Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

Confessiones II – Meine Geliebten



Von Josef Maria Mayer


DÖRTE


Meine Freundin,
Dein Vater war ein Architekt
Und meine Mutter
War des Architekten Sekretärin.

Ich spielte mit dir
Im großen Garten deines Vaters
Ping-Pong.

Einmal nahm dein Vater
Mich zum Segeln mit,
Wir segelten auf dem Großen Meer.

Du hattest einen Kaufmannsladen
Und ich spielte mit dir
Und mit den kleinen Püppchen.

Deine große Schwester
Führte mich zur Kinder-Bibelstunde.
Dort hörte ich vom Mosesbaby,
Von Josef im Brunnen
Und seinen gemeinen Brüdern,
Von David im Kampf mit Goliath.

Später gabst du ein Fest
Zu deinem Geburtstag
Und ich hörte davon
Und kam zu dir
Mit einer Kasperle-Puppe
Und sagte ein Gedicht auf.

Im Keller deines Hauses
War eine Diskothek
Und wir tranken dort Bier
Der Marke Jever
Und wir tanzten dort
Zu Abba.

Ich hörte von meiner Mutter,
Du hast Jura studiert
Und bist Ehefrau und Mutter geworden.
Ich hoffe, du bist
Nicht wie andre Advokaten,
Die auf menschlichen Gefühlen
Trampeln herum wie Elefanten.

Advokatin bist du,
Tochter des Architekten.
Tochter des Weltarchitekten Gott,
Advokatin ist auch
Maria!


KARIN


Karin, mein Vater sagte,
Dein Vater sei Alkoholiker,
Trockner Alkoholiker,
Der nicht einmal eine Praline
Aus Schokolade essen dürfe,
Wenn darin ein Tropfen Alkohol.

Du hattest tiefschwarze Haare
Und tiefschwarze Haare
Hatte mein Freund Andreas.
Wir spielten auf dem Spielplatz
Cowboy und Indianer.

Der schwarzhaarige Andreas,
Sohn katholischer Eltern,
War der Indianerhäuptling,
Und du, Karin,
Mit deinen schwarzen Haaren,
Warest seine Schwester,
Die Indianer-Squaw
Mit Namen Schöner Tag.
Und ich, der blonde,
Ich war Cowboy,
Blutsbruder des Häuptlings.
Und der blonde Cowboy
Und die schwarzhaarige Squaw,
Sie waren ineinander verliebt.
Und so küsste ich dich,
O Karin, auf den Mund,
Auf dem Abenteuerspielplatz
Im wilden Westen.

Noch heute, Karin, liebe ich
Eine Indianerin
Mit schwarzen Haaren,
Langen glatten schwarzen Haaren,
Aber sie ist keine Apatschen-Squaw,
Sondern die Mutter der Azteken.

Möge die heilige Monika
Deinem Vater helfen,
Ohne Alkohol zu leben.
Ich will auf den Wein
Lieber nicht verzichten.
Die heilige Monika,
Die flüssige Beterin,
Liebte auch zu sehr den Wein.

Mir aber gewähre
Die Kaiserin Amerikas
Die Gnade, sie küssen zu dürfen,
Die Mutter der Indianer,
Mein braunes Mädchen
Maria!


SONJA


Meine liebe Freundin Sonja,
In dem Garten meiner Großmutter
Stand ein Schmetterlingsflieder,
Da saßen auf den lila Blüten
Viele Schmetterlinge,
Die wollte ich alle fangen.

Meine Großmutter sagte:
Mein lieber Junge,
Wenn du einen schönen Falter
Berührst, verliert er die Farbe
Und muß sterben.

Frauen sind wie Falter,
Man darf sie nicht berühren!

In deinem Garten, Sonja,
Stand auch ein Schmetterlingsflieder
Und im Sommer, Sonja,
Fingen wir Schmetterlinge
In einem großen Glas.

Sonja, dein Antlitz
Leuchtete wie die Sonne,
Deine Augen lachten
Wie zwei blaue Himmel.

Ich war in deinem Zimmer,
Du saßest auf dem Bett,
Da saß ich neben dir.

Da war zwischen uns
So ein elektrisches Knistern,
So eine schwüle Aura.

