Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

THOMAS-EVANGELIUM


Gnosis-Studien
Von Josef Maria Mayer

Der heilige Apostel Thomas wird identifiziert mit dem Herrnbruder Juda. Da Thomas (The-oma) „Zwilling“ heißt, wird Thomas als Zwillingsbruder Jesu angesehen. Dieser Thomas wird nun betrachtet als Meister der spekulativen Christus-Erkenntnis.


ERSTES KAPITEL
HERR ELOHIM UND FRAU EDEN

Aller Anfang beginnt in dem einen himmlischen Vater,
Der die Welt geschaffen mit dem Elohim-Gotte
Aus der Idee seiner Braut, das ist die herrliche Eden.
Als der König Elohim schaute die herrliche Eden,
Ward er ihr zugeneigt, auch Eden liebte den König,
Und so kam es zur Vereinigung mystischer Liebe.
Aus der Vereinigung zeugte der König Elohim fruchtbar
Männliche Engel, nämlich Michael, Baruch und Amen.
Tochter Eden hat geboren die weiblichen Engel
Mit dem Namen Tochter Babel oder auch Venus,
Jungfrau Sophia oder auch die Ewige Weisheit
Und als dritte Nehuschtan, die schillernde Schlange.
Alle männlichen Engel dienten Elohim gerne
Und die weiblichen Engel dienten der lieblichen Eden.
Alle Engel zusammen nannte man Paradies-Garten,
Gott nämlich pflanzte das Paradies in Eden im Osten,
Also pflanzte Gott das Paradies im Angesicht Edens,
Daß die Tochter Eden allzeit schaue die Engel.
Diese Engel des Paradieses nennt man auch Bäume,
Baum des Lebens aber nennt man den Michael-Engel,
Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen nennt man den Engel
Nehuschtan, aller Erkenntnis schillernde Schlange.
König Elohim, innig vereint mit der herrlichen Eden,
Schuf die Menschen zum Abbild ihrer Einheit in Liebe.
Und sie legten in die Menschen die himmlischen Kräfte,
König Elohim gab den Menschen das göttliche Pneuma
Und die herrliche Eden gab den Menschen die Psyche.
Adam, der Mann, ward zum Bild des göttlichen Elohim-Königs,
Eva, die Männin, ward zum Bild der himmlischen Eden.
Adam und Eva vernahmen nun das Gebot der Gebote:
Liebet einander! Seid fruchtbar und empfangt als Erbe die Erde!
Dieses Erbe der Erde ist das Erbe der Eden,
Nämlich die herrliche Eden brachte als Mitgift zur Hochzeit
Alle ihre Kraft aus dem Hause des Elohim-Gottes.
Als nun der König Elohim mit der herrlichen Eden
Eins in wechselseitiger Liebe die Schöpfung geschaffen,
Wollte der König Elohim wieder zur himmlischen Wohnung,
Um aus der einsamen Höhe zu schauen, ob etwas noch fehle.
König Elohim nahm da mit sich die männlichen Engel,
Eden blieb auf Erden mit ihren weiblichen Engeln,
Eden war ja die Erde und wollte nicht in den Himmel
Steigen, darum der Elohim-König aufstieg alleine.
Da nun der König Elohim kam zur Pforte des Himmels,
Siehe, da sah er den unerschaffenen Lichtglanz der Gottheit.
Elohim sagte: Öffne mir die Pforte des Himmels,
Daß ich eingehe in den Himmel, vorm HERRN mich verneige!
Da kam Antwort aus dem ungegossenen Lichtglanz:
Dies ist die Pforte des Himmels, und wer gelangt in den Himmel
Als die Guten? Da tat sich auf die Pforte des Himmels,
König Elohim trat nun ohne männliche Engel
In den Dritten Himmel und schaute den Vater im Himmel,
Sah, was kein Auge je sah, vernahm, was kein Ohr je vernommen,
Was kein Mensch sich je in dem eigenen Herzen ersonnen.
Da sprach der Vater im Himmel zu dem Elohim-König:
Setz dich zu meiner Rechten, Elohim-König, und herrsche,
Bis ich dir all deine Feinde unter die Füße geworfen!
