen lebt
Mit einem Mann, der nicht ihr Mann,
Die viele Männer schon besaß.

Wie Oholiba tat auch sie
Die Schenkel spreizen jedem Mann
Und unter jedem grünen Baum
Hat sie mit einem Baal gehurt.

O Seele Magdalenas, du
Musst dich bekehren zu dem Herrn,
Der Herr treibt dir den Dämon aus,
Dem du dich unterworfen hast.

Mit Gottes Finger treibt der Herr
Den Lilith-Dämon aus dir aus
Und reinigt deiner Seele Haus
Und schmückt dir deiner Seele Schloss.

Jedoch die Lilith-Teufelin
Und ihrer Lilim Siebenzahl
Durchstreift die öde Wüstenei
Und wandelt an dem Roten Meer

Und kehrt zurück und findet dich
Gereinigt und geschmückt und kommt
Und möchte in dein Haus zurück
Mit einer Lilim-Legion.

Doch Magdalena sprach zum Herrn:
Gesegnet seien Schoß und Brust,
Der Schoß, der dich getragen hat,
Die Brust, die du gesogen hast!

Messias reinigte das Haus
Maria Magdalenas, trieb
Die Legion der Lilim aus
Und seinen Namen in sie schrieb.

In Magdalenas Seelenschloss
Und seine sieben Kammern goss
Der Herr die sieben Tugenden
Und stärkte Magdalenas Geist.

Er goss in ihren schönen Kopf
Die Tugend großer Klugheit ein
Und lehrte sie die Wissenschaft
Der rechtverstandnen Biblia.

Er goss in ihr so süßes Herz
Die Tugend ein vom rechten Mut,
So dass sie tapfer ging den Weg
Mit Jesus Christus zu dem Kreuz.

Er goss in ihren lieben Leib
Die Tugend ein vom rechten Maß
Und lehrte die Hetäre, keusch
Zu leben in dem Fleisch und Blut.

Er goss in die Persönlichkeit
Die Tugend der Gerechtigkeit,
So dass sie zur Gerechten ward,
Die horchte göttlichem Gebot.

Er goss in sie die Tugenden,
Die kommen ganz allein von Gott,
Die göttlich-theologischen,
Die Tugenden von oben ein.

Auf Gottes Offenbarung gab
Er ihr die Antwort ein, das Ja,
Gehorsam war im Glauben sie
Den Offenbarungen des Herrn.

Er goss in sie die Hoffnung ein,
Die Hoffnung der Unsterblichkeit,
Des Fleisches Auferstehung in
Der Gottheit Himmelsparadies.

Er goss in sie die Liebe ein,
Die Liebe ganz allein zu Gott,
Die größte aller Tugenden
Die Liebe zu der Gottheit ist.

Die Liebe ist dem Feuer gleich,
Dem Feuer in dem Dornenbusch,
Die Liebesleidenschaft für Gott
Ist nämlich stärker als der Tod.


DRITTER GESANG


Maria Magdalena war
Befreundet mit Susanna, die
War mystisch eine Jesus-Braut
In heiliger Jungfräulichkeit.

Herr Jesus hatte sie erlöst
Von manchem innerlichen Band
Und mancher schweren Kettenlast
Und mancher Sorge, Angst und Not.

Und so wie Magdalena auch
Susanna diente ihrem Herrn,
Nicht nur mit ihrem Hab und Gut,
Nein, mit der eigensten Substanz!

Als Diakonin diente sie,
Nicht strebend zum Apostelamt,
Sie diente Jesus, ihrem Herrn,
Mit Hab und Gut und mit Substanz.

Und mit dem eignen Silbergeld
Sie förderte das fromme Werk,
Almosen gab sie jederzeit,
Vor allem armen Kinderlein.

Auch backte sie sehr gutes Brot,
Das Jesus Christus gerne aß.
Er liebte diese Freundin sehr,
Sie war ihm schöner Erdentrost.