Ich glaube, das war Eros!

Sonja, dein Name
Ist eine Koseform
Von Sophia.

Und Sophia ist
Die Erotik Gottes.

So knistert es auch
Von Gottes Eros
Zwischen mir und der
Geschaffenen Sophia
Maria!


ANGELA


Angela, meine Freundin,
Du kamest aus dem Viertel,
Wo die Armen wohnen,
Und ich war der Sohn
Eines Bankangestellten,
Der das Geld geliebt.

Wir gingen ins Schwimmbad
Und ich sah dich baden
Im Bikini-Atoll
Und da stellte ich mich
Unter die kalte Dusche.

Du warst in einem vorigen Leben
Sicher Marilyn Monroe.

Und wir spielten ein Spiel,
Da drehten wir die Flasche,
Auf wen der Flaschenhals zeigte,
Den musste man küssen.

Du küsstest den Flaschenhals
Und ich küsste die Flasche,
Aber wir haben uns nicht
Auf den Mund geküsst.

Da habe ich gelernt
Fürs ganze Leben,
Wer nicht ein Mädchen küsst,
Der küsst die Flasche.

Angela, Angela,
Mein blonder Engel,
Immer wenn ich ein Mädchen sehe
Mit langen blonden Haaren,
Schlank im weißen Kleid,
So meine ich,
Meinen Schutzengel vor mir zu sehen.

Engelgleiche Angela,
Schwester der Engel
Ist Maria Magdalena,
Königin der Engel
Ist die Madonna,
Angela, Madonna
Ist Regina Angelorum.

Ich liebe meine Engelin
Mahanajim vom Jabbok
Und die Engelskönigin
Maria!


KISSI


Kissi, du Schöne,
Du schlanke Meerjungfrau
Von Norderney!

Deine Eltern nannten dich
Kerstin,
Christin, Gesalbte,
Und tauften dich wohl
In den Fluten der Nordsee.

Aber deine Freunde nannten dich
Kissi. Ich denke an den Vers:
O welch ein bliss,
Zu sterben durch einen kiss!
Kissi, das heißt nämlich,
Du warst eine große
Küsserin vor dem Herrn!

Ich hätte dich gerne geküsst,
Aber im humanistischen
Gymnasium standest du Schöne
Im Flur mit einem schönen Jüngling
Und küsstest ihn
In der Schule der ersten Liebe.

Unser alter Lehrer
Lehrte uns Latein,
Wir lernte Latein
Vom gallischen Krieg:
Veni, vidi, vici!

Aber der alte Lehrer in Latein
Sagte zu der küssenden Kssi:
Man küsst sich nicht
In aller Öffentlichkeit!
Überhaupt ist vor der Ehe
Und außer der Ehe
Das Küssen eine Sünde!

Christenbrüder, Christenschwestern,
Grüßt einander
Mit dem heiligen Kuß der Liebe!
Gebt einander in der Kirche
Den Kuß des Friedens!
Die Kirchenväter warnen nur
Vor solchen lüsternen Brüdern,
Die die christlichen Schwestern
Während der Heiligen Messe
Gleich zweimal küssen wollen.

Die Seher fragten Maria,
Ob sie sie küssen dürfen?
Ja, sagte lächelnd die Gospa
Maria!


HEDDA


Als ich dich kennen lernte
Und lieben lernte, Hedda,
Da haben in England
Prinz Charles und Lady Diana
Sich das Ja-Wort gegeben.

Prinz Charles war ein kleiner Mann
Und Lady Diana war größer,
So musste Prinz Charles
Zum Hochzeitsfoto
Auf einen Schemel steigen,
Denn es muß der Mann
Doch Haupt des Weibes sein.

Wir maßen uns
Am Pfosten der Tür
Und du warst einen Fingerbreit
Größer als ich,
Drum wolltest du nicht
Mit mir zusammen sein.

Aber meine Liebe zu dir
Machte mich zum Schriftsteller
Von zwanzig Seiten langen
Liebesbriefen.

Ach, wem dürfte ich heute
Liebesbriefe schreiben?
Ach, niemand will
Von mir Liebesbriefe
Aus purer Poesie bekommen!

Und dein Kuß und dein Genuß
Haben mich zum Dichter gemacht
Und ich hatte ein Buch
Mit weißen leeren Seiten,
Darein schrieb ich meine ersten Verse,
Freie Verse der freien Liebe,
Und auf dem Titel des Buches stand:
Notizen eines verkannten Genies.

Ich trug ein Kettchen am Hals
Mit einer kleinen Medaille,
Darauf stand dein Name, Hedda.

Aber heute trage ich
Ein silbernes Kettchen am Hals
Mit der wundertätigen Medaille
Meiner Braut, der Immaculata
Maria!


URSULA


Mädchen und Frauen,
Ihr dürft mich nicht lieben,
Es steht eine unsichtbare Schrift
Geschrieben auf meiner Stirn:
Weicht von ihm, Mädchen und Frauen,
Denn dieser Mann gehört Gott.

Und wenn mich eine liebte
Und wollte mir schenken
Die schönen festen und vollen Brüste,
So entwich ich entsetzt
Und floh zu jener Frau,
Die unerreichbar war.

So kam ich zu dir,
Ursel, du Schöne.

Deine Zähne waren weiß,
Ebenmäßiger Perlmutt
Gereiht in einer Perlenschnur.

Die schönen Haare waren schwarz
Und glatt wie Seide
Und lang, sie fielen über die Brüste.

Und was vorher ein Mädchen
Privates Glück mir bescherte,
Du, Ursel, warest mir
Wie meine Geliebte, die Menschheit.

Du wolltest Frieden
In Russland und Amerika.
Du wolltest Frieden
Im geteilten Deutschland
Und im geteilten Korea.

Und heute liebe ich
Die Frau aller Völker.
Ihre langen schwarzen Haare
Wallen wie eine Herde schwarzer Zicken
Den Berg Gilead hinab.
Und ihre Zähne sind
Wie Mutterschafe,
Die frisch aus dem Bade kommen,
Und jedes Mutterschaf hat Zwillinge!

Und diese Frau aller Völker
Ist die siegreiche Königin der Erde,
Die triumphierende Königin der Liebe
Maria!


ANNABELLA


Christin warst du,
Annabella.
Deine christliche Großmutter
Hieß Anna,
Darum hießest du Annabella,
Aber du wolltest nur
Bella heißen, die Schöne.

Ich sah dich tanzen
Deinen Walzer
Mit zwei Schritten,
So schlank warst du,
So schlank deine Beine,
Schlank deine tanzenden Beine.

Ich besuchte dich einmal
In deinem Haus am Deich,
Da hast du mir die Leviten gelesen,
Das Evangelium gepredigt.

Ein Jahr lang versuchte ich
Dich zu mir einzuladen,
Du bist immer ausgewichen.

Dann hatte ich Geburtstag
Am Geburtstag Platons
Und ich lud dich ein
Zu meiner Feier.

Alle Freunde waren schon da,
Ich aber stand im Keller
Und fieberte dir entgegen.

Und tatsächlich kamst du
Zu meiner Feier,
Einmal, nie wieder.

Und ich sang dies Lied:
Die Liebe ist ein brennender Reifen,
Durch den ein Tiger springt.

Auch die christlichen Frauen
Lieben mich nicht.
So weit reicht die Nächstenliebe nicht
Und keine bringt es bis zur Feindesliebe.

Eine Christin kenn ich,
Belladonna Madonna,
Tochter der heiligen Anna,
So sehr die Frauen mich hassen,
So sehr liebt mich Unsre Liebe Frau
Maria!


MAIKE


Deine Mutter war gestorben
Und dein Vater in der Ferne,
In Lateinamerika,
Und du, Maike,
Mit deinen dreizehn Jahren
Warst ganz allein.

Du wohntest bei einem alten Künstler,
Der warmes Bier mit Zucker trank,
Es war ein romantisches Häuschen
In der Rosenallee.

Mein Freund Erich,
Der Rotbart,
Hatte dich zur Freundin.

Ich sagte: Ach Maike,
Ich habe das Rätsel
Zu spät gesehen,
Es hat ein andrer
Schon das Rätsel gelöst.

Da sagtest du: Ich bin
Kein Rätsel,
Ich bin ein Geheimnis.

Später, zehn Jahre später,
Ich sehnte mich nach dem Tod
Wie nach meinem Erlöser,

Sah ich dich noch einmal
Tanzen, wilde Maike,
Und wir fielen
Einander in die Arme
Und wie Überlebende
Einer schlimmen Katastrophe
Und wie Todgeweihte
Am Rand des Grabes
Umarmten wir uns
Und ich sagte stöhnend
Wie ein Sterbender:
Oh wie schön, dass du noch da bist!

Ja, am Rand des Grabes,
Mit einem Bein schon im Grab,
Umarmte ich in der Agonie
Ein einziges Mädchen,
Das vierzehnjährige Mädchen
Maria!


SONJA


Wir trafen uns beim Tanz.
Du batest mich
Um Tabak für eine Zigarette
Und botest mir dann selber
Eine Zigarette an.

Wir gingen auf den Deich,
Es war Nacht,
Das Meer rauschte ruhig,
Und wir küssten uns,
Ich küsste deinen kleinen
Engen feuchten Mund.

Du warst nicht gebildet
In deutscher Literatur,
Ich sollte dir schreiben
Den Aufsatz für die Schule.
Im humanistischen Gymnasium
Lasen wir die Räuber
Von Friedrich Schiller.

Ich schrieb dir den Aufsatz
Über das Thema:
Warum soll man Schiller lesen?

Zum Lohn für mein Schreiben
Durfte ich deine Brüste sehen,
Diese großen Kirchenglocken
In einem Tempel der Liebe.

Und wieder durfte ich
Küssen
Deinen engen feuchten Mund!

Wir liebten uns
Berauscht vom Wodka,
Berauscht von der russischen Seele.

Wir gingen spazieren
Als einsame Mondscheinmenschen
Durch den weißen Winter.

Ich war ein sibirischer Wolf,
Ich heulte wie der Steppenwolf
Den kalten gleichgültigen Mond an.

Wenn Russland sich bekehrt,
So wird das russische Volk
Das Volk der Erde sein,
Das Gott am höchsten verherrlicht,
Sagte Mütterchen Gottesmutter
Maria!


KATI


Kleine Kati,
Ich hatte für dich geschrieben
Antigone,
Das Lied der Frau,
Die rebellierte
Gegen die Gesetze des Staates
Im Namen
Der göttlichen Gesetzes.

Ich weiß gar nicht genau,
Kati, ob ich dich
Oder Antigone liebte.

Wir waren im Theater
Und von der Bühne scholl es:
Und einer verklärt seine Freundin
Zur Jungfrau Antigone!
Und ich hörte aus dem Publikum
Deine Freundin Britta lachen.

Britta war auch sehr schön.
Ich las in ihrem Haus
Vom Schatten des Pferdes des Kutschers
Und vom revolutionären
Hölderlin
Eines schwedischen Dichters.

Aber du warst so zart,
So fein, so sensibel,
So lieblich, feminin.

Ich war schon kein Kämpfer mehr,
Ich war ein Clown geworden,
Ein melancholischer Clown,
Ein Rokoko-Pierrot
Aus den galanten Festen.

Du warst eine Taube,
Eine Schwester,
Eine bessere Frau,
Die Hoffnung auf Frieden,
Die sanfte Kämpferin
Für Bruderliebe.

Du warst Antigone,
Die Jungfrau im Gesetze Gottes,
Darum weihe ich dich
Der immerwährenden Jungfrau,
Dem Spiegel der Gerechtigkeit,
Der ewigen Frau
Maria!


ANNEGRET


Kein Schriftsteller war ich,
Sondern ein Schriftsetzer.
Und du, Anne,
Ludst mich ein
In deine Dunkelkammer.

Wir haben uns umarmt
Und ich habe gebrummt
Wie ein Bär
Und habe gegurrt
Wie eine Taube
Und du hast gesagt: Ich mag
Die Töne, die du von dir gibst
In den Armen einer Frau.

Und ich habe für dich geschrieben
Das Weihnachtsevangelium
Nach Lukas,
Aber nicht Christus war geboren,
Sondern Annegret,
Und es war nicht in Bethlehem,
Sondern in Siegelsum,
Und es kamen nicht Hirten Judäas,
Sondern ostfriesische Bauern.

Und ich schrieb das Evangelium
Auf eine Buchrolle.

Und ich malte Bilder
Zu Goethes Faust,
Der Tragödie Erstem Teil,
Und du, geliebte Annegret,
Warst Gretchen,
Das blonde Gretchen.

Und Gretchen saß in ihrer Kammer,
Gretchen in ihrer Dunkelkammer,
Und sang der Schmerzensreichen,
Sang der Ohnegleichen.

Und Gretchen starb
Und war im Himmel
Bei den drei Marien

Und grüßte die Jungfrau,
Mutter, Königin,
Ja, Göttin
Maria!


MARIE


Marie, ich weiß nichts mehr,
Als dass du schwarz warst,
Als dass du jung warst
Und dein Name war Marie.

Du spieltest Theater,
Äschylus, Sophokles und Euripides,
Du warst eine Heroine
Aus dem Trojanischen Krieg.

Ich schrieb dir ein Gedicht
Von einem Reiter
Auf einem weißen Pferd,
Der in die Posaune bläst
Und es wird Friede sein.

Ich sah dich auch in Bayern,
In Bayern, Marie,
Da sangest du
In einem Kellergewölbe:

Rote Lippen
Muß man küssen,
Denn zum Küssen
Sind sie da!

Auf einer Volksversammlung
Gegen das Plutonium
Las ich zu Trommeln
Mein Gedicht
Vom Leben, das zu schützen ist,
Von der Heiligkeit des Lebens,
Und ich rief
In der Hafenstadt Emden:
Marie, ich lieb dich!
Marie, ich will noch nicht sterben!

Schwarze Madonna,
Notre Dame d’Afrique,
Ich liebe dich,
Ich wäre gern schon bei dir,
Aber ich muß noch bleiben
Auf Erden,
In deutscher Sprache
Christliche Kunst zu schaffen
Durch die Inspiration
Meiner himmlischen Muse,
Der schwarzen Madonna
Maria!


MARION


Ich hab dich in der Schenke
Gesehen, gesehen deine Augen,
Deine großen Augen
Wie auf Ikonen
Der Gottesmutter.

Ich sagte dir:
Wer gebraucht wird,
Ist nicht frei,
Ich aber brauche dich.
Und du sagtest:
Ich will nicht gebraucht sein.

Wir machten Puppen
Und Masken
Von genmanipulierten Monstern.

Und wir schrieben
Ein Flugblatt:
Ein apokalyptischer Engel
Hielt die Sonne
Wie eine löchrige Schale,
Durch die strömte zur Erde
Der Zorn des Herrn.

Und die Kommunisten
Sagten zu uns:
Was kommt ihr uns
Mit diesem Pfaffenkram?

Ich sah ein Gemälde:
Melancholia,
Und du warst Melancholia.

Du tratest in meinen weißen Saal
Und sagtest: Ich habe Visionen,
Ich muß rasch heim,
Die Visionen zu malen.
Ich sagte: Leg deine Hände
Auf mein Haupt
Und segne mich!

Marion, Marion,
Ich liebte in dir
Die apokalyptische Frau
Maria!


KARINE


Als du eintratest
In den weißen Saal
Mit der Marmorbüste
Der Brüste der Venus,
War es mir, als erschiene mir
Aphrodite, fleischgeworden,
In dir, der Priesterin der Aphrodite.

Und du zeigtest mir
Die Provence
Und ich hörte dort
Die Jungfrau reden:
Gott ist in dir!

Du aber, Karine,
Warst mir eine Magna Mater,
Eine üppige Liebesgöttin.

Und du zeigtest mir
Die Gipfel der Pyrenäen
Und ich sah
Die Seelen der Toten
Und die Schönheit der Engel
Und betete an
Die Gottheit der Schönen Liebe:
Iahu, Iahu!

Und du zeigtest mir
Polen, Krakau, die Karpaten,
Und ich las dort
Das Evangelium
Vom armen Lazarus
Und Martha und Maria.

Und du schenktest mir
Deine drei Kinder,
Die mich liebten
Wie einen Vater.

Und als du gingst
Zu sterben,
Sagtest du zum Abschied:
Verliere nicht die Geduld,
Bald bist du im Paradies
Bei Unsrer Lieben Frau!

Und ich habe von dir
Und von der Kirche von Zypern gelernt,
Daß mir ihre Liebe schenkt
Panhagia Aphroditissa,
Die Magna Mater
Maria!


GUNDA


Weil du so schön warst,
So hochgewachsen und schlank,
Dein Antlitz so schmal,
Die Augen so groß
Und die Lippen so schwellend,
Und weil so schön
Deine weißen Kleider waren,

Hatte ich mich in dich verguckt,
Und als ich zu dir kam,
Um deine schwellenden Lippen
Zu küssen,

Schloß deine goldige Tochter,
Die Vaterlose,
Mich in ihr großes Herz
Und sagte eines Tages
Zu ihrer kleinen Freundin:
Das ist mein Papa!

Ich konnte nicht allein sein.

Ich las in jener Zeit
Den Josefs-Roman
Von Thomas Mann.
Jakob hatte zwei Frauen,
Lea mit den vielen Kindern
Und Rahel
Mit den kontemplierenden Augen.

Und Josef war schön,
Sie sagen, zum Entzücken,
Und Suleika war
Ganz Begierde
Und wollte dem schönen Josef
Die Kleider vom Leibe reißen!

Josef, der Träumer!
Seht, da kommt der Träumer,
Sagten seine Brüder,
Der denkt in seinem Stolz,
Daß Vater und Mutter und Brüder
Sich noch vor ihm verneigen werden!

Josef will ich heißen,
Josef, die Lilie,
Bräutigam der keuschen Lilie,
Bräutigam der ganz schönen Lilie
Maria!


IRINA


Ich sah dich im Garten
Einer Freundin,
Ihr sprachet russisch,

Denn du, Irina,
Warst aus Sibirien,
Warst aus Irkutsk.

Und ich sagte: Ich liebe
Die russische Dichtung,
Tolstoi und Dostojewski,
Puschkin, den Meister,
Alexander Blok
Und Anna
Achmatowa
Und Marina
Zwetajewa.

Und du sagtest, du liebtest
Die Romane der Franzosen,
Zola, Flaubert, Mauspassant
Und Balzac und Marcel Proust
Und Victor Hugo.

Und ich schrieb dir ein Poem:
Jerusalem, Jerusalem!
Die Neue Jerusalem
Warst du mir, die Nymphe
Des Lammes,
Die himmlische Braut,
Denn du warst Christin.

Ich sah dich auf dem Bilde
Leonardo da Vincis:
Die Dame mit dem Hermelin.

Und du sagtest: Vor der Ehe
Und außerhalb der Ehe
Soll keusch leben der Mensch,
So lehrt es Christus.

Und du warst bei der Sekte
Der Pfingstler
Und sangest Lobpreis
Und sprachest in Zungen,

Und wegen deiner Glossolalie
Waren auf deinem rötlichblonden Haar
Pfingstliche Feuerzungen.

Ich liebe die Braut des Lammes,
Die Neue Jerusalem,
Die Braut des Heiligen Geistes,
Ikone der Kirche,
Und ich weihe das heilige Russland
Dem Unbefleckten Herzen der Jungfrau
Maria!


INKA


Ich sah dich das erste Mal
In einem kleinen Gebetskreis.
Ich sagte: O Herr,
Der Eifer hat mich verzehrt,
Der Eifer um dein Haus!
Und du, Inka, lächeltest.

Ich sang dir ein Liebeslied
Und schrieb es auf Chinesisch,
Verdolmetscht hieß es so:
O Schwesterchen, Schwesterchen,
Reine Jade mein,
Weiße Schwanin mein,
Jesus Christus liebt dich!
Ich liebe dich!

Und du sagtest: Dein Lied
Hat mir Jesus gesungen.

Und wir waren in Frankfurt
Und lasen die Apokalypse.
Ich sagte zum Bibellehrer:
Was hat die Frau des Pilatus
Von Jesus geträumt?
Sie sah im Traum den Sokrates,
Der sprach von dem Gerechten,
Von dem sündlosen Gottmenschen.

Du aber warst
Die siebente Königin
Der Apokalypse.

Du träumtest von Gott:
Die Taube von Elohim
Hat dir in die Augen geblickt.

Du träumtest von Gott:
Der Herr nimmt mich bald zu sich!

Dann schwandest du
Wie Henoch von der Erde!

Da sang ich ein Lied
Der makellosen Jungfrau:
Schwester aller Christen,
Schwester aller Menschen,
Schwester aller Jungfraun,
Schwester aller Propheten,
Meine Schwester-Braut
Maria!


INGE


Wir haben uns getroffen,
Inge, in unserm Interesse
An der Psychologie.

Die vier Humore
Sind ja das Fundament
Der menschlichen Komödie.

Der eine Bruder ist cholerisch
Und verflucht seine Kinder,
Der eine Künstler ist hysterisch
Und voll verrückter Phantasie,
Die eine Freundin ist phlegmatisch,
Sehr bequem und voller Güte,
Der andre Dichter und Philosoph
Ist voller Melancholie
Und jahrelang in dunkler Nacht.

Und ich hielt dir einen Vortrag
Über die Tiefenpsychologie
Von Carl Gustav Jung
Und sprach von der Idee
Der Anima
Und von dem Problem
Der Anima-Besessenheit,
Der besessenen Anima-Liebe!

Und du sagtest: Der kann reden
Und ohne Manuskript
Aus dem Stegreif
Einen Lehrvortrag halten.

Dein Ideal war nicht
Die Anima des Mannes,
Du liebtest den Archetyp
Der uralten weisen Vaters:

Der Alte an Tagen
War dein Bräutigam
Und du saßest auf dem Schoß
Des Ewigen Vaters.

Ich aber liebe
Die Schwester, die Jungfrau,
Die Braut, die Königin,
Die weise Frau,
Die Mädchengöttin,
Die makellose Jungfraungöttin,
Welche gesungen:
Magnificat, anima mea!
Maria!


REGINE


Du warst Minerva,
Die Athene von Athen!
Regine, du liebtest
Meine homerischen Verse
Und meinen Äneas

Und du ließest deine Schüler
Im privaten Gymnasium
Im Latein-Unterricht
Meine Epen lesen.

Du sagtest, an meiner Sprache
Merkst du, dass ich studiert
Die Humanisten.

Und als ich dich besucht
Und wir in Tübingen waren
Und sahen Hölderlins Turm,
Hast du mir vorgelesen
Aus der Ilias
Und dein Busen bebte
Mir entgegen.

Ich dachte aber nur
An die Allkönigin
Des orthodoxen Lobpreises.

Schwül wie Indien
War dein Garten,
Da du mir deine Liebe erklärtest,
Und da ich dir sagte, ich liebe
Eben allein die Allkönigin.

Und du schenktest mir
Das fließende Licht der Gottheit.

Du liebtest das Absolute,
Augustin und Meister Eckard
Waren deine Lehrer,
Aber ich liebte nur
Die Absolute Liebe!

Ich liebe eben allein
Maria sopra Minerva,
Den Sitz der Weisheit,
Die Allkönigin mit den Lilienarmen,
Die hoheitvolle Himmelskönigin
Maria!


MIRJAM


Ich ging im Schwarzwald,
Gott zu suchen, vor mich hin,
In meinen Händen
Das Gebetbuch der Kirche,
Murmelte leise vor mich hin
Gebete an den Herrn,

Da sahest du mich, Mirjam,
Und nanntest mich
Einen Bruder Mönch,
Denn du warst Novizin.

Für dich versetzte ich
Das Lied der Lieder
In den Schwarzwald.

Du hast mir gesungen
Dein Liebeslied
An die Jungfrau Maria:
O triefende Balsamstaude,
Oliva speciosa!

Da war Mutterheimat
In deinem Liebeslied.

Da sang ich für dich
Das Abschiedslied
Des Lieblings Johannes
An die scheidende
Mirjam von Nazareth,
Die gen Himmel fuhr.

Du aber nahmst meine Hand
Und führtest mich
Nach Lourdes,
Zur Quelle
Der Unbefleckten Empfängnis.

Du, Verlobte Jesu,
Lächeltest, als ich sagte :
Ich bin
Verlobter der Jungfrau
Maria!


ESKE


Du zähltest eben vierzehn Jahre,
Eske, mit rotblonden Locken,
Mit einem weißen Antlitz
Und tiefrotem Mündchen,
So sah ich dich
Vor meinem Hause wandeln.

Du kamest von der Konfirmation,
Ich schenkte dir weiße Rosen.

Am Abend klopfte es
An meiner Wohnungstür,
Deine Mutter und du,
Ihr standet vor mir,
Deine Mutter schenkte mir
Einen köstlichen Braten
Und du beschertest mir
Den süßen Nachtisch,
Weiße Götterspeise,
Aus der Milch der himmlischen Kuh,
Übergossen mit purpurnem Nektar
Der Erdbeeren Edens.

O du warst auch
So eine weiße Speise
Aus zitterndem Schaum
Und dein roter Mund
Wie eine purpurne Erdbeere!

Und ich klopfte an deine Tür
Und du tratest in den Flur,
Schlanke nackte Beine
In hohen Stiefeln,
Den Gürtel der Venus
Um die lüsternen Lenden,
Von rotblonden Locken umrahmt
Dein schneeweißes Antlitz
Mit der roten Rose des Mündchens,

Da schenkte ich dir
Die Venus der Medici.

Im dunkelsten Winter des Depression
Horchte ich nur noch
Auf deine klingelnden Schritte.

Vierzehn Jahre jung
War, als sie vom Engel gegrüßt ward
Und vom Heiligen Geist überschattet,
Das göttliche Mädchen
Maria!


JULIE


Nach dem Tode
Einer liebsten Freundin
Und mitten in der Trauer
Ihrer kleinen Waisenkinder,
Kam ich auf den Bauernhof
Deiner Mutter
In die Feier einer großen Sippe
Und fühlte mich einsam.

Da saß ich allein auf dem Hof
Und hörte das Rauschen der Eichen
Und hörte das Wehen Gottes
Und hörte klappern die Stalltür
Und es war mir, als ob
Maria vor mir stünde.

So trat ich wieder voller Mut
In die gesellige Küche,
Da saßest du an dem Tisch, o Julie.

Ich fragte: Heißt du Juli
Oder französisch Julie
Oder Julia?
Und du sagtest: Ich heiße Julie.

Schlanke Madonna!
Dein Hals ein weißer Elfenbeinturm,
Deine Lippen rosige Schnüre,
Deine Zähne ebenmäßige Perlen,
Deine Augen Mandeln
Oder Meteore,
Dein Haar ein Schleier
Von der Farbe der Kastanien,
Eine Schönheit! Eine Fee!

Und ich schrieb für dich
Shakespeares Romeo und Julia
Zu einer Komödie um.

Und ich schrieb für dich
Die Liebessonette
Des Heiligen Vaters
Alexanders des Sechsten
An seine Mätresse
Bella Julia.

Deine Schönheit war ein Schatten,
Das Modell deiner Schönheit
Ist die schöne Madonna,
Tota pulchra perfectissima,
Maria!


EVI

Du sagtest, Evi:
Komm
Nicht nur meine Freundin besuchen,
Komm
Auch mich besuchen!

Du sagtest: Es muß schön sein,
So zu glauben wie du!

Du sagtest: Ich habe viel
Gelernt von dir,
So manche Weisheit.

Und ich, Evi, ich,
Ich habe dir
Und deiner Schönheit zu verdanken
Den überragenden
Großteil meiner Lieder.

Was treibt denn
Die Nachtigall
Zum schönsten Gesang?
Es ist die geschlechtliche
Brunst des Vogels!

Warum singt denn
Die Nachtigall
Schöner als die andern Vögel?
Sie stößt sich
Den Dorn ins Herz
Und verblutend
Singt sie schöner
Als die andern Vögel.

Deine Schönheit
War mir Modell
Und Muster
Für alle Göttinnen
Und für die Göttin aller Göttinnen,
Die Jungfrau Maria.

Du warst mir
Die allmächtige Schönheit
Und schöner als dich
Hab ich keine gekannt
Als allein die eine,
Den unbefleckten Spiegel der göttlichen Schönheit:
Maria!