Tochter Eden aber beherrscht die geschaffene Schöpfung,
Elohim herrscht zur Rechten des Vaters im Himmel.
Aber Eden sah sich vom Elohim-König verlassen,
Traurig wandelte sie allein unter weiblichen Engeln,
Schmückte und schminkte sich, ob vielleicht der Elohim-König
Sich von Sehnsucht verführen lasse und zu ihr zurückkäm!
Als aber König Elohim nicht herabkam zur Eden,
Wies die enttäuschte Tochter Eden den weiblichen Engel
Tochter Babel an, Aphrodite ist auch ihr Name,
Ehebruch und Scheidung unter den Menschen zu stiften.
Und die enttäuschte Eden gab dem weiblichen Engel
Nehuschtan großen Einfluß über die Menschen, der Schlange.
Gott sprach ja: Von allen den Bäumen im Paradies-Garten
Dürft ihr essen, doch nicht vom Baum verbotenen Wissens,
Von dem Baum der Erkenntnis des Guten wie auch des Bösen.
Dieser Baum der Erkenntnis ist der Nehuschtan-Engel,
Ist das weibliche Engelwesen der schillernden Schlange.
Nehuschtan aber schlich heran an die nackende Eva
Und verlockte die reizende Eva zu Ehebruch, Unzucht.
Nehuschtan aber schlich sich heran an den nackenden Adam
Und verlockte ihn zur Knabenliebe in Sünde.
So entstanden der Ehebruch und die Unzucht an Knaben.
Schließlich aber ward der männliche Michael-Engel
Von dem Elohim-König herabgeschickt zu der Erde,
Nämlich zur seligen Jungfrau und Gottes-Mutter Maria.
Jesus, der Sohn Marias, weidete eben die Herde.
Michael sprach von Elohim und der herrlichen Eden
Und er sagte zum Knaben Jesus: Alle Propheten
Ließen sich täuschen, du aber laß dich nicht täuschen, mein Jesus!
Mache den Menschenkindern bekannt die Weisung des Vaters
Und dann steige zum Vater und setz dich zur Rechten des Vaters!
Jesus sagte: Ja! Ich bringe die Weisung des Vaters!
Aber Nehuschtan begehrte, auch Jesus zu täuschen,
Aber Nehuschtan vermochte nicht, Jesus zu täuschen,
Da ergrimmte Nehuschtan und ließ den Herrn Jesus
Christus kreuzigen! Aber Jesus sprach an dem Kreuze
Zu dem wahren Gnostiker und zu der herrlichen Eden,
Und zum wahren Gnostiker sagte Jesus: Mein Jünger,
Siehe, die Tochter Eden ist deine heilige Mutter!
Und zu der herrlichen Eden sagte Jesus am Kreuze:
Herrin, nimm den wahren Gnostiker als deinen Sohn an!
Dann fuhr Jesus vom Kreuz auf gen Himmel zum himmlischen Vater.


ZWEITES KAPITEL
EVAS TOCHTER UND DER ENGEL ELILITH

Eva ward schwanger und gebar und sagte: Jehova
Zeugte eine Frau als Hilfe der Menschengeschlechter,
Dies ist die Jungfrau, die von den Teufeln nicht ward besudelt.
Aber Jehova sprach zu Noah, dem Vater des Trostes:
Bau eine Arche für dich, deine Frau und all deine Söhne!
Da kam Evas Tochter zu Noah, dem Vater des Trostes,
Denn auch Evas Tochter wollte hinein in die Arche,
Noah aber verwehrte der Tochter Evas den Eintritt,
Evas Tochter hauchte sie an und verbrannte die Arche,
Vater Noah aber baute erneut eine Arche.
Aber zu Evas Tochter kamen die finsteren Kräfte,
Sie zu begatten. Die oberste Kraft der Finsternis sagte:
Mutter Eva ließ sich begatten vom Dämon der Schlange!
Aber die Tochter Evas sprach zu den finsteren Kräften:
Ihr seid verflucht! Ihr habt nicht Mutter Eva begattet,
Ihr habt nur ein geträumtes Bild von Eva begattet!
Ich bin nicht gezeugt von der finsteren Kraft, sondern wurde
Von dem Heiligen Geist gezeugt und komme vom Himmel!
Und die selbstgefällige finstere Kraft ist entwichen.
Aber die finsteren Kräfte sprachen zur Tochter der Eva:
Diene wie deine Mutter Eva den finsteren Kräften!
Evas Tochter wandte sich ab von den finsteren Kräften
In der Macht der heiligen Namens Gottes Jehova
Und sie schrie mit lauter Stimme zur heiligen Gottheit:
Gott des Universums, hilf mir gegen die finsteren Kräfte
Und errette mich aus der Hand der gottlosen Frevler!
Da stieg der Engel vom Himmel herab und sprach zu der Tochter
Evas: Warum schreist du so laut zum Namen Jehova?
Warum stürmt deine Seele in dir? Die Ruach ist mit dir!
Da entwichen von ihr die ungerechten Gewalten
Und die Mächte der obersten Kraft der finsteren Geister.
Evas Tochter aber sagte zum himmlischen Engel:
Engel, wer bist du und aus welcher Ordnung der Engel?
Er sprach: Ich bin Elilith, bin der Engel der Weisheit,
Der vor dem Angesicht steht der heiligen Ruach, der Mutter,
Gottes Weisheit hat mich geschickt, um mit dir zu reden
Und dich zu befreien aus den Händen der finsteren Kräfte
Und dich zu belehren über die Wurzel der Weisheit.


DRITTES KAPITEL
PSYCHE UND DER HIMMLISCHE BRÄUTIGAM

Weise gaben der Psyche einen weiblichen Namen
Und sie ist auch von Natur eine Frau und ist weiblich
Und besitzt auch eine Gebärmutter voller Erbarmen.
Ist sie noch beim himmlischen Vater, so ist sie ein Mädchen,
Noch nicht pubertierendes Mädchen und noch nicht geschlechtsreif.
Als sie in den Körper gekommen, ins Fleisch ist gekommen,
Fiel sie in die Hände von vielen gewaltsamen Räubern.
Und die Räuber schenkten sie schändlich einer dem andern
Und sie nutzten sie aus und beschmutzten das liebliche Mädchen.
Einige schändeten sie mit roher Gewalt ihrer Lenden,
Andere überredeten sie mit Blendwerk und Täuschung.
Schande taten dem heiligen Mädchen alle an, leider,
Sie verlor ihre Unschuld, ihrer Jungfernschaft Hymen,
Und sie hurte im Körper und gab sich jedem Genossen.
Ist sie einem ergeben, so meint sie, er wäre ihr Gatte.
Gibt sie sich hin den Ehebrechern, den treulosen Freiern,
Die sie missbrauchen, so jammert sie schreckliche Klagen.
Wendet sie aber ihr Antlitz wieder ab von den Hurern,
Eilt sie zu andern, mit denen in deren Bette zu liegen
Und sie als Magd zu bedienen, die lüsternen Herren des Bettes.
Nun erst schämt sie sich, wagt nicht mehr, die Herrn zu verlassen,
Die sie aber betrügen. So tun auch die ehlichen Gatten,
Die nur täuschend vorgeben, ihre Frauen zu ehren,
Und am Ende verlassen sie sie und gehen vondannen.
Nichts erhielt sie von diesen Männern als Schmutz und Befleckung,
Die sie auf sie gehäuft, als sie es mit Psyche getrieben.
Uneheliche Kinder, die sie von den Freiern empfangen,
Diese sind blind und taub, sind krank an gespaltener Seele
Und zutiefst verstört und verwirrt am inneren Herzen.
Wenn der Mann seine Ehefrau wegschickt, sie also fortgeht,
Nimmt einen andern, wird sie dann zurückkehren jemals?
Hat sich diese Frau nicht beschmutzt und verunreinigt? Hurtest
Du doch mit vielen Hirten und kehrest dennoch zum Herrn heim?
Heb deine Augen zum Himmel und schau wie du hurtest, du Hure!
Hast du denn nicht an den Wegen gesessen, die Erde besudelt
Mit der Hurerei und der Schlechtigkeit, nahmest dir viele
Hirten zum Fehltritt? Du bist schamlos gewesen mit jedem!
Du hast Gott nicht angerufen wie einen Hausherrn,
Wie einen Vater und Urheber deiner Mädchenschaft, Psyche.
