Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

LOURDES-ERZÄHLUNGEN




Von Josef Maria Mayer


Es war im Jubiläumsjahr 2000, als eine Gruppe von Pilgern aus allen Teilen der Welt sich aufmachten, nach Lourdes zu pilgern, um die Unbefleckte Empfängnis zu bitten um das Seelenheil der Großen Kaiserin Corinna vom Tiber, die gestorben war. Es trafen sich in Lourdes Sankt Susanna von Rom, die Nichte des Papstes, Hassan der Zweite, der König von Marokko, Sankt Markus, der Bischof von Alexandrien, Mara von Moab, die Mutter des Machlon, Josef Maria Mayer, der deutsche Dichter und Denker, und Kaiser Konrad, der Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation.
Sankt Susanna von Rom, des Papstes Nichte, war eine heilige Jungfrau, die Jesus zu ihrem Bräutigam erwählt hatte. Sie war aber trotz ihrer Jungfräulichkeit von einer zärtlichen geistigen Mutterschaft. Ihr Haar war kastanienbraun, von Henna rot gefärbt, ihre Augen waren warm und braun, von schimmernder Freundlichkeit. Ihr Hals war ein weißer Elfenbeinturm Davids. Wenn sie baden ging, so ließen ihre beiden Mägde Dina und Lea das Wasser ein und sie badete in den Vatikanischen Gärten, nur von Kardinälen heimlich beobachtet.
Hassan der Zweite von Marokko war ein Moslem, der alle Christen gerne an seinen Abendmahlstisch einlud. Dort gab es für die Christen sogar Wein aus Shiraz. Er selber bereitete das Lamm zur Speise, buk das Fladenbrot und machte Knoblauchquark und reichte Salat dazu. Er begrüßte jeden, sei es ein Moslem oder ein Christ, mit den Worten: Komm an meinen Abendmahlstisch, mein lieber Freund, ich bereite dir sehr gerne, sehr gerne das kostbare Lamm! In allen Straßen von Agadir hing das Bild von Hassan dem Zweiten, der ein milder König war.
Sankt Markus, der Bischof von Alexandrien, war ein rechter Pope, das heißt, er sah aus wie ein Weinfaß. Denn das leckere Essen ist die Erotik des katholischen Klerus. Er war ein Evangelist und lernte immer wieder von der Weisheit des heiligen Petrus. Immer, wenn Petrus bei Sankt Markus zu Besuch war, sagte Sankt Markus zu Petrus: Du bist mein bester Freund! Ich schätze die Gespräche mit dir! Mit keinem andern Apostel kann ich so tiefe Gespräche führen wie mit dir, mein Papst!
Mara von Moab, die Mutter des Machlon, war eine schlanke Frau, die trotz ihrer Mutterschaft immer noch aussah wie eine pythagoräische Bohnenstange. Sie hatte tiefe dunkle Augen, von nächtlichen Schatten umkränzt, denn sie trauerte sehr, dass Gott ihr zu ihrem lieben Machlon nicht noch ein zweites Kind schenkte. Darum litt sie sehr und fand allein in den Psalmen Davids und in den Klagen Hiobs einen Trost.
Josef Maria Mayer war ein deutscher Dichter und Denker, und seine Freunde setzten ihn schon in einen Thron neben dem Thron Goethes und neben dem Thron Dantes. Er aber sagte sich oft: Vanitas Vanitatem! Vanity, vanity, all that she has, is a vanity-bag! Seine Freunde sprachen: Mein lieber Freund, das ist vielleicht die Bruderschaft von Genie und Wahnsinn, aber was du da von dir gibst, ist purer Wahnsinn! Und bist du denn überhaupt irgendwann einmal nüchtern?
Kaiser Konrad, der Kaiser von Gottes Gnaden, Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, war ein Greis, der die ganze Welt gesehen hatte, denn sein Reich reichte von den Philippinen bis nach Peru. Er war dem Tode nah und sein letzter Glaubensakt vor seinem Tode war es, mit den andern Pilgern allen, in Lourdes zu beten zur Unbefleckten Empfängnis, dass die Augusta Corinna vom Tiber ihren Thron im dritten Himmel, der Sphäre der Venus, besteigen möge durch die Universale Barmherzigkeit Gottes.
Um sich die Geselligkeit schöner zu gestalten, beschlossen die Pilger, sich an den Abenden ihrer Pilgerschaft Geschichten zu erzählen. Sankt Susanna von Rom, die Nichte des Papstes, sollte den Anfang machen. Sankt Susanna war sonst sehr schweigsam, aber wenn die Rede auf historische Kriminalromane kam, dann sprach sie begeistert. So erzählte Sankt Susanna den historischen Kriminalroman mit dem Titel: Die goldene Sandale der Himmelskönigin.




DIE GOLDENE SANDALE DER HIMMELSKÖNIGIN



ERSTES KAPITEL


Liebe Leserin, ich bin ein Professor der Philosophie und Theologie an der dogmatischen Hochschule Benedikt XVI. am Zisterzienserstift Heiligen Kreuz. Ich habe von meinem Abt Maximilian den Auftrag bekommen, die religiösen Kriminalromane unserer Zeit zu analysieren. Hier findet man an jedem Bahnhofkiosk zwischen den schmutzigen Tageszeitungen dicke Romane, Bestseller, weil sie sich so gut verkaufen, denn das deutsche Volk lässt sich gern einen Apfel für ein Ei vormachen und ein X für ein U. Da finden wir die Kriminalromane von Schmierjournalisten geschrieben über das Leben Jesu, der mit Maria Magdalena verheiratet war, der nicht wirklich am Kreuz gestorben ist, sondern geflohen ist. Nun teilen sich die Auffassungen, ob Jesus allein nach Indien gepilgert ist, um ein Yoga-Meister zu werden, oder ob er mit Maria Magdalena in Frankreich Liebe gemacht hat und ein Kind gezeugt, welches Stammvater der Merowinger-Dynastie geworden ist. Diese Dynastie von König Jesus und Königin Maria Magdalena begründet, wurde in Europa lange unterdrückt, vermutlich von der Inquisition oder auch von den Freimaurern, aber am Ende der Zeiten wird die Merowingerdynastie ein Königreich des Vereinigten Europa errichten. Die Geschichte des Christentums ist eine Kriminalgeschichte. Schon auf dem Konzil von Nizäa hat sich die katholische Kirche durch Intrigen gegen die andern christlichen Lehren durchgesetzt und Christus nachträglich zu einem Gott erklärt, obwohl Jesus doch nur einfach einer der besten Menschen war, vielleicht ein Weisheitslehrer, ein Rabbi, ein Prophet oder ein Sozialrevolutionär, aber wahrlich kein Gott. Dann entstanden die Geheimorden der Templer und er Prières de Sion, die geheimnisvolle Schätze hatten. Der Papst aber und der Vatikan und die Inquisition haben den Templerorden unterdrückt, aufgelöst, und alle Tempelritter gefoltert und hingerichtet, denn der Papst wollte den geheimen Schatz der Templer haben. Diese Templer hatten einen geheimen goldenen Kelch, den sie anbeteten, das war der Gral. Der Gral wurde das ganze Mittelalter gesucht, und es ist sicher dummes Zeug, dass der Kelch, der das Blut Christi aufgefangen hat, in jeder Heiligen Messe der katholischen Kirche auf dem Altar steht, nein, sondern der Gral geht zurück auf das Soma-Opfer der Inder. In den verborgenen Jahren Jesu war er ja bekanntlich nach Indien gepilgert und hatte die Lehren Buddhas und der Brahmanen aufgesogen. Die Templer leben aber im Geheimen fort, und so war Leonardo da Vinci ein geheimer Templer. Auf seinem Letzten Abendmahl ist darum an der Seite Jesu zu sehen nicht Johannes, sondern Magdalena, die schöne Sünderin, die Geliebte Jesu, die er, wie die von der Kirche unterdrückten Evangelien sagen, auf den Mund geküsst hat. So hat die Kirche viele Evangelien unterdrückt, in denen die Petruskirche kritisch gesehen wird und eine gnostische Magdalenenkirche als die bevorzugte Freundin Jesu erscheint. Auch die Rollen von Qumran sind vom Vatikan natürlich unterdrückt worden, hier sehen wir nämlich einen ganz anderen Jesus, als ihn der Papst verkündet, welcher ja bekanntlich, nach einem Wort des großen Reformators Martin Luther, der Rattenschwanz des Antichristen ist. Bis in moderne Zeiten reicht die Kriminalgeschichte des Christentums, da der Papst und sein Vatikan mit dem berühmten Vatikanischen Geheimarchiv den fortschrittlich-liberalen Johannes Paul den Ersten umgebracht hat und anschließend einen Bund mit dem CIA geschlossen hat, welcher von der Freimaurerloge geführt wird, um den Kommunismus zu besiegen. Das ist also die Lehre der religiösen Kriminalromane, und da das dumme katholische Volk solche Romane in Massen verschlingt, darum hat mich mein Abt Maximilian aufgefordert, auch einen religiösen Kriminalroman zu schreiben. Ich widme ihn meiner evangelischen Schwester Schoschanna, er behandelt im Stile eines historischen Romans den Diebstahl der goldenen Sandale der Himmelskönigin.

Schwester, ich gebe dir einen sachlichen Bericht über Ophoven. Im Jahre 1191 nach der Geburt unsres armen Herrn Jesus Christus beliebte es Otto von Born, der vermählt war mit seiner Frau Petronella, den Zisterzienserinnen von Heckenrode einen an dem schönen blauen Flusse Rur gelegenen Schaphauser Hof zu vermachen. Er bat sie, für sein Seelenheil zu beten. Dem Kloster der Zisterzienserinnen stand der Zehnte zu, wie man im Buch Maleachi lesen kann. Aber vergeblich wurde immer wieder gepredigt, das christliche Volk solle den Zehnten zahlen, es ward doch immer dagegen gestritten. Geldgier ist die Wurzel allen Übels, wie Jesus Sirach in der Bibel sagt. Auch nach dem Tode des Otto von Born – ob er im Himmel ist oder im Fegefeuer oder gar in der Hölle, das weiß Gott allein – nach seinem Tode bestätigten seine Witwe Petronella und ihr Sohn die Pflicht des Volkes, den Zehnten zu zahlen. Die Äbtissin von Heckerode war Jutta von Wasserberg, eine Herzogin von Limburg, die im Jahr 1197 das Tochterkloster des großen weltberühmten Klosters Citeaux leitete. Zu dem Kloster gehörte eine Klosterkirche. Dort wurde besonders die Mutter Gottes verehrt als das Vorbild aller christlichen Frauen. Ursprünglich lebten mit den Nonnen aber auch Mönche in Ophoven, die hatten nämlich die schwere Waldarbeit und Feldarbeit und Bauarbeiten an der Klosterkirche zu tun. Ab 1232 hört man aber von keinen Mönchen mehr, es blieben die Frauen Christi zur Pflege des Seelenheils allein zurück. Die Wallfahrtskirche von Ophoven ist der Überrest des Konvents. Ursprünglich war sie eben die Klosterkirche der Zisterzienserinnen, sie stammt aus der Zeit um 1200, der Blütezeit der deutschen Frauenmystik (Hildegard von Bingen, Gertrud die Große, Mechthild von Magdeburg und andere). Um 1500 wird die ehemalige Klosterkirche Pfarrkirche des Pfarrbezirks. Um 1700 wird die Kirche von Pfarrer Abraham renoviert, er liegt auch in der Kirche begraben. In der Kirche befindet sich das Gnadenbild der Jungfrau Maria als Mater amabilis, das heißt: Die liebliche Mutter! Die liebenswürdige Mutter! Das Gnadenbild der Lieblichen Mutter stammt aus dem Jahr 1350. Patroninnen der Kirche sind neben der Gottesmutter auch noch die heilige Agatha, eine frühchristliche Märtyrerin, die ein sehr schönes Mädchen war, jungfräulich leben wollte um des Himmelsreichs willen, ihr wurden im Martyrium die Brüste abgeschnitten – darum ist sie auch Schutzpatronin aller Glockengießer. Der Altar der Kirche ist der Jungfrau Maria als Gottesgebärerin gewidmet und zeigt auf der Altarwand das Leben der Jungfrau Maria. Erst wird gezeigt, wie Adam und Eva für eine Feige das Paradies verscherzt haben, wie Abraham dann seinen Sohn dem Herrn aufopfern musste, und wie schließlich Christus seine Gnade seinen Christen durch die sieben Sakramente eingießt. Das Leben der Jungfrau Maria zeigt die Szene, da der Engel Gabriel sagt: Freue dich, du Gnadenvolle, der Herr ist mit dir! Und gebenedeit bist du unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, sagte die Cousine Elisabeth. Das meditieren wir im Rosenkranz. Dann muß die heilige Jungfrau mit dem göttlichen Kind nach Ägypten fliehen, während Herodes den Holocaust an den kleinen Kindlein vollstreckt. Am Ende entschläft die Jungfrau im Kreis der zwölf Apostel, Johannes an ihrem Haupt, Petrus an ihren Füßen, dann kommt Christus und nimmt die Psyche der Jungfrau als ein junges Mädchen in den Himmel auf: Veni sponsa mea, komm, meine Braut, komm mit mir, herab von den Bergen des Libanon, von den Wohnungen den Panther und Leoparden! So wird Maria von Jesus mit verklärtem Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. Der Zweifler Thomas zweifelte an der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, da fand er ihren Gürtel im Grabe liegen, nur ihren Gürtel, den trug er auf den Gipfel des Olymp, wo er im Kreuzkloster als Reliquie verehrt wird, der Liebreizgürtel der Mutter der Schönen Liebe oder, wie die orthodoxen Griechen sagen, der Panhagia Aphroditissa. Das Gnadenbild der Mutter Maria, der lieblichen und liebenswürdigen Mutter stammt aus dem Jahr 1350, es zeigt die junge schöne Mutter mit dem göttlichen Kind. Maria hat ja Jesus mit vierzehn Jahren empfangen, das Kind in den Armen der Mutter ist etwa zwei Jahre alt, die Madonna ist also eine sechzehnjährige Schönheit! Man hat die Madonna bekleidet mit edlen und kostbaren Gewändern und auch dem Kinde kostbaren Kleidung geschenkt. Die Wunder der lieblichen Mutter von Ophoven waren weit berühmt, viele Heilungen und andre Gebetserhörungen sind bezeugt. Mächtige Fürsten und Herrscher zogen mit Tross und Mannen an die Rur zur lieblichen Mutter, um ihr Seelenheil zu bitten. Heute noch finden Wallfahrten statt zur lieblichen Mutter, dabei werden über die holländische Grenze Süßigkeiten geschmuggelt und die Knaben klauen unter dem Lächeln der Madonna leckere Äpfel aus Nachbars Garten. Bis 1826 besaß die Kirche von Ophoven den Reliquienschatz eines Schuhs Mariens, der aber in der Nacht zum achten Dezember, dem Festtag der unbefleckten Empfängnis Mariens, frei von allem Makel der Erbsünde, gestohlen wurde und bis heute nicht wieder aufgetaucht ist. Darauf erbat sich die Kirche von Ophoven aus Rom eine neue Reliquie und bekam ein Stück vom Rock Mariens, der in einer Monstranz aufbewahrt wird.


ZWEITES KAPITEL


Liebe Leserin, die Geschichte erfordert es, dass ich die Historie berichte vom deutschen König Konrad III. Er ward geboren im Jahr 1093 und ist gestorben am 15. Februar des Jahres 1152 in Bamberg und sein Leib liegt begraben im Bamberger Dom. Er gehörte zu dem Geschlecht der Staufer. Von 1127 bis 1135 war er selbsternannter Gegenkönig, der sich aber doch dem König Lothar III. unterwerfen musste. Im Jahr 1138 ist er dann rechtmäßig zum König gewählt worden und wurde so der Nachfolger Lothars III. Da der Welfe Heinrich der Stolze sich weigerte, König Konrad III. anzuerkennen und ihm zu huldigen, nahm Konrad dem Welfen das Herzogtum Sachsen und das Herzogtum Bayern ab. Im Jahre 1142 erkannte Konrad aber Heinrichs des Stolzen Sohn, Heinrich den Löwen, als Herzog von Sachsen an. Im Jahre 1146 ließ sich Konrad vom heiligen Bernhard von Clairveaux, dem Troubadour Unserer Lieben Frau und Minnesänger des süßen Namens Jesu, zum Kreuzzug gegen die Muslime im Heiligen Land begeistern. Nach Deutschland zurückgekehrt, starb Konrad während der Vorbereitungen einer Reise nach Rom und im Kampf gegen aufständische Welfen. Als seinen Nachfolger designierte er nicht seinen Sohn, sondern seinen Neffen, den späteren Kaiser Barbarossa. Nun, meine Leserin, diese knappen Notizen werden dir in deiner Wissbegierde nicht genügen, darum füge ich folgendes hinzu: Konrad war deutscher König von 1127, genauer gesagt von 1138 bis zum Jahr 1152, er war Herzog von Ostfranken seit 1116 und auch König von Italien. Er war der zweite Sohn des Herzogs Friedrich I. von Schwaben aus dem Hause der Staufer und der Agnes von Waiblingen, einer Tochter von Kaiser Heinrich IV. Konrad wurde im Jahre 1116, als sein älterer Bruder Friedrich II. von Schwaben zum Reichsverweser für Kaiser Heinrich V. aufstieg, zum Herzog im östlichen Franken ernannt. Nach einer Pilgerfahrt ins Heilige Land ließ er sich am 18. Dezember 1127 zum deutschen Gegenkönig ausrufen. Gegen Lothar von Süpplingenberg aber konnte Konrad sich nicht durchsetzen und musste sich dem deutschen König Lothar III. im Jahre 1135 unterwerfen. Zu dieser Zeit heiratete er Gertrud von Sulzbach. Erzbischof Albero von Trier förderte am 7. März 1138 in Koblenz die Wahl Konrads zum römischen König deutscher Nation, am Pfingstfest desselben Jahres wurde das Königtum Konrads vom deutschen Adel angenommen, mit Ausnahme der Welfen, weshalb der Welfe Heinrich der Stolze die Herzogtümer Sachsen und Bayern verlor. Der staufisch-welfische Gegensatz, den Konrad nicht aufheben konnte, behinderte die deutsche Außenpolitik. Das Ziel Konrads, die Eroberung des süditalienischen Normannenstaates, konnte nicht erreicht werden, denn Süditalien war schon Manuel I. von Byzanz versprochen als Mitgift seiner Braut Bertha, welche später den Namen Irene annahm. Konrad führte als Zeichen seiner königlichen Autorität die gehobene Urkundensprache ein und war ein Wegbereiter des späteren Kaisers Barbarossa. Liebe Leserin, mit weiblicher Neugier erkundigst du dich nach der deutschen Königin Gertrud. Was wissen wir von der Frau im Leben Konrads? Nun, er war zweimal verheiratet. Im Jahre 1115 heiratete er Gertrud von Comberg, die im Jahre 1130 starb. Nach dem Tod seine ersten Frau heiratete Konrad im Jahre 1131 Gertrud von Sulzbach. Allerdings liegt der Flecken auf Konrads Biographie, dass er vor seiner ersten Ehe im Konkubinat mit der Frau Gerberger zusammenlebte und mit ihr uneheliche Töchter und Söhne zeugte. Konrad wurde im Jahre 1128 in Monza zum König des Königreichs Italien gekrönt. Am 7. März 1138 wurde er in Koblenz zum römischen König deutscher Nation gewählt und als solcher am 13. März 1138 gekrönt. Konrad war eine ritterliche Erscheinung von edler Gestalt, ein tüchtiger Ritter und Krieger, lebendig und gesellig, fröhlich und fromm und bei Verfehlungen der Reue fähig. Von 1147 bis 1149 nahm Konrad auf Anregung des heiligen Bernhard am zweiten, leider missglückten Kreuzzug gegen die Seldschuken teil. Bernhard hatte im Dom von Speyer eine feurige Rede gehalten zur Befreiung des Heiligen Landes von den Muslimen, die Jerusalem erobert hatten, denn seit Mohammed versuchte der Islam die Welt mit dem Schwert zu missionieren. Die deutschen Kreuzritter wurden am 25. Oktober 1147 bei Doryläum von den Seldschuken geschlagen und fast vollständig aufgerieben. Konrad und König Ludwig VII. von Frankreich erreichten zu Schiff Jerusalem, kehrten aber ohne Erfolg zurück. Unter Konrads Regierung und zu Zeiten des Petrus-Amtes von Papst Eugen III. hatte der politische Einfluß der heiligen römisch-katholischen Kirche auf die Reichsgeschäfte des römischen Reiches deutscher Nation ihren Höhepunkt erreicht. Dennoch gelang es Konrad nicht, trotz eines Angebots von Papst Eugen III., deutscher Kaiser zu werden, aber er war das Vorgebirge zu den drei großen Gipfeln der Staufer: Barbarossa, Heinrich VI. und Friedrich II. Unvergesslich bis zum Ende blieb ihm die feurige Predigt des heiligen Bernhard im Dom von Speyer, denn der Gelehrte der honigfließenden Reden hatte seine Beredsamkeit, seit die Mutter Christi ihn mit ihrer eigenen Milch genährt hatte. Konrad war gebrochen und krank aus dem Heiligen Land zurückgekommen und starb mit fünfzig Jahren zermürbt und enttäuscht. Seine Gattin Gertrud begleitet ihn bis zu seinem Ende, die deutsche Königin Gertrud war eine Frau von tiefem ernstem Glauben an die göttliche und katholische Offenbarung. Nun, du fragst dich sicher, liebe Schwester, warum ich dir so lang und breit von dem alten Konrad erzählen, aber du musst wissen, dass er es war, der aus Jerusalem den Schuh Mariens mitgebracht hatte. Nach seinem Heimkehr aus dem Heiligen Land hatte er die kostbare Reliquie des Schuhs Mariens dem Zisterzienserinnenkloster zu Obhoven geschenkt, damit die frommen Bräute Christi zur Zeit seines Abscheidens seine sündige Seele erbitten von der göttlichen Barmherzigkeit.

Vom Schuh Mariens ist schon in den Visionen des blinden Sehers Homeros von Chios die Rede. Du wunderst dich, dass ich dir mit einem alten heidnischen Dichter komme? Die heilige Katharina von Alexandrien bewies einst den heidnischen ägyptischen Philosophen allein aus Homer und Platon die Wahrheit des katholischen Glaubens, für dessen Wahrheit sie ihr Leben opferte. Platon berichtet von Sokrates, der sagte: Eines Tages wird der Gerechte noch vor den Toren der Stadt gekreuzigt werden! Was aber sagte Homer? Ein Hirte hatte eine göttliche Vision, er sah die mächtige Himmelskönigin Hera, die weisheitvolle Göttin Athene und die liebreizende Göttin Aphrodite. Diese Dreifaltigkeit weist auf die Dreifaltigkeit Gottes hin, denn die Theologen des Mittelalters nannten den Vater die Allmacht und den Sohn die Weisheit und den Heiligen Geist die Schöne Liebe. Nun stand der Hirte in Asia auf dem Berge und sah die göttliche Allmacht mit ihrem mächtigen Lilienarm und die Himmelskönigin trug goldene Sandalen, er sah die göttliche Weisheit, die jungfräulich aus dem Haupt des Vaters geboren worden, und sie trug das Schwert des Wortes, und sie sah die göttliche Liebe als die Idee der Schönheit, und sie trug den Gürtel der Charis, den Gürtel der Gnade, auch Liebreizgürtel genannt. Die Himmelskönigin Hera mit dem Lilienarm (und Lilie heißt auf hebräisch Schoschanna), sie wollte als Fürsprecherin zu Zeus treten, dem Vater der Götter und Menschen, und für die Griechen bitten, da ging sie zur göttlichen Aphrodite und borgte sich von ihr den Gürtel der Charis, den Gnadengürtel, und mit dem Gnadengürtel der göttlichen Liebe angetan trat die Himmelskönigin in ihren goldenen Sandalen zu Zeus, das heißt zu Theos, und trat als Fürsprecherin ein für die Griechen, und Zeus erhörte ihr Gebet.
Wir sehen also die Himmelskönigin in goldenen Sandalen, angetan mit dem Gürtel der Gnade, also, wie die Bibel sagt, gegürtet an den Lenden des Gemütes, mit dem Lilienarm, denn die Himmelskönigin ist die Lilie unter den Disteln, wie Salomo sagt, und wir sehen sie als Fürsprecherin beim Vater des Himmels, dem Gott der Götter und Vater der Menschenkinder. Dies ist also eine prophetische Vision des blinden Sehers von der Himmelskönigin Maria.

Wenn du aber dem Logos Spermatikos, das heißt, dem Samen der göttlichen Wahrheit in den Lehren der Heiden, nicht vertraust, sondern allein dem Logos, der in der Heiligen Schrift bezeugt ist, so höre dies, meine evangelische Schwester: Als Adam und Eva um den Genuß einer Feige (la figue) willen den Garten Eden verscherzt, da machte Gott eine Verheißung zu ihrer Hoffnung. Gott sprach zur Schlange Satan: Feindschaft setze ich zwischen dich und die FRAU! Feindschaft setze ich zwischen deinen Samen und den Samen (Spermos) der FRAU und er wird der Schlange das Haupt zertreten, so heißt es im hebräischen, er wird zertreten, aber im lateinischen heißt es: Sie, die Frau, wird der Schlange das Haupt zertreten. Das ist der Anfang des Evangeliums im Buche Genesis. Der Fuß der FRAU wird der Schlange Satan das Haupt zertreten. Im Buch Judith ist es Judith, das heißt, die vollkommene Tochter Juda, die das Haupt des Feindes abschlug, und sie schmückte sich, wie es in der Schrift heißt, mit schönen Sandalen, nicht aus böser Lust, sondern Gott zum Lobpreis. Und es ist die größte Demütigung des Feindes, dass der allmächtige Gott den Feind durch die Hand der FRAU gestürzt hat. Am Ende der Heiligen Schrift in der Apokalypse erscheint am Himmel das Zeichen der FRAU, die gegen den scharlachroten Drachen kämpft, gegen die alte Schlange. Und es ist diese FRAU der Offenbarung, die wir in der Jungfrau Maria verehren, und wir verehren ihren Fuß, weil dieser schöne Fuß der wunderschönen Madonna der Schlange das Haupt zertreten wird! So steht es geschrieben! Und indem wir den Schuh Mariens verehren, nämlich die goldene Sandale der Himmelskönigin, verehren wir den schönen Fuß der schönen Madonna, und in dem wir die schöne Madonna verehren, beten wir den allmächtigen Gott an, der der FRAU die Macht gegeben hat, den Satan zu zertreten!

Hier also nun der Worttext der Schenkungsurkunde, mit welcher der deutsche König Konrad, dem Kloster von Ophoven den Schuh Mariens schenkte: „Wir, König von Gottes Gnaden, Konrad der Dritte, König des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, König von Deutschland und Italien und Herzog von Ostfranken, kurz vor unserm Abscheiden aus dem Jammertal (valle lacremosum), zur Ehre der Himmelskönigin (Regina coeli) und zur Ehre des heiligen apostolischen Glaubens und zur ewigen Anbetung unseres Gottes und Herrn Jesus Christus, vermachen dem Zisterzienserinnenkloster von Ophoven zur frommen Verehrung den Schuh Mariens, den die allgütige Vorsehung Uns auf unserm Pilgerzug zum heiligen Grabe Christi im Heiligen Lande finden ließ, und bitten mit der Gabe dieser kostbaren Reliquie die Bräute Christi in immerwährenden Gebeten für Unsre Majestät und Unsre Gemahlin und Unsre Nachfolger im deutschen Regententum in diesem Leben und auch nach dem Abscheiden zu beten und zu flehen, auf dass Wir, in den Kämpfen um die Macht und in den Irren der menschlichen Liebe befleckter Sünder, der Wir sind, nicht aufgrund eigenen Verdienstes, sondern ganz allein aufgrund der unerforschlichen Barmherzigkeit Jesu, unsres Herrn, die ewige Seligkeit am Ziel unsres Glaubens erreichen. Dazu verhelfe Unsrer armen Seele neben den frommen Gebeten der gottgeweihten Töchtern des heiligen Bernhard vor allem die allmächtige Fürsprache der allerseligsten und allerschönsten Jungfrau Maria, die bei ihrem göttlichen Sohn alles erlangt, was sie erbittet. Zur größeren Ehre Gottes! Konrad.


DRITTES KAPITEL


Im zwanzigsten Jahrhundert und besonders nach dem zweiten Weltkrieg tat man die Wallfahrten ab als unmodern. Aber das zweite vatikanische Konzil sprach von der Kirche als dem pilgernden Gottesvolk. Wir sind Pilger, persönlich und in Gemeinschaft. Wir pilgern zum Ziel, das der Ursprung ist. So pilgert auch die Pfarrgemeinde Ratheim nach Ophoven zum Gnadenbild der lieblichen Mutter. Ophoven ist westlich von Wasserburg, nahe der niederländischen Grenze, an der Rur gelegen und hat etwa fünfhundert Einwohner. Es ist ausgezeichnet worden mit einem Preis als schönstes Dorf Deutschlands. Im Jahre 1200 befand sich hier ein Zisterzienserinnenkloster. 1571 wurde Ophoven eine Pfarrei. Im Jahre 1700 wurde die Kirche renoviert. Rechts vom Chor befindet sich in einem Holzgebäude das Gnadenbild der lieblichen Mutter mit dem Kinde, eine Holzfigur, im Jahre 1350 in Köln geschnitzt. Bis 1826 befand sich in dieser Kirche der Schuh Mariens, in einem silbernen Behälter aufbewahrt, der aber in der Nacht zum 8. Dezember 1826 gestohlen wurde und bis heute nicht wieder aufgetaucht ist. Anschließend gewann die Gemeinde in Rom als Ersatz für den Schuh Mariens als Reliquie ein Partikel vom Kleide Mariens. Die Wallfahrt von Ratheim nach Ophoven geht mindestens ins 16. Jahrhundert zurück. Am 31. August 1715 pilgerte Kurfürst Johann Wilhem von Düsseldorf mit seiner Gemahlin und einem großen Gefolge nach Ophoven zur lieblichen Mutter. Seit wann pilgert eigentlich Ratheim zur lieblichen Mutter von Ophoven? Fragt man die Großmütter, sagen sie: „Dat weet ech net. Ech weet wal, dat ümmer jedes Joar na Ophoave getrekket wuet.“ Der Musikverein Sankt Josef begleitet die Prozession und der Schützenkönig zieht mit. Pfarrer und Kaplan und Ministranten ziehen voran. Nach dem Herbstjahrmarkt am Sonntag im September trifft man sich um Viertel vor sieben Uhr an der Pfarrkirche von Ratheim. Der Priester stimmt die Pilger geistlich ein. Das Thema der Prozession und die besonderen Gebetsanliegen werden vorgetragen. Auf einem Ponywagen zieht ein Lautsprecher mit. Der Küster und Organist betet den Rosenkranz vor. Die erste Station befindet sich am Krickelberger Kreuz, die zweite Station am Ortsausgang von Orsbeck, die dritte Station an der Wegegabelung Krafeld-Eulenbusch. Dort werden die besonderen Gebetsanliegen vorgetragen. Außer den Gebeten ist auch noch Zeit für ausgiebige Gespräche zwischen den Pilgern. Kommt die Kirche von Ophoven in Sicht, so singt man: Maria, zu dir kommen wir, um deine Gnade bitten wir! Und verlässt man die Wallfahrtskirche wieder, so singt man: Maria, von dir kommen wir, für deine Gnade danken wir! Um 9 Uhr wird in der Kirche von Ophoven die Heilige Messe gefeiert. Dann geht es zur Gaststätte „zur Mühle“, dort isst man Butterbrote und Apfeltaschen. Der Pfarrer von Ratheim bekommt im Pfarrhaus von Ophoven Kaffee. Früher brachte man das Pulver zum Mucke-fuck selber mit und ließ es in der Gaststätte mit heißem Wasser für 20 Pfennig begießen, wollte man Milch dazu, so kostete es noch einmal 10 Pfennig. Die Knaben und Mädchen zogen in Richtung Effeld über die niederländische Grenze und kauften dort für 10 Pfennig Schokolade, die sie unter einem Augenzudrücken der Zöllner über die Grenze schmuggelten. Früher führte der Prozessionsweg von Ratheim über Krickelberg, Wasserberg, Rosstor, Forst nach Ophoven, aber heute führt der Prozessionsweg von Ratheim über Krickelberg, Garsbeck, Luchtenberg, Orsbeck, Eulenbusch, Krafeld nach Ophoven. Außer der Pfarrei Ratheim pilgern noch die Pfarreien Irsbeck, Wasserberg, Oberstedt, Hilfahrt, Effeld, Karken, Eschweiler, Heinsberg, Birgden, Oberbusch, Kempen, Dalheim und Einzelpilger. Es sind holprige Wege durch grüne Felder. Die Gebetspausen nutzen die Kinder, um in den anliegenden Gärten Äpfel zu klauen. Nachbars Äpfel schmecken eben am besten. Die Madonna lächelt dazu. Wenn die Kinder an der niederländischen Schokolade und den geklauten Äpfeln noch nicht genug haben, gibt es auch für 5 Pfennig Eis in der Eisdiele. Von 11 Uhr bis 13 Uhr pilgert man zurück nach Ratheim, dort begrüßen einen schon die Glocken. Und in der Kirche wird dann gemeinsam das Te Deum gesungen: Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke! Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke!

Du fragst, meine schöne Schwester, wer denn der Kurfürst Johann Wilhelm von Düsseldorf gewesen sei, der mit Gemahlin und Tross und Gefolge zur goldenen Sandale der Himmelskönigin gepilgert sei? Nun, dieser Kurfürst Johann Wilhelm war Johann Wilhelm Joseph Janaz von der Pfalz, genannt Jan Wellem. Er ist am 19. April 1658 in Düsseldorf geboren und am 8. Juni 1716 in Düsseldorf gestorben und liegt begraben in der Düsseldorfer Jesuitenkirche Sankt Andreas. Er gehörte zum Geschlecht der Wittelsbacher. Ab 1690 war er Erzschatzmeister des heiligen römischen Reiches und Pfalzgraf-Kurfürst von der Pfalz. Später wurde er auch noch Erztruchsess des heiligen römischen Reiches. Er wurde von Jesuiten erzogen und war ein tief gläubiger Katholik. Wegen eines Krieges residierte er nicht in Heidelberg, sondern im Düsseldorfer Schloß. Er erreichte die Rückgabe der pfälzischen Gebiete, die von den Franzosen erobert worden waren. Die Franzosen hatten die Rekatholisierung der Pfalz gefördert, und nur unter der Bedingung, dass die Rekatholisierung der Pfalz nicht rückgängig gemacht werde, gaben die Franzosen die pfälzischen Gebiete dem Kurfürsten Jan Wellem zurück. Der hatte auch kein Interesse daran, die Rekatholisierung der Pfalz rückgängig zu machen, denn er war ein treuer Sohn der heiligen Mutter Kirche. Darum aber wurde er von den Protestanten auch nicht besonders geliebt. Er förderte vor allem die Kunst und Kultur in seiner Pfalz, baute herrliche Schlösser und sammelte Gemälde von Rubens, diesem Maler der katholischen Gegenreformation. Er war in erster Ehe verheiratet
mit Maria Anna Josepha, der Tochter von Kaiser Ferdinand III. Sie gebar ihm zwei Söhne, die aber beide bei der Geburt starben. Maria Anna Josepha starb auch im Jahre 1689. Zwei Jahre später heiratete Jan Wellem seine zweite Frau, die Prinzessin Anna Maria Luisa de’ Medici, die Tochter des Cosimo von Medici. Nach dem Tode des Kurfürsten Jan Wellem schuf ein Künstler auf dem Düsseldorfer Marktplatz ein Reiterstandbild des Ritters vom goldenen Vlies Jan Wellem, aber es gab nicht genug Material, darum zog der Glockengießerjunge von Haustür zu Haustür und bat um Silberlöffel für Jan Wellems Denkmal. Heinrich Heine, der Düsseldorfer Jude, scherzte: Wie viel Apfeltörtchen hätte ich wohl essen können mit all den vielen Silberlöffeln?