Wenn er allein in seinem Schmerz
Verachtet war von aller Welt,
Dann war Susanna ihm sein Trost
In ihrer sanften Freundlichkeit.

Wenn er ihr gab die Hand zum Gruß,
War ihre Hand wie ein Gewölk,
Wie eine Wolke federleicht
Und voller keuscher Zärtlichkeit.

Gern sah er ihre Augen an,
Die waren bräunlich wie das Reh
Und wie Kastanien in der Glut
Und voller femininem Charme.

Susanna war sehr liebevoll
Zu Jesus, ihrem Bräutigam,
Und auch um Jesu willen zu
Der Erde armen Kinderlein.

Johanna war die andre Frau,
War Magdalenas Freundin auch
Und Freundin von Susanna und
Auch eine fromme Jesus-Braut.

Johanna aber war vermählt
Mit Chuza, ihrem Ehemann,
Der war ein Kinderhüter in
Dem fürstlichen Herodes-Haus.

Der Kinderpfleger Chuza war
Ein Tutor kleiner Kinderlein,
Die er wie eigne Kinder gern
Gehabt, die blieben ihm versagt.

Johanna aber war sehr fromm
Und diente Jesus, ihrem Herrn,
Und machte oft das Abendbrot
Mit Brot und Käse von der Kuh

Und Käse von der Ziege auch,
Und Jesus aß Oliven gern
Zum Ziegenkäse auf dem Brot,
Oliven liebte Petrus auch,

Sie tranken Buttermilch und Wein
Und aßen Nüsse gern dazu,
Auch liebte Jesus sehr den Fisch
Und Jesus aß auch gerne Fleisch.

Johanna hörte immer zu,
Wenn Jesus von der Weisheit sprach,
Wenn er zitierte aus der Schrift,
Wenn er von Gottes Liebe sprach.

Wenn Jesus von der Liebe sprach,
Die Gott zu seiner Menschheit hat,
So sprach er von der Ehe oft,
Wie Mann und Frau vereint in Gott.

Der Herr erwartete ja nicht,
Daß auch Johanna ehelos
Jungfräulich sollte folgen ihm,
Er wollte sie als Ehefrau

Zu seiner frommen Jüngerin,
Die in der frommen Ehe lebt,
Wo Mann und Frau vereint in Gott
Ein Bild für Gottes Liebe sind.

Johanna liebte das Gespräch
Mit Jesus Christus, ihrem Herrn,
Doch sprach sie auch sehr gerne mit
Der Magdalenerin ein Wort.


VIERTER GESANG


Der Herr kam nach Bethanien,
Das ist ein kleines armes Dorf,
Liegt nahe bei Jerusalem,
Zu seinem Freunde Lazarus.

Maria Magdalena dort
Bei ihrer Schwester Martha war,
Und Jesus kehrte in das Haus,
Saß bei den Freunden an dem Tisch.

Und Martha eilte durch den Raum,
Geschäftig sie als Hausfrau war,
So sie versorgte erst den Hund
Und dann die schwarze Katze auch,

Dann wusch die Wäsche sie im Bad
Und hing die Wäsche an die Schnur
Und faltete die Wäsche dann
Und tat sie in den Wäscheschrank,

Dann fegte sie den Boden noch
Und räumte in dem Hause auf,
Ging in die Küche an den Herd
Und machte dann ein Mittagsmahl,

Da kochte sie Gemüse gar
Und holte Kräuter aus dem Beet,
Dieweil die Suppe auf dem Herd
Im Suppentopfe kochte gar,

Ging sie noch an das Blumenbeet
Und pflegte ihre Rosen rot
Und rupfte noch das Unkraut aus
Und ging dann wieder an den Herd,

Die Teller tat sie auf den Tisch
Und Löffel legte sie dazu
Und steckte eine Kerze an
Und stellte auf den Blumenstrauß

Und sagte: Guten Appetit,
O Jesus, laß es schmecken dir!
Ich kann nicht mit dir essen, Herr,
Ich habe dazu keine Zeit,

Iss du mit Bruder Lazarus
Und Magdalena dieses Mahl,
Doch sage Magdalena auch,
Sie tut zuwenig in dem Haus.

Maria Magdalena sprach
Zu Jesus, ihrem Bräutigam:
Erzähl mir von der Weisheit, Herr,
Von Gottes Wort, der Biblia!

O Jesus, Magdalena sprach,
Es sagen alle Frommen mir,
Daß ich besessen vom Dämon,
Wenn ich das Leiden koste aus.

Wenn über mich die dunkle Nacht
Der unverstandnen Seele kommt
Und alle spotten über mich
Und lästern deine Jüngerin,

Wenn ich dann bittre Tränen wein
Und meinen Gott nicht mehr versteh
Und selber wie gekreuzigt bin,
O Jesus, sag mir, was ist das?

Und Jesus sprach zur Jüngerin:
Du kennst doch meinen Hiob gut,
Der hatte auch zu leiden sehr
Und litt an seiner Freunde Rat.

Die Freunde waren doch sehr fromm
Und sie verteidigten den Herrn
Und Hiob klagte an den Herrn
Und doch gab Gott dem Hiob recht!

Du kennst die Klagelieder auch
Von Jeremia, da er sang:
Die Rute Gottes züchtigt mich,
Ich bin so elend, voller Schmerz,

Gott ist zum Feind geworden mir,
Geworden wie ein wilder Bär
Und wie ein wilder Panther mir,
Kein Schmerz ist meinen Schmerzen gleich!

Du kennst die Psalmen Davids auch,
Wie er stand an dem Totenfluss,
Des Todes Fesselstricke ihn
Fast überwältigt in der Nacht,

Wie er zu seinem Gotte schrie:
Was hast du mich verlassen, Gott?
O meine Magdalenerin,
Der Menschensohn gekreuzigt wird,

Und mit dem Menschensohne wird
Gekreuzigt auch die Jüngerin,
Doch in der dunklen Kreuzesnacht
Sind wir vereinigt, meine Braut!


FÜNFTER GESANG


Als Jesus war in Galilee,
Da brachte man die Botschaft ihm,
Dass Lazarus im Sterben läg,
Der Magdalena Bruderherz.

Und Thomas, der auch Zwilling hieß,
Der sprach zum Meister und zum Herrn:
Lass gehen uns zu Lazarus,
Auf dass wir sterben auch mit ihm!

Doch unser Meister wartete,
Drei Tage Jesus wartete,
Dann ging er nach Bethanien,
Erzählte dieses Gleichnis noch:

Es war der arme Lazarus
Ein Armer und ein Elender,
War von Geschwüren ganz bedeckt
Und voller Wunden an dem Leib.

Die Hündinnen der Gasse ihm
Die wehen Wunden leckten ab.
Der arme Bruder bettelte
Um Brot bei einem reichen Mann.

Der Reiche schickte Lazarus
Von seinem goldnen Hause fort
Und weinend klagte Lazarus
Dem Himmelsvater seine Not.

Nun starb der arme Lazarus,
Zugleich starb auch der reiche Mann.
Der Reiche in die Hölle kam
Und brannte in der Feuersglut.

Wie Kohlen, schwarz und transparent,
Der reiche Mann im Feuer war
Mit andern Gotteslästerern
Und der Dämonen Legion

Und aus dem Höllenfeuer kam
Ein Brüllen, ein Verzweiflungsschrei,
Sie schrieen laut in weher Qual
Am ewigen Verdammungsort.

Jedoch der arme Lazarus
Saß Vater Abraham im Schoß
In himmlischer Glückseligkeit,
Wo ihn der Vater tröstete.

Der Reiche aus der Hölle schrie
Zu Lazarus im Paradies:
Zu meiner Witwe eile hin,
Zu meinem Sohne eile hin

Und warne vor der Hölle sie!
Mir brennt die Zunge von der Glut,
Gib einen Tropfen von dem Quell
Des Lebens, lösche meinen Durst!

Da sagte Lazarus zu ihm:
Ihr unten in der Höllenglut,
Wir oben in dem Paradies,
Es ist kein Weg von uns zu euch.

Und deine Witwe und dein Sohn,
Sie glauben ja der Bibel nicht,
Wie sollten sie dann glauben mir,
Wenn ich vom Weltgerichte red?

Als Jesus in Bethanien
War angekommen vor dem Tor,
Maria Magdalena kam
Und weinte um des Bruders Tod.

Maria Magdalena kam
Und Schwester Martha kam mit ihr,
Und Martha sprach zu ihrem Herrn:
Herr, wenn du da gewesen wärst,

Wär Lazarus gestorben nicht.
Doch Jesus sprach zu Martha dies:
Der arme Lazarus ersteht
Als ein Lebendiger vom Tod.

Und Martha sprach zu Jesus dies:
Des Fleisches Auferstehung kommt
Am Jüngsten Tag im Weltgericht.
Und Jesus sprach zu Martha dies:

Ich bin die Auferstehung und
Das Leben in der Ewigkeit!
Und Jesus trat zu Lazarus,
Der lag in seinem Felsengrab,

Und Jesus rief zu Lazarus:
Erstehe du aus deinem Tod!
Und Lazarus kam aus dem Grab
Und Magdalena freute sich.

Und Magdalena pries den Herrn:
Du bist die Auferstehung und
Das Leben in der Ewigkeit!
Wer dir vertraut, lebt ewiglich!


SECHSTER GESANG


Als Jesus Christus war im Haus
Von Simon, der ein Gerber war,
Maria Magdalena trat
Zu Jesus, ihrem Bräutigam.

Sie hatte in der schlanken Hand
Ein Rosenquarz-Flakon voll Öl,
Voll allerbestem Narden-Öl,
Das war das beste in dem Land,

Ja, hunderte Denare wert,
Des Arbeitsmannes Jahreslohn,
Das goss sie über Jesus aus
Und salbte Jesus für das Grab.

Doch Judas von Iskarioth
Zur schönen Magdalena sprach:
Verschwende nicht das teure Geld,
Gibs der Apostelkasse doch!

Denn die Apostelkasse gibt
Das Geld den Armen in der Welt.
Doch Judas, der den Reichtum liebt,
Geld lieber doch für sich behält.

Denn Judas der Kassierer war,
Verwaltend der Apostel Geld,
Er nahm sich aus der Kasse viel
Und klaute der Apostel Geld.

So sagte einst schon Salomo,
Vielleicht wars Jesus Sirach auch:
Die Liebe zu dem schnöden Geld
Die Wurzel aller Übel ist.

Denn Judas von Iskarioth
Nicht sorgte um die Armen sich,
Er wollte selber Hab und Gut
Und Geld und Gold von seinem Gott.

Doch Jesus Christus sagte dies:
Die Armen habt ihr allezeit,
Könnt ihnen immer Gutes tun,
Wollt ihr den Armen Gutes tun.

Ja, wenn ihr lieb habt euren Herrn,
So tut den Armen Gutes nur,
In jedem Armen, jedem Kind
Begegnet euer Meister euch.

Die Armen habt ihr allezeit,
Ich bin nicht lange mehr bei euch,
Maria Magdalena hat
Mich zum Begräbnis heut gesalbt.

Wo immer in der ganzen Welt
Man von der Freudenbotschaft spricht,
Da nennt man Magdalena auch,
Die den Gesalbten hat gesalbt.

Und Magdalena sah zum Herrn
Und dachte an das arme Volk,
Die Kranken, die der Herr geheilt,
Die Kinder, die der Herr liebkost.

Und jetzt war Jesus ihr so nah,
Er, der die Weisheit Gottes war,
Er war die Auferstehung und
Das Leben in der Ewigkeit.

Und plötzlich sah sie ihren Herrn
Allgegenwärtig in der Luft
Als einen leuchtenden Kristall
Von unermesslich hellem Licht.

Und in dem großen Licht des Herrn,
Allgegenwärtig in der Luft
Und auf der Erde, Geistern gleich,
Sah sie der Toten große Schar.

Maria Magdalena sann:
Die Toten in dem Paradies,
Sie sind nicht über der Region
Des Uranos im Sternenall,

Die Toten in dem Paradies
Als wie im Schoße unsres Herrn
Sind mitten unter uns, sind hier,
Sind Geister in der Erdenwelt.

Und Jesus sah Maria an
Und sprach zu Magdalena dies:
Das Paradies im Himmel ist,
Allgegenwärtig ist das Reich,

Doch sind die Toten euch nicht fern,
Und wenn ihr betet ein Gebet
Und wenn ihr brecht das Himmelsbrot,
So sind die Toten unter euch.

Die Toten, die entschlafen sind
Im Hinblick auf den Leib des Herrn,
Sind wie die Engel jetzt bei Gott
Und stehen euch als Engel bei.


SIEBENTER GESANG


Herr Jesus hing an seinem Kreuz
Und die Soldaten Roms um ihn
Verhöhnten ihn als König der
So elend-armen Judenschaft.

Den Purpurmantel zog man aus
Dem Könige der ganzen Welt
Und zog ihm aus den Unterrock,
Das ohne eine Naht gewebt.

Und er, der neue Adam, hing
Am Kreuz, am neuen Lebensbaum,
Und er, der neue Adam, hing
Am Kreuz und war wie Adam nackt.

O Jesus, du Jungfräulicher,
Du Gottessohn im Zölibat,
Wie hast jungfräulich du gelebt
Denn deine Sexualität?

Du warest ja ein Mann voll Kraft,
Ein Arbeitsmann, ein Zimmermann,
Der allerschönste Menschensohn
Und dreiunddreißig Jahre jung.

Nun aber gab er alles hin
Und war wie Vater Adam nackt
Und die Soldaten würfelten
Um dieses Judenkönigs Kleid.

Die Mutter Jesu stand dabei,
Maria unterm Kreuze stand,
Nicht in Verzweiflung niederbrach,
Nicht raufte ihre Haare sie,

Nicht schlug sie an den Busen sich,
Nicht warf sie auf die Erde sich,
Nicht schrie sie wehen Jammerlaut
Und heulte nicht verzweiflungsvoll,

Die Mutter unterm Kreuze stand
Und dachte an das Engelswort:
Sein Königtum unendlich ist
Und ewig währt sein Königtum.

Maria nahm von ihrem Haupt
Den Schleier der Jungfräulichkeit
Und reichte Magdalena ihn,
Die weinte unter Jesu Kreuz.

Maria Magdalena, du
Sollst nehmen diesen Schleier hier
Und gehe mit dem Schleier du
Zu deinem Bräutigam am Kreuz

Und mit dem Schleier ihm verhüll
Vor allen Menschen das Geschlecht,
Mein Schleier der Jungfräulichkeit
Soll dienen ihm als Lendenschurz.

Maria Magdalena band
Der Gottesmutter Schleier um
Die nackte Scham des Gottessohns,
Des neuen Adams an dem Kreuz.

Der Lieblingsjünger war dabei,
Und er, der es gesehen hat,
Bezeugt, dass dieses Zeugnis wahr
Und dass sein Herr und Meister sprach:

O du mein vielgeliebter Freund,
Schau auf die Gottesmutter du,
Nimm sie als deine Mutter an
Und nimm sie in dein Eignes auf

Und nimm sie in dein Innres auf,
Die Mutter aller Menschen, sie
Soll fortan deine Mutter sein,
Die Mutter der Ecclesia.

Und zu der Gottesmutter sprach
Am Kreuze so der Gottessohn:
O Frau der Offenbarung du,
O neue Eva, siehe da

Den Jünger, den ich habe lieb,
Dem sollst du seine Mutter sein
Und sollst ihn lieben, deinen Sohn,
Maria, wie du mich geliebt!

Maria Magdalena schrie
Und nieder fiel sie vor dem Kreuz,
Umarmte Jesu Beine und
Dem Meister küsste sie den Fuß.

Und Jesus rief: Es ist vollbracht!
Maria Magdalena schrie
Und warf sich nieder in den Staub
Und weinte Tränen rot wie Blut.


ACHTER GESANG


Es lag der liebe Herr im Grab,
Er lag in seinem Leinentuch,
Von seinem Schweißtuch er bedeckt,
Stieg in die Unterwelt hinab.

Herr Jesus in den Hades ging
Und nahm Frau Eva bei der Hand
Und führte aus dem Totenreich
Die Heiligen ins Lebenslicht.

Maria Magdalena ging
Am Ostermorgen in der Früh
Zu Jesu Christi Felsengrab,
Auf dass sie salbe seinen Leib.

Und da sie in den Garten kam
Und nahte sich dem Felsengrab,
Sah sie den Stein vom Grab gewälzt
Und schaute: Ja, das Grab war leer!

Doch auf der Felsenplatte lag
Das Leichentuch des Heilands noch
Und eingedrückt ins Leichentuch
Das Bildnis des Gekreuzigten.

Und auf der Felsenplatte lag
Das Schweißtuch noch des lieben Herrn
Und in das Schweißtuch eingedrückt
Das Antlitz unsres lieben Herrn.

Maria Magdalena da
Viel heiße Trauertränen weint,
Denn sie und die Apostel auch,
Sie hielten ihn für Gottes Sohn

Und den Messias Israels,
Nun aber war der Christus tot,
Er, der Unsterbliche, der Herr,
Der starke Gott war menschlich tot.

Nicht einmal salben konnte sie
Den Leichnam ihres Meisters noch.
O große Hoffnungslosigkeit,
Verzweiflungsvolle Depression!

Ja, sterben wollte sie mit ihm!
Der Eitelkeiten Eitelkeit
Schien ihr des Lebens Dasein nur
Und nur willkommen noch der Tod!

Da stand der Gärtner plötzlich da
In seinem grünen Gärtnerrock.
Maria Magdalena sprach:
Wo ist der Körper meines Herrn,

Wo haben sie ihn hingelegt?
Sie hatte nämlich nicht erkannt,
Daß dieser Gärtner Christus war,
Des Seelengartens Gärtner er.

Der Gärtner aber sprach zu ihr:
Maria – nur dies eine Wort.
Maria Magdalena sprach:
Mein Rabbi, o mein Meister du!

Denn da erkannte sie den Herrn,
Als ihren Namen er genannt.
Da fiel sie nieder vor dem Herrn,
Als sie den lieben Herrn erkannt.

Da fiel sie nieder vor dem Herrn,
Als wollt sie küssen seinen Fuß,
Und sie umschlang die Beine ihm
Und drückte sich ganz heiß an ihn!

Und Jesus Christus sprach zu ihr:
Maria, halte mich nicht fest,
Noch bin ich aufgefahren nicht.
Geh aber als Apostelin

Zu der Apostel kleinen Schar,
Zu ihm, der die Apostel führt,
Zu Petrus, und zum ganzen Kreis
Sag, dass ich auferstanden bin

Und dass ich fahre auf zu Gott,
Zu meinem Gott und eurem Gott,
Und sag, dass der Apostel Schar
Soll kommen nach Bethanien,

Denn von Bethanien, dem Dorf,
Und von dem nahen Ölberg fahr
Ich in den Himmel auf zu Gott,
Zu meinem Gott und eurem Gott,

Denn Gottes Himmelsparadies
Ist droben nicht beim Uranus
Und nicht bei Venus und Saturn,
Vielmehr der Himmel ist in Gott!

Ich gehe in den Himmel ein
Und dort bereit ich euch den Platz,
Den Platz des Menschen in dem Licht,
In meinem Gott auch deinen Platz!