Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

DIE SCHÖNE LIEBE



Ein Lehrgedicht

Von Josef Maria Mayer


APHRODITE BEI HOMER


Als Paris auf dem Berge Ida stand,
Erschienen ihm drei Göttinnen vom Himmel.
Wer sei von ihnen denn die schönste Göttin?
So fragten ihn die Göttinnen des Himmels.
Da sah er Hera mit den Lilienarmen,
Die ihm versprach die Herrschaft in der Welt.
Athene sah er mit den Eulenaugen,
Gerüstet aus des Vaters Stirn entsprungen,
Die sie versprach ihm Sieg in allen Kriegen.
Dann sah er Aphrodite vor sich stehen
Und sie ließ alle ihre Hüllen fallen
Und stand barbusig, splitternackt vor ihm
Und sie versprach dem Hirten Paris gern
Die schöne Helena, die schönste Frau
Von Hellas, sie, die Frau des Menelaos.
Und Paris sagte: Aphrodite ist
Die schönste Göttin aller Göttinnen!
So raubte Paris sich die Helena
Und so begann der große Krieg um Troja.

Im Krieg um Troja aber Diomedes
Mit einem Pfeil verletzte Aphrodite.
Die Göttin blutete, die Göttin weinte
Und eilte weinend aus dem Schlachtgefilde
Und stieg hinan den heiligen Olympus
Und weinte in den Armen ihrer Mutter
Dione, die verband die wunde Göttin.
Zeus Vater aber sprach zu Aphrodite:
O Lachenliebende, das Werk des Krieges
Sei nicht dein Werk! Des Ehebettes Werk
Sei ganz allein dein Werk, der Akt der Zeugung,
Der Akt geschlechtlicher Vereinigung
Und alle Wonnen ehelicher Liebe,
Das ist dein Machtbereich, o Aphrodite!

Die Göttin Aphrodite war in Troja
Beliebt, weil einst sie dem Anchises war
Begegnet auf dem Berge Ida, da
Die Göttin beigewohnt dem Mann Anchises
Und schwanger war geworden und Äneas
Geboren hatte, diesen Sohn der Göttin.
Äneas war ein Prinz in Troja, war
Der Göttin Sohn, man nannte ihn auch Pius,
Weil er so fromm vertraute Aphrodite.
Dies alles weiß ich über Aphrodite
Vom blinden Seher-Dichter, von Homer.


APHRODITE BEI HESIOD UND HOMER


Doch Hesiod berichtet, dass der Vater,
Der Vater Uranos in seinem Himmel,
Entmannt ward von dem eignen Sohne Kronos,
Der schnitt mit einer Sichel ab das Glied
Des Vaters, und des Vaters Mannesglied
Fiel in das Mittelmeer, das schäumte auf
Und Aphrodite ward aus Schaum geboren,
Drum heißt die Göttin auch die Schaumgeborne.
Doch Aphrodite heißt auch Schamerfreute
Und Lachenliebende. Die aus dem Schaum
Geborne Aphrodite tauchte aus
Dem Mittelmeer und trieb auf einer Muschel
Vorbei an Knidos, Göttin Knidia,
Vorbei an Kytheräa, o Kythere,
Die göttliche Kythere kam zuletzt
Nach Zypern, darum heißt sie Cypria,
Nach Paphos kam sie, Göttin Paphia,
Und als bei Petra tou Romiou die Göttin
Das Land betrat, da sprossen Rosen auf
Und Oleander blühte auf der Insel.

Homer berichtet aber in der Hymne,
Daß Aphrodite stieg auf den Olymp,
Die Charitinnen oder Grazien
Bekleideten die Göttin mit Gewändern,
Sie schmückten sie mit Gold und Edelsteinen
Und krönten sie mit einer goldnen Krone.
Die Charitinnen führten Aphrodite
Auf den Olympus in die Götterburg.
Die Götter des Olympus alle staunten,
Daß solche schöne Göttin ist gekommen
Auf den Olymp. Es wünschte jeder Gott,
Daß Aphrodite seine Freundin werde.

Die Göttin Aphrodite aber wurde
Vermählt allein dem hinkenden Vulkanos.
Homeros nennt die Göttin Aphrodite
Als Gattin des Vulkanos Göttin Charis.
Jedoch der Göttin Aphrodite Gürtel,
Ihr zauberreicher Liebreizgürtel auch
Heißt Charis, nämlich Liebreiz, Charme und Zauber.
Doch Ares brach die Ehe mit der Göttin
Und lag mit Aphrodite in dem Bett.
Apollon sah es, sagte es Vulkanos.
Der Ehemann umfing die Ehebrecher
Mit einem goldnen Netz. Die Götter kamen
Und lachten ein olympisches Gelächter.
Doch Aphrodite ging nach Paphos, dort
Nahm sie ein Bad und tauchte wieder auf
Als schamerfreute Jungfrau keuscher Blicke.


APHRODITE BEI SAPPHO


Von Sappho aber kann man sagen, dass
Von allen Göttern Griechenlands allein
Die Göttin Aphrodite ihr Idol war.
Von Aphrodite inspiriert sang Sappho
Die zärtlichsten und schönsten Liebeslieder.
So schön war Sapphos Liebeslied, dass Platon
Gar sprach: Neun Musen gibt es, doch die zehnte
Ist Sappho. Sappho diente Aphrodite,
Indem sie Liebe pries und Schönheit pries,
Die Mädchen liebte und die Schönheit liebte,
Die Schönheit der Natur und die der Mädchen.
So scheint die Göttin Aphrodite hier
Verkörperung der Liebe und der Schönheit,
Die Liebe und die Schönheit in Person,
Die ihre fromme Tochter inspirierte,
Mit liebevollen Augen anzuschauen
Die schönen Mädchen, ihre vielgeliebten,
Den vielgeliebten Bruder auch zu lieben,
Die eigne Mutter und die eigne Tochter
Und ganz zu letzt aus Liebe auch zu sterben
Für Phaon, der verschmähte ihre Liebe.

Doch auch Gebete überliefert Sappho
Und nennt die Göttin Aphrodite einmal
Die Tochter Gottes in dem goldnen Thron
Und Zauberin, sie bittet sie zu kommen
In ihrem Wagen, den die Finken ziehen,
Wie Turteltauben ihre Flügel schlagend.
Denn Sappho liebt ein schönes Menschenkind
Und wird von diesem nicht zurückgeliebt.
Da bittet Sappho ihre Liebesgöttin,
In dem geliebten Menschenkinde doch
Die Liebe auch zu Sappho zu erwecken.
Und Göttin Aphrodite spricht zu Sappho:
Ist meine Botin doch die schöne Peitho,
Die süßer Überredung zu der Liebe,
So sag, wen soll die Peitho überreden?
Zwar noch verschmäht der Mensch, den du so liebst,
Verschmäht, was du ihm schenkst, doch wird
Dir bald Geschenke schenken, und verschmäht
So bitter deine honigsüße Liebe
Und wird dich bald mit heißer Inbrunst lieben!
Und Sappho bittet Göttin Aphrodite:
Steh mir im Kampf zur Seite, meine Herrin!

So scheint es, dass die künstlerische Sappho
Nicht viele Götter Griechenlands geliebt,
Nur Eine Gottheit ganz allein geliebt,
Allein geliebt die Göttin Aphrodite.


DIE LIEBE BEI EMPEDOKLES


Empedokles (vielleicht auch Empedokles)
Beschreibt in seinem Philosophen-Lied
Die gute alte Zeit, da alle Menschen
Nur Einer Gottheit dienten, nämlich jener
Geliebten Göttin Kypris. Liebesgöttin
War Aphrodite, Göttin aller Menschen.
Die Menschen dienten ihr mit Lobgebeten
Und Bitten und sie brachten Opfer dar,
Doch haben keine Menschen sie geopfert,
Sie haben nicht die Kinder hingeschlachtet,
Ja, nicht einmal die Tiere ihr geopfert,
Nur Öl und Blumen brachten sie zum Opfer
Der einen großen Liebesgöttin Kypris.
Da gab es keinen Krieg auf Erden, da
War Friede bei den Menschenkindern allen,
Weil alle Kinder waren Einer Mutter.

Empedokles (vielleicht auch Empedokles)
Sah in der Liebe eine große Kraft,
Die da zusammenhält die Elemente.
Im Kosmos oder Universum wirkt
Die Macht der Liebe, die verbindet alle
Die Elemente und die Energien.
Die Gegenkraft des Streites und der Feindschaft
Ist jene Macht, die alle Dinge scheidet.
Was nur die Macht der Liebe je verbunden,
Das trennt die Gegenkraft der Feindschaft wieder.
Die Liebe und die Feindschaft, diese zwei,
Sind die polaren Kräfte dieses Kosmos,
Vereinigung und Scheidung wirken sie.

Von welcher Liebe sprach der Philosoph?
Sprach er von Eros als des Kosmos Urkraft?
Die Liebe, die der Philosoph erkannte,
Das war die Liebe einer reinen Freundschaft,
Das war die Philia, die Freundschaftsliebe.
Der Eros nämlich lebt von Triebbegierden,
Von Durst nach sexueller Einigung,
Von Hunger und Begier und Leidenschaft.
Die Freundschaftsliebe aber ist vom Geiste,
Rein geistig ist die Freundschaftsliebe, ist
Weit über animalischer Begierde
Die rein-humane Form der Liebe. Diese
Rein geistige, humane Freundschaftsliebe
Ist Urkraft, die das Universum bindet.
Was hält die Welt im Innersten zusammen?
Die reine Liebe, welche Freundschaft ist!


PANDEMOS UND URANIA BEI PLATON


Der große Platon, mein geliebter Platon,
Zwei Aphroditen kannte er. Die eine
Der beiden war Pandemos Aphrodite,
Die große Göttin des gemeinen Volkes.
Pandemos Aphrodite war die Göttin
Geschlechtlicher Vereinigung und Wollust.
Der Mann vereinigt sich mit seinem Weibe
Zur Kinderzeugung und vereinigt sich
Mit seiner Sklavin zur Begierdestillung
Und geht dann in die Häuser der Hetären,
Um zu verfeinern noch sein Lustempfinden.
Und wenn ihn ganz gemeine Wollust plagt,
Will er von der Begierde sich entlasten,
So geht er zu den Huren in dem Hafen.
Pandemos Aphrodite war die Göttin
Der sexuellen Triebbefriedigung.
In ihrem Tempel dienten Tempelhuren.
Und eine Tempelhure zu beschlafen,
War Dienst an der Pandemos Aphrodite.
Wer sich vereinigt mit der Tempelhure,
Beschlief die große Göttin Aphrodite.

Die andre Aphrodite Platons aber,
Das war Urania, die Himmelsgöttin.
Urania, die Göttin reiner Liebe,
Die Göttin purer, spiritueller Liebe,
Sie ward geehrt durch reine Knabenliebe,
Dem Philosophen angemessen, der
Nicht die geschlechtliche Vereinigung
Im Fleische sucht, vielmehr allein bewundern
Die Schönheit will mit Augen und mit Ohren.
Der Knabe, ist er vierzehn Jahre alt,
So ist er schön den Augen und den Ohren.
Und in dem Philosophen, der ihn liebt,
Rein geistig und platonisch liebt, erwacht
Die Sehnsucht nach dem Ideal der Schönheit.
Was Diotima Sokrates erzählte,
Des Eros Himmelstreppe, ist die Liebe
Des Philosophen, der die Schönheit liebt,
Die Körperschönheit, dann die Seelenschönheit,
Die Tugend dann und dann das Höchste Gut.
Das Höchste Gut ist die Idee der Schönheit.
Die Himmelskönigin Urania
Ist die Idee der Schönheit. Aphrodite
Urania ist selbst das Höchste Gut.


DIE KNIDIA DES PRAXITELES


Von Aristoteles zu sagen ist,
Daß dieser Philosoph auch Pädagoge
Gewesen, der Erzieher Alexanders
Des Großen (als er noch der Kleine war).
Und Aristoteles war wirklich weise,
Wenn aber die Hetäre Phryne kam,
Kroch Aristoteles auf allen Vieren
Und Phryne ritt dem Weisen auf dem Rücken.

Dieselbe Phryne war auch das Modell,
Das sich Praxiteles gewählt zum Muster
Für eine Aphrodite-Statue.
Die Statue der Aphrodite war
Die künstlerisch verklärte Phryne, nackt,
So reizend und erotisch, dass allein
Die Bürger von der Insel Knidos sie
Empfangen wollten auf der Insel. Dort
Sie bauten einen Tempel für die Göttin,
Die Göttin Aphrodite Knidia.

Die Göttin Aphrodite kam von Paphos
Auf Zypern zu der Insel Knidos, sah
Die Statue der nackten Knidia
Und fragte leis mit zauberhaftem Lächeln:
Wann hat Praxiteles mich nackt gesehen?

Die Göttin Knidia war überaus
Erotisch und verführerisch, voll Reiz.
Ein frommer Diener dieser Liebesgöttin
Blieb eines Nachts in ihrem Heiligtum.
Die Priester schlossen abends alle Türen.
Am Morgen öffneten die Priester wieder
Und fanden auf der nackten Marmorgöttin
Des Frommen Samenflecken, denn er hatte
Erregt von dem erotischen Gebilde
Nachts einsam masturbiert vor seiner Göttin.

Und Phryne sagte zu Praxiteles:
Da du mich schön als Knidia gestaltet,
Wird Phryne von den Griechen angebetet.
Und darum sprach der Kirchenvater Clemens
Von Alexandrien: Ihr Griechen betet
Hetären an, anbetend fallt ihr nieder
Vor Huren! Schämt ihr euch denn nicht, ihr Sünder?


DIE HETÄRE PHRYNE ALS INKARNATION DER APHRODITE


Was noch zu sagen von der schönen Phryne:
Man feierte das Eleusinische
Mysterium, und alle die Geweihten
Zum Meere zogen zu dem Reinheitsbad,
Da tauchte aus dem Meere Phryne auf,
Da sah man ihre nackten schönen Brüste,
Sie schüttelte das Haar, wrang aus das Haar,
Da meinten alle eingeweihten Griechen:
Ich sah, und siehe, was ich sah, war Phryne,
Nein, Aphrodite Anadyomene,
Die eben auftaucht aus dem Mittelmeer!

Juristen aber klagten Phryne an
Und Phryne stand vor dem Justizgericht,
Ihr Rechtsanwalt war sehr beredsam, aber
Die griechische Justiz war fest entschlossen,
Die schöne Frau zum Tode zu verdammen,
Weil sie verkünden würde neue Götter.
Der Rechtsanwalt verteidigte die Schöne,
Doch die Justiz blieb harten Herzens taub.
Da fasste Phryne sich an ihre Schultern
Und von den Schultern glitt ihr leichtes Kleidchen,
Barbusig stand die schöne Phryne da.
Der Richter und die Schöffen staunten sehr,
Sie sahen nicht allein der Phryne Brüste,
Nein, Phryne war die fleischgewordne Venus!

O Brüste Aphrodites, rettet mich!
O Brüste Aphrodites, tröstet mich!
O Brüste Aphrodites, steht mir bei!
O Brüste Aphrodites, tut ein Wunder!
O Brüste Aphrodites, sprecht mich frei!
O Brüste Aphrodites, Advocata!
O Brüste Aphrodites, sendet Beistand!
O Brüste Aphrodites, seid gerecht!
O Brüste Aphrodites, lasst euch saugen!
O Brüste Aphrodites, lasst euch küssen!
O Brüste Aphrodites, lasst mich leben!
O Brüste Aphrodites, rettet Tote!
O Brüste Aphrodites, voller Schönheit!
O Brüste Aphrodites, voller Liebe!
O Brüste Aphrodites, wundervolle!
O Brüste Aphrodites, meine Mammas!
O Brüste Aphrodites, heile Brüste!
O Brüste Aphrodites, Zwillingskitze!
O Brüste Aphrodites, habt Erbarmen!
O Brüste Aphrodites, spendet Trostmilch!
O Brüste Aphrodites, träufelt Rotwein!
O Brüste Aphrodites, angebetet!
Geliebte Aphrodite, angebetet!


DIE HUREN VON KORINTH UND DIE AGAPE


Im Hafen von Korinth, der großen Stadt,
Ein riesiges Bordell der Aphrodite
War da und eine große Menge Huren.
Aus aller Herren Länder kamen an
Die Kapitäne und Matrosen, alle
Begehrten Huren im Korinther Hafen.

Als Paulus war auf dem Areopag
Der weisen Stadt Athen, da sprach er mit
Den Jüngern Epikurs, die Hedonismus
Zu ihrer Lebensphilosophie gemacht,
Und mit den Stoikern, die Tugend suchten,
Und als er von der Auferstehung sprach
Des Fleisches, als er sprach von Jesus Christus
Und seiner Auferstehung, sprachen sie:
Ein Körnerpicker kündet neue Götter!
Und sie verlachten Paulus den Apostel.
Nur Dionysios, der Platon-Schüler,
Bekehrte sich zu Jesus Christus und
Der Anastasis oder Auferstehung.

Als Paulus kam zum Hafen von Korinth
Und predigte von Gottes großer Liebe,
Von Gottes göttlicher Agape, die
Allein in alle Ewigkeiten bleibt,
Bekehrten sich die Huren von Korinth
Und wurden Jüngerinnen Jesu Christi.

Schon Jesus Christus hatte ja gesagt
Zu Hohenpriestern und zu Schriftgelehrten:
Die Huren kommen eher in den Himmel
Als ihr! Die Huren nämlich kehrten um,
Ihr aber habt gekreuzigt Gottes Weisheit!

So wurde dieses riesige Bordell
Der Göttin Aphrodite, aller Huren
Gebieterin, zu einer Kirche Gottes.
Und der Apostel Paulus sang das Lied
Der Liebe, sang das Hohelied der Liebe,
Er sang es für die Huren von Korinth:
Es bleiben jetzt nur Glaube noch und Hoffnung
Und Liebe, doch allein die Liebe bleibt
In Ewigkeit, die göttliche Agape,
Sie herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit!


PLATON UND DER FREUND DER SCHÖNHEIT


Und Platon schreibt im idealen Staat,
Daß Menschen gehn zu Dionysien,
Zu Dionysien auf grünem Land,
Zu Dionysien in weißer Stadt,
Dort schauen Menschen an Theaterstücke,
Erfreuen sich an reizenden Actricen
Und herrlichen Akteuren, ihrer Schönheit,
Verehren Terpsichore, ihre Tänze,
Laszive Tänzerinnen, Schlangen gleich,
Entblätternd tanzen sie den Schleiertanz,
Erfreuen sich an Flötenbläserinnen
Und Zitherspielerinnen, Sängerinnen,
Sie lieben diese Schöne, jene Schöne,
Sie lieben diesen Knaben, jenen Knaben.
Spricht aber man von der Idee der Schönheit
Als einem Sein, als einer Wesenheit
Im Geist der Gottheit, schütteln sie den Kopf
Und halten dies für Traum und Hirngespinst.
Sie lieben nicht die Weisheit, nicht die Wahrheit,
Erkennen nicht das Ewig-Seiende,
Sie haben Meinungen und meinen dies
Und jenes, heute dies und morgen das.
Doch solche Menschen sind nicht Philosophen,
Solch einen Menschen nennt man Philodoxa,
Den Freund des Scheins, den Freund der Meinungen.

Nun aber sieht die Philosoph viel tiefer,
Bei allem Schönen, was er sieht auf Erden,
Erkennt die eine Quelle er der Schönheit.
Denn schön sind alle diese schönen Wesen,
Nur weil sie Anteil haben an der Schönheit.
Die Schönheit an und für sich, die Idee
Der Schönheit ist für solchen Philosophen
Die reine Schönheit, ideale Schönheit.
Und die Idee der Schönheit ist ein Licht,
Verschiedne schöne Wesen sind nur Schatten.
Vollkommen schön ist ganz allein die Schönheit,
Die existiert als die Idee der Schönheit
Im Geist der Gottheit. Diese Schönheit liebt
Der Philosoph. Sie ist ihm die Geliebte.
So liebt er nicht die Meinungen von Menschen,
Nein, Wahrheit liebt er und erkennt in Wahrheit
Die himmlische Idee im Geist der Gottheit
Und er erkennt in Wahrheit auch die Gottheit
Als die Idea der Ideen, als
Die Quelle aller Wahrheit, Gutheit, Schönheit,
Als Eine, ewigseiende Urgottheit.


DIE IDEE DER SCHÖNHEIT IM GÖTTLICHEN GEIST


Die Gottheit ist nur Eine, es ist Theos,
Nicht Zeus, der war von einer Frau geboren,
Nicht Kronos, dieser Sohn der Mutter Erde,
Nicht Uranos, der ward gestürzt vom Himmel,
Nein, Gottheit Theos ist von Ewigkeit,
Ein Gott ist Theos, eins in reiner Einfalt,
Allein und einzig in der Gottnatur.

Ob Theos nun erkannt in seinem Wissen
Die Mannigfaltigkeit der Ur-Ideen,
Ob Theos nun gewollt in seinem Willen
Die Mannigfaltigkeit der Ur-Ideen,
Das wag ich kleines Kind nicht zu entscheiden,
Doch denke ich, der Wille und das Wissen
Sind eins und einig in der einen Gottheit.

Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit
Der Wesen und der Dinge in der Schöpfung
Sind in dem einen Geist der einen Gottheit
Urbilder alles Seienden, Ideen,
Im einen Geist die Vielfalt der Ideen.

Die menschliche Erkenntnis sucht die Wahrheit,
Das Streben jedes Menschen sucht das Gute,
Die Schönheit ist das Gute in Verschleirung.

Wenn Platon sich und Aristoteles
Gestritten, ob die himmlischen Ideen
Als Geisteswesen Wesenheiten sind
Mit eigner Existenz im reinen Sein,
Ob die Ideen keine Wesenheiten,
Vielmehr nur Formen an den Dingen sind,
So meinen wir, die himmlischen Ideen
Sind Wesenheiten in dem Gottesgeist
Und haben Sein vom Ewig-Seienden.

Die einen sagen, die Ideen sind
Reale Wesen in dem Gottesgeist
Und diese Leute heißen Realisten.
Die andern sagen, die Ideen sind
Nur menschliche Begriffe, sind allein
Abstrakte Wortgebilde, abgeleitet
Von den konkreten Dingen in der Schöpfung,
Und diese Leute heißen Nominalisten.
So denken wir als treue Platon-Schüler,
Die himmlischen Ideen sind real
Und vor den menschlichen Begriffen da.
Wir sind Platoniker und Realist.


MARIA APHRODITISSA VON ZYPERN


In Zypern, nah an Marion, dem Ort,
Alt-Paphos einst genannt, dem Heiligtum
Der Aphrodite, steht ein kleines Kirchlein,
Der Mutter Gottes ist das Haus geweiht,
Panagia Maria Aphroditissa
Heißt dort die Gottesmutter in der Kirche.

Am Ende ihres Lebens ward Maria,
Panagia Maria Aphroditissa,
Mit Leib und Seele in das Himmelreich
Von Jesus aufgenommen. Die Apostel
An ihrem leeren Grabe standen und
Nachschauten ihrer Himmelfahrt, doch Thomas
War Zweifler, zweifelte an der Madonna
Verklärung, an Marien Himmelfahrt.
Da ließ Maria von dem Himmel aus
Den Keuschheitsgürtel sinken in die Hände
Des Thomas, dies zum Zeichen, dass sie wahrhaft
Gen Himmel fuhr mit Seele und mit Leib.
Und Thomas nahm den Gürtel der Madonna
Und trug ihn auf den heiligen Olympos
Und brachte als Reliquie ihn ins Kloster,
Das thronte hoch auf dem Olympos,
Das Kloster war geweiht dem Kreuze Christi.

Doch in der Zeit der Bilderstürmer waren
Einst Zyprioten auf dem Mittelmeer,
Die Fischer sahen auf dem Mittelmeer
Ein Bildnis der Madonna aufrecht wandeln,
Panagia Maria Aphroditissa
In ihrer heiligen Ikone schritt
Auf Schaum des Mittelmeeres, aufrecht, schön.
Die Fischer brachten die Ikone der
Panagia Maria Aphroditissa
An Land und bauten ihr ein Gotteshaus
Und nannten diese heilige Ikone
Madonna mit der goldenen Granate.

Panagia Maria Aphroditissa,
Vereine Zypern in dem Namen Christi,
Panagia Maria Aphroditissa,
Steh Griechenland in seiner Armut bei,
Panagia Maria Aphroditissa,
Bekehre die Türkei zu Jesus Christus,
Panagia Maria Aphroditissa,
Bekehr den Nahen Osten zum Messias,
Panagia Maria Aphroditissa,
Lass alle Christen leben von Eucharis,
Panagia Maria Aphroditissa,
Du bist die Schönheit, die uns alle rettet!


DIE MUTTER DER SCHÖNEN LIEBE


O Mutter der Schönen Liebe, o Maria,
O Mater amatoris, o Maria,
Ich habe die Ikone einst gesehen
Der Mutter der Schönen Liebe: Weißes Antlitz
Und schwarze Augen, feurig schwarze Augen,
Und langes schwarzes Haar, wie schwarze Seide,
Ein schwarzer Schleier war auf deinem Haupt,
Dich kleidete ein langes schwarzes Kleid.
Dein Antlitz war von stiller Melancholie.
In der Ecclesia Catholica
Verehrte dich der zölibatäre Priester
Und sprach, dass spirituell begabte Frauen
Die Mutter der Schönen Liebe sehr verehren.
Jedoch die evangelische Pastorin
Hat dein Gemälde gar nicht wertgeschätzt.

Warum bist du die Mutter der Schönen Liebe?
Weil dein geliebtes kleines Jesuskind
Ganz Liebe ist, ganz reine schöne Liebe.
Und darum sprach die Mutter der Schönen Liebe:
Mein vielgeliebter Sohn ist nichts als Liebe!

Und heute Nacht hab ich geträumt vom Kind
Der Mutter der Schönen Liebe. In der Kirche
Ward charismatisch von dem Herrn gepredigt,
Der Kerzenschein erleuchtete die Kirche,
Der Teufel wagte sich nicht in die Kirche,
Denn oben überm offnen Fenster stand
Das blonde Jesuskind, vier Jahre alt,
Der Heiligenschein umrahmte seinen Kopf.

O Mutter der Schönen Liebe, alle Kinder,
Du führe sie zum kleinen Jesuskind!
O Mutter der Schönen Liebe, in den Müttern
Die ungebornen Leibesfrüchte schütze!
O Mutter der Schönen Liebe, Waisenkindern
Sei eine Mutter du vom Himmel her!
O Mutter der Schönen Liebe, alle Männer
Laß wieder fromm wie kleine Knaben sein!
O Mutter der Schönen Liebe, allen Müttern
Vertrau dein Jesuskind zur Liebe an!
O Mutter der Schönen Liebe, allen Toten
Zeig deine benedeite Leibesfrucht!
O lieber kleiner blonder Jesusknabe,
Verlaß mich nicht, geliebtes Jesuskind!


DIE KÖNIGIN DER LIEBE


Maria, Königin der Liebe, warum
Bist du so schön? In diesem funkelnden
Und glitzernden, in diesem Licht des Himmels
Bist du von supernaturaler Schönheit!
Da sprach die Königin der Liebe so:
Ich bin so schön, mein Liebling, weil ich liebe!
Und willst du schön sein, Liebling, liebe auch!
Es gibt doch keinen Menschen auf der Erde,
Der nicht gern schön wär. Also müsst ihr lieben!
Gott ist die Liebe, und ich liebe euch,
Ich liebe euch mit einer brennenden
Und grenzenlosen Liebe ganz besonders!
Ihr wisst, dass ich euch liebe, ja das wisst ihr,
So liebt die Menschen auch mit jener Liebe,
Mit der ich euch geliebt. Weiht euch der Liebe,
Doch nicht der menschlichen Verliebtheit, nein,
Weiht euch der Liebe Gottes. Gott ist Liebe,
Mein vielgeliebter Sohn ist nichts als Liebe.
Die Zärtlichkeit des kleinen Jesusknaben
Wird immer mit euch sein. Ich liebe dich!

O Königin der Liebe, du bist ja
Die Königin des Himmels und der Erde,
Siegreiche Königin der ganzen Welt,
Frau aller Völker, Mutter aller Völker,
Wir leben hier in der Kultur des Todes
In einer Diktatur des Relativismus,
Ersehnen aber einen Menschheitsfrühling
Und auch den Frühling einer jungen Kirche,
Die Zivilisation der Liebe wollen
Wir bauen in der Welt. Europa soll
Sich wieder öffnen für den lieben Gott,
Und Afrika und Südamerika
Soll Priester schicken in die ganze Welt,
Und Nordamerika und England auch
Soll finden wieder zu der Mutter Gottes,
Und Indien soll Missionare schicken
Und China weihen wir der Königin
Und Russland deinem Unbefleckten Herzen.
O Königin der Liebe, wie im Himmel
Auf Erden soll die Schöne Liebe herrschen.
Die Welt ist aber geistlos und ist lieblos
Wie in den üblen Zeiten vor der Sintflut.
O Königin der Liebe, dass dein Reich
Auf Erden komme, beten täglich wir
Den Rosenkranz der Königin der Liebe.


TOTA PULCHRA PERFECTISSIMA


In diesem glitzernden und funkelnden
Und süßen tönevollen Himmelslicht
Maria ist so unbeschreiblich schön,
Daß kein Gemälde, keine Statue
Uns zeigen kann die Schönheit der Madonna.

Die tota pulchra perfectissima,
Die ganz vollkommne Schönheit ist Maria.
Im Hohenliede Salomonis heißt es:
Ja, du bist schön, o meine Freundin, schön,
Kein Makel ist an dir, geliebte Freundin!

Und Paulus führt dem Herrn die Kirche zu,
Die Braut des Herrn, die ohne Falten ist,
Die ohne Flecken ist und ohne Runzeln,
Maria ist Ikone dieser Kirche.

Die Makellose Konzeption Maria
Ist eine schöne Frau nach Gottes Herzen,
Kein Makel einer Sünde, keine Falten
Und keine Flecken hat die schöne Frau
Und keine Runzeln der Vergänglichkeit,
Sie ist so ganz die Frau nach Gottes Herzen,
Ganz schön, ganz unentstellt von jeder Sünde.

Im Geist erkennt sie Gottes Wahrheit ganz,
Im Streben strebt sie nach der Güte Gottes,
Die Schönheit ist ein Glanz der Ordnung, Klarheit
Und Reinheit, und Maria ist geordnet,
Da sie den Herrn, den Allerhöchsten liebt
Mit ganzem Herzen und mit allen Kräften
Und liebt den Nebenmenschen wie sich selber.

Die Schönheit, sag ich, ist ein Glanz der Ordnung,
Marias Seele war ganz rein geordnet,
Nicht ungeordnete Begierlichkeit
War in Maria wie in Evas Töchtern,
Nur Ganzhingabe an die Liebe Gottes
Und Ganzhingabe an das Herz des Menschen
War selbstlos in Marias reiner Seele.

Und weil sie ist so liebevoll und gütig,
Weil sie die Wahrheit kennt und heilig ist
Und frei von allem Egoismus, frei
Von allen diabolischen Gewalten,
Weil sie das reine Ebenbildnis Gottes,
Drum ist Maria ganz vollkommen schön,
Die tota pulchra perfectissima.


SPIEGEL DER GÖTTLICHEN SCHÖNHEIT


Der Gottesschönheit unbefleckter Spiegel
Ist Unsre Liebe Frau, vollkommen schön,
Kristallklar, transparent für Gottes Schönheit,
Für Gottes Gutheit und für Gottes Wahrheit.

Ein Seher sah Maria in dem Himmel,
Ihr Kleid war ganz aus Licht und transparent,
Ihr Leib war rein wie transparente Jade,
Sie war ganz transparent für Gottes Licht,
Das schöne Licht der Herrlichkeit des Herrn.

Maria ist die transparente Vase,
Von makellos kristallner Transparenz,
Und in der kristallinen Vase leuchtet
Die weiße Lilie der Schönheit Gottes.

Maria ist das goldne Haus, der Tempel,
Die Schöne Tür am Tempel Salomos,
Die Bundeslade für das Gotteswort,
Der Thron der Weisheit und der Weisheit Wohnung,
Maria, unbefleckt von allen Sünden,
Ist reiner Kelch der Devotion der Gottheit,
In diesem Kelche ist das Blut des Herrn,
Maria ist Gefäß und Wohnung Gottes.

O Spiegel der Gerechtigkeit, Maria,
O Spiegel aller Tugenden, Maria,
Dein Leib beherrscht war von dem Maß der Keuschheit,
Dein Herz war reguliert von Mut und Kraft,
Dein Geist erleuchtet von der Weisheit Gottes,
Du hattest Hoffnung noch am Grabe Christi,
Du bist die Selige, weil du geglaubt hast
Dem Worte Gottes, das der Engel sprach,
Und deine Liebe währt in Ewigkeit,
Die Liebe zu dem Herrn und allen Menschen,
Die Mutterliebe für den Gottessohn,
Die Mutterliebe für die Menschenkinder,
So bist du Spiegel der Gerechtigkeit.

Der Christus ist die Form der Formen, ist
Das Urbild aller Menschenseelen, darum
Ist jede Seele von Natur aus christlich.
Maria aber ist die forma dei,
Form Gottes, in Maria als der Form
Ward formatiert die Form der Formen, Christus,
Als in Maria fleischgewordner Gottheit.
Und diese Gottesform Maria ist
Ganz makellos, ganz transparent für Gott,
Der Gottesschönheit unbefleckter Spiegel.


DIONYSIOS UND DIE URSCHÖNHEIT

O Dionysios, ich hielt die Frau,
In die ich mich verliebt, für wirklich schön.
So herrlich war ihr langes schwarzes Haar,
So schön geschwollen ihre weichen Lippen,
So schön gewölbt und glühend ihre Wangen,
Die Augen blitzend, blau wie Abendsterne,
Die Brüste hübsch und hüpfend, auf der Brust
Ein Schönheitsmal so wie das Korn von Eden,
Die Lenden prächtig und der Gürtel mächtig,
Die bloßen Füße schön bemalt mit Henna.

O Dionysios, mein Freund jedoch
Sprach: Nach der Frau dreh ich mich gar nicht um,
Wenn sie mir mal begegnet auf der Straße.
Und manchmal schien die Frau auch mir nicht schön,
Die Brüste allzu schlaff und schon verblüht,
Die Augen allzu klein, so schmale Schlitze,
Die Nase eine große Adlernase,
Das Becken allzu breit und auch der Hintern,
Der Gang das Schwanken eines trunknen Schiffes.
Zwar schien sie schön in ihrer Jugend, reizend,
Charmant und süß und überaus erotisch,
Doch später war sie allzu dick geworden,
Der Mund war voll von bitterbösem Zank,
Dämonen weihte sie die Frömmigkeit.

O Dionysios, wo ist die Schönheit,
Die immer jung und immer schön und reizend,
Mit idealen Brüsten, fest und rund,
Mit Haaren, welche niemals werden grau,
Mit Augen, welche stets vor Liebe strahlen,
Mit Lippen, immer voll vom Worte Gottes,
Mit einem Körper, schlank wie eine Palme,
Mit Beinen, schlank und lang wie Marmorsäulen,
Mit Füßen, schön wie goldne Piedestale.
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön
In meiner Jugend und im Alter auch,
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön
In allen Gliedern ihres schönen Körpers,
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön,
Die meine Freunde auch mit Lobpreis feiern,
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön,
Die ich noch liebe in der Ewigkeit?

Und Dionysios Areopagitos
Sprach: Diese Schönheit ist allein die Gottheit,
Urschönheit ist die ewige Urgottheit,
Die ewig schöne Quelle aller Schönheit,
Urschönheit schaust du in der Ewigkeit,
Urschönheit liebst du in dem Paradiese!


FRAU MINNE NACH HEINRICH FRAUENLOB


Von Heinrich Frauenlob las ich den Lobpreis
Der Minne. Doch wer bist du, Herrin Minne?

Im Altertume warst du für die Griechen
Und Römer die geliebte Göttin Venus,
Die Königin der Liebe und der Schönheit,
Die Seele der Natur, die Fruchtbarkeit
Der Schöpfung und die Grünkraft unsres Gottes.
Frau Minne, nur die Schönste aller Schönen
Vermochte, deine Schönheit abzubilden,
In Statuen und in Gemälden sahen
Die Alten deine wundervolle Schönheit.

Frau Minne, aber für die Christen bist du
Maria, Schönste aller schönen Frauen,
Die ganz vollkommne und perfekte Schönheit,
Das braune Mädchen in dem weißen Kleid,
Die Frauenschönheit ohne Fleck und Falten,
Die schlanke Palme in der Sonne Gottes,
Die reizende Gazelle von Judäa.

Frau Minne, aber Theologen bist du
Im Inneren der Gottheit Heilig Geist.
Denn Heilig Geist ist Gottes schöne Liebe.
Der Ewigvater liebt den Gottessohn,
Der Menschensohn liebt ewiglich Gottvater,
Und zwischen unserm Vater und dem Sohn
Das Band der Einigung ist Heilig Geist.
Und Heilig Geist ist unsres Vaters Liebe
Und Heilig Geist ist Jesu Christi Liebe.
Und sind wir in dem Leibe Christi Christen,
So liebt uns Gott mit Heilig Geistes Liebe.

Frau Minne, deine Schönheit schaute ich,
Frau Minne, du bist unbeschreiblich schön,
Frau Minne, braunes Mädchen, Gottes Abglanz,
Frau Minne, atemlos staun ich dich an,
Frau Minne, ewig will ich dich betrachten,
Frau Minne, schöner als die schönen Frauen,
Frau Minne, Wahrheit in Verschleierung,
Frau Minne, Ideal in meinem Geiste,
Frau Minne, liebenswürdigste Idee,
Frau Minne, segne alle Menschensöhne,
Frau Minne, spende uns Glückseligkeit,
Frau Minne, immerdar laß dich genießen,
Frau Minne, Königin des Paradieses,
Frau Minne, Vielgeliebte unsres Gottes,
Frau Minne, Angebetete des Frommen!


DAS MÄDCHEN LIEBE UND DAS GÖTTLICHE KIND


Sankt Hildegard von Bingen sah Visionen,
In weiblicher Gestalt die Liebe Gottes.
Wenn Gott die Liebe ist, so ist die Liebe
Ja Gottheit, und wie Gott ein Vater ist,
So ist die Liebe mehr noch eine Mutter.

In weiblicher Gestalt die Liebe steht
Am Himmel hoch auf einem Wolkenthron.
Das Mädchen Liebe, siebzehn Jahre jung,
Sie trägt ein rotes Kleid, ein rosenrotes,
Und einen langen meeresblauen Rock
Und ihre bloßen Füße stehn auf Wolken.
Ihr Haupt verschleiert ist von langen Haaren,
Von langen seidenglatten braunen Haaren.
Die Augen haben Mandelform und schauen
Mit Funkelblicken voller Zärtlichkeit.
Der Mund ist kusslich und ist rosenrot,
Das Antlitz schmal, ein längliches Oval,
Der Hals ein weißer Turm von Elfenbein.
Des roten Kleides Ärmel hochgeschoben,
Sind sichtbar dieses Mädchens Lilienarme.
Sie hält in ihren Händen ihren Sohn,
Den Logos, welcher Sohn der Liebe ist,
Der nicht geschaffen ist, in Ewigkeit
Geboren, Gottheit von der Gottheit, Licht
Vom Licht, geboren von dem Mädchen Liebe.
Der Logos ist ein kleiner nackter Knabe,
Vier Jahre alt und doch von Ewigkeit,
Mit blondem Haar wie goldnes Vlies des Lammes,
Die großen Augen himmelblau und leuchtend,
Man schaut die Ewigkeit in seinen Augen.
Der Mund ist rosig und bereit zum Küssen,
Er grüßt die Menschen mit dem Kuß der Liebe.

O Mädchen Liebe, allerhöchste Gottheit,
O Mädchen Liebe, allerreinste Schönheit,
O Mädchen Liebe, allerschönste Liebe,
O Mädchen Liebe, führ uns in den Himmel,
O Mädchen Liebe, laß dich stets beschauen,
O Mädchen Liebe, laß dich stets begehren,
O Mädchen Liebe, laß dich stets genießen,
O Mädchen Liebe, wähle mich zur Ehe,
O Mädchen Liebe, schenk mir deine Gnade,
O Mädchen Liebe, laß dich ganz erkennen,
O Mädchen Liebe, schenk mir deine Perle,
O Mädchen Liebe, laß uns ganz vereint sein!


IKONE DER FRAU LIEBE NACH HILDEGARD


Frau Liebe sitzt auf ihrem Himmelsthron,
Sie trägt ein langes bläulichweißes Kleid,
Die bloßen Füße sind von roter Farbe,
Das Antlitz ist von roter Farbe auch,
Die Haut der Herrin Liebe ist aus Glut,
Ihr Haar ist braun und seidenglatt und lang,
Die Augen groß, das Weiße ihrer Augen,
In ihrer linken Hand hält sie die Tafeln,
Die beiden, des mosaischen Gesetzes,
Es ist das Buch der ganzen Byblia,
Die rechte Hand hat sie zum Gruß erhoben,
Zum Segen und auch zur Belehrung.
Ihr Oberleib ist in dem Himmel Gottes,
Ihr Unterleib ist auf der Erde Gottes.
Sie ist die Herrscherin der Heiligen,
Sie ist die Herrscherin der Engelschöre,
Sie ist die Herrscherin des Paradieses,
Sie ist die Herrscherin des Fegefeuers,
Sie ist die Herrscherin der grünen Erde,
Sie ist die Herrscherin des blauen Meeres,
Sie ist die Herrscherin des Universums.

Frau Liebe spricht: Ich bin die Feuersglut
Der Liebe, bin der Lichtglanz in der Sonne,
Ich bin der milde Schein des sanften Mondes,
Ich bin die Quelle aller der Gewässer,
Ich bin die Grünkraft eurer Mutter Erde,
Ich breche auf das Korn und laß es wachsen,
Ich bin die Feuersglut in Rebentrauben,
Ich lehre Himmelsvögel ihre Zeit,
Ameisenvölker lehre ich den Fleiß,
Dem Bienenvolk die Kunst des Wabenbaus,
Die roten Rosen lehre ich das Blühen,
Die Falter lehre ich den Hochzeitstanz.

Frau Liebe spricht: Ich habe meine Menschen
Geschaffen. Durch die Mutter und den Vater
Hab ich dem Menschen seinen Leib gegeben
Und seinem Körper auch die Körperseele,
Ich wob den Menschenleib im Mutterschoß,
Ich hauchte ihm den Lebensatem ein
Und drückte in den Menschgeist mein Siegel
Mit einem Kuß, ich küsste meine Liebe
In diesen Menschengeist und in dem Kuß
Ein einzigartig schönes Gottesbild.


KARITAS IM EHEBETTE GOTTES


Ich sah, und sieh, ich sah die Karitas,
Die Karitas im Ehebette Gottes!

Der himmlische Palast erschloß sich mir
Und sieben Räume waren im Palast,
Drei Räume waren für die Reinigung,
Drei Räume waren für das Meditieren,
Drei Räume waren für die Einigung.
Vereinigung mit Gott ist nicht das Höchste,
Das Einssein mit der Gottheit ist das Höchste.
Im siebten Raume war das Bett der Gottheit.
Es war ein eheliches Doppelbett,
Im ehelichen Doppelbett lag Gott
Und in den Armen Gottes Karitas.
Und Gott und Karitas besangen sich
Wie Braut und Bräutigam im Hohenlied.
Und Gott sang seiner Gattin Karitas:
Wie schön sind deine Brüste, prall wie Trauben,
Wie Zwillingskitze der Gazelle hüpfend,
Dein Schoß ist fruchtbar wie ein Weizenfeld,
Dein Nabel ist ein Kelch voll starkem Wein!

Und Gott vereinigte sich Karitas
Und Karitas weit spreizte ihre Beine
Und Gott betatschte Karitas die Brüste
Und sie tat seinem Pfeil den Köcher auf
Und Gott drang ein wie eine goldne Wolke
Ins Zelt der vielgeliebten Karitas.
Und auf den Hügeln ihrer schönen Brüste
Gott triumphierte als der Triumphator
Und Gott und seine Gattin Karitas
In einer übergöttlichen Ekstase
Verschmolzen, dass man sagte: Gott ist Liebe!

Und aus der ehelichen Einigung
Des Gottes und der Herrin Karitas
Geboren ward der kleine Gottessohn.
Der kleine Gottessohn im Ehebette
Lag zwischen Gott und seiner Karitas
Und nannte Gott den Vater in dem Himmel
Und Mater Karitas die Große Mutter.

O Karitas im Ehebette Gottes,
Laß mich im Paradiese in dein Bett!
O Karitas im Ehebette Gottes,
Laß mich im Paradiese nach dir schmachten!
O Karitas im Ehebette Gottes,
Befriedige mein Schmachten in dem Himmel!
O Karitas im Ehebette Gottes,
Du meine pralle Wonne in dem Himmel!