Also, ihr Männer, fällt ein Urteil gegen die Mutter,
Denn sie ist nicht des Herrn Gemahlin, Gott nicht ihr Gatte.
Gott wird sich ihre Hurerei vom Angesicht wischen,
Ausreißen allen Ehebruch aus dem Tal ihrer Brüste.
Gott macht sie nackt wie an dem Tag, da sie wurde geboren,
Gott macht sie einsam wie ein Land, da kein Wasser fließt, Wüste,
Wüste wird sie, und Gott lässt sie ohne Kinder verdursten,
Auch ihrer Kinder wird sich Gott nicht länger erbarmen,
Denn sie sind Kinder der Hure, weil die Mutter gehurt hat.
Denn sie sagte: Ich hurte mit denen, die mich begehren,
Denn sie gaben mir Brot und Wasser und reizende Kleider,
Gaben mir Wein und Öl und viele nützliche Dinge.
Gott aber schließt sie ein, dass sie nicht mehr breche die Ehe
Und den Ehebrechern nicht länger nacheile läufig.
Wenn sie dann nach den Buhlern fragt und findet sie nicht mehr,
Wird sie sagen: Ich will zu meinem ersten Gemahle
Heimkehren, damals ging es mir besser als heute.
So geschah es nach vielen Schlechtigkeiten, du Hure,
Daß du dir ein Bordell eingerichtet, den Ort in der Gasse,
Ja, in jeder Straße erbautest du dir Bordelle
Und zerstörtest den Reiz deiner Schönheit und spreiztest die Beine
Überall und vermehrtest deiner Hurerei Unzucht.
Du hast gehurt mit den Mysterienpriestern Ägyptens,
Die einen riesigen Stein verehren als göttlichen Phallus.
Brüder, verkehrt nicht mit Huren, mit den Huren der Erde,
Nicht mit den Männern der Geldgier, nicht mit den Dienern der Götzen.
Ach, von Männern der Geldgier und von Dienern der Götzen
Und von Huren der Erde ist die elende Welt voll!
Siehe, da kam der Bräutigam zu der Braut, der Geliebten!
Sie gab auf ihre Hurerei und wusch sich vom Schmutze
All der Ehebrecher und erneute die Brautschaft.
Nämlich sie vereinigte sich im Brautgemache der Seele,
Sie bereitete dieses Brautgemach mit dem Weihrauch,
Saß und wartete auf den wahren Bräutigam. Jetzo
Rennt sie nicht mehr auf den Markt, dort Umgang zu suchen
Mit den Vielen, die sie begehren. Sie wartet in Stille,
Wann der Bräutigam käme, an welchem glücklichen Tage.
Aber sie fürchtet den Bräutigam, sah ja nie seinen Körper.
Die Erinnerung an die Zeit, da im Hause des Vaters
Sie zuhaus war, diese Erinnerung ist schon verloschen.
Nach dem Willen des Vaters aber träumte das Mädchen
Psyche von dem Bräutigam, wie die Frauen in Träumen
Schauen die edlen Männer, die sie lieben von Herzen.
Jetzt kommt der Bräutigam nach dem Willen des himmlischen Vaters
Zu dem Mädchen Psyche herab in die bereitete Kammer.
Er selbst schmückt das Hochzeitszimmer, das Brautgemach Psyches.
Aber jene Hochzeit gleicht nicht der fleischlichen Hochzeit,
Wo die Liebenden sich am Liebesakte ergötzen,
Sondern hier in dieser spirituellen Vermählung
Lassen die Liebenden hinter sich die Qualen der Wollust
Und sie dienen einander wie die Magd und der Sklave.
Dieser spirituellen Hochzeit Vereinigungsliebe,
Sie verschmilzt die beiden zu Einem einigen Wesen
Und sie werden Ein einiges Fleisch sein, wie Moses
Prophezeite, wenn Adam sich vereinigt mit Eva.
Nämlich sie waren früher schon beim himmlischen Vater
Mystisch verbunden, bevor die Frau den Gatten verloren,
Der ihr Bruder im Geiste ist. Diese mystische Hochzeit
Hat sie erneut vereinigt. Ja, Psyche vereinigt
Sich mit dem wahren Geliebten, der ihr Herr von Natur ist,
Nämlich der Herr des Weibes ist ihr mystischer Gatte.
Sie erkannte aber erst nach und nach den Geliebten,
Dann aber weinte sie, da sie der Schande der Jugend gedachte
Und der Trauer der Witwenschaft. Dann aber schmückte
Sie sich mehr und mehr, um ihrem Mann zu gefallen,
Daß er bei ihr bleibe, an ihrem Reiz sich erfreue.
Darum spricht der Prophet auch: Höre, o Tochter,
Schau und neige dein Ohr, vergiss dein Volk, deine Heimat
Und das Haus deines Vaters, denn es begehrt dich der König,
Ja, der König verlangt nach deiner lieblichen Schönheit,
Denn der König, der Herr, ist allein dein mystischer Gatte.
Darum sagt der Prophet auch: Meine Psyche, mein Kleinod,
Meine Turteltaube, lobe den Herrn, Hallelujah,
Rühme den Herrn, der dir alle deine Sünden vergeben,
Alle deine Krankheit geheilt, dein Leben gerettet
Vor verfrühtem Tode, der dich bekränzt mit Erbarmen
Und dein Verlangen gesättigt mit den heiligsten Gütern!
Deine Jugend erneuert er dir so wie einem Adler!
Jetzt aber weine laut, o Tochter Jerusalem, Psyche:
Herr, erbarme dich meiner! Herr, erbarme dich meiner!
Und barmherzig wird er sich deiner Tränen erbarmen
Und der jammernden Stimme deines schluchzenden Weinens!
Gott hat dich gesehen, deine Gebete vernommen,
Gott gab dir Brot der Schmerzen und bittere Wasser der Leiden,
Aber die Irrlehrer sollen sich Psyche jetzt nicht mehr nähern,
Deines Geistes Augen werden die Irrlehrer schauen
Und du wirst dich erbrechen vor den Lügendämonen!
Darum auch wird der Dichter dichten, geküsst von der Muse:
Siehe, Odysseus saß auf der Insel Kalypsos und weinte,
Er war traurig und wandte sich ab von der Rede Kalypsos
Und den Listen Kalypsos. Er wünschte, die Heimat zu sehen
Und die heimatliche Insel Ithaka wieder
Und den Rauch, der aufsteigt aus Penelopes Küche.
Also spricht auch die Psyche: Da mein Mann und Gemahl sich
Zornig von mir abgewandt, will ich zurück in mein Haus gehn.
Aphrodite hat mich betrogen. Sie lockte mich lächelnd
Aus der eigenen Stadt. Ich verließ meine eigenen Kinder
Und den guten, wahrhaftigen, frommen und weisen Geliebten.
Wenn aber Psyche ihren einzig wahren Geliebten
Und Gemahl verlässt allein aufgrund des Betrugs der
Lachenliebenden Aphrodite, der Herrin der Erde,
Dann wird Psyche Schaden nehmen am Herzen im Herzen.
Aber wenn sie trauert und umkehrt und heimkehrt zum Gatten,
Nimmt der Geliebte wieder an die büßende Psyche.
Also spricht der Prophet: Ich war der Niedergedrückte,
Niedergedrückt von dem großen Gram meiner trauernden Seele!
Alle Nächte wusch ich mein Bett und mein Lager mit Tränen!
Alt bin ich geworden im Land meiner friedlosen Feinde!
Weiche von mir jeder, der das Unrecht liebt, jeder,
Der mich befeindet! Der Herr vernahm den Schrei meines Heulens!
Ja, mein Flehen vernommen hat mein Gott voll Erbarmen!


VIERTES KAPITEL
JESUS UND MARIA MAGDALENA

Was aber hat es auf sich mit dem Aufstieg der Seele?
In der Stunde des Todes überlässt du den Körper
Der Veränderung. Die Gestalt deines Körpers verschwindet.
Unwirksam bleibt zurück der Charakter. Das leibliche Fühlen
Fließt zurück in die irdischen Quellen. Die Körpergefühle
Setzen sich wieder zusammen zu neuen fühlenden Körpern
Und die Begier und der Eros kehren zurück zur Natura.
Aber der Geist! Der Geist schwebt nach oben durch himmlischen Kreise.
In dem ersten der Kreise übergibt nun der Geistmensch
Alle Fähigkeit, klein und groß zu werden an Inhalt.
In dem zweiten der Kreise übergibt nun der Geistmensch
Alle Anschläge, alle Listen, die unwirksam werden.
In dem dritten der Kreise übergibt nun der Geistmensch
Alle Betrügereien und Lüste, die unwirksam werden.
In dem vierten der Kreise übergibt nun der Geistmensch
Alle Unbesonnenheiten und alles Verwegne.
In dem fünften der Kreise übergibt nun der Geistmensch
Alle falsche Schau der irreführenden Geister.
In dem sechsten der Kreise übergibt nun der Geistmensch
Alles begehren nach Besitz, zunichte geworden.
In dem siebenten Kreise übergibt nun der Geistmensch
Alle Verlogenheit, all sein immerwährendes Lügen.
Dann ist der Geistmensch frei und ledig der Reinigungskreise.
So kommt die Geistseele zu dem himmlischen Rühmen des Vaters
Und zum himmlischen Singen aller heiligen Geister.
Diese Heiligen sind voll Freude und voller Entzücken,
Daß die Geistseele nun in das Reich der Himmel gekommen.
Gleichgeworden den andern glückseligen Himmelsbewohnern
Hört die Geistseele, wie die Mächte, wie Himmels-Sirenen,
Tönen Halleluja in süßen melodischen Chören.
Alle die Himmlischen, Heiligen und glückseligen Geister
Tanzen in Reigentänzen hinan zum Vater im Himmel,
Und sie werden zu himmlischen Kräften, Mächten, Gewalten
Und versinken in Gott! Und das ist ihre Vollendung.
Das ist das Höchste Gut, die Weisheit erhalten zu haben,
Gott zu werden in Gott! Mein Lieber, zaudre nicht länger,
Der du die Weisheit empfangen von der Gottwerdung, lehre
Deine dir Anvertrauten und führe die Seelen zu Jesus!
Siehe, ich stand vor dem löwenartigen Geist des Saturnus.
Dann aber stand ich vor dem Jupiter, der heißt auch Jao:
Jao, du Engel der verborgnen Geheimnisse Gottes
Unsres Vaters und des Sohnes, du Leuchte des Dunkels,
Herrscher über den Tod, du aller Schuldlosen Erbteil,
Deinen eigenen Bart zeig ich dir hier in dem Bilde,
Ich bin bereit, in deinen Bereich hinüberzuwechseln.
Ja, die Gnade ist mit mir, lieber Vater, so ist es!
Siehe, da kam ich zu dem Mars, dem Zebaoth eigen:
O Herr Zebaoth, Rechtsanwalt des Schöpfungsgesetzes,
Laß mich in den Himmel, du siehst ja das heilige Zeichen!
Ja, die Gnade ist mit mir, lieber Vater, so ist es!
Dann kam ich zum Morgenstern der himmlischen Venus,
Venus Urania: Engel des Morgensternes, erhör mich,
Laß mich in den Himmel! Vor dir steht ein Myste der Jungfrau!
Ja, die Gnade ist mit mir, lieber Vater, so ist es!
Dann kam ich zum Stern des Merkurius, sprach zu dem Engel:
Laß mich in den Himmel, ich trage das heilige Zeichen
Der gesegneten Mutter, der Mutter der göttlichen Gnade,
Deren Schönheit den Mächten und Gewalten nicht sagbar!
Ja, die Gnade ist mit mir, lieber Vater, so ist es!
Schließlich kam ich zum Monde, zum Engel des Horos:
Engel, der du aufgestiegen bist aus dem Feuer,
Laß mich in den Himmel, ich komme zu dir in dem Zeichen
Jenes paradiesischen Baumes des ewigen Lebens!
Ja, die Gnade ist mit mir, lieber Vater, so ist es!
Über allem sah ich zwei Kreise, im großen den kleinen,
Sah im großen Kreise geschrieben den Namen des Vaters,
Sah im kleinen Kreise geschrieben den Namen des Sohnes,
Zwischen dem großen und dem kleinen Kreise ein dritter
Kreis war zu sehen in den irisierendsten Farben,
In dem dritten Kreise stand geschrieben: Die Liebe!
Da erhob sich Maria Magdalena und küsste
Petrus und sagte: Weine nicht und trauere nicht mehr!
Zweifle nicht, denn Gottes Liebe ist mit den Jüngern
Christi, Schutzherrin ist uns die Barmherzigkeit Gottes.
Laß uns rühmen die gewaltige Größe des Gottes!
Gott hat uns gezeugt, gemacht zu heiligen Menschen!
Petrus aber sprach zu Magdalena: Geliebte!
Schwester! Wir alle wissen, dass der Retter dich lieber
Hatte als die andern galiläischen Frauen.
Sag mir Worte des Retters, die du erinnerst und hörtest.
Magdalena sprach: Ich sah in einem Traum meinen Retter.
Christus sagte: Segen über dich, meine Geliebte,
Die du nicht strauchelst beim Anblick des Christus am Kreuze!
Ist dein Herz rein, wirst du im Inneren schauen den Christus.
Ich aber, Magdalena, sagte zum Herrn und Erlöser:
Meister, seh ich den Traum mit dem Geist oder mit meiner Seele?
Antwort gab mir der Meister: Nicht durch Geist, nicht durch Seele,
Sondern durch den Logos zwischen dem Geist und der Seele
Sieht dein innerer Sinn im Traum den Christus im Lichte.
Meine Seele aber stieg durch der Finsternis Sphäre,
Und die Finsternis sagte zu mir: Dein Geist war verfinstert.
Ich aber sagte zur Finsternis: Christus hat mich erleuchtet!
Dann ging meine Seele durch den Bereich des Verlangens,
Und das Verlangen sprach: Ich sah nicht, wie du gekommen,
Warum lügst du, Magdalena, dass du gekommen?
Ich aber sprach: Ich habe dich gesehen, Verlangen,
Aber du hast nicht erkannt meine innerste Seele,
Nämlich, Verlangen, du bist nur ein reizendes Kleidchen.
Als ich dies gesprochen, jubelte jauchzend mein Herz auf
Und ich kam zur dritten Gewalt, dem Ungeist der Torheit.
Diese Torheit wollte mich prüfen und richten die Seele:
Wohin gehst du, o Seele? Du bist gefangen in Torheit!
Du lebst selbst in der Sünde, also richte die Welt nicht!
Aber meine Seele sagte zum Ungeist der Torheit:
Soll ich nicht richten, warum richtest dann du meine Seele?
Ich hab die Weisheit nicht selber ergriffen, ich wurde ergriffen,
Ich hab sie nicht erkannt, doch mich erkannte die Weisheit,
Und so erlangte ich Einsicht, dass in göttlicher Freiheit
Leben wird das Universum, Himmel und Erde.
Als ich die dritte Gewalt zurückgelassen, da stieg ich
Auf zur vierten Gewalt, der Bringerin einsamen Todes,
Und die Bringerin einsamen Todes sprach zu der Seele:
Warst du nicht völlig verlassen in der Stunde des Todes?
Meine Seele aber sprach zu der Botin des Todes:
Was in der Stunde des Todes in meiner Seele geschehen,
Ist ein Geheimnis zwischen mir und meinem Erlöser!
Und ich kam in den fünften Bereich der Begierden des Fleisches
Und ich kam in den sechsten Bereich der Genüsse des Fleisches
Und ich kam in den siebten Bereich der eitlen Erkenntnis.
Das sind die sieben Genossen des satanischen Hasses.
Alle sieben Genossen des satanischen Hasses
Fragten meiner Seele: Woher kommst du, o Seele?
Wehe dir, Seele! Hast du nicht Menschenkinder getötet?
Wohin gehst du? Überwindest du Sphären, Bereiche?
Meine Seele gab Antwort den sieben Genossen des Hasses:
Gott hat getötet den sterblichen Leib, der mich festhielt auf Erden,
Alle Begierden meines Fleisches sind nun zu Ende
Und vergangen die Verblendung durch die täuschende Torheit
Und die Umnebelung meines Geistes durch finstere Mächte.
In der Weltzeit ich wurde aus der Weltzeit gerettet
Durch den Leib des Herrn! Ich wurde erlöst von der Fessel
Meiner Verblendung. Jetzt gelang ich zum Meere der Ruhe,
Zu der ewigen Stille in Gottes mystischem Schweigen. –
So sprach Maria Magdalena zu Petrus, dann schwieg sie.
Dieses war es, was zu ihr geredet der Retter.



FÜNFTES KAPITEL
DAS BRAUTGEMACH DER GOTTES-EHE

Hagia Sophia ist die Mutter der Geister,
Sie, die fruchtbare Mutter, ist die Gefährtin des Christus.
Aber der Christus liebte Maria von Magdala mehr als
Alle anderen Jünger und küsste sie oft auf die Lippen!
Siehe, der Hochzeit Mysterium ist ein großes Geheimnis,
Durch der Hochzeit Mysterium wird der Kosmos bereichert,
Denn der Bestand des Kosmos beruht auf dem heiligen Menschen,
Aber der Menschen Bestand beruht auf der heiligen Ehe.
Du erkenne die unbefleckte Gemeinschaft, denn sie ist
Eine gewaltige Macht der Liebe und ihre Ikone
Ist die unbefleckte Gestalt der vollkommenen Jungfrau!
Als aber Eva war noch in dem Inneren Adams,
Gab es keine Sünde und keinen Tod bei den Menschen.
Wenn sich Adam wieder vereinigt mit Eva in Liebe,
Wird keine Sünde und kein Tod mehr sein bei den Menschen.
Wer sich aber mit dem ewigen Lichtglanz bekleidet,
Diesen können die verderblichen Kräfte nicht sehen
Und sie können ihn nicht ergreifen mit Krallen und Tatzen.
Jener Geistmensch, der das Licht im Mysterium anzieht,
Tut dies in der Vereinigung Brautgemach mystischer Hochzeit.
Hätte sich Eva nicht getrennt von dem Ehemann Adam,
Würden die Frauen nicht sterben wie die sterblichen Menschen,
Denn die Ehescheidung war der Anfang des Todes.
Darum kam Christus als der neue und ewige Adam,
Eva als neue Eva wieder anzunehmen als Gattin,
Daß er auch den Geschiedenen gebe das ewige Leben.
Es vereint sich die mystische Frau dem mystischen Manne
In dem Brautgemach. Die sich im Brautgemach liebend vereinigt,
Trennen sich nicht mehr, sie werden ein einiges Wesen.
Eva aber trennte sich darum vom Ehemann Adam,
Weil sie sich nicht im Brautgemach sakramentalisch vereinigt.
Aus einem göttlichen Hauch ist geworden die Seele von Adam,
Seine Wiedervereinigung mit dem göttlichen Hauche
Ist die Erlösung Adams. Der Geist ist die Mutter von Adam.
Schöpferische Gewalten nahmen die Seele von Adam,
Gossen die Seele von Adam in den Körper von Eva.
Als sich Adam mit Eva vereinigt in mystischer Hochzeit,
Sprach er geheimnisvolle übervernünftige Worte.
Aber die widergöttlichen Kräfte beneideten Adam
Und zerstörten die Verbindung mit Ruach, der Mutter.
Adam ist geworden aus zwei jungfräulichen Müttern,
Aus der Mutter Adama mit den mächtigen Brüsten
Und aus Mutter Ruach, nämlich dem Heiligen Geiste.
Mutter Ruach und Mutter Maria zusammen erschufen
Jesus Christus, den neuen und ewigen Adam.
Wenn man schon von dem Hochzeitsmysterium reden soll – siehe,
Gott der Vater vereinigte sich mit der heiligen Jungfrau
Und es erschien der überaus strahlende Leib des Messias.
Damals offenbarte der Herr die mystische Hochzeit
Und das Sakrament des Brautgemachs mystischer Hochzeit.
Darum kam auch sein Körper, der heilige Leib des Messias,
Aus dem heiligen Brautgemach des Schoßes der Jungfrau.
Jesus ist nämlich der Bräutigam und die Braut ist Sophia.
Jeder Jünger soll kommen in die ewige Ruhe
Durch das Brautgemach mystischer Hochzeit, die Ehe mit Christus.