Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

GNOSTISCHE SOPHIA



Zwei Nag-Hammadi-Schriften

Deutsch von Josef Maria Mayer


ERSTER TEIL
DIE PERFEKTE GEISTIGKEIT

Ich wurde von der Kraft gesandt

Und ich kam zu denen, die über mich meditieren,
Und ich wurde gefunden bei denen, die mich suchten.
Schaut mich an, die ihr über mich nachdenkt,
Und ihr Hörer, hört mich!
Ihr wartet auf mich? Nehmt mich zu euch
Und verbannt mich nicht aus eurer Schau
Und redet nicht hässlich über mich
Und hört keinen hässlichen Worten über mich zu!
Seid nicht ignorant, zu keiner Zeit,
Seid wachsam
Und seid nicht ignorant!

Ich bin die Erste und die Letzte,
Ich bin die Verehrte und die Verschmähte,
Ich bin die Hure und die Heilige,
Ich bin die Gattin und die Jungfrau,
Ich bin die Mutter und die Tochter,
Ich bin die Schwangere
Und viele sind meine Kinder,
Ich bin die, deren Hochzeit herrlich ist,
Und ich habe keinen Ehemann,
Ich bin die Witwe und die Unfruchtbare,
Ich bin der Schmerz meiner Wehen,
Ich bin die Braut und der Bräutigam
Und mein Gatte empfängt mich,
Ich bin die Mutter meines Vaters
Und die Schwester meines Gatten
Und Er ist mein Ursprung,
Ich bin die Sklavin meines Schöpfers,
Ich bin die Herrscherin meines Ursprungs,
Er zeugte mich vor meiner Geburt, vor aller Zeit,
Und meine Macht ist von Ihm,
Ich bin der Stab seiner Kraft in seiner Jugend,
Er ist die Rute meines Alters
Und was immer er für mich sein will.

Ich bin die unerschütterliche Stille
Und die Idee, an die zu denken schön ist,
Ich bin die Stimme, deren Klang reich ist,
Und das Wort, dessen Erscheinung oft ist,
Ich bin das Aussprechen meines Namens.

Warum, ihr die ihr mich hasst, warum liebt ihr mich?
Warum hasst ihr die, die mich lieben?
Ihr, die ihr mich verleugnet, bekennt mich!
Ihr, die ihr mich bekennt, verleugnet mich!
Ihr, die ihr die Wahrheit über mich sagt,
Sagt doch Lügen über mich!
Ihr, die ihr Lügen über mich sagt,
Sagt doch Wahrheit über mich!
Ihr, die ihr mich kennt, seid doch unwissend über mich!
Jenen, die mich nicht kennen, macht mich ihnen nicht bekannt!

Denn ich bin Wissen und Ignoranz.
Ich bin Schande und Mut.
Ich bin schamlos und ich bin beschämt.
Ich bin Stärke und Angst.
Ich bin Krieg und Frieden.
Ich bin die, die keine Gnade fand
Und bin die Große Eine.

Achtet auf meine Armut und auf meinen Reichtum!
Seid nicht arrogant zu mir,
Wenn ich auf die Erde geworfen werde,
Und ihr werdet mich in dem Kommenden finden.
Schaut mich nicht an, hier auf diesem Misthaufen!
Geht nicht fort und lasst mich nicht allein
Und ihr werdet mich finden in dem Königreich.
Schaut mich nicht an, wenn ich als Verworfene lebe
Bei den Verworfenen an den stinkenden Orten
Und lacht nicht über mich!

Seid wachsam!
Hasst nicht meinen Gehorsam
Und liebt nicht meine Selbstbeherrschung,
In meiner Schwachheit verlasst mich nicht
Und seid nicht ängstlich wegen meiner Kraft.
Warum verachtet ihr meine Furcht
Und verflucht meinen Stolz?
Ich bin die, die in allen Ängsten existiert,
Und die Kraft bin ich in den Zitternden,
Ich bin die, die schwach ist,
Und mir ist wohl an einem angenehmen Ort,
Ich bin verrückt und weise!

Warum hasst ihr mich in euren Ratsversammlungen?
Ich soll still sein unter den Stillen im Lande
Und ich soll erscheinen und sprechen.
Warum habt ihr mich gehasst, ihr Griechen?
Weil ich Barbarin unter Barbaren war?
Ich bin die Weisheit der Griechen
Und die Erkenntnis der Barbaren.
Ich bin die Richterin der Griechen und der Barbaren.
Ich bin die, deren Ikone groß ist in Ägypten,
Und die, die keine Ikone hat unter den Barbaren.
Ich bin die, die überall gehasst wird
Und die überall geliebt wird.
Ich bin die, die man Leben nennt
Und die du Tod genannt hast.
Ich bin die, die man nennt das Gesetz
Und die du Freiheit vom Gesetz genannt hast.
Ich bin die, die ihr verstreut habt,
Und die, die ihr gesammelt habt.
Ich bin die, vor der ihr euch schämtet,
Und ihr wart schamlos zu mir.
Ich bin die, die kein Festival feiert,
Und bin die, die viele Festivals feiert.
Ich, ich bin gottlos,
Und ich bin die, deren Gott groß ist.
Ich bin die, über die ihr nachdenkt
Und die ihr verfolgt.
Ich bin die, die ihr verschmäht habt,
Und ihr denkt doch über mich nach.
Ich bin die, vor der ihr euch versteckt habt,
Und ihr erscheint vor mir.
Aber wenn ihr euch auch versteckt,
Ich werde erscheinen.
Denn immer, wenn ihr erscheint,
Werde ich mich vor euch verbergen.

Nehmt mich zu euch selbst
Und in euer Verständnis und in euren Gram.
Nehmt mich zurück zu euch selbst
In eure ruinierten und schmutzigen Wohnungen.
Nehmt mich denen weg,
Die gut sind selbst in ihrer Schlechtigkeit.
Nehmt mich schamlos weg von der Scham.
Meine Scham und meine Schamlosigkeit
Verpflanzt in eure Glieder.
Kommt zu mir, die ihr mich nicht kennt,
Und ihr, die ihr meinen Körper kennt.
Kommt vorwärts! Zur Kindheit!
Und verachtet die Kindheit nicht, weil sie klein ist!
Wendet die Größe nicht ab von den kleinen Gliedern,
Denn die Kleinen sind bekannt als die Großen.

Warum flucht ihr mir und ehrt mich?
Ihr habt verwundet und ihr habt Erbarmen.
Trennt mich nicht von der Ersten, die ihr erkannt habt,
Und verweist keine und weist keine davon.
Wendet euch ab und kennt den Menschen nicht!
Was Meines ist, ist eures.
Ich kenne die Erste
Und die nach ihr kennen mich.

Ich bin das Denken meines Geliebten
Und bin die Ruhe meines Geliebten
Und ich bin die Erkenntnis meiner Vertrauten.
Ich finde die, die mich suchen,
Ich gebiete denen, die nach mir fragen
Und suchen die Kraft der Kräfte in meiner Erkenntnis
Über die Engel, die auf mein Wort hin gesandt werden,
Und über die Götter in ihren Jahreszeiten nach meiner Weisung
Und über die Geister aller Männer, die mit mir waren,
Und über alle Frauen, die in mir wohnten.
Ich bin die Geehrte, die Gepriesene
Und die Verhöhnte und Verschmähte.
Ich bin Friede
Und wegen mir begann der Krieg.
Ich bin eine Fremde und eine Bürgerin.
Ich bin die Substanz und die Akzidenz.

Die, die nicht mit mir verbunden sind,
Das sind die Ignoranten.
Die in meiner Substanz sind, die kennen mich.
Die mir nahe waren, sind nun ignorant geworden.
Die fern von mir waren, die erkennen mich nun.
An dem Tag, da ich dir nah bin,
Bist du fern von mir,
An dem Tag, da ich dir fern bin,
Bist du mir nah.

Ich bin im Innern.
Ich bin die Seele der Natur.
Ich bin der Anfang der Schöpfung der Geister.
Ich bin die Ruhe der Seelen.
Ich bin die Herrschaft und die Herrschaftslosigkeit.
Ich bin die Union und das Chaos.
Ich bin die, die unten ist,
Und sie steigen zu mir hinan.
Ich bin das Gericht und der Freispruch.
Ich bin sündlos
Und die Wurzel der Sünde kam von mir.
Ich bin der äußern Erscheinung nach Wollust
Und in mir existiert die Keuschheit.
Ich bin das Lauschen, das jedem lauscht,
Und die Rede, die keiner verstehen kann.
Ich bin ernst und spreche nicht
Und habe viele Worte.

Hört auf meine Freundlichkeit
Und lernt von meiner rauen Art.
Ich bin die, die schreit,
Und bin geworfen auf das Antlitz der Erde.
Ich bereite das Brot
Und mein Geist ist im Brot.
Ich bin die Kenntnis meines Namens.
Ich bin die, die ruft,
Und die, welche dir zuhört.
Ich erscheine
Und wandle mit meinen sieben Spiegeln.
Ich bin die Verteidigung des Verachteten,
Ich bin die, die Wahrheit genannt wird
Und Sünde.

Ihr ehrt mich und flüstert Schlechtes über mich.
Ihr, die ihr verachtet werdet,
Richtet jene, die euch verachten,
Bevor sie euch richten,
Denn das Gericht ist in euch.
Wenn ihr von jenen verdammt werdet,
Wer wird euch retten?
Was in euerm Innern ist, dass ist auch im Äußeren.
Wer euch von außen beherrscht,
Der verdunkelt euer Inneres.
Was ihr draußen seht, das seht ihr drinnen.
Es ist sichtbar und ist euer Kleid.

Hört mich, ihr meine Hörer,
Und lernt von meinen Worten, ihr die ihr mich kennt.
Ich bin das Lauschen, das allen zuhört,
Und ich bin die Rede, die keiner begreifen kann.
Ich bin der Name des Schalles
Und der Schall des Namens.
Ich bin das Zeichen des Buchstabens
Und die Prädestination der Heerscharen.

Ich bin das Licht,
Meine Hörer, das Licht für euch,
Die große Kraft,
Und ich werde den Namen nicht ändern,
Ich sage ihn jenem, der mich geschaffen hat,
Ich sprechen Seinen Namen aus, jawahr.

Schaut auf sein Wort
Und schaut in die Schriften, die vollständig sind.
Gebt acht, ihr meine Hörer
Und ihr Engel und alle Apostel
Und ihr Geister und ihr von den Toten Auferstandenen,
Denn ich bin die Eine, die allein existiert,
Und keiner wird mich richten.

Viele reizende Formen existieren in zahllosen Sünden
Und Unfruchtbarkeit
Und gnadenlose Leidenschaften
Und fleischliche Lüste,
Welche die Männer liebkosen,
Bis sie rein geworden sind.
Dann gehen sie aufwärts zu ihrem Ruheort
Und dort werden sie mich finden
Und ich werde mit ihnen leben
Und wir werden nie mehr sterben.



ZWEITER TEIL
EXEGESE ÜBER DIE SEELE

Die weisen Männer des Altertums gaben der Seele einen femininen Namen. In der Tat ist sie feminin in ihrer Natur. Sie hat sogar einen Schoß.

Solange sie allein war mit ihrem Vater, war sie Jungfrau und von androgyner Form. Aber als sie herabgefallen ist in einen Körper und kam in dieses Leben, fiel sie in die Hände vieler Räuber. Und die geilen Kreaturen reichten sie weiter, von einem zum andern. Einige benutzten sie mit Gewalt, andre bestachen sie mit Geschenken. Mit der Zeit verbrauchten sie sie, und sie verlor ihre Jungfräulichkeit.

Und in ihrem Körper prostituierte sie sich selbst und gab sich selbst einem und allen hin. Sie erwartete bei jedem, der sie liebkoste, er würde ihr Ehemann. Als sie sich selbst hingegeben hatte den geilen, ungläubigen Ehebrechern, so dass sie sie benutzen konnten, da seufzte sie tief und bereute. Aber selbst wenn sich ihr Angesicht abwandte von jenen Ehebrechern, rannte sie gleich zu andern, und die beredeten sie, mit ihnen zu leben und ihnen als Sklavin zu dienen in ihren Betten, als ob sie ihre Herren wären. Aus Scham wagte sie es nicht, diese Herren zu verlassen. Daher behielten sie sie eine lange Zeit. Jene taten so als wären sie gläubige, wahre Ehemänner und als ob sie sie sehr respektierten. Und nach allem schickten sie sie fort.

Da wurde sie eine einsame, verzweifelte Witwe, ohne Beistand. Nicht ein Maß Speise war ihr geblieben von jener Zeit der Versuchung. Denn von jenen erhielt sie nichts als ihre Befleckungen, die sie ihr gaben beim sexuellen Verkehr mit ihr. Und ihre Kinder von jenen Ehebrechern waren taub, blind und kränkelnd, ja, sie waren schwachsinnig.

Aber als der Vater, der oben ist, sie besuchte und an ihr herunterblickte und sah sie seufzen in ihren Leiden und ihrer Ungnade und bereuend die Prostitution, in der sie sich engagiert hatte, und als sie begann, seinen Namen anzurufen, dass er ihr helfen möge, da sagte ihr Herz: Rette mich, Vater! Ich habe mein Haus verlassen und floh aus meinem Mädchenzimmer. Restauriere mich wieder zu dir selbst hin. Und als der Vater sie in solchem Zustand sah, zählte er sie zu den Würdigen, die seiner Barmherzigkeit würdig sind, denn zahlreich waren die Versuchungen, die über sie hereingebrochen waren, weil sie ihr Haus verlassen hatte.

Nun, betreffend der Prostitution der Seele, prophezeit der Heilige Geist an vielen Stellen der Schrift. Denn Er sagte im Propheten Jeremia:

Wenn der Ehemann sich scheidet von seiner Ehefrau, und sie geht und nimmt einen andern Mann, kann sie danach zurückkehren zu ihrem ersten Mann? Hat nicht das Weib sich selbst befleckt? Und ihr, ihr prostituiertet euch an vielen Hirten, und ihr kommt zu mir zurück, spricht der Herr. Schaut euch ehrlich selber an und seht, wo ihr euch prostituiert habt. Saßet ihr nicht in den Straßen und beflecktet das Land mit euren Akten der Prostitution und euren Sünden? Du hast dir viele Hirten genommen für ein Stückchen für dich selbst. Du bist schamlos gewesen mit jedermann. Du riefst nicht nach mir als deinem Vater oder Freund oder Autor deiner Jungfräulichkeit.

Weiter ist geschrieben im Propheten Hosea:

Kommt, geht zum Gesetz mit eurer Mutter, denn sie ist nicht meine Ehefrau und ich bin nicht ihr Ehemann. Ich werde wegbewegen aus meiner Gegenwart ihre Prostitution, und ich werde fortnehmen ihren Ehebruch, der zwischen ihren Brüsten baumelt. Ich mache sie nackig wie am Tag, da sie geboren wurde. Ich mache sie wüst und öde wie ein Land ohne Wasser. Ich mache sie kinderlos, obwohl sie sich nach Kindern sehnt. Ich werde ihren Kindern kein Mitleid zeigen, denn sie sind Kinder der Prostitution, seit ihre Mutter sich selbst prostituiert hat und ihre Kinder in Schande gebracht. Denn sie sagte: Ich will mich prostituieren an meinen Freiern. Sie waren es, die mir Brot und Wasser gegeben haben und meine Mäntel und meine Kleider und meinen Wein und mein Öl und alles, was ich brauchte. Darum, siehe, ich werde sie einschließen, so dass sie nicht mehr umherlaufen kann, ihren Ehebrechern hinterher. Und wenn sie sie sucht und sie nicht findet, dann wird sie sagen: Ich will zurückkehren zu meinem vorigen Ehemann, in jenen Tagen ging es mir doch besser als jetzt.

Weiter sagt Er in Hesekiel:

Es wird geschehen, spricht der Herr, dass du ein Bordell bauen wirst. Du machst dir eine schöne Bude in den Straßen. Du baust dir Bordelle auf jedem Hügel, und dort verschwendest du deine Schönheit und spreizt deine Beine auf jeder Allee und vermehrst deine Akte der Prostitution. Du prostituierst dich an die Söhne Ägyptens, an jene, die deine Nachbarn sind, Männern mit großem Glied.

Aber was meint: Söhne Ägyptens, Männer mit großem Glied? Das meint den Bereich des Fleisches und das Gebiet und die Angelegenheiten der Erde, durch welche die Seele hier befleckt worden ist, als sie Brot von ihnen erhielt sowohl als Wein und Öl und Kleidung und andern äußerlichen Nonsens betreffend den Körper – Dinge, von denen sie meinte, sie bräuchte sie.

Betreffend diese Prostitution, befahlen die Apostel des Heilands: Bewahrt euch davor! Reinigt euch davon! Da sprachen sie nicht allein von der Prostitution des Körpers, sondern vielmehr von der Prostitution der Seele. Aus diesem Grunde schrieben die Apostel an die Kirche Gottes, dass solche Prostitution unter uns nicht vorkommen soll.

Der größte Kampf ist der Kampf mit der Prostitution der Seele. Denn davon kommt erst die Prostitution des Körpers. Darum schrieb Paulus an die Korinther: Ich schrieb euch in diesem Brief: Vereinigt euch nicht mit einer Prostituierten! Ich meine nicht allein die Prostituierten dieser Welt oder die Habgierigen oder die Götzenanbeter, denn sonst müsstet ihr ja aus der Welt rennen. (Hier wird die Rede spirituell.) Denn unser Kampf geht nicht gegen Fleisch und Blut (wie Paulus sagt), sondern gegen die weltbeherrschenden Mächte der Finsternis und die Dämonen der Bosheit.

Solange die Seele herumirrt und kopuliert mit jedem, den sie trifft, und so sich selbst befleckt, leidet sie ihre gerechte Wüste. Aber wenn sie die Straße verlässt, auf der sie ging, und weint vor dem Vater und bereut, dann wird der Vater barmherzig zu ihr sein und wird ihren Schoß des äußeren Bereichs verwandeln in den Schoß des inneren Bereichs. Und so wird die Seele wieder ihren sauberen Charakter erlangen. So ist es nicht mit einer Frau, denn der Schoß des Körpers ist innerlich wie die andern inneren Organe. Aber der Schoß der Seele ist äußerlich wie die männlichen Genitalien.

So wenn der Schoß der Seele, durch den Willen des Vaters, sich nach innen wendet, so ist er getauft und augenblicks gereinigt von der äußeren Pollution, die in sie hineingegossen wurde, wie Kleider, wenn sie schmutzig geworden sind, im Wasser gewaschen werden und im Wasser umgewendet werden, bis sie sauber geworden sind. Und diese Reinigung der Seele ist die Wiederherstellung der ursprünglichen Neuheit der Seele und die eigne Umkehr. Das ist ihre Taufe.

Dann wird sie anfangen zu schreien wie eine Frau in Wehen, die schreit in der Stunde der Entbindung. Aber da sie weiblich ist, ist sie durch sich selbst allein unfähig, ein Kind zu empfangen. Der Vater vom Himmel sendet ihr einen Mann, der ihr Bruder ist, der Erstgeborne. So kommt der Bräutigam herab zur Braut. Sie gibt ihre frühere Prostitution auf und reinigt sich selbst von der Pollution der Ehebrecher, und sie wurde erneuert, um eine Braut zu sein. Sie reinigte sich selbst im Brautgemach, sie füllte es mit Parfüm, sie saß da und wartete auf den wahren Bräutigam. Nicht länger irrt sie herum auf den Märkten, kopulierend mit jedem, den sie begehrt, sondern sie fuhr fort, auf ihn zu warten, und sagte: Wann wird er kommen? Und fuhr fort, ihn zu fürchten, denn sie wusste nicht, wie er aussah, sie erinnerte sich nicht mehr an ihn seit der Zeit, als sie abfiel von ihres Vaters Haus. Aber durch den Willen des Vaters träumt sie von ihm wie eine Frau, die in einen Mann verliebt ist.

Dann kam der Bräutigam, gemäß dem Willen des Vaters, herab zu ihr ins Brautgemach, das bereitet war. Und er schmückte das Brautgemach.

Diese Hochzeit ist nicht wie eine fleischliche Hochzeit. Jene, die verkehren wollen einer mit dem andern geschlechtlich, sind befriedigt von diesem Geschlechtsverkehr. Und dann, als ob es eine Bürde wäre, lassen sie die körperliche Begierde hinter sich zurück und wenden ihre Angesichter voneinander ab. Aber bei dieser Hochzeit ist es anders. Sie vereinigten sich einer mit dem andern und wurden ein einziges Leben. Darum sagt der Prophet über den ersten Mann und die erste Frau: Sie werden ein einziges Fleisch sein. Denn sie waren ja ursprünglich einer dem andern vereinigt, als sie beim Vater waren, bevor die Frau den Mann, der ihr Bruder war, verließ. Die Hochzeit hat sie beide zusammen zurückgebracht und die Seele wurde vereint mit ihrer wahren Liebe, ihrem wirklichen Herrn, wie geschrieben steht: Der Herr des Weibes ist ihr Ehemann.

Nach und nach erkannte sie ihn und freute sich wieder, weinend vor ihm, da sie sich erinnerte ihrer früheren Witwenschaft. Und sie heiligte sich mehr und mehr, so dass es ihm gefallen möge, bei ihr zu bleiben.

Und der Prophet sagt in dem Psalter: Höre, meine Tochter, und sieh, öffne dein Ohr, vergiß dein Volk und dein Vaterhaus, denn der König begehrt deine Schönheit, er ist ja dein Herr.

Er fordert sie nämlich auf, ihr Angesicht abzuwenden von ihrem Volk, von der Menge ihrer Ehebrecher, in deren Mitte sie einst gewesen, und sich nun selbst zu weihen ihrem König, ihrem wahren Herrn, und zu vergessen das Haus des irdischen Vaters, darin ihr Schlimmes geschehen war, aber sich zu erinnern an den liebenden Vater im Himmel. So ward es auch gesagt zu Abraham: Geh fort aus deinem Heimatland und fort von deinen Verwandten und fort aus deines Vaters Haus!

So hat die Seele sich wieder schön gemacht und ihre Schönheit erneuert, und so grüßt sie ihren Geliebten, und er liebt sie auch! Und wenn sie mit ihm sich vereinigt hat, empfängt sie von ihm den Samen, das ist der lebensspendende Geist, so dass sie von ihm empfängt gute Kinder und sie aufzieht. Denn dies ist das große, vollkommene Wunder der Geburt. Diese Hochzeit ist vollendet worden durch den Willen des Vaters.

Nun ist es nur angemessen, dass die Seele sich regeneriert und wieder das wird, was sie zu Anfang war. Sie empfängt die göttliche Natur vom Willen des Vaters zur Erneuerung ihrer Jugend, so dass sie wiederhergestellt wird, wie sie anfangs war. Das ist die Auferstehung von den Toten. Das ist die Befreiung aus der Gefangenschaft. Dies ist die Himmelfahrt. Dies ist der Weg der Auffahrt zum Vater.

Darum sagt der Prophet: Preise den Herrn, o meine Seele, und alles was in mir ist, preise seinen heiligen Namen! Meine Seele, preise Gott, der dir all deine Sünden vergibt, der deine Krankheit heilt, der dein Leben vom Tod erlöst, der dich mit Barmherzigkeit krönt, der dein Verlangen sättigt mit guten Gaben. Deine Jugend wird erneuert wie die Jugend eines Adlers.

Dann, wenn sie wieder jung geworden ist, wird sie aufsteigen, preisend den Vater und ihren Bruder, von dem sie erlöst wurde. So ist die Wiedergeburt, auf dass die Seele gerettet wird. Das ist Wahrheit, nicht eine Phrasendrescherei berufsmäßiger Schriftauslegung oder bloßes Bücherwissen. Es ist die Gnade der göttlichen Weisheit, es ist die Gabe der göttlichen Weisheit. So sind die himmlischen Dinge. Darum ruft der Heiland: Keiner kann zu mir kommen, es sei denn, der Vater zieht ihn und bringt ihn zu mir. Und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tag.

Darum ist es nur angemessen, zum Vater zu beten und ihn aus ganzer Seele anzurufen, nicht äußerlich nur mit den Lippen, sondern innerlich mit dem Geist, der aus der Tiefe heraufsteigt, seufzend, bereuend unser altes Leben, unsre Sünden bekennend, erkennend, dass wir Kinder des Zorns gewesen waren, weinend, weil wir in der Finsternis gelebt hatten, im Meer des Chaos gelebt hatten, klagend über uns selbst, dass Gott Erbarmen mit uns haben möge, und hassend unser irdisches Leben. So sind wir jetzt.

Und wieder sagt der Heiland: Selig sind die Trauernden, denn sie werden Barmherzigkeit finden. Selig sind die Hungernden, denn sie sollen gefüllt werden.

Und weiter sagt Er: Wenn einer nicht sein Leben hasst, kann er mir nicht folgen. Denn der Beginn der Erlösung ist die Buße. Darum: Vor der Erscheinung Christi kam Johannes und predigte die Taufe der Buße.

Und Buße findet statt in Gram und Tränen. Aber der Vater ist gut und liebt den Menschen, er hört die Seele, die zu ihm schreit, er sendet ihr das Licht der Erlösung. Darum sagt Er durch den Geist zum Propheten: Sage den Kindern meines Volkes: Wenn eure Sünden auch stinken von der Erde zum Himmel und wenn sie röter sind als Scharlach und schwärzer als Asche – wenn du mit ganzem Herzen umkehrst und sagst zu mir: Abba! Dann werde ich euch sammeln als ein heiliges Volk.

Und an einer anderen Stelle heißt es: So spricht der Herr, der heilige Eine in Israel: Wenn ihr umkehrt und seufzt, dann werdet ihr gerettet, und ihr werdet erkennen, wo ihr wart, als ihr in das euer Vertrauen setztet, das ein Nichts ist.

Und weiter sagt Er an einer anderen Stelle: Jerusalem weinte viel und sagte: Hab Erbarmen mit mir! Er wird Mitleid mit euch haben, wenn er euer Weinen hört. Und als er eure Tränen sah, erhob er euch. Der Herr gibt euch Brot der Heimsuchung und Wasser der Unterdrückung. Aber von nun an, die, die euch unterdrücken, sollen euch nicht mehr unterdrücken. Eure Augen werden sich erheben über jene, die euch bedrücken.

Darum ist es angebracht, Tag und Nacht zu Gott zu beten, unsre Arme zu ihm zu erheben wie Menschen, die sind mitten auf dem stürmischen Meer. Betet zu Gott aus ganzem Herzen, ohne Heuchelei. Denn jene, die nur vorgeben, dass sie beten, die erlangen nichts als sich selbst. In der Tat, es ist Gottes würdig, dass er weiß, wer des Heiles würdig ist, und dass Gott erforscht die Eingeweide und durchsucht den Herzensgrund. Denn keiner ist würdig des Heils, wenn er noch liebt die Orte der Finsternis.

Darum steht es auch geschrieben im Buch des Dichters: Odysseus saß auf der Insel der Kalypso weinend und sich grämend und er wandte sein Antlitz ab von Kalypso und ihren Tricks, er begehrte, seine Heimat wiederzusehen und Rauch kommen zu sehen aus den Dächern seines Dorfes. Und hätte Odysseus nicht Hilfe erlangt vom Himmel, so wäre er nicht fähig gewesen, in seine Heimat heimzukehren.

So auch sagte Helena: Mein Herz wendet sich um, es ist mein Haus, zu dem ich zurückzukehren wünsche.

Helena seufzte und sagte: Es war Aphrodite, die mich verdarb, und Aphrodite führte mich fort aus meinem Haus. Mein einziges Kind hab ich zurückgelassen und meinen guten, vernünftigen und sanften Ehemann.

Wenn die Seele ihren vollendeten Ehemann verlässt aufgrund der Listen der Aphrodite (Aphrodite existiert hier in dem Zeugungsakt), dann wird sie Kummer leiden. Aber wenn sie seufzt und bereut, wird sie heimkehren in ihr Haus.

Sicherlich, Israel würde nicht gefunden werden in seinem ersten Gnadenstand, befreit aus der Sklaverei Ägyptens, befreit aus dem Verließ der Gefangenschaft, wenn es nicht geweint hätte vor Gott und gefleht wegen der Unterdrückung und wegen der Sklavendienste.

Und weiter steht geschrieben im Psalter: Ich war sehr gequält in meinen Klagen. Ich will baden mein Bett mit Tränen und es jede Nacht waschen mit meinen Tränen. Ich bin alt geworden, mitten unter meinen Feinden. Geht weg von mir alle, die ihr arbeitet in dem Geist der Gesetzlosigkeit, denn siehe, der Herr hat gehört die Schreie meines Heulens, der Herr hat gehört mein Gebet.

Wenn wir Buße tun und bereuen, wird Gott uns wieder erheben. Er ist langmütig und grenzenlos barmherzig. Ihm sei Glorie von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.