Du fragst, schöne Schwester, mit welcher seiner Gemahlinnen Jan Wellem zum Schuh Mariens gepilgert ist? Nun, im Jahre 1715 ist er mit seiner zweiten Frau Anna Maria Lusia de’ Medici zum Schuh Mariens gepilgert, ein Jahr vor seinem Tod. Du fragst, ob wir Näheres wissen über diese zweite Frau Jan Wellems? Nun, Anna Maria Louisa de’ Medici war die Tochter von Cosimo III. de’ Medici und seiner Ehefrau Margherite Louise d’Orléans. Die Mutter verließ aber die unglückliche Ehe mit Cosima und floh nach Paris, in die Stadt der Liebe, und ließ ihre einzige Tochter zurück. Cosimo ließ die Tochter von der Großmutter Vittoria della Rovere erziehen. Acht Jahre alt war Anna Maria Louisa, als ihre Mutter sie verließ. Cosima zog einige Freier in Erwägung für seine Tochter, aber schließlich gewann unser Kurfürst Johann Wilhelm den Liebesapfel. Die Ehe wurde sakramental geschlossen am 29. April 1691 im Dom von Florenz, allerdings war Jan Wellem nicht persönlich zugegen, sondern nur durch einen Stellvertreter anwesend. Am 5. Juni 1691 wurde die sakramentale Ehe dann in Neuburg an der Donau vollzogen. Damals heirateten viele Herrscher aus bloßer Staatsräson, aber hier war es wirkliche Liebe. Jan Wellem und Anna Maria lebten glücklich in ihrer Ehe bis zum Tode des Kurfürsten. Ihre Ehe blieb allerdings kinderlos. Beide liebten die Musik und die Malerei. Sie wurden zusammen zu bedeutenden Förderern der Künste, nicht nur der Architektur, zum Beispiel an dem Düsseldorfer Schloß und einem barocken Opernhaus, sondern auch der Malerei. Vor allem liebte Jan Wellem die appetitlichen Weiber von Peter Paul Rubens. Am 31. August 1715 pilgerte Anna Maria Louisa mit ihrem Gemahl Jan Wellem nach Ophoven zum Schuh Mariens. Hier bat Jan Wellem um die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria in seiner Todesstunde, auf dass der barmherzige Jesus aus reiner Gnade seine Seele aufnehme in die Herrlichkeit des Himmels. Nach dem Tode Jan Wellems kehrte Anna Maria nach Florenz zurück. Die Stadt empfing sie mit Glockenläuten. Sie wurde die erste Dame des Staates und Herrscherin der Toskana. Nach ihrem Tode, da sie die letzte Medici war, fiel die Toskana an Franz III., den Gemahl Maria Theresias und Kaiser des römischen Reiches. In ihrem Testament vermachte Anna Maria Louisa de’ Medici all ihre Kunstschätze den Uffizien von Florenz, wo sie heute noch zu sehen sind.


VIERTES KAPITEL


Lutheraner:
Warum betest du zu Maria? Du hast doch Gott zum Vater und Jesus zum Bruder!
Katholik:
Und hast du Gott zum Vater und Jesus zum Bruder und hast du nicht Maria zur Mutter?
Lutheraner:
Ihr macht Maria zur Abgöttin!
Katholik:
Anbetung sei dem ewigen Gott allein! Aber Jesus hat uns unterm Kreuz Maria zur Mutter gegeben.
Lutheraner:
Mutter, Mutter, wenn ich das schon höre! Du meinst wohl, die Kirche sei eine heilige Mutter?
Katholik:
Ja, die heilige, apostolische und katholische Kirche gebiert die Menschen zu Kindern Gottes durch das Bad der Wiedergeburt, welches die Taufe ist, und ernährt sie mit dem Wort Gottes und mit dem Brot des Lebens, welches Christi Leib ist, darum ist sie eine Mutter.
Lutheraner:
Ich glaube, was Martin Luther gelehrt hat: Allein die Gnade durch den Glauben macht gerecht vor Gott, und dazu braucht es keine Kirche.
Katholik:
Luther meinte, den einen schenkt Gott die Gnade und macht sie zu Gerechten und die andern verstockt Gott und macht sie zu Verdammten, denn in Gott ist Gutes und Böses, und entweder reitet die Gnade auf dir oder der Satan reitet dich, das steht in der freien Willkür Gottes. Nicht so ist der christliche Glaube, sondern Gott will, dass alle Menschen gerettet werden.
Lutheraner:
Und braucht es zur Rettung denn eure verdammten Werke und Verdienste?
Katholik:
Luther meinte, Gott habe Maria nicht um ihr Jawort gebeten, sondern er habe sie mit seiner Gnade vergewaltigt und ohne ihr Jawort den Sohn in ihr gezeugt. Nicht so der heilige Glaube, sondern Gott erbittet die Mitwirkung des Menschen am Heil, so bat Gott Maria auch um ihr Jawort, und sie gab es ihm, und daraufhin erst zeugte Gott in der willigen Maria den Sohn.
Lutheraner:
Und nun Jesus geboren ist, so bitten wir den Herrn Jesum allein und nicht eure Jungfrau Marie. So hat doch auch Jesus zu Maria gesagt: Weib! Was hab ich denn mit dir zu schaffen!
Katholik:
Das hat Jesus nicht gesagt, sondern er hat gesagt: Frau! Was ist das zwischen dir und mir? Und dann hat er auf ihre Fürsprache hin das erste Wunder getan.
Lutheraner:
Da hast du es, Jesus nennt sie Weib oder Frau, aber nicht Muttergottes!
Katholik:
Er nennt sie Frau, aber wieso meinst du, das sei eine Abwertung? Wie denkst du über die Frau? Er nennt sie Frau, weil sie die Frau ist, die in der Genesis prophezeit ist, die dem Satan den Nacken zertritt. Denn sie ist die Frau der Genesis, die Frau der Hochzeit zu Kana, die Frau unterm Kreuz und die apokalyptische Frau.
Lutheraner:
Das hast du den Widerspruch: Ihr sagt, Maria sei ohne Erbsünde empfangen und darum auch schon auferstanden von den Toten und mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. Und weil sie nicht unter dem Fluch Evas stand, habe sie auch ohne Schmerzen Jesus geboren. Aber nun gebiert die apokalyptische Frau in Schmerzen den Messias.
Katholik:
Maria bringt unter Schmerzen den mystischen Leib Christi hervor, nämlich die Kirche. So wie sie die Mutter des Hauptes ist, so ist sie auch Mutter des Leibes. Denn keine Mutter hat das Haupt je ohne den Leib hervorgebracht. Wer aber das Haupt Christus ehrt und als Glied an seinem Leibe die Mutter nicht ehrt, die ihn hervorgebracht hat und sich nicht von Maria gebären lässt zu einem Glied an seinem mystischen Leib, welcher ist die katholische Kirche, wer also behauptet Gott zum Vater zu haben, aber Maria nicht verehrt als seine Mutter, der hat den Vater der Lüge zum Vater.
Lutheraner:
Und ihr Papisten betet in eurem Papst, den ihr über die Bibel stellt, den Rattenschwanz des Antichristen an!
Katholik:
Und ihr Lutheraner habt den mystischen Leib Christi zerrissen und damit dem Herzen Jesu eine schwere Wunde zugefügt.
Lutheraner:
Wenn ihr nicht die Bibel allein als Fundament des Glaubens nehmt, sondern Papst und Konzilien hinzu, so werden wir uns niemals einig.
Katholik:
Und bevor ich mit dir weiter disputiere, bitte du die Jungfrau Maria, dich in die Wahrheit über ihren Sohn einzuführen, dann wird sie dir verbieten, deinen Augsburger Katechismus weiter zu studieren.
Lutheraner:
O Jungfrau Maria, du Mutter von Joses, Jakob, Simon und den Schwestern Jesu...
Katholik:
Und nun würde Luther dich einen schweren Häretiker nennen, denn Luther, Calvin und Zwingli glaubten an die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens, wie es Dogma der Kirche ist.
Lutheraner:
Wie soll denn Maria Jesus geboren haben und dennoch Jungfrau geblieben sein?
Katholik:
Semper virgo! Virgo intacta! Mysterium fides!
Lutheraner:
Das kann ich nicht glauben.
Katholik:
So glaubst du der von Gott offenbarten Wahrheit nicht, denn wenn du gegen die von Christus gestiftete Kirche streitest, so streitest du gegen Christus.
Lutheraner:
So willst du mich wohl auf den Scheiterhaufen werfen?
Katholik:
Ich bitte die Jungfrau Maria, die Besiegerin aller Irrlehren in der Welt, dich zum göttlichen und katholischen Glauben zu bekehren.
Lutheraner
(ironisch)
Ich danke für dein Gebet!

Wunderschöne Schwester, am Tag des Herrn hast du zu mir gesagt: In deinem historischen Kriminalroman ist nur von unbedeutenden Adligen die Rede. Das ist, als wenn man im Louvre in Paris eine endlose Galerie mit Ölgemälden von unbedeutenden Adligen betrachten, das ist langweilig. Schreib doch lieber einmal einen Kriminalroman über Moses. Ja weißt du, wunderschöne Schwester, du himmlische Grazie, das tat ich schon einmal, denn du weißt als Bibelleserin, dass Moses einen Ägypter erschlagen. Und nun hat gewiß der Pharao einen Weisen eingesetzt, den Fall zu lösen und den zu finden, der den Ägypter erschlagen. Es war ja juristisch gesprochen, kein Mord, sondern Totschlag im Affekt. Aber weißt du, der Auszug der Israeliten aus Ägypten fand vielleicht gar nicht statt zur Zeit Ramses II., denn damals war Kanaan eine ägyptische Kolonie, es hätte wenig Sinn gemacht, die Israeliten aus Ägypten fortzuführen und in eine ägyptische Kolonie zu führen. Ich habe vierzig Jahre lang Ägyptologie studiert. Die Ägypter ehrten ja Amun und Osiris und Isis und andere Götter, aber der große Reformator Echnaton hat dann den Monotheismus in Ägypten eingeführt. Es sollte nur noch einen Gott geben, Aton, den Sonnengott am Himmel, der nicht allein der Gott Ägyptens war, sondern Gott der ganzen Welt, und so würden alle Völker in Frieden leben, wenn sie den einen und einzigen Gott anbeten. Echnaton schrieb auch einen Psalm auf Aton, den Gott am Himmel, und dieser Psalm Echnatons ist verwandt mit dem 104. Psalm Davids, dem Lob des Schöpfers in seiner Schöpfung. Aber ob nun Moses seine Idee des Monotheismus von Echnaton hatte, oder ob Echnaton seine Idee des Monotheismus von Moses hatte, darum streiten sich die Gelehrten noch. Du fragst, wer Moses Mutter war? Jochebed, meine Schöne. Und als die anmutige Tochter des Pharao in ihren Spinneweben-Badeanzug im Nil baden ging und das Mosebaby fand, sagte Mirjam Prophetissa: O Tochter des Pharao, ich weiß eine hebräische Frau, die stillt dir das Kind. Und so wurde Moses Mutter Jochebed zu Moses Amme. Aber du sagst lächelnd mit deinem süßen Mund: Die Paläste der ägyptischen Herrscher waren zweihundert Kilometer von den Lagerplätzen der israelitischen Schafhirten entfernt. Also muß entweder das Mosebaby im Korb zweihundert Kilometer den Nil herunter geschwommen sein, oder die Tochter des Pharao ist zweihundert Kilometer weit geritten, um im Nil zu baden, das sei aber unwahrscheinlich, denn die Tochter des Pharao badete wohl in Kamelstutenmilch, aber nicht im schlammigen Nil, der Brutstätte von Würmern und schädlichen Insekten. Echnaton, sagst du, hatte eine Lieblingsfrau, die schöne Nofretete, und ich weiß nicht, ob sie so schön war wie du, o Schönheit! Aber Nofretete schenkte dem Echnaton keinen Sohn, dafür seine Nebenfrau, die Mutter ward des kleinen Tut-Anch-Aton, der sich später wieder Tut-Anch-Amun nannte, denn als er Pharao wurde, führte er die Kulte der ägyptischen Götter wieder ein. Moses aber, das bedeutet einfach Sohn, wie Ramses Ra-Moses heißt, nämlich Sohn des Ra, und Tutmoses heißt Sohn des Thot. Ich denke Moses müsste dann Jah-Moses heißen. Aber der Fall des Totschlags im Affekt, den Moses begangen hatte, wurde in Ägypten nie aufgeklärt. Moses floh vor dem Pharao und seinen Kriminologen auf die Sinai-Halbinsel, wo ihm Gott in einem brennenden Dornbusch erschien, in einem brennenden Dornbusch, der brannte, ohne zu verbrennen, so wie Maria den Sohn Gottes empfangen hat, ohne ihre Jungfräulichkeit zu verlieren.


FÜNFTES KAPITEL


In der Nacht zum 8. Dezember 1826 wurde der Schuh Mariens aus der Kirche zu Ophoven gestohlen! Oh wo bist du hin, du goldene Sandale der Himmelskönigin? Wohin bist du entschwebt? Ich streife durch alle Felder und frage das Korn: Weißt du, Weizen, wo die goldene Sandale der Himmelskönigin ist? Ihr Hühner, sagt mir, wo ist der Schuh meiner Herrin? Ihr Fasane und ihr Rehe auf den Auen, habt ihr die goldene Sandale meiner Fürstin gesehen? Aber die Kreaturen schweigen. Ihr Glocken, bei den Glockenbrüsten der heiligen Agatha, läutet Sturm und weckt die fünfhundert Christen von Ophoven, auf dass wir alle suchen den verlorenen Schuh der Herrin! Sagt mir, ihr Grashüpfer und ihr grünen Raupen in den Kastanienbäumen, saht ihr der Herrin Fuß vorüberschlüpfen? Hebt eure Häupter, ihr Gräser, rauscht im Winde, ihr Büsche und Sträucher, schüttelt eure Kronen im Himmel, ihr Bäume, und gebt uns Kunde, wo die goldene Sandale der Königin der Liebe ist? Und wenn du schweigst, o Deutschland, meine blonde, bleiche Mutter, so frag ich die süße La France: O la France, Geliebte, bei deinem heiligen Engel, sahest du den Schuh der Jungfrau Maria? Und wenn du deine blühenden Lippen verschließt, La France, so frag ich dich, Lusitanien: Bei deinem heiligen Fatima, wo ist der Schuh der Gottesmutter hin? Wenn du es nicht weißt, Europa, so frag ich dich, du schwarze Afrika: Sahest du den Schuh des himmlischen Mädchens? Ihr Äthiopier, habt ihr ihn gesehen, ihr Schwarzen von Ruanda, saht ihr die Sandale der Jungfrau? Aber weißt du es nicht, o schwarzes Afrika, so geh ich zur uralten Mutter Asia: Jungfrau China, gegürtet an den Lenden deines Gemüts mit der Großen Mauer, hast du die Jungfrau gesehen, die Königin Chinas? Und du, Mutter India, bei deinen hindusanften Augen einer heiligen Mutterkuh, hast du die bloßen Füße der Unbefleckten gesehen? Und du, kaiserliches Japan mit deinen bebenden Inseln, ich beschwöre dich bei deiner Kirschblüte, sahest du die strahlende Sandale der Mutter der Barmherzigkeit? Wenn ihr es nicht wisst, ihr uralten Hochkulturen, so frag ich Ozeanien: Papua-Neuguinea, bei deinen siebenhundert Sprachen, und ihr, Katholiken der Philippinen, habt ihr die heilige Mutter vorüber wandeln sehen mit ihren bloßen Füßen? Und wenn ihr es nicht wisst, O Jawa und Sumatra, so frag ich euch, ihr Osterinseln, bei euren steinernen Götzen, habt ihr die himmlischen Mutter gesehen? Und du, Bolivien mit deinen jungen schönen Mädchen, und du, Chile, mit deinen Poeten, und du, Nicaragua, mit deinen wilden Dichtern, und du Mexiko, mit deiner allerheiligsten Ikone der Jungfrau, sagt, ob ihr die goldene Sandale der Himmelskönigin gesehen habt? Und wenn Südamerika es nicht weiß, so frag ich Nordamerika und Kanada und die Eskimos, ob sie die himmlische Mutter gesehen? Sagt es, Grönland, Skandinavien, England, ob ihr die Jungfrau habt vorüberwandeln sehen? Und du, o Polen, bei deiner schwarzen Königin und Göttin vom klaren Berg, und du, heiliges Mütterchen Russland, beim unbefleckten Herzen des Mütterchens Gottesmutter, hast du Maria gesehen und den Schuh Mariens an ihren kleinen Füßen? Aber die Erde schweigt. O Venus, Geliebte, sahst du die Jungfrau? O Sonne, du strahlende Herrin, sahst du die Mutter vom Himmel? Und du, Andromedanebel, hast du die Königin des Himmels gesehen? Sag mir, geliebtester Carina-Sternennebel, hast du die Königin des Weltalls und die Herrin der armen Seelen gesehen? O du goldene Sandale der Himmelskönigin, bist du denn aus der ganzen Schöpfung geschlüpft und reichst du in das himmlische Jerusalem am Busen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit?

Der oberste Abt-Primas aller Zisterzienser und Zisterzienserinnen des heiligen römischen Reiches deutscher Nation befragte alle Mütter Abtissinnen, ob unter ihren Lämmern eine wäre, die kriminalistischen Spürsinn habe? Da sagte die Mutter Äbtissin von Dahlheim: Ja, meine Schwester Susanna von der Mystischen Rose, die liest in jeder Stunde der Rekreation einen Kriminalroman. So trat der Abt-Primas Maximilian zu Schwester Susanna von der Mystischen Rose. Sie saß gerade im Klostergarten. Nun, Schwester Susanna, was meditierst du im Klostergarten? Vater Abt, sagte Schwester Susanna, ich beobachte die Vögelein. Ich dichte ein Vogelbuch, in dem ich die kleinen Gefiederten des Himmels besinge. Ich lerne sie alle zu unterscheiden und finde ihre Eigenarten heraus und wie sie sich lieben und wie sie ihre Küken lieben und wie sie zur Matutin und zur Vesper den Schöpfer loben und ein gewaltiges Tedeum zwitschern und tirilieren. Ja, fragte erstaunt der Abt-Primas Maximilian, du hochbegnadete Jungfrau, verstehst du denn die Sprache der Vögel? Man sagt bekanntlich vom weisen Salomo, dass er die Sprache der Vögel verstand. In der deutschen Edda ist auch die Rede von Odin, der neun Tage verkehrt im Baume hing, und dann die Sprache der Vögel verstand. Und der heilige Franziskus muß wohl die Sprache der Vögel beherrscht haben, wie hätte er sonst den Vögeln predigen können? Ach, seufzte die sanfte Schwester Susanna, so heilig bin ich nicht, dass ich den Vögeln predigen könnte, nein, sondern die Vögel predigen mir und künden mir von der verborgenen Schöpferweisheit Gottes, die alles so wohl und gut und schön bereitet hat. Aber nun etwas anderes, sagte Maximilian, Schwester Susanna, warum hast du den Ordensnamen Susanna von der Mystischen Rose gewählt? Oh, sagte Susanna, ich liebe die Rosen im Rosengarten des Klosters. Vater Abt, schnuppert doch einmal an dieser Rose, ob sie nicht duftet wie das Parfüm der Madonna? Maria ist die Rose am Herzen Gottes und der Duft der mystischen Rose Maria ist der Heilige Geist, ihr Bräutigam. Sehr schön, lobte sie der Vater Abt, aber ich komme vor allem, weil ich gehört, dass du kriminalistischen Spürsinn hast. Es ist, wie du sicher weißt, der Schuh Mariens aus der Kirche von Ophoven gestohlen worden. Und ich beauftrage dich nun und gebiete dir im Namen des Gehorsams, den du gelobt hast, alles zu unternehmen, um herauszufinden, wer den Schuh Mariens gestohlen hat und wo der Schuh der allerseligsten Jungfrau jetzt ist. Wie ihr gebietet, Vater Abt, flötete Susanna und machte sich an die Arbeit. Zuerst ging sie in die Kirche von Ophoven, die Spuren zu sichern, sie untersuchte alles, nahm Fingerabdrücke auf und befragte dann alle Anwohner, ob sie einen Zeugen finde, der etwas Verdächtiges in der Nacht gesehen habe. Nach einem Tag kriminalistischen Spürsinns saß Susanna am Abend im Klostergarten. Ihr weißes schlankes Antlitz war umrahmt von einem Schleier, wie ihn die Bräute Jesu tragen. Aus dem Schleier schauten braune Haare, kastanienbraun. Die Augen der Schwester waren dunkel und glühend, sie schauten überaus zärtlich auf alle Kinder und streng und mahnend auf Kinderväter, die zu streng mit ihren Kleinen umgingen. Ihre Lippen waren überaus schön, wie die Blüte einer Rose, und besonders schön, wenn sie zur Vesperstunde den Lobpreis sang mit ihren Schwestern. Dann spielte Schwester Susanna die Gitarre und alle Bräute Jesu sangen: Er kommt, lasst uns tanzen und jauchzen, denn er kommt, der König kommt, so lasst uns jauchzen und tanzen! Die Schwestern hatten alle hohe feine Stimmen, und wer den Chorus der Schwestern hörte, der meinte schon im Garten Eden die himmlischen Jungfrauen flöten zu hören. Aber in der Nacht schlief Schwester Susanna nicht, sondern untersuchte die Untersuchungsergebnissse und die Akte, die sie angelegt hatte. Sie war ratlos und zweifelte an ihrem Spürsinn und an ihrer kriminalistischen Nase. Nun war sie aber kein weltlicher Kriminologe, der auf sich allein vertraut, sondern sie vertraut auf den Heiligen Geist und auf Maria, die Braut des Heiligen Geistes.


SECHSTES KAPITEL


Morgens um fünf erhob sich Schwester Susanna vom Lager und betete vor dem Kruzifix und vor der Ikone der Muttergottes ihr Morgengebet, da hörte sie wie ein leises Flüstern eine himmlische Mädchenstimme in ihrem Herzen flüstern den Namen: Clemens Maria Brentano. Susanna dachte: Jungfrau, was willst du mir sagen mit dem wirren Poeten der überschäumenden Phantasie? Manche nennen ihn einen Satanisten und einen dämonischen Mann! Aber sie traute der Eingebung und besorgte sich das Lexikon der deutschen Dichter aus der Klosterbibliothek und las: Clemens Brentano ist am 9. September 1778 in Ehrenbreitstein geboren, welches man heute Koblenz nennt. Als seinen Geburtstag gab er aber immer den 8. September an, denn der 8. September ist der kirchliche Feiertag Mariä Geburt. So gab er seine Werke unter dem Pseudonym Maria heraus, darum nennt man ihn auch Clemens Maria Brentano. Er gehör zu den Hauptvertretern der Heidelberger Romantik. Er ist katholisch getauft und begab sich als junger Mann zum Studium, nahm das Studium aber nicht ernst, sondern wollte poetisch leben. Er lernte Wieland und Herder und Goethe kennen und lernte Fichte und Friedrich Schlegel und Tieck kennen. Er schrieb seinen ersten verwilderten Roman unter dem Pseudonym Maria mit dem Titel: Das steinerne Bild der Mutter. 1801 ging er zum Studium der Philosophie nach Göttingen. O Göttingen und deine Philosophen! Dort lernte er auch Achim von Arnim kennen, mit dem er bis 1811 zusammenlebte. Er heiratete seine große Liebe Sophie Merau und zog 1804 nach Heidelberg. Zwei seiner Kinder starben gleich nach der Geburt, bei der Geburt des dritten Kindes starben das Kind und die Mutter. Seit 1809 lebte Brentano in Berlin und schrieb die Romanzen vom Rosenkranz, ein großes Versepos zu Ehren der Jungfrau Maria, welches manche mit Goethes Faust und Dantes göttliche Komödie verglichen. Um 1815 geriet er in Berlin in eine tiefe Lebens- und Sinnkrise. Er wandte sich erst der pietistischen Erneuerungsbewegung zu, kehrte dann aber zur heiligen römisch-katholischen Kirche zurück. Diesen Prozess der Konvertierung führte die Pastorentochter Luise Hensel an, in die er sich verliebt hatte. Erst erwog er, Protestant zu werden, um die protestantische Pastorentochter heiraten zu können, entschied sich aber doch, der wahren Kirche der Apostel beizutreten. Dann bemühte er sich, Louise Hensel zur Konvertierung zu bewegen. 1818 wurde Luise Hensel Katholikin. Die Lyrik Brentanos an Louise ist eine Mischung aus Romantik, geistlichem Lied und Erotik. 1818 ging Brentano fort aus Berlin, um am Krankenlager der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick deren Visionen vom Leben des armen Herrn Jesus und vom Leben der seligen Jungfrau Maria aufzuschreiben. Nach dem Tod der Seligen Anna Katharina im Jahr 1824 gab er das Leben der Jungfrau Maria heraus. Die katholische Kirche stellt fest, dass die Visionen der Seligen Anna Katharina über das Leben Jesu und Mariens echt sind, allerdings in der vom Dichter herausgegebenen schriftlichen Fassung sich manches eigene Gedankengut des romantischen Dichters findet.

Susanna dachte: Was macht der Dichter, der erst einen Roman schrieb über das steinerne Bild der Mutter, dann die Romanzen vom Rosenkranz dichtete als ein gewaltiges Epos und dann die Visionen einer Stigmatisierten über das Leben der Jungfrau Maria niederschrieb, was macht er heute, zwei Jahre nach dem Tod der Seligen Anna Katharina? Und Susanna erkundigte sich und fand heraus den Wohnort der romantischen Dichters und reiste dahin und kam in der Abendstunde an und schaute durch das Fenster des Hauses und sah den Dichter verzückt knieen und den Schuh Mariens küssen!

Plötzlich sah Schwester Susanna von der mystischen Rose im Spiegel des romantischen Dichters eine charismatische Vision, ein Gesicht, und was sie sah, siehe, das war eine Stadt im Heiligen Land, vermutlich Haifa, dort sah sie eine Prozession von Engeln, weißgekleideten Engeln, kleinen Knaben gleich, die zogen in einer feierlichen Prozession zum Berge Karmel und zogen den Berg Karmel hinauf, und der Berg Gottes ist ein fruchtbarer Berg, und oben auf dem Gipfel sangen sie Hymnen an die allerseligste Jungfrau: Salve Regina Coeli! Und da sah Schwester Susanna von der mystischen Rose am blauen Himmel über dem Karmel, verschleiert von weißen Wolken, die allerseligste Jungfrau. Ihre bloßen Füße standen auf den Wipfeln des Waldes vom Berge Karmel. Ihre schlanke Gestalt war umflossen von einem feinen weißen Seidengewand, das schien wie transparent zu sein. Umhüllt war die himmlische Madonna von einem himmelblauen Umhang, den sie weit über das Heilige Land ausbreitete. Auf ihrem Haupt saß ein weißer bräutlicher Schleier, denn sie ist die Frau, die Gefährtin Jesu. Aus ihrem weißen Schleier quollen goldene Locken. Ihr Antlitz war anmutig, weiß und schlank, ihre kusslichen Lippen waren lächelnd, charmant, und ihre Augen strahlten vor Liebe und Freundlichkeit. Und sie begann zu sprechen, auf deutsch, aber schön, und Schwester Susanna von der Mystischen Rose hörte ihre Stimme innerlich: Meine liebe Tochter, ich bin die Hilfe der Christenheit, und ich sage dir, dass mein Schuh, den meine geliebten Kinder in Ophoven verehrten, nun zu meinem bevorzugten Favoriten, dem romantischen Dichter gekommen ist. Er hat mir seinen Diebstahl gebeichtet, schweren Herzens, denn er fürchtete sehr, ich würde ihm gebieten, den Schuh der Kirche von Ophoven zurückzugeben. Aber ich sah in die Tiefe seines Herzens, ich sah, dass alle seine Liebe mir allein gilt. Seine Liebe zu mir steht zwar in keinem Verhältnis zu meiner Liebe zu ihm, aber ich freue mich über seine Liebe zu mir. Ich erlaube ihm, niederzuknieen vor mir und meinen Fuß zu küssen. Ich segne meinen Schuh und erlaube meinem Favoriten, in einer privaten Frömmigkeit meinen Schuh in seiner Kammer zu verehren, denn indem er meinen Schuh verehrt und oftmals küsst, verehrt er meinen bloßen Fuß, den der Allmächtige dazu ausersehen hat, der Schlange das Haupt zu zertreten. Aber auch du, meine Tochter, sollst wissen, dass es mein herzlicher Wunsch ist, dass die Kirche von Ophoven wieder eine Reliquie von mir bekommt, damit sie nicht nachlässt, zu mir zu rufen und Deutschland meinem unbefleckten Herzen zu weihen, denn das ist das Heilmittel für die deutsche Kirche, dass der Allmächtige ausersehen hat und heute durch mich, seine Magd, kundtut. So melde deinen Oberen und vor allem dem lieben Pater Maximilian, meinem vielgeliebten Sohn, dass die Kirche von Ophoven nach Rom zum Heiligen Vater pilgern soll, um den Stellvertreter Christi auf Erden zu bitten, der Kirche von Ophoven und der ganzen Kirche Deutschlands einen Partikel von meinem Rock zu schenken. Nun du meinen Willen gehört hast, der eins ist mit dem Willen meines göttlichen Sohnes Jesus, geh, meine Tochter Susanna, und tu alles, was ich dir geboten habe. Ich segne dich und alle meine Kinder! Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste!

Als Sankt Susanna von Rom die Geschichte beendet hatte, erhob Hassan der Zweite, König von Marokko, seine Stimme und sagte: Ihr Christen glaubt ja, in das himmlische Jerusalem zu kommen und dort Halleluja zu singen. Wir Muslime haben aber einen schöneren Himmel, denn wir kommen in den Garten Eden und werden da von den Huris verwöhnt. Ich will fünf mal am Tag Allah bitten, dass er Corinna vom Tiber zu einer paradiesischen Huri im Garten Eden macht. Aber was die Huris sind, das will ich euch jetzt erzählen. Und so sprach Hassan der Zweite, König von Marokko:

HURIS


Huris oder Al-Hur, gesprochen: Huriya, das Wort bedeutet: die Weißen. Es ist grammatisch maskulin. Im Koran ist nicht von sexueller Vereinigung der Männer Glaubenshelden mit den Huris die Rede. Daß sie die Weißen heißen, wird gedeutet als das Weiße in ihren Augen, das heißt, sie haben schöne große Augen. Einer meinte, es könnte auch das Weiße ihres nackten Körpers bedeuten. Weiß verweist auf ihre Reinheit. Ihre Körper werden von kristallen transparenter Lichtart sein. Daß es gerade zweiundsiebzig Huris für jeden Glaubenden seien, steht nicht im Koran, sondern in den Hadith, den Sprüchen Mohammeds. Dort steht auch, dass die Huris keine Menstruation haben, keine Menopause und auch keine Kinder bekommen, dass sie immer jungfräulich bleiben, dass die Männer 30 Jahre alt sein werden und ihre Erektion nie nachlassen wird. Das alles steht nicht im Koran. Muslime sagen, Männer werden im Paradies mit ihren Ehefrauen zusammensein, welche tausendmal schöner als die Huris sein werden. Die Huris sind nur für jene zuständig, die keine Ehefrau hatten. Oder Muslime sagen, das Gleichnis von den Huris sei nur ein sinnliches Symbol für die spirituelle Wahrheit von der Glückseligkeit des Paradieses. Ein deutscher Wissenschaftler deutet das Wort Hur als weiße Weintrauben, meint, es sei ein Überrest eines altchristlichen Eucharistie-Hymnus. Der Koran im übrigen verurteilt die Selbstmörder in die Hölle. Sufis deuten die Huris auf mystische Weise. Huris, unberührt von Männern und Engeln, auf Kissen in Zelten, werden mit den Erlösten vermählt. Die Frauen werden mit männlichen Huris vermählt, sagen die Türken.


König Hassan hatte seinen Vortrag beendet, da sagte Sankt Markus, Bischof von Alexandrien: Wir Christen und Muslime wollen uns in Ägypten vertragen! Ihr dürft eure Moscheen in Europa bauen und wir dürfen unsere Kirchen in Ägypten und Arabien bauen. Du sprachest vom Himmel als einem Garten. Ich hatte einmal eine Vision vom Himmel, mir scheint, es war dieselbe Vision, die Dante hatte. Wenn du Corinna vom Tiber einen Platz unter den Huris erbitten willst, so erbitte ich ihr einen Platz im Weinberg Gottes, welcher sich auf der Carina Nebula befindet. Wer oder was Carina Nebula sei? Hört meine Geschichte! Und Sankt Markus erzählte folgende Science-fiction-Geschichte:


LUKE SKYWALKERS ODYSSEE IM WELTRAUM 2011

Luke Skywalker war ein Doktor der Informatik. Aber er hieß nicht immer Luke Skywalker, getauft ist er auf den Namen Markus Eichel und stammt von einem Vater ab, der pietistischer Prediger war, des Sohnes eines pietistischen Predigers, des Sohnes eines pietistischen Predigers, des Sohnes eines pietistischen Predigers. Er saß eines Abends bei einer Flasche spanischen Rotweins in seinem deutschen Häuschen und schaute aus dem Fenster, da sah er den Abendstern. Im gleichen Augenblick hatte er eine Vision: Goethe stand vor ihm mit dem Zaubermantel des Doktor Faust und lud Markus Eichel zu einem Himmelfahrt ein. Goethe und Markus Eichel, der sich nun Luke Skywalker nannte, reisten auf dem fliegenden Teppich von Faustens Zaubermantel zur Venus. Die Venus ist 108 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt und hat einen Durchmesser von 12 Millionen Kilometern. Sie ist einer der erdähnlichen Planeten, der terrestrischen Planeten. Sie kommt auf ihrer Umlaufbahn der Erde mit 38 Millionen Kilometer am nächsten. Sie hat die gleiche Größe wie die Erde, die Mutter Erde mit den breiten Brüsten, wie Hesiod so geschmacklos sagt. Nach der Luna ist die Venus das hellste Lustobjekt am Himmel. Sie wird auch Abendstern und Morgenstern genannt. Als Morgenstern ist sie auch der Bibel bekannt. Sie ist auch am Taghimmel sichtbar mit bloßem Auge oder kleinem Fernrohr. Ihr Symbol ist der Handspiegel der Göttin Venus. Da sahen Goethe und Luke Skywalker die Liebesgöttin Venus: Nackt kam sie aus dem Badezimmer und schaute in ihren Handspiegel und kämmte ihre langen rötlichblonden Locken, die keusch die nackten Brüste und den keuschen Schoß verbargen. Die Göttin Venus lächelte Luke Skywalker an und sagte: Komm, komm in meine Liebeslaube! Und so traten Goethe und Luke Skywalker in den Garten der Venus. Sie kamen zuerst ins Land der Aphrodite: Aphrodite Terra, so groß wie das katholische Lateinamerika. Aphrodite tauchte eben aus dem Schaum des Meeres und trat auf die Muschel und fuhr ans Land, da sprossen Rosen unter ihren Füßen auf. Aphrodite Terra hat die Form eines Skorpions, und gefährlich ist Aphrodite wie ein Skorpion. Nun gingen Goethe und Luke Skywalker in die nördliche Region von Aphrodite Terra, da kamen sie in die Thetis-Region. Thetis, dieMeeresgöttin, badete eben ihren Sohn Achill und machte ihn unverwundbar. Peleus bewarb sich schon um die schöne Thetis, und bei der Hochzeit der Thetis mit dem Peleus kam die Zankgöttin Eris und ließ einen Apfel der Schönheit fallen, um den bewarben sich Venus und Minerva und Juno. Juno versprach dem Hirten Paris Macht und Herrschaft, wenn er ihr den Apfel gäbe. Minerva versprach dem Hirten Paris Sieg in jedem Krieg, wenn er ihr den Apfel gäbe. Aber Venus ließ einfach alle Hüllen fallen - da gab Paris der Venus den Apfel. Die Hochlandregion der Thetis ist ein Bestandteil des äquatorialen Hochlandgürtels mit einzelnen größeren Inseln, auf denen sich die Nymphen am Strand betten und in Grotten spielen. Nun gingen Goethe und Luke Skywalker nordwestlich von Aphrodite Terra in die Ishtar-Terra, die Erde der Ishtar. Da war die Tochter Babel mit ihrem großen blauen Löwentor, wie in Berlin auf der Museumsinsel. Die Göttin Ishtar ritt auf einem Löwen und hielt einen goldenen Kelch in der Hand, gefüllt mit dem Blut der Märtyrer. Ishtar Terra ist einem irdischen Kontinent vergleichbar und so groß wie Australien. Dort befindet sich in den Bergen der Einschlagskrater Kleopatra. Dort begrüßte Kleopatra den Luke Skywalker. Sie war ja die Inkarnation der Göttin Isis und Gottkaiserin Ägyptens, die gerne in Kamelstutenmilch badete und eine unverschämt schöne Nase hatte. Gekleidet war sie in ein Kleid, gewoben aus Spinnweben. Sie biß sich die Lippen blutig, um ihre Lippen schön dunkelrot zu färben. Sie hielt in der Hand einen Kelch mit Wein, in dem sie eine Perle geschmolzen hatte, und in der anderen Hand hielt sie eine giftige Schlange, um sich das Leben aus Liebeskummer zu nehmen. Aber Markus Eichel sagte zu Kleopatra: Nimm dir nicht das Leben! Heute Nacht werde ich dich trösten! Am nächsten Morgen gingen Goethe und Luke Skywalker weiter und kamen vom Kern der Ishtar-Terra zu der im Westen liegenden flachen Hochebene Lakshmi-Planum. Dort war das Milchmeer vom Anbeginn der Schöpfung. Die indischen Götter standen am Rand des Milchmeers und nahmen die Urweltschlange und quirlten mit der Urweltschlange das Milchmeer auf, bis aus dem Milchmeer die Göttin des Glücks aufstieg, die wunderschöne Lakshmi. Jede indische Frau nimmt sich die Lakshmi zum Vorbild, denn sie war eine anschmiegsame Göttin, ihrem Göttergatten ganz gehorsam! Fein, dachte sich Markus Eichel, solch ein Weib wünsch ich mir! In der Lakshmi-Planum befanden sich zwei vulkanische Einsenkungen, da wartete an der einen Colette, eine Dirne aus Paris, und Sacajawea, eine indianische Squaw! Dann gingen Luke Skywalker und Goethe in den Süden und kamen zu den Danu-Montes. Da lachte sie Danu an, die Weiße Göttin der Kelten, sie saß auf einem weißen Pferd und trug einem silbernen Bogen über die Schulter gehängt und einen kristallenen Köcher an der Hüfte. Weiter nordwestlich in den Freyja-Montes war schon Freyja ganz neugierig auf die Himmelsbesucher. Sie saß in einem Wagen, von Katzen gezogen, um den Hals den kostbaren Halsschmuck, in welchem Zauberkraft wohnte. Nach Freyja ist der Freitag heilig, und am heiligen Freitag versammeln sich alle auf der Venus, um zu Ehren der Freyja nichts als Fisch zu essen, kein Fleisch, kein Fleisch! Die Gebirge der Göttinnen Danu und Freyja waren ganz wie die Anden. Im Osten von Ishtar-Terra war ein Hügel-Plateau mit Namen Fortuna-Tessera. Dort saß die Göttin Fortuna auf ihrem Glücksrad, das mal aufwärts und mal abwärts drehte und ganz nach der Laune der Göttin Fortuna das Glück auf Erden verteilte. Oh, sagte Luke Skywalker, die Göttinnen auf der Venus sind wohl genauso launisch wie die Weibchen auf Erden! Und so kamen Goethe und sein Freund zum südlichen Westrand der Alpha-Region und sahen Eva-Corona. O, die Mutter Eva! Immer noch stand sie unter dem Feigenbaum und kokettierte mit der Schlange! Nimm dich in Acht, Luke Skywalker! Hüte dich vor der Feige der nackten Eva! Goethe sagte zu Luke Skywalker: Rasch, mein Freund, fort von der nackten Eva, fort von der Feige und der Schlange! Und Goethe breitete wieder Faustens Zaubermantel aus und Goethe und Luke Skywalker schwebten aufwärts in die Gegend zwischen dem Mars und dem Jupiter. Da befanden sich Zwergplaneten, vierhunderttausend Zwergplaneten von der Masse des Uranus-Mondes Titania, und Titania, die Feenkönigin, war wesentlich schlanker als die lehmige Mutter Erde mit den breiten Brüsten. Titania trug ein Kleid aus Libellenflügeln und durch das transparente Kleid in Regenbogenfarben schillerte ihr Leib so weiß wie weiße Jade. Zuerst begrüßten Luke Skywalker die Asterioden - denn sie waren im Asteroiden-Sternengürtel - namens: Ceres, die Luke Skywalker eine Oblate anbot, Pallas, die Luke Skywalker die gesammelten Schriften von Platon anbot, Vesta, die das Herdfeuer anzündete, Asträa, die ihm die auf Erden verlorengegangene Gerechtigkeit zeigte, und Hebe, das war ein junges Mädchen von sechzehn Jahren, schlank und nackt, die bot Luke Skywalker einen Becher vom Wein der Götter an. Luke Skywalker nahm einen himmlischen Schluck. Ah, das ist ein Tröpfchen! Und Hebe, das ist ein Mädchen wie ein Himmel! Die Asteroiden sind allesamt mit dem Sonnensystem aus einem präsolaren Urnebel hervorgegangen. Im Innern des Gürtels war die Familie der Flora, die Göttin der Blumen und alle ihre Blumenkinder bereiteten einen Garten, schön wie der Garten Eden, mit Tulpen und Rosen und Orchideen und Lilien und Lotosblumen und Phlox und antarktischen Sonnenblumen. Eben ging die Morgenröte auf, denn es erschien die Eos-Gruppe. Eos oder Aurora, die Göttin der Morgenröte, war ein immerjunges Mädchen, nackt und weiß und rosig blühend, und ihr Gemahl Tithonus war unsterblich, aber ach, nicht von ewiger Jugend. Er wurde immer älter, immer älter, bis er als Zikade endete. Goethe sagte zu Luke Skywalker: Ich habe immer geglaubt, die Jungfrau Maria mit ihren vierzehn Jahren hatte den Greis Josef zum keuschen Bräutigam, und da über seinen Tod im Evangelium nichts berichtet ist, ist der heilige Josef sicher auch als Zikade geendet. Luke Skywalker lächelte. Aber o Schreck, da kam die Hygiea-Gruppe, ein Schwarm von himmlischen Putzfrauen! Hygiea, die Göttin der Hygiene, war die himmlische Schutzpatronin aller Putzfrauen! Sie hielt in der einen Hand einen Putzlappen und in der anderen Hand Seife. Ja, sagte Goethe, auch der Himmel muß täglich geputzt werden, sonst sieht es hier bald aus wie bei Hempels hinterm Sopha! Das verstand Luke Skywalker und er war dankbar der Göttin der Hygiene und ihren himmlischen Putzfrauen für den Fleiß und Schweiß der Götter. Aber, ah, da war ja der Amor-Typ! Amor, ein kleiner nackter Knabe mit Flügeln an den Schultern, Pfeil und Bogen über der Schulter, einem Köcher voller Pfeile an der Hüfte, sagte: Auf Erden hab ich viele Pfeile zu verschießen mit Gift an der Spitze: Pfeile der unerwiderten Liebe! Aber im Himmel verschieß ich nur Pfeile mit Honig an der Spitze: Pfeile der erwiderten Liebe, des Glücks, der Lust und der Freuden des Paradieses! Neben dem Amor-Typ stand der Apollo-Typ, sein Antlitz leuchtete wie die Sonne, er war schön wie der Apoll von Belvedere aus dem Vatikanischen Museum, aber er hielt in den Händen eine siebensaitige Lyra: Gott aller Dichter, Apoll, ich danke dir, o Phöbus, daß du mich mein Leben lang inspiriertest, sagte Goethe, und Apollo nickte. Da kamen die Trojaner-Asteroiden, allen voran der Hektor-Asteroid, und mit ihnen die Zentauren-Asteroiden. Ja, das ist ja wirklich wie beim Homer im Paradies! Ach, wie soll ich sie alle besingen, die Asteroiden? Da kam Europa, die mit der christlichen Seele, da kam Juno, die Himmelskönigin mit dem lilienweißen Armen, da kam Sylvia, die Göttin der Wälder, da kam Euphrosyne, die graziöse Grazie, da kam Psyche, die Geliebte des Eros, da kam Kybele, die Magna Mater auf dem Löwenwagen, und schließlich Metis, die Mutter der Athene, selbst eine Göttin der Weisheit. Leise schlich sich herbei die keusche Ehefrau eines irdischen Physikers, die Frau Muschi war auch an den Himmel versetzt worden. Astarte, die Göttin der Liebe von Tyros und Sidon erschien, der Salomo in Israel ein Heiligtum gebaut hatte, und schließlich: Sapientia! Gottes Weisheit! Goethe und Luke Skywalker fielen anbetend auf ihre Angesichter, wie in priesterlicher Prostration! Da war eine halbe Stunde lang Stille im Himmel. Dann erhob sich Goethe und sagte zu Luke Skywalker: Ich kann dich nun nicht weiter begleiten, ich bin am Ziel alles meines Strebens angekommen. Von nun an wird die göttliche Sapientia dich führen. Und die göttliche Sapientia, wie ein weiblicher Engel mit glühenden Flügeln in einem goldenen Thron thronend, sagte zu Luke Skywalker: Kopf hoch, mein Liebling! Schau! Dein Platz wird jetzt bei Carina Nebula sein! Und da sah Luke Skywalker die Carina Nebula. Achttausend Lichtjahre von der Erde entfernt lag dieser Sternennebel. Aus solch einer Wolke von kosmischem Staub und Gas ist einst unser Sonnensystem geboren worden. Die Gassäule der Carina Nebula war drei Lichtjahre groß. Von ihren Zehen bis zu ihrem Haupt braucht das Licht drei Jahre. Sie war eine gewaltige Gas-Säule, eine Brutstätte neuer Sterne, mit wirbelnden Gas-Schwaden vor einem Hintergrund von rotem Purpur und blauem Purpur. Die Carina Nebula glich einer bizarren Landschaft, wie sie sich Tolkien ausgedacht hätte, oder dem sagenhaften Land Narnia. Und Carina Nebula erschien vor Luke Skywalker und lud ihn ein in die himmlische Provence des Himmels, mitten in den Weinberg Gottes! Und dort blieb Luke Skywalker trunken vor Liebe bei Carina Nebula in der Provence des Paradieses, im Weinberg Gottes! Carina Nebula aber gebar den Kometen Juri, den Zwergplaneten Simon und die Sonne Milan. Und eben landete ein weiteres Sternenschiff an und strahlendweiße Jedi-Ritter brachten die Seele der Schoschanna zum seligen Markus Eichel, der eben jetzt von seinem Traum erwachte und wieder vor seinem Computer saß.

Sankt Markus hatte seine Vision erzählt, da lachte ihn Mara von Moab an, die Mutter des lieben Machlon, und sagte: Wir kommen alle einst ins Jüngste Gericht! Wie, frag ich mich immer, wie krieg ich einen gnädigen Gott? Der Vater muß wohl auf die fünf heiligen Wunden Jesu schauen, dass wir die Gerechtigkeit Christi erlangen. Aber den Herrn Jesus muß man doch auch an seine Menschwerdung erinnern, dass er uns nicht als Engel richtet, sondern als Lehm vom Lehm der Mutter Erde, darum bitten wir die Gottesmutter, ihre schönen Brüste zu entblößen und zum Herrn Jesus zu sagen: Schau, mein Sohn, schau diese gebenedeiten Brüste, an denen du Milch getrunken hast! Erinnere dich an deine Menschwerdung und schenke all meinen Kindern grenzenlose Barmherzigkeit! Ja, bei den gebenedeiten Brüsten der Gottesmutter, Corinna vom Tiber soll Barmherzigkeit erlangen auf ihrem Sterbebett! Ich will nun aus eben diesem Grunde die Brüste der Gottesmutter preisen!


DIE BRÜSTE DER GOTTESMUTTER


1

Die heilige Agatha ist zwar nicht Maria Galaktotrouphousa, aber sie wird bei Brustproblemen angerufen. Agatha stammte aus einem edlen und wohlhabenden Geschlecht auf Sizilien und war eine der schönsten Frauen der Christenheit. Bereits als Jugendliche entflammte sie in Liebe zu Jesus und hängte sich eine Ikone von seinem Heiligen Antlitz in ihrem Zimmer auf und gelobte ihm ewige Jungfräulichkeit um des Himmelreichs willen. Der Ruf ihrer Mädchen-Schönheit erreichte den heidnischen Gouverneur von Sizilien, Quintianus, er rief sie zu sich. Da sprach sie: Jesus Christus, höchster Herr aller Dinge, du siehst mein Herz, du weißt, was ich verlange, sei du allein der Besitzer von allem, was ich bin und habe. Du bist mein Hirte, o Gott, und ich dein Schaf. Mache mich würdig, dass ich über den Teufel siege. – Als Quintianus das schöne Mädchen sah, entbrannte er in böser Lust, denn sie war ein überaus schönes Mädchen. Doch Agatha verwies auf ihr Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit und lehnte das Begehren des Heiden ab. Das erzürnte Quintianus so sehr, dass er sie in ein Bordell schleppen ließ. Die Äbtissin des Freudenhauses hieß Aphrodisia und hatte neun Freudenmädchen im Haus. Im ganzen Land waren diese Töchter der Aphrodisia wegen ihrer Liebeskünste bekannt. Doch wenn ein Freier Agatha begehrte, sprach sie: Mein Mut ist auf einen starken Fels begründet und in Christus gefestigt. Eure Worte sind nur wie ein Wind, eure Versprechungen sind nur wie ein Regen, euer Drohen wie ein verfließendes Wasser. Und wie viel ich angefochten werde, so werde ich doch nicht fallen, denn das Fundament meines Lebenshauses steht fest. Solche Reden hörten die Freier nicht gerne und so schickte Aphrodisia nach einem Monat die heilige Agatha wieder zurück zu Quintianus. Er sprach: Welchen Standes bist du? Sie sprach: Ich bin eine Edle und Freie. Er sprach: Warum, wenn du eine Edle und Freie bist, schämst du dich nicht, dich wie eine Sklavin zu kleiden? Sie sprach: Weil ich eine Magd des Herrn bin. Er sprach: Wenn du freigeboren bist, warum nennst du dich dann eine Magd? Sie sprach: Christus zu dienen, ist die wahre Freiheit. Er sprach: Wir sind also nicht frei, die wir den Gekreuzigten verhöhnen und die heidnischen Götter ehren? Sie sprach: Wie kannst du frei sein, wenn du leblose Götzenbilder verehrst und deine Seele an die Hölle verkaufst? Da ließ Quintianus die heilige Agatha ohrfeigen und in den Kerker werfen. Freudigen Antlitzes betrat sie den Kerker und bat Gott um Kraft für ihren Kampf. Am Morgen stand sie wieder vor Quintianus. Er sagte: Was hast du zu deinem Heil beschlossen? Sie sagte: Mein Heil ist Christus. Er sagte: Wie lange willst du auf dieser Torheit beharren? Bedenke, wie jung du bist! Verleugne den Gekreuzigten und ehre die Götter! Sie sagte: Es ist besser für dich, deine Götter zu verleugnen, die nichts als Holz und Stein sind, und den wahren und lebendigen Gott anzubeten, deinen Schöpfer, dem du dein Dasein verdankst. Wenn du Gott verachtest, ist das ewige Feuer dein Teil. Da schickte er sie wieder in den Kerker, denn sie machte ihn mit ihren Reden vor dem Volk zu Spott. Aber sie ging fröhlich in den Kerker, als sei sie zu einem Mahl geladen. Aber Qunitianus ließ sie foltern und ihr die schönen Brüste abschneiden! Oh schamloseste Unmenschlichkeit! Nach dieser Schandtat des Quintianus tauchte der heilige Petrus im Kerker auf und wollte die Wunden der Brüste der heiligen Agatha heilen und salben, doch sie wies es zurück. Am nächsten Tag aber sind durch ein Wunder Gottes die schönen Brüste der schönen Jungfrau wieder heil und gesund. Sie ward wieder zu Quintianus geführt und sang dieses Hohelied: Ich habe in dieser Pein so große Wollust und Wonne wie einer, der eine Freudenbotschaft hört oder wie einer, der einen Freund wiedersieht, den er lange nicht gesehen hat, oder wie einer, der einen großen Schatz gefunden hat. Der Weizen kann nicht in die Scheuer kommen, wenn er nicht vorher kräftig gedroschen worden ist und zu Spreu geworden. Also kann meine Seele nicht ins Paradies eingehen mit der Märtyrerpalme, wenn mein Leib nicht von den Henkern zugrunde gerichtet worden ist. Du gottloser Wüterich schämst dich nicht, an einem Weibe das abschneiden zu lassen, was du selber an deiner Mutter gesogen hast? Aber wisse, dass ich noch heile und gesunde Brüste habe in meiner Seele, daran ich alle meine Sinne tränke, die ich von Jugend auf Gott geweiht habe. Quintianus ließ Agatha dann sich in glühenden Kohlen und scharfen Scherben wälzen. Jesus holte die Jungfrau zu sich. Quintianus aber ward bald von einem Pfeil getroffen und starb. Agatha aber wurde wegen ihrer schönen Brüste zur Schutzpatronin der Glockengießer. Zu Ehren der heiligen Agatha backen die Frauen in Catania die „minni di virgini“, die Jungfrauenbrüstchen, eine Leckerei in Form einer großen Praline mit einem Knubbelchen obendrauf. Auch das Agatha-Brot wird in Form einer Brust gebacken, das sollen die Glockengießer essen, bevor sie Glocken gießen, und die entbindenden Mütter, damit ihr Milchfluss gesichert wird.

2

Klara kam aus adligem Haus, führte ein wohlbehütetes Leben als höhere Tochter. Eines Tages ging sie in den Dom von Assisi. Dort predigte gewaltig Franziskus, er predigte über Frau Armut, Frau Armut und nochmals Frau Armut! Sie war hingerissen von dem bärtigen Gottesmann und verliebte sich noch in der Kirche in den armen Jesus. Am Ende der heiligen Messe nabelte sie sich von dem reichen Leben ab und folgte Franziskus in seine Zelle in San Damiano. Franziskus schnitt der heiligen Klara das lange schöne Haar ab, entkleidete sie ihrer reichen Kleider und hüllte sie in Bettlerlumpen. Frau Klara erzählte, dass es ihr in einem Traum erschien, dass sie ein Gefäß mit Wasser und ein Tuch zum Abtrocknen brachte dem heiligen Franziskus, sie stieg eine steile Treppe hinan, aber sie schritt so leicht wie auf ebener Erde. Beim heiligen Franziskus angekommen, nahm Franziskus eine seiner Brustwarzen zwischen die Finger und sagte zur Freundin Klara: Komm und sauge! Und als sie gesaugt hatte, flüsterte ihr der Heilige zu, dass sie noch einmal saugen dürfe aus seiner anderen Brustwarze. Was sie aus dieser Brustwarze sog, war so süß und lecker, dass es unbeschreiblich war. Und nachdem sie gesaugt hatte, blieb die Brustwarze des Heiligen, woraus die süße Milch geströmt war, zwischen ihren Lippen. Und als sie die Brustwarze, die zwischen ihren Lippen war, mit den Händen anfasste, schien es ihr, als sei die Brust des Heiligen reines Gold gewesen und klar wie ein Spiegel, in dem sie sich selber erkannte. Wegen dieser Visionen der heiligen Klara wurde die Jungfrau von Papst Pius dem Zwölften zur Schutzpatronin der Tele-Vision erwählt.


3

Augustinus sah in einer Vision rechts von sich stehen Jesus mit offener Seitenwunde, aus der sein kostbares Blut floss. Zu seiner Linken stand Maria mit entblößtem Busen und drückte mit der rechten Hand aus einer schönen Brust Milch. Augustinus wusste nicht, wohin er sich wenden sollte: Zum blutigen Jesus oder zur milchigen Maria, er schien eigentlich beides zu wollen. Hilfesuchend wendete Augustinus den Blick zum Himmel, um den Allerhöchsten um Weisung zu bitten.


4

Bernhard kniete in einer Vision vor dem Kreuz. Christus war an den Füßen mit einem Nagel angenagelt, aber er neigte seinen Oberkörper zu Bernhard und umarmte ihn liebevoll zärtlich. Neben dem Kreuz erschien Maria mit entblößtem Busen, die Hand auf der Brust, drückte sie mit ihren Fingern Milch aus ihrer Brust. Im Arm hielt sie den nackten Jesusknaben, vielleicht vier Jahre alt. Jesus, der den Arm um Bernhard legte, schien zu sagen: Ja, wende dich an die Jungfrau Maria und erbitte von ihr die Milch des Trostes. Die Milch Mariens zu wählen, ist eine gute Wahl. Die Jungfrau Maria melkt mit der Hand die Milch aus ihrer bloßen Brust und spritzt die Milch in einem kräftigen Strahl auf Bernhards Stirn, so wird ihm ewige Weisheit und göttliche Erkenntnis eingegossen. Dann aber ging es Bernhard nicht so sehr um das Disputieren, sondern um Gebet und Meditation und Kontemplation, es ging ihm nicht in erster Linie um Wissen, sondern um das Verkosten der göttlichen Liebe. Denn nachdem Maria die Milch der göttlichen Weisheit auf Bernhards Stirn gespritzt, gießt sie ihre Milch der schönen Liebe in seinen liebedurstigen Mund. Bernhard empfand Maria sinnlich durch das Sakrament ihrer Milch. Sozusagen drang Maria feinstofflich in Bernhard ein. Das war ganz nach dem Geschmack des Mystikers Bernhard. Maria schaute Bernhard dabei in verspielter Stimmung schelmisch lächelnd an, Bernhard war ganz Mariens Milch genießend. Bernhard ist so ganz Sohn Mariens geworden und Mitsäugling Jesu. Nachdem Maria ihre Milch, die süß wie Honig ist, ihm eingeflößt, ward Bernhard zum Doctor melifluus, zum Lehrer der honigsüß-fließenden Beredsamkeit. Von deinen Lippen, o Braut, fließt Honig! Aus deiner Honigwabe, o Braut, tropft Tau der Liebe!


Mara von Moab, die Mutter des Machlon, hatte eben ihre Rede beendet, da erhob Josef Maria Mayer, der deutsche Dichter und Denker, seine Stimme: Bei den Brüsten Mariens! Bei der Milch Mariens! Corinna von Tiber soll im dem himmlischen Totenreich mit allen meinen lieben Toten versammelt selig sein! Ich bin ganz allein auf Erden, seit Corinna vom Tiber nicht mehr da ist! Ich habe nur noch meine Toten! Aber das sind auch einmal wirklich treue Freunde, die führen einen als inspirierende Geister zu Gott! Hört meine Briefe, die ich meinen Toten schrieb, weil ich auf Erden keinem Briefe schreiben durfte!


BRIEFE AN MEINE TOTEN



1

KARINE AN JOSEF

(Oldenburg, Mai 1994)

Lieber Josef!
Na, wie schaut es aus bei dir? Ja, ich will noch mit dir zu tun haben! Aber du weißt auch, wie es letztes Mal war, als du mich in der Ulme besucht hast... Es wäre gut, wenn du in Oldenburg bei deinem Bruder übernachten könntest, wir würden dann einen schönen Tag miteinander erleben. Ich würde auch einmal zu dir nach Norden kommen, aber ich möchte doch lieber nicht bei dir schlafen. Ich schreibe übrigens mit deinem Füllfederhalter, den du mir geschenkt hast, danke! Du hast mir gar nicht geschrieben, wie es dir geht, oder nur so ein klein wenig. Ich habe in der letzten Zeit viel arbeiten müssen. Ich hatte eine Arbeitsstelle in einer Baguetterie, aber ich wurde entlassen, weil ich zu langsam war. Aber so schnell bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht hin und her geeilt, wie da. Aber es ist egal. Ansonsten arbeite ich immer noch an meinen Studienarbeiten und fühle mich auch wohl dabei, aber die Monster erwarten schnellere Resultate. Hier in meinem Zimmer ist es sehr schön, ich könnte fast noch abgeschirmter Leben. Heute Nachmittag gehe ich mit Bine schwimmen und danach bei meiner Mutter essen. Für einen Tag würde ich ja auch gern nach Norden kommen, aber die Züge fahren ja leider immer schon so früh wieder nach Oldenburg zurück. Vielleicht komme ich einmal, aber dann musst du jegliche Avancen unterlassen. Mit meiner Mutter hab ich eine ganz enge Beziehung. Bine war in Urlaub, aber wir sehen uns doch ab und an und verstehen uns auch gut. Ich schreibe soviel Äußerliches, nicht wahr? Aber das ist meine Welt. Innerlich fühle ich mich kugelwohl, ich habe mich auch lange ausgeruht. Meine Mitbewohner meinten, du hättest, als du hier warst, einen sehr verwirrten Eindruck gemacht. Hoffentlich geht es dir auch gut in deiner Isolation. Schwäne können Menschen doch nicht ganz ersetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer ganz allein glücklich sein kann. Es liegt an dir, deine Isolation aufzubrechen.
Alles Gute, mein Lieber, ich wünsche dir auch alles Schöne!
Es wäre schön, wenn wir uns einmal wieder treffen könnten.
Deine
Karine


2

JOSEF AN KARINE

(Juni 2011)

Liebe selige Karine!

Ich erinnere mich an den Mai 1994, den Frühling meines blühenden Wahnsinns. Ich erinnere mich an dich. Wir hatten uns vier Jahre zuvor im Zeichen der Venus kennen gelernt: Ich trat in dein Zimmer, da stand eine Büste von den perfekten Marmorbrüsten der Venus. Diese Statue steht heute in meiner einsiedlerischen Karmelzelle. Als ich dich sah, da begann ich eine sapphische Ode an Aphrodite zu dichten: Danke, Königin der Liebe, dass du mir deine Priesterin geschickt! Und als wir zwei Jahre im Konkubinat zusammen lebten, da war an der Tür zu deinem Bettkämmerchen das Bild der Venus von Florenz. Aber nach dem Tod meiner geliebten Großmutter stand Christus vor mir und ich warf mich vor ihm nieder und betete ihn an als meinen Gott. Von einem Tag auf den andern war ich gläubiger Christ geworden. Nun konnte ich nicht mehr im Konkubinat leben und so trennte ich mich von dir. Ich zog mich in die Einsamkeit zurück, abgeschieden von allen vorherigen Freunden und Freundinnen, und begann zuerst, die Bibel zu studieren, die Bekenntnisse der heiligen Augustinus zu lesen, das Leben unsres armen Herrn Jesus Christus nach den Visionen der seligen Anna Katharina Emmerick, aufgezeichnet von Clemens Maria Brentano, den Messias vom seraphischen Dichter Klopstock, die Gnadenwahl nach der Lehre des dunklen Jakob Böhme und die göttliche Komödie von Dante. Die macht mir nun Mut, von der Abgeschiedenen zu schreiben. Dann zog ich nach Norden in den Schwanenpfad am Schwanenteich und sprach nur noch mit Gott und dem Trauerschwan. Aber du nahmest wieder Kontakt mit mir auf, denn du hattest mich als Geliebten verloren, aber du wolltest mich als Freund nicht verlieren. Ich aber war in den Wahnsinn hineingeraten. Die Ärzte sprachen später von einer paranoiden und schizophrenen Psychose. Ich lebte in einem Übermaß von phantastischen Halluzinationen. Ich sehnte mich unwiderstehlich nach dem Tod, das heißt, in meinen unerträglichen Leiden sehnte ich mich nach der Glückseligkeit des Paradieses. Ich hatte Visionen von der Hölle, dem Pech- und Schwefelgestank der Hölle und von dämonischen Ratten. Ich ahnte und schmeckte schon voraus die Glückseligkeit des Paradieses, ein Feuer der Liebe, das der Stille Ozean nicht zu löschen vermag. Aber je mehr ich mich nach dem Tode sehnte, umso größer wurde auch die Lust am Leben, ach, die Sehnsucht nach der verflossenen Liebeslust, die wir zusammen genossen hatten. Du wurdest mir verklärt zu einer göttlichen Venus, Inbegriff der Lust der Liebe und der Schönheit des Lebens, eine Verheißung der Freude des Lebens. Ich wollte dich also besuchen, denn ich war ganz allein und es schien mir auch, ich sei allen Menschen unsichtbar, und so wollte ich zu dir, denn eigentlich wollte ich von dir nicht allein die Lust der Liebe erbetteln, sondern die Freude des Lebens, ja, das Leben selbst. Ich schrieb dir also einen Brief, aber einen magischen Brief, indem ich einen altägyptischen Liebesbrief in Hieroglyphen zu dir schickte. So kam ich zu dir, verwildert, geistesverstört, krank vor Einsamkeit und Trauer, todessehnsüchtig, noch einmal das Leben selbst zu erhaschen.
Dein
Josef


3

KARINE AN JOSEF

(Juni 1999)

Lieber Josef,
nun schreibe ich dir endlich, ich habe oft an dich gedacht, aber ich hatte soviel zu tun, dass ich nicht zum Schreiben kam. Nach deinen Karten zu urteilen, geht es dir in deiner Kur gut. Ich bin gespannt, was du so alles erzählen wirst. Ich arbeite jetzt seit dem 1. Juni und habe viel Arbeit. Meine Arbeit ist aber interessant und es geht mir gut dabei. Meine Wohnung ist schön, aber es ist hier ein bisschen zu laut und ich möchte schon wieder umziehen. Mit Claudia will ich eine Musikgruppe gründen, nur Frauen, ich werde trommeln. Ich freu mich schon darauf, aber ich habe manchmal einfach zu wenig Zeit. Ich würde gern ein bisschen mehr vor mich in träumen. Das kann ich ja dann nach meiner Arbeit tun. Am meisten fällt mir zu meiner Arbeit ein, die lässt mich manchmal auch zu Hause in Gedanken nicht los. Im Moment haben wir ein Projekt für Schulen in Afrika. Ich habe die Kinder und die Lehrerinnen interviewt. Das war gut. Die Arbeit ist sehr interessant, aber lustig ist sie nicht gerade. Für mich ist es gut, das alles einmal kennen zu lernen. Ich hoffe, die Therapie bringt dir auch Heilung. Arbeitest du dort an deiner Tier-Phobie? Wer ist eigentlich Mirjam? Bestimmt eine liebe Frau... Demnächst machen wir eine Vortragsreihe zum Thema: Altsein im fremden Land. Da berichten alte Emigranten über das Altsein in ihrer Heimat und in Deutschland. Ich muß die Menschen interviewen und dann eine Radiosendung daraus machen. Hassan, er kommt aus dem Iran, er macht die Technik im Radio. Vorletzten Samstag hatten Sabine und Robert Richtfest vor ihrem Haus. Das war schrecklich schön – mit ganz vielen Kindern! Bei Evi bin ich selten, es geht ihr so nicht gut und nicht schlecht.
Ich gebe dir einen dicken Kuß!
Ich gehe schlafen, ich bin schon wieder müde.
Ich hoffe, du erfährst in der Therapie viel über dich, hast aber auch viel Freude!
Bis bald!
Karine.


4

JOSEF AN KARINE

(August 2011)

Liebe selige Karine!

In meiner Psychotherapie haben die Seelsorger mir gesagt, ich hätte das junge Mädchen Marion meiner Jugend zu einem Idol und Götzen gemacht. Ich sagte, in der Kirche meines Herzens gebe es einen Hauptaltar für Gott und eine Seitennische für Marion. Da haben die Seelsorger gesagt, ich solle Marion aus meiner Kirche verjagen und einen Abschiedsbrief an sie schreiben, ohne ihn ihr zu geben, nur, um mich freizusprechen. Sei gegrüßt, Marion, zum letzten Mal gegrüßt! Raus aus meiner Kirche, du Idol! Ich setze nicht den Menschen als ein Idol auf den Thron Gottes! Ich bete den Menschen nicht an! Ich bete keinen Kaiser als Gott an und bete keine Frau als Gott an! In meiner Kirche wird keiner Sünderin gedient! Du sagtest, als ich durch Deutschland gefahren, um noch einmal deine Augen zu sehen: Was willst du von mir? Ich habe dir doch gesagt, dass ich keine Lust auf dich habe! Geh mit Gott, Marion, aber geh! Reise zum Mond, aber plage mich nicht mehr bis aufs Blut! Nein, ich mache nicht einen Menschen zum Sinn meines Lebens! Die Liebe Gottes ist der Sinn meines Lebens! Wenn du mich nicht lieben willst, nun, das steht dir frei, das ändert nichts an der Liebe Gottes zu mir! Ich mich umbringen wegen dir? Zwanzig Jahre später bist du ein zänkisches Weib, ein griesgrämiges, hässliches, altes Weib! Ich, ein Dichter Gottes, ein Genie von Gottes Gnaden – in aller Demut gesagt – soll mein Amt nicht erfüllen, meine Berufung nicht vollenden, weil irgendein Mädchen keine Lust auf mich hat? Hab du deine Lust an wem du willst! Dein unwürdiger Menschenaffe möge dich beglücken! Aber quäle nicht den Liebling Gottes! Du bist nämlich nicht die Madonna! Nein, Marion bist du, aber nicht Maria! Jetzt sind meine Ohren frei, seit Jesus Heffata über mich gesprochen, jetzt höre ich, du bist Marion, und Maria allein ist Maria, Maria allein ist immerwährende Jungfrau, Maria allein die reine Lichtgestalt, Maria allein die Himmelskönigin, Maria allein ist es wert, in der Nische meiner Herzenskirche verehrt zu werden, denn sie ist ganz rein! Du aber bist böse! Du hast mich nie geliebt! Du hast mir fast mein Leben geraubt! Fort aus meinem Leben! Fort aus meiner Seele! Fort aus meinem Herzen! Fahr zum Mond oder geh nach Timbuktu! Fahr nach Buxtehude oder dahin, wo der Pfeffer wächst! – Karine, du hast einmal eine Fotografie von Marion gesehen und hast gesagt: Aber ich bin doch schöner als sie! Ja, Karine, du warst gut zu mir, du hast mir dein Herz geschenkt! Ich weine schon ein Jahr lang, weil du tot bist, aber du bist jetzt bei Maria und wartest auf mich. Ich will Maria allein lieben, sie allein ist wirklich liebenswert, sie liebt mich, sie hat Sehnsucht nach mir, sie liebt mich mit einer grenzenlosen und brennenden Liebe! Morgen ist Maria Himmelfahrt! Karine, du bist gen Himmel gefahren, wo Maria dich empfangen hat, dich an die Hand genommen hat, sie, die Schönste Frau des Himmels, und dich zu Jesus geführt hat! Und Maria führe auch mich durch dieses Tal der Tränen zu den unendlichen Freuden des Himmels, wo ich dich wiedersehen werde, Karine! Diese Hoffnung stärke mich in meiner Traurigkeit. Sei gegrüßt und gesegnet, Karine, ich bete jeden Tag in der Heiligen Messe für deine Seele, und du, Karine, bete auch für meine Seele und steh mir als Engel bei! Adieu, Karine!
Josef


5

INKA AN JOSEF

(16.6.1999)

Lieber Josef,
wie geht es Dir in Deiner Kur? Ich hoffe, es ist für Dich eine spürbare Änderung zum Guten eingetreten und Du kannst Gottes Gegenwart in deinem Leben hautnah spüren. Ich schicke Dir ein Buch über Gottes Weisheit in den chinesischen Schriftzeichen, ich dachte, Du könntest Freude daran haben. Herzliche Grüße auch vom christlichen Mittagstisch!
Alles Liebe –
Inka


6

JOSEF AN INKA

(28.8.2011, Goethes Geburtstag)

Liebe selige Inka!
Dir darf ich schreiben, Inka, denn du bist nun tot, du verstehst mich nun, und du lebst nun im Reich der Liebe, da Liebe alles in allen ist. Dir darf ich sagen, dass du in Frankfurt im Schnee mir wie eine zarte Pusteblume erschienen warst, zart wie die rosige Morgenröte über einem weißverschneiten Feld. Dein Antlitz war so fein, so rein, so edel, ich habe noch die Fotografie, wie gütig du schaust und wie liebevoll du lächelst. Ich sah dich einmal im Winter in einem Café, da machtest du mit der Händen nach, wie deine Katze mit den Schneeflocken spielte. Du erzähltest von deinem Pferd und ich bot dir meinen Mantel an, wenn du durch den Schnee nach Hause musstest. Wir waren auf einem Kongreß über die Apokalypse des Johannes. Ich saß mit meinem Freund, dem Doktor, bei einem Glase roten Weins. Die Ärztin wollte mir das Weintrinken ganz verbieten, aber mein Freund, der Doktor sagte: Laß dir doch den Wein nicht nehmen, das ist doch ein Stück Lebensqualität. Und Karines Vater sagte: Mein sehr verehrter Poet, wenn du dir den Wein nehmen lässt, dann werden deine Verse schlecht! Wir saßen also bei einem Glas Rotwein und ich sah, wie sich der rubinrote Wein im Fuß des Kelches spiegelte, wie eine feurige Flamme, die die Form einer Taube aus Feuer hatte. Das ist die Liebe! Ich sah einmal in Karines Garten auf einer hohen Tanne eine weiße Taube sitzen, die angestrahlt war von der Morgenröte, sie sah aus wie eine Taube aus Glut. Das ist die Liebe. Und da ich dich liebte, Inka, schrieb ich dir Liebesgedichte, und sogar ein Liebesgedicht auf chinesisch, und du sagtest: Ich nehme einfach deine Liebesgedichte als Liebesgedichte Jesu, meines Bräutigams, an mich! Das hast du richtig gemacht, Inka. Und was lernten wir über die Apokalypse? Ich weiß nur noch, dass der Bibellehrer von der siebenten Königin sprach. Ich weiß nicht, wer diese siebente Königin ist, aber es soll fortan der Name sein, den ich dir gebe, Inka, du siebente Königin der Apokalypse!
In ewiger Liebe,
dein Josef


7

INKA AN JOSEF

(31.1.2000)

Lieber Josef!
Wie schön, dass du geschrieben hast! Ich habe mich gefreut, von dir zu hören! Ich hoffe, es geht dir schon etwas besser. Ja, das kann ich nachfühlen, dass du dich schlecht fühlst, wenn du in deine alte Gewohnheit zurückfällst. Und auch die Selbstverurteilung macht einem dann zu schaffen. Aber Jesus klagt uns nicht an! Er vergibt, wenn du ihn um Vergebung bittest, und er hilft, wenn du ihn um Hilfe bittest. Er liebt dich auch weiterhin und wird dir heraushelfen. Vielleicht hilft dir die Erfahrung deiner Schwäche, dass man sich nicht seiner eigenen Kraft rühmt, sondern Gottes Kraft. Und manchmal sehen die Brüder gar nicht, wie sehr man leidet, und dass man ihre klugen Sprüche nicht braucht, um so richtig niedergeschlagen zu sein! Aber nun: Kopf hoch! Der Herr wird dir alles tausendfach erstatten! Gott liebt dich sehr! So viele Wunder habe ich erlebt, das würde einen ganzen Abend füllen, dir das zu erzählen. Gott fordert immer wieder mein Vertrauen heraus. Er fordert auch dein Vertrauen immer wieder heraus, dass er dich und mich liebt, so wie wir sind. Er ist es, der das Vollbringen in uns wirkt. Er wird das Vollbringen auch in dir wirken. In diesem Sinne sei herzlich gegrüßt von deiner –
Inka


8

JOSEF AN INKA

(September 2011)

Liebe selige Inka!
Heute habe ich einem kleinen Knaben ein Märchen erzählt, das schreib ich für dich auf: Mein Urgroßvater war ein Seebär, und er erzählte immer reichlich Seemannsgarn, ich kleiner törichter Knabe glaubte ihm aber alles. Er war einmal mit seinem Segelschiff zu der Insel Melodia gekommen, da wurde er herzlich willkommen geheißen von den allerschönsten Mädchen. Die Königin dieser Insel war die Jungfrau Libussa. Man meinte auf der Insel, dass die Buchstaben, die von Kindern so schwer zu lernen sind, alle Weisheit vernichten. Darum bewahrte man die Weisheit in Gesängen auf. Die Königin Libussa war die Meistersängerin und die Mutter der Weisheit. Ihre wunderschönen Gesänge, die noch das Flöten der Nachtigall übertraf, bewahrte man in leeren Weinflaschen auf. Nun fand ich eines Tages an dem Strand der Insel Baltrum eine leere Weinflasche, verkorkt, da war eine Botschaft drinnen gefangen. Ich entkorkte die Weinflasche und hervor kam eine traurige Melodie voller Seufzer: Bitte, Josef, rette uns! Unsre Insel Melodia ist in großer Not! Eile herbei, du schöner junger Ritter, zu unserer Rettung! Da machte ich ein Schiff klar und segelte über die sieben Weltmeere zu der Insel Melodia. Ich wurde aber gar nicht herzlich willkommen geheißen von den wunderschönen Mädchen! Alle hatten sich Stöpsel in die Ohren gesteckt! Denn auf der Insel herrschte nicht mehr die wunderschön singende Königin Libussa, sondern der Böse Onkel, der die Insel erfüllte mit seinen teuflischen Brüllen. Ich kam in ein Schloß, das leer zu sein schien, aber da sah ich das kleine Mädchen Valea, die Nichte der Königin Libussa, sie war etwa vier Jahre alt, und sagte mir unter Tränen, dass ich meinem Urgroßvater, dem Seebären, sehr ähnlich sähe. Sie hätte die Flaschenpost geschickt, denn ihre Tante, die schöne Königin Libussa, sei von dem Bösen Onkel mit seinem teuflischen Brüllen verzaubert worden, so dass sie die Stimme verloren habe. Außerdem käme morgen der Drache von der Nachbarinsel, um alle Jungfrauen zu verschlingen! Einmal im Jahr wachte er auf und käme auf die Insel Melodia, aber der wunderschöne Gesang der Königin Libussa habe ihm immer ganz zahm und sanft gemacht, so dass er sich mit Bananenkeksen zufrieden gab. Aber nun sei ja die Königin Libussa stumm, und der Böse Onkel mit seinem teuflischen Brüllen würde den Drachen sicher nur noch mehr aufreizen, die niedlichen Jungfrauen zu verschlingen. Ich versprach, die Insel zu retten und alle niedlichen Mädchen zu beschützen vor dem Drachen. Aber ich schlich mich in den Herrscherpalast des Bösen Onkels und erfuhr, dass er in der Nacht die Insel Melodia heimlich verlassen wollte und die Mädchen dem Schicksal und dem Drachen überlassen wollte. Ich sah auch schon sein Schiff, auf dass er alle Weinflaschen der gesungenen Weisheit gebracht hatte. Ich leerte aber alle Gesänge ins Meer aus, mögen die Delphine weise werden und schöne Gesänge lernen! Nur die Weinflasche mit dem Weisheitsgesang der Heilung nahm ich mit und öffnete sie vor der stummen Königin Libussa, zu der mich ihre kleine Nichte Valea geführt hatte. Da begann die schöne Königin Libussa zu singen, eben als die Morgenröte im Osten erschien. Gerade kam der wilde Drache von der Nachbarinsel, aber er war so sanft und zahm, dass die kleinen Mädchen ihn mit Bananenkeksen abspeisen konnten. Der Böse Onkel aber war geflohen, er hatte nur noch eine einzige Weinflasche an Bord seines Schiffes, darin war gefangen die Torheit seines teuflischen Brüllens, die ihn nun alle Ewigkeit plagte. Nun war die Insel Melodia gerettet, die Königin Libussa sang wieder. Ich verließ stolz und glücklich die Insel und versprach, in hundert Jahren wiederzukommen. Die Königin küsste mich zum Abschied und so – Ende gut, alles gut!
Dein
Josef


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PAPST JOHANNES PAUL AN JOSEF MARIA MAYER

Sehr geehrter Herr Josef Maria Mayer!
Gerne bestätige ich Ihnen den Empfang Ihrer Namen-Marien-Litanei vom Mai des Jahres 2002, die Sie dem Heiligen Vater gewidmet haben. Zugleich darf ich Ihnen freundlich mitteilen, dass Seine Heiligkeit für dieses Zeichen der Verbundenheit mit dem obersten Hirten aufrichtig dankt. Papst Johannes Paul II. schließt Ihre Anliegen in sein Beten ein und erbittet Ihnen für Ihren weiteren Lebens- und Glaubensweg Gottes treuen Schutz und die Freude des Heiligen Geistes.
Mit besten Wünschen
Pedro


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JOSEF MARIA MAYER AN JOHANNES PAUL DEN GROSSEN

Heiliger Vater!
In Indien ist eine tödliche Seuche ausgebrochen, so las ich vor einigen Wochen in der Zeitung. Ich kümmerte mich nicht weiter um die dreißigtausend Toten, so viele Menschen sterben täglich. Aber dann las ich, die Seuche habe den ganzen asiatischen Kontinent ergriffen, sei übergesprungen nach Amerika und von dort nach England gekommen. Die deutsche Regierung erlaubte keinem Ausländer mehr, nach Deutschland zu kommen. Die Zahl der Toten ging in die Millionen. Da fand ein Wissenschaftler ein Gegenmittel heraus: Das Blut eines kleinen Kindes, das noch nicht von der Seuche befallen ist, kann als Gegenmittel gegen die tödliche Seuche verwandt werden. Ich sagte zu meinem Sohn Milan: Milan, bist du bereit, einige Tropfen Blut zu spenden als Gegenmittel gegen den Tod. Und Milan, ein kleiner Heiliger und ein wahrer Heros, sprach: Ja, Papa! Wir gingen in das Pius-Hospital und dort erklärte uns der Arzt, er bräuchte alles Blut, jeden einzelnen Blutstropfen meines Lieblings. Ich war zu Tränen erschüttert. Ich besprach mich mit Milan: Mein Liebling, wärest du bereit, all dein Blut zu opfern, um die Fluten des Todes aufzuhalten? Milan sagte: Papa, ich habe Angst, aber wenn es nicht anders geht? Es geht nicht anders, mein Schatz, sagte ich. Dann gebe ich mein Blut zur Rettung der Menschheit, sagte Milan tapfer. Und so wurde die Seuche aufgehalten, die Menschheit gerettet, aber mein geliebter Milan war tot. Ich stiftete ein Gedächtnisfest, an diesem Tag der Woche versammelten sich die Menschen, dachte ich, um an den heldenhaften Opfertod meines über alles geliebten Milan zu denken. Aber die einen mussten an der Börse spekulieren, die andern mit ihren Hunden spazieren gehen, andere meinten, so wäre das doch nicht im Sinne des Erfinders, andere suchten sich flüchtige Liebschaften, und ich war traurig: War keiner Milan dankbar? Ihr Undankbaren! rief ich, ihr habt euer Leben meinem Milan zu verdanken und nun ist er euch nicht eine Stunde der Woche wert, um sein Andenken zu ehren? – Heiliger Vater, es ist die Liebe, die rettet, die Liebe bis zum Tod, die Liebe bis zum letzten Blutstropfen! Meine Liebe zu Milan hab ich von dir gelernt, o Heiliger Vater, denn so wie ich meinen Milan liebte, so liebtest du die ganze Menschheit!
Dein dankbarer Sohn –
Josef

Als Josef Maria Mayer seine Briefe vorgelesen hatte, erhob der Kaiser von Gottes Gnaden, der römische Kaiser Konrad seine Stimme und sagte: Ihr wollt Corinna vom Tiber bei den Huris unterbringen, auf dem Carina-Sternenhaufen, an den Brüsten der Gottesmutter, im seligen Totenreich des Himmels, aber ich gebe ihr den höchsten Ort: Im Herzen der Ewigen Weisheit soll Corinna vom Tiber ihren Thron erhalten! Darum preise ich die Ewige Weisheit, die so voller Barmherzigkeit und Gnade ist, dass sie in ihren inneren Zyklus der Liebe Corinna vom Tiber aufnehme! Und Kaiser Konrad pries die Ewige Weisheit:

INDISCHE WEISHEIT




1

Einst, als der Herr auf Erden war, da lebte ein Mönch auf dem schwarzen Felsen. Durch ständiges Streben nach Heiligkeit erreichte er die himmlische Freiheit. Aber obwohl er sechsmal die himmlische Freiheit erreichte, ging sie ihm sechsmal verloren. Da dachte der Mönch auf dem schwarzen Felsen: Wie, wenn ich zum siebenten Mal die himmlische Freiheit erreichte und sie nicht wieder verlöre, weil ich mir mit dem Messer die Pulsadern aufschneide? Da erkannte der Teufel, was im Geist des Mönches vom schwarzen Felsen vorging und der Teufel sprach zum Herrn: O Gott-Held, Ewige Weisheit, göttliche Kraft und schönste Herrlichkeit, ganz in der Liebe lebend, gegrüßet seiest du! Dein Jünger wünscht sich den Tod, obwohl er von dir das Ewige Leben empfangen hat. Rede ihm das aus, du Licht der Welt! Denn wie, o Herr, kann einer deiner Jünger sich selbst ermorden? Im gleichen Augenblick schnitt sich der Mönch auf dem schwarzen Felsen unter einem Feigenbaum die Pulsadern auf. Da sprach der Herr zum Teufel: Ja, so handeln die Weisen, es verlangt sie nicht nach dem irdischen Leben. Das Begehren nach Lust der Erde hat der Mönch an der Wurzel ausgerissen und das Jenseits erreicht, das Reich Todlos. Da ging der Herr mit seinen Jüngern zum schwarzen Felsen, und sie sahen einen Qualm aufsteigen, einen stinkenden grauen Qualm, und da sprach der Herr zu seinen Jüngern: Das ist der Teufel, auf der Suche nach der unsterblichen Seele des Mönches vom schwarzen Felsen. Aber, o meine Jünger, der Mönch vom schwarzen Felsen, der aus einer guten Familie stammt, hat das Jenseits erreicht. Er war ein Weiser, immer Weisheit suchend, er war ein Heiliger, immer der Heiligkeit nachjagend, er hat die Heere des Todes überwunden, er kommt nicht wieder in das irdische Tal der Tränen, der Mönch vom schwarzen Felsen hat den Fuß des Fegefeuers erreicht.


2

Der Teufel sprach zu einer Nonne vom Heiligen Herzen: Woran hast du keine Lust? Die Nonne vom Heiligen Herzen sprach zum Teufel: Ich habe keine Lust an dem Tage meiner Geburt! Da fragte der Teufel: Warum nicht? Nur weil du geboren worden, konntest du dich ergötzen an den Lüsten der körperlichen Liebe! Wie kommt es, dass du keine Lust hast an dem Tage deiner Geburt? Da gab die Nonne zur Antwort: Als ich geboren wurde, begann ich zu sterben! Der Tag des Todes ist besser als der Tag der Geburt! Besser als die Lebenden haben es die Toten! Ja, und besser als die Toten haben es jene, die nie empfangen worden sind! Der Herr lehrt doch die Erlösung von Leid und Tod, er hat mich in der Ewigen Weisheit verwurzelt. Jene Wesen, die in dem Ätherleib leben in den kristallenen Ätherwelten und jene, die noch als bloße Idee im Geiste des Ewigen leben, wenn sie nicht bleiben, wo sie sind, so müssen sie leiden im Tal der Tränen! Doch jene Geister, die in geistigen Lichtkörpern leben in den himmlischen Welten und dort bleiben, die sind erlöst vom Jammertal. Dort lehrt sie der vollkommene Herr den fleckenlosen Zustand der Seligkeit.


3

Der Herr sprach zu seinem Lieblingsjünger: Du lebst das Leben des Herrn nicht mit dem eifrigsten Streben! Willst du denn verharren in dem Tal der Tränen? Da sprach der Lieblingsjünger zum Herrn: Mein Herr und mein Meister, als ich von meinem Vaterhause fortging, da schaute ich ein appetitliches Weib mit wonnigen Brüsten, die sagte mir: Komm in meine Liebeslaube! Herr, an dieses appetitliche Weib mit den wonnigen Brüsten muß ich immer denken und habe darum wenig Lust zur Askese der Heiligkeit, ich kann die Ehelosigkeit kaum noch ertragen und möchte sie fortwerfen und zurückkehren an die wonnigen Brüste dieses appetitlichen Weibes! Da nahm der Herr seinen Lieblingsjünger liebevoll in die Arme und verschwand mit ihm aus dem Garten und erschien mit ihm in den dreiunddreißig Himmeln. Dort waren tausend Jungfrauen, taubengleiche Bräute, alle bereit, dem Herrn zu dienen. Und der Herr sprach zu seinem Lieblingsjünger, wo mehr Schönheit sei, bei seinem irdischen Weib mit den wonnigen Brüsten oder bei diesen paradiesischen Bräuten? Da sagte der Lieblingsjünger dem Herrn: O Herr, verglichen mit diesen paradiesischen Jungfraun mit den Taubenbrüsten ist das irdische Weib eine Affenmutter mit Affentitten, die tausend paradiesischen Jungfraun sind von einer nahezu göttlichen Schönheit! Daraufhin nahm der Herr den Lieblingsjünger wieder in die Arme und drückte ihn an sein Herz und verschwand mit ihm aus den dreiunddreißig Himmeln, und sie waren wieder in dem Garten auf Erden. Die andern Mönche hörten, dass der Herr seinem Lieblingsjünger einen Himmel voller paradiesischer Jungfraun mit Taubenbrüsten verheißen hat, und da verspotteten die keuschen Mönche den Lieblingsjünger des Herrn: Du wirst sehr von deinen Trieben beherrscht! So verspottet von den anderen Mönchen, blieb der Lieblingsjünger des Herrn allein, lebte einsam, lebte ehelos, strebte der Heiligkeit nach, meditierte lange, fastete und betete, denn er wusste: Das Leiden ist bald vorüber, und der Herr wird mich in einen Himmel voller Schönheit und Liebe führen. So war der Lieblingsjünger zu einem Eremiten geworden.


4

Der Herr sprach: Meine lieben Jünger, so wie der Löwe der König der Tiere ist, weil er so voller Kraft ist, so ist die Weisheit die Königin der Tugenden. Welche Gaben schenkt der Geist? Die Ehrfurcht vor der Göttlichkeit, den vernünftigen Rat, die Vernunft und den Verstand, den Mut, die Gerechtigkeit, die Besonnenheit, aber die Weisheit ist die Krone und Königin dieser Tugenden. Was ist denn Weisheit? Sie ist Einsicht, Klugheit, Besonnenheit, Keuschheit, Jungfräulichkeit, Urteilsvermögen, die Gabe der Unterscheidung der Geister, die Geschicklichkeit des Zimmermanns, die Kunst des Dichters, sie ist der geistliche Spürsinn, sie ist der überlegene Geist des Menschen, sie ist fein und rein und alldurchdringend. Die Weisheit ist göttliche Kraft, ist das Schwert des Wortes, ist ein Weinberg, ist das Licht der Welt, ist der Glanz der Ordnung und die Idee der Schönheit, ist die Herrlichkeit in Ewigkeit, ist die Wahrheit und der rechte Glauben, das ist die Weisheit. Was ist der Edelstein der Weisheit? Es ist die Gabe der Unterscheidung der Geister, auch genannt der geistliche Spürsinn, die heilige Nase, die unterscheiden kann den Duft des Ewigen Lebens und den Gestank des Zweiten Todes, der unterscheiden kann das Gute vom Bösen und es nicht vermischt, der unterscheiden kann die eine reine und absolute Wahrheit von den vielfältigen Formen der Lüge und des Irrtums, der unterscheiden kann geistiges Licht und spirituelle Finsternis, der die Ursache aller Leiden erkennt und den Sinn der Leiden und die ewige Erlösung von den Leiden und der unterscheiden kann die breiten Straßen in die Unterwelt und den schmalen Pfad und die enge Pforte zum Heil. Bald wird erlöst sein, wer in sich die Weisheit empfängt, bald erreicht er das todlose Leben und das reine Sein.


5

Der Jünger fragte den Meister: Mein Herr und Meister, was ist das Wesen der Ewigen Weisheit? Und der Herr sprach zum Schüler: Die Ewige Weisheit ist mit menschlichen Worten nicht aussprechbar. Da sagte der Jünger: Ist es mit der Ewigen Weisheit so wie mit der Ewigen Liebe, der Göttlichen Kraft, der Universellen Barmherzigkeit? So wie man jene findet, so findet man auch die Ewige Weisheit? Der Herr sprach: Eben durch die eine Gottnatur, in welcher die Ewige Liebe, die Göttliche Kraft und die Universelle Barmherzigkeit existieren, eben durch dieselbe eine und einzige Natur existiert auch die Ewige Weisheit. Der Jünger sprach: Wie kann ich zur Ewigen Weisheit gelangen? Der Herr lächelte und sprach: Sind nicht die Menschen befangen in ihrem Ich-Denken, in ihrer Selbstverliebtheit und in ihrer Verkrümmung in sich selbst? Sind sie nicht blind vor lauter Habenwollen und Selbstanbetung? Wie sollen solche blinden Menschen die Ewige Weisheit erkennen? Man muß leer sein, das ist die Lehre von der Leere, man muß leer sein, um als ein Gefäß die Fülle der Weisheit empfangen zu können. Der Jünger sprach: Kann ich also, wenn ich leer bin, die Ewige Weisheit besitzen? Der Meister lächelte und sprach: In Demut erkenne, daß nicht du die Weisheit besitzt, sondern dass die Weisheit dich besitzt!


6

Ehre sei der Ewigen Weisheit! Der Heilige der Barmherzigkeit bewegte sich auf der Bahn der Ewigen Weisheit, die zum Himmel führt. Er schaute auf die Welt herab und sah die Formen der Dinge und dann sah er ins Nichts, und im Nichts war kein Körper, waren keine Brüste, waren keine Münder und keine Nasen, war kein Geruch von Rauch und kein Geschmack von Fischen, gab es keine mandelförmigen Augen und keine Pfirsichwangen, im Nichts gab es kein Werden und Vergehen, im Nichts gab es kein Leben und keinen Tod, im Nichts gab es keine Torheit und keine Weisheit. Diesem Heiligen der Barmherzigkeit ist alles Wirkliche nur ein Nichts, er schwebt über allem in der vollkommenen Weisheit und so ist er frei von Bindungen an die Dinge und kann mit aller Seelenruhe in den Himmel eingehen. Alle, die auf Erden als Heilige erschienen sind, haben sich allein verlassen auf die vollkommene Weisheit, und man sollte wissen, dass es der Spruch des Meisters ist, der alle erleuchtet: Es ist vollbracht! Ich lege meinen Geist in deine Hände, Vater!


7

Ehre sei dir, Ewige Weisheit! Du bist ein grenzenloser, transzendenter Gedanke! Alle deine Glieder sind ohne Makel, du Makellose, Frau Weisheit! Die dich erkennen, werden rein von Sünde. Ohne Flecken, Runzeln und Falten schwebst du von einem Ende des Alls zum andern, schweigend wie der Raum. Wer dich in Wahrheit schaut, der sieht den Herrn. Wie das Mondlicht nicht verschieden ist vom Mond, so bist du, die reich an allen Gnaden ist, nicht unterschieden von dem Herrn der ganzen Welt, dem einzigen Lehrer der Menschheit. Die zu dir kommen, Barmherzigkeit, denen du den wahren Glauben offenbarst hast, Frau Weisheit voll der Gnade, die werden leicht die Herrlichkeit des Himmels erreichen. Sind sie reinen Herzen, ungeteilten Herzens, werden sie dich schauen, dich zu schauen, bringt in ihnen gute Früchte hervor. Allen Menschen guten Willens, denen das Heil der andern Menschen am Herzen liegt, bist du eine liebende Mutter, eine Frau Weisheit mit nährenden Brüsten, die grenzenlose Liebe schenkt. Alle Heiligen sind deine barmherzigen Söhne, so, Gebenedeite, bist du die Mutter aller Lebendigen. Immer bist du umgeben von allen Vollkommenheiten, wie der Mond umgeben ist von den Sternen, o du Allreine, o du Heiligste aller Heiligen! Die Lehrer der Menschheit zeigen dich den Menschen als die Einzige. Wie die Tautropfen verschwinden von der Wärme der Sonne, so verschwindet alles Grübeln, wenn wir dich erschauen. Wenn du deinen Zorn offenbarst, erschrecken vor dir die Toren, wenn du voller Güte lächelst, ergötzen sich an dir die Weisen und finden neuen Mut und neue Lebenskraft. Du bist überall und nirgends, und selbst die Weisen haben keinen Ort gefunden, wo du lebst. Dich zu sehen, die du nirgends gefunden wirst, an keinen Ort gebunden bist, dich so zu sehen und zu finden, heißt, der Freiheit Flügel zu geben. O wie süß ist das und voller Wunder! Wer dich schaut, der ist an dich gebunden, und wer an dich gebunden ist, der ist frei. Wer dich nicht kennt, der ist nicht an dich gebunden, und wer nicht an dich gebunden ist, der ist nicht frei. Wundervoll bist du, hocherhaben über alles Seiende, schwer ist es, dich zu erkennen, denn du bist tief verborgen und sehr geheimnisvoll. Wir sehen nur Schatten, und in dem Reich der Schatten wirst du nicht erblickt, denn du bist das Licht, du bist die Sonne der Erleuchtung. Alle Heiligen und alle Lehrer verkünden dich als den einzigen Weg zum Heil, wahrlich, du allein bist der Weg und außer dir gibt es keinen Weg zum Himmel. Der barmherzige Erlöser spricht von dir nach seiner Art, er spricht so von dir, dass das Volk ihn verstehen kann. Wer aber kann dein Lob singen? Mit meiner Muttersprache lobpreise ich dich und schere mich nicht um den Beifall der Welt. Irdischer Ruhm ist eitel. Aber wer dich preist, Ewige Weisheit, der gelangt in die Glückseligkeit! Möge das Verdienst, das ich mir erwerbe durch den Lobpreis der Ewigen Weisheit, erreichen, dass sich die ganze Welt der Ewigen Weisheit zu Füßen legt!


8

HYMNE AN DIE MUTTER

O der wonne-schöne Gipfel
Mit den mannigfachen Erzen,
Mit den Ranken und den Bäumen,
Echo hallt den Sang der Vögel,

Wasserfälle rauschen murmelnd,
Viele wilde Tiere wimmeln
Aller Arten, aller Arten
Wachsen Gattungen von Blumen,

Voll von Saft sind da die Früchte
Und man hört die Bienen summen
Und die Nachtigallen singen
Und die Elefantenherden

Und die Scharen weiser Zaubrer
Und die Jünglinge der Götter
Und die göttlichschönen Nymphen
Und die heiligen Asketen

Und die Heiligen des Himmels
Und die eingeweihten Meister,
Göttinnen und Königinnen,
Mütter, Mütter, junge Nymphen,

Götter in dem Zorn der Götter
Und viel andre ernste Götter
Und den Meister des Erbarmens,
Der sich müht ums Wohl der Menschen,

Um das Wohlsein aller Wesen,
Er sitzt auf dem Lotossitze,
Ein Asket von ernster Würde,
Voller Freundlichkeit und Mitleid,

Die Versammlungen der Götter
Hören seine Glaubenslehre
Und der größte Dichter-Seher
Kam zum Meister des Erbarmens

Und getrieben von Erbarmen
Frug den Meister jener Dichter:
Ach, von Mördern und von Schlangen
Und von Flammen und von Panthern

Sind bedrängt die Menschen, Meister,
In dem Werden und Vergehen,
In den Fesseln dieser Erde
Und der Leidenschaften Ketten.

Sage mir, o großer Weiser,
Was denn kann die Menschen retten
Aus dem Werden und Vergehen?
Der Erlöser sagte leise:

Mütter, Mütter aller Welten,
Die aus meiner Kraft geboren,
Die begabt sind mit Erbarmen,
Zur Errettung sind geschaffen,

Wie die Sonne anzuschauen,
Anzuschauen wie der Vollmond,
So erleuchten jene Mütter
Bäume, Götter und die Menschen.

Sie erschüttern alle Welten
Und erschrecken die Dämonen.
Und die große Göttin-Mutter
Spricht: Habt keine Angst, o Menschen!

Zur Beschützung aller Wesen
Haben mich gezeugt die Götter.
An den dunklen Schreckensorten
Und in Zeiten der Gefahren,

Denkt man nur an meinen Namen,
So beschütz ich alle Wesen.
Durch die Sintflut führ ich alle,
Durch der eignen Ängste Sintflut.

Deshalb singen Dichter-Seher
Lieder von mir auf der Erde,
Nennen mich die Himmelsmami
Und die Schwarze Große Mutter,

Heben ehrfurchtsvoll die Hände,
Voller Achtung und Verehrung.
Also sprach ein Dichter-Seher:
Mutter, sag mir deinen Namen!

Nenne deine hundert Namen,
Von den Göttern einst verkündet,
Von dem heiligen Erlöser
Und den eingeweihten Meistern,

Die vernichten alles Böse,
Glück und Dichterruhm vermehren,
Die uns schützen die Gesundheit,
Nenn uns deine Namen, Mutter!

Und der Meister des Erbarmens
Schaute lächelnd auf den Kosmos,
Hob die Hand und gab ein Zeichen,
Reich an Weisheit, also sprach er:

Höre, der du reich begabt bist,
Dichter-Seher voller Weisheit,
Du, beliebt bei allen Wesen,
Höre du der Mutter Namen.

Menschen, die sie wiederholen,
Allzeit diese Namen murmelnd,
Werden Menschen, reich an Schätzen,
Reich an Tugend, frei von Krankheit.

Frühen Tod vermeiden jene
Unterm Schutz der Großen Mutter.
Wer der Mutter Namen murmelt,
Geht im Sterben ein ins Leben.

Ihre Namen will ich singen.
Die Versammlungen der Götter
Sollen lauschen meiner Hymne.
Friede sei mit euch, ihr Götter!

*

Du bist Licht mit schönen Augen,
Freude du des Sternenlichts,
Alle Wesen Mitleid saugen
Aus dem Glanz des Angesichts,

Du Erlöserin der Wesen,
Tausend Augen voller Charme,
Drin wir süßes Mitleid lesen,
Tausend Arme, Arm in Arm,

Ehre der Gebenedeiten,
Mutter, blick herab auf mich,
Läuternde in Sternenweiten,
Nur gereinigt schau ich dich,

Tochter du der Himmelsgötter,
Herz voll süßer Freundlichkeit,
Mutter aller unsrer Retter,
Makellos, gebenedeit,

Du in deinem grünen Mantel,
Weisheitsvoll hervorgeragt,
Schöngeschminkte Augenmandel,
Dein sind die Triumphe, Magd,

Führerin der Kriegerheere,
Furchtbarschrecklich anzuschaun,
Du Allmächtige der Meere,
Du Gewaltigste der Fraun,

Wild wie Fegefeuers Hitze
An dem Ende unsrer Zeit,
Amme auf dem Lotossitze,
Weltberühmt, gebenedeit,

Göttin Wort, mit großen Augen,
Die die Weisheit wachsen lässt,
Draus wir große Klugheit saugen,
Du der Himmelsschönheit Fest,

Du Verleiherin des Mutes,
Du Verleiherin von Gold,
O du Herrin unsres Blutes,
Form der Formen, schön und hold,

Die das Heil will aller Wesen,
Aus den Nöten Retterin,
Da wir vom Triumphe lesen,
In den Kämpfen Siegerin,

Göttin der vollkommnen Weisheit,
Die du mir das Herz erhebst,
Die in Stille und in Leisheit
Sanft in meinem Herzen lebst,

Freundin von den Trommelschlägen,
Du vollkommne Königin,
Die du spendest Himmelssegen
Und die Lehre meinem Sinn,

Königin, die freundlich redet,
Mit dem Monden-Angesicht,
Wenn ich still zu dir gebetet,
Lächelst du mich an im Licht,

Unbesiegte, glänzend scheinend,
Du im goldenen Gewand,
Diese ganze Welt vereinend,
Mutter du in jedem Land,

Heldenhafte, voller Stärke,
Fähig auch zu wildem Zorn,
Wie verdienen unsre Werke,
Doch auch aller Gnaden Born,

Die den Bösen wird erschlagen,
Du, die voller Seelenruh,
Sieghaft in den Kriegestagen,
Schön von mildem Glanze du,

Die am Gürtel trägt die Blitze,
Unsre Fahnenträgerin,
In der Scheide schmalem Ritze
Trägt das Schwert die Kriegerin,

Auf dem Rade aller Welten,
Mit dem Pfeil und Bogen du,
Die du allen wirst vergelten,
Die du führst dem Himmel zu,

Stürzt die Bösen in die Hölle,
Die du wandelst in der Nacht,
Schützerin, du Lebensquelle,
Ruhevolle Liebesmacht,

Liebende und Vielgeliebte,
Liebliche Gespielin mein,
Von der Sünde du Betrübte,
Wortes Mutter willst du sein,

Du Verborgene, Geheime,
Wohnend an verborgnem Ort,
O du Muse meiner Reime,
Mutter du dem Gotteswort,

Wohlgesinnte, voller Gnade,
Voller Sanftmut, voller Gunst,
Alle kennend, rein wie Jade,
O du Muse meiner Kunst,

Schneller du als der Gedanke,
Mit der Perlenschnur geschmückt,
Ehrt dich Retterin der Kranke,
Der zum Tod schon aufgeblickt,

Morgenstern der Dämmerungen,
Groß an Kraft und reich an Tat,
O du Feuer meiner Zungen,
Siegerin und voll der Gnad,

Führerin der Karawanen,
Mit dem mitleidsvollen Blick,
Rettung weißt du uns zu bahnen,
Führest uns zu Gott zurück,

Du Verteilerin von Gnaden,
Meisterin und Lehrerin,
Von dem Scheitel zu den Waden
Unsre schönste Lieblingin,

Wie ein bunter Regenbogen,
Du vollkommne Zauberin,
Armut, die uns nie betrogen,
Unsrer Armut Retterin,

Du bist ewig und unsterblich,
Du bist reich und voll Verdienst,
Gut veranlagt, unverderblich,
Die du stets voll Schönheit schienst,

Die du kannst den Tod erschrecken,
Fürchterlich und schauerlich,
Führst uns zu den letzten Zwecken,
Willst das Heil für jedes Ich,

Zuflucht, Freundin deinen Freunden,
Meisterin der Sprache, Glück,
Herrin ewiger Gemeinden,
Die uns führt ins Licht zurück,

Du Beständige, voll Dauer,
Mutter jedes guten Plans,
Helferin und Trost der Trauer,
Pflegerin des wilden Wahns,

Tochter Gottes, unsre Göttin,
Mutter des Erlösers du,
Du des Gottesgeistes Gattin,
Mama, meine Seelenruh !