Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

STROMATA



Lyrik

Von Josef Maria Mayer

 

MADRIGALE FÜR KARINE


(1994)

1

Der Welten Schöpfung war ein Liebesspiel,
Frau Weisheit spielte mit der Menschlichkeit.
Einst kommt doch alle Sehnsucht an ihr Ziel.

Da ist der Sünden mit dem süßen Schimmer
Die Heimat für der Seelen Seligkeit,
Ja, die Geliebten sind zusammen immer!

O Weltenmeer, o mächtiges Gebirge,
Gib, dass ich Perlen in den Schleier wirke

Für Notre Dame, die himmlische Regina:
Karfreitag Lob im Namen der Karina!


2

Sei nimmermehr der Menschensohn allein,
Zur Seite aber dem erfüllten Traum.
Sie werden wie die Träumenden dann sein.

Wir wollen zur Erlösung nämlich pflücken
Die Liebesfrucht vom Granatapfelbaum.
Die Himmelsspeise Manna wird beglücken

Die Seele und den Leib in seiner Gänze.
Im Paradiesesgarten, ewgem Lenze,

Sind einig sich der Sohn und die Vergina.
Karfreitag Preis im Namen der Karina!


3

Im weiten Weltenraume ist das Dunkel
Erleuchtet doch vom reinen Sternenherzen,
Die Engel nennen diesen Stein: Karfunkel.

Mir aber gehn die Lieder vom Gemüte.
Ach, mein Gebein zerschmilzt wie Osterkerzen,
Denn eine Liebe brennt mir im Geblüte!

Der Tau des Mondes sank ins weiche Moos.
So ruhen schließlich wollte ich im Schoß.

Rein auf der Muschel kommt Sankt Madonnina!
Karfreitag Ruhm im Namen der Karina!


4

Im Osten ist wie Schwanendaunen Schnee
Und voller Demut sich erhebt ein Fels.
Mir schlummert unterm Lid ein Tränensee.

Im grenzenlosen Garten Einsamkeit
Die Liebe mit dem Geist zusammenschmelz!
Gib du, o Liebe, mir Glückseligkeit!

Vom Tiber sind die Wasser dann im Himmel,
Auch ist von schwarzen Schwänen ein Gewimmel.

Beim Venushimmel, Stella Matutina:
Karfreitag Heil im Namen der Karina!


5

Vom Himmel komme Gnade und Erbarmen,
Der Segen segne auch das Reich der Mitte
Und mich und dich, die wir uns warm umarmen.

Für dich allein hab ich dies Lied geschrieben,
Daß nun nicht mehr dein Herz am Leiden litte.
Wir wollen innehalten, innig lieben!

Der Menschensohn zur Seite einer Kraft
Ist hingesunken. Jetzt ist es geschafft!

Doch in der Morgenröte lächelt China –
Karfreitag Dank im Namen der Karina!


ZU KARINES GEBURTSTAG


(1994)

1

Dein ist der Tag, geliebtes Menschenkind,
Dein von der Mitternacht,
Wenn der Septembermond ist sanft und lind
Hoch überm Wasser sacht
Des Meeres und von Norden kommt der Wind.
Da sei des Himmels Frieden
Mit dir hienieden!
Dir in Karelien im hohen Finnland
Süß säuseln Schleierbirken,
Die weißen Nebel kommen in das Inland,
Den Schleier dir zu wirken.
Daß dir nicht deiner Seele Duften hinschwand,
Sei du zur Nacht nicht bange:
Der Tau küsst deine Wange.
Mit Diamant sei dir ins Herz geschrieben:
Dich werden alle Venussterne lieben!


2

Der Tau sinkt von dem Aug der Morgenröte,
Sinkt in des Meeres Mund.
Da spielt ein Kindlein auf der Jadeflöte
Ein Lied von Seelengrund.
Wenn Petersburg das Zarenschloß auch böte
Und die Karpaten Polen,
Ich wollte Atem holen
Und eilen durch die weißen Weiten Schnee,
Um Salbei dir zu pflücken
Im östlichen Sibirien – o je!
Der Morgen möge blicken
Zu dir und Heilung geben deinem Weh!
Die Flamme auf den Kerzen
Sei Freude deinem Herzen.
Und wenn der Morgen-Gong ertönt von China,
Vom rosigen Gebirg, sei’s für Karina!


3

Wenn dann der Stern des Tages im Zenit,
Vom Berg des Mittags sehn
Durchs nebelweiße wolkige Gebiet
Zu dir die Pyrenäen.
Und träufelt Tau vom weißen Wolkenlid,
Dann ist ein leiser Klang
Dich preisender Gesang.
Schafgarbefein sind die geschwungnen Brauen.
Der Waage Harmonie
Gleicht deiner Seele, Schönste aller Frauen,
Und süße Melodie
Ist deine Stimme. Einmal wollt ich schauen
Dein reines Herz von innen...
Mit allen deinen Sinnen
Empfange du zu dieser Feierzeit
Und in der Seele süße Seligkeit!


4

Am Abend steigt dir auf der Abendstern.
Von Irlands Palmenküsten
Kommt doch der Segen. Über Meeren fern
Die Himmlischen dich küssten.
Ach, tief erbebt die Erde in dem Kern
Mit Leidenschaft und Glut,
Wenn sich dein Aug auftut!
Erfülle dich ein froher Freudenschauer
Und stille all dein Sehnen
Mit Gnade! Ferne sei von dir die Trauer!
Der Sang von Trauerschwänen
Rühm dich als Venusstern und noch genauer
Mit aller Macht vom Genius
Als inkarnierte Venus!
Sankt Peters Dom am Saum des Stromes Tiber
Gewinnt dich alle Augenblicke lieber!


5

Die Nacht nun breitet ihren schwarzen Mantel,
Darin wie ein Karfunkel
Ist eine Leuchte dir zu deinem Wandel.
Denn mitten in dem Dunkel
Vergiss du niemals: Nimm nicht von der Mandel...
Doch speise meinen Reim
Und sauge Honigseim!
Dies ist dein Tag! Dies soll ein Beispiel sein,
Wie allzeit Stern und Meer
Und steile Gipfel dich verehren rein,
Die du geliebt wirst sehr
In diesem Augenblick von mir allein.
O! Morgen aufzustehn
Und dir zur Seite gehn,
Ist Wunsch von allen Menschen, die dich lieben!
(Dies hat der Venusstern für dich geschrieben.)



RUSSISCHE VOLKSLIEDER

(1993)

1

Mein Geliebter redet mir immerfort
Und bestürmt mit ernstem Wort,
Nicht zu gehen mit einem andern Freund:
Lebe still für dich, Geliebte mein,
Du mein weißes liebes Schwanelein!

2

Ach Feld, ach du mein weites Feld,
Ach Tal, ach du mein weites Tal!
Alles schön und alles schmückt dich, Feld:
Korn und bunte Blümelein,
Laub und Gräser, golden und fahl.
Nur eins wirft Schatten hinein:
In deiner Mitte steht ein Strauch,
Daneben sitzt ein grauer Adler auch,
Der riss in Stücke einen Raben schwarz,
Gießt sein heißes Blut,
Tränkt die weite Flur.
Ein schöner Jüngling war der Rabe schwarz,
Der graue Adler ist der Mörder sein!


3

Es wandelt kein weißer Schwan umher
Auf dem grünen Grase, dem seidigen:
Ein herzschönes Mädchen ist es,
Die geht in Gram und schwarzer Trauer!


4

Schöne rundwangige Herzmaid,
Licht, Morgenrot, Hoffnung!
Vom Schicksal mir bestimmte Braut!
Ihr Gesicht ist rosenrot und weiß,
Ihre Hände sind weiß,
Ihr Schwanenbusen ist weiß,
Ihre Schultern sind weiß,
Die Rosenlippen rot,
Augenbrauen – Zobelbrauen schwarz,
Augen leuchtend wie zwei Diamanten,
Haare lockig schwarz,
Pfauengang.


5

Niemals kann die Sonn’ erkalten,
Niemals kann sich Licht verdunkeln,
Niemals kann das Herz auf Erden leben
Ohne Liebe!


6

Die Freundin sagt zur Freundin:

Netze nicht dein weißes Gesicht mit Tränen,
Ringe nicht die Händchen,
Denn nicht ewig können wir uns ergeben
Den Freuden der Mädchen.


7

Flieg hin, du Nachtigall,
Liebt der Sohn doch die Mutter.
In der Fremde der Sohn sendet
Die Nachtigall: Vor Mutters Fenster
In dem Bäumchen sing
Und erfreue sie!


8

Hoch am Himmelszelt
Flammt der Sonnenball,
Dörrt der Erde Brust
Mit der Strahlen Glut.

Die erhitzte Flur
Hat sie ganz verbrannt,
Ihr Gesicht so weiß
Flammt in hoher Glut.

Auf die Brust sinkt matt
Ihr das Haupt herab
Und der Hand entsinkt
Der geschnittne Halm.


9

Im Frühling steht die grüne Flur
In farbenbuntem Blütenschmuck,
Ertönt ein heller Vogelsang
Bei Sonnenlicht und Mondenglanz.

O Flur, du rasengrüne Flur!
O Lied, du süßes Vogellied!

Ihr habt der Magd es angetan,
Ihr nahmt dem Müller den Ertrag,
Im Frühling knüpft ihr einen Bund,
Der stärker als ein Zauberspruch!


10

Bin von glühender Leidenschaft durchlodert,
Schrankenloser Hingabe meines Herzens,
Jubelnder Glückseligkeit! Nur Genüge
Find ich in meinem Liebsten!


11

O Geliebte, halt ein
Mit der Küsse Glut,
Ohne Küsse schon wallt
Mir das feurige Blut.

Wenn du da bist, erglüht
Schon ohne Kuss mein Gemüt
Und mir wallt’s in der Brust
Und mir wogt’s in der Brust
Und mein Auge glänzt ins Ferne,
In das Himmelreich der Sterne!


12

Aus dem Kerker schreibt der Knabe
An die Seele sein, die Magd:
Frühlingslerche, lieblich,
Überbring das Briefchen!


13

Und der Winterwind
Mit der Eisblumen Flor
Sang die Lieder lind
Rauschend in das Ohr,

Führt herbei ganz leise
Holden Elfentraum,
Trägt mich fernhin, weiß
In einen Wunderraum.


14

Du mein Stein, du liebes Steinchen mein,
Du mein himmelblauer Edelstein!
Bist erblichen, Stein, mein Kleinod du,
Auf dem hohen Berg, der Sonne zu,
Und kein Strahl, kein Fünkchen mehr.
Meine Liebe quälte mich so sehr!

Im flammenden Herzen keine Wahrheit er trug,
Wenn er sprach, wars nichts als Lug und Trug.


15

Euer hartes Herz
Wird euch brechen, wenn
Ich allein
Komm am Osterfest!

Von dem Gatten
Bring ich Gaben –
Im Antlitz Gram,
Weh in der Seele!


16

Und der junge Iwan
Steht allein auf dem Plan.

Seine Kraft schwand in Trauer,
An dem Herzen nagt Leid.
Einsamer Hahn im Lande,
Ein Strauch in Einsamkeit.


17

Ungewitter. Stürmisch
Weht der Wind und wütet.
Köpfchen, ungestümes,
Voller Trauer brütet.


18

Erhebt euch, Sturmeswolken,
Mit des Gewitters Macht!
Erhebt euch, Riesenwälder,
Heut in der Mitternacht!


19

Rings breitet sich
Mit grünem Gras
Leuchtend hingeflochten
Die Steppe aus.

Ach Steppe, sehr
Weit hingedehnt,
Sehr hingesehnt
Ans Schwarze Meer!


20

Fest vertrau der Kraft
Deiner Seele und Hand!
Wenn die Sorge dich plagt,
Steh vor Morgen auf!
Nimm zusammen die Kraft,
Mühe dich bis zum Abend!


21

Aber glühender
Flammt das Kerzenlicht
In des Hirten Haus
Vor MARIAS Bild...


FRÜHLINGSTAG


1

Die Ewige Freundin im Garten der Rosen
Will alle die kindlichen Seelen liebkosen:
Seid Kinder und jubelt im frohen Getümmel,
Die Ewige Freundin lädt euch in den Himmel,
Die Ewige Freundin will froh euch erwarten
Im ewigen Ostern im himmlischen Garten!


2

Die Ewige Freundin ist schön wie die Rose,
Rot glühend vor Schönheit sind all ihre Reize!
Die Mystische Rose trägt Seelen im Schoße,
Die selig geworden durch Rosen und Kreuze!


3

Dornröschen schlummert unter Hagebutten,
Bewacht von Amoretti und von Putten.
Auf seinem Hengste kommt der erste Ritter,
Ihm sind Dornröschens Dornen all zu bitter.
Der zweite Ritter kommt mit seinem Raben,
Dornröschen er vergisst im tiefen Graben.
Der dritte Ritter kommt auf seinem Schimmel,
Dornröschen ist sein Paradies und Himmel.
Es achtet nicht die scharfe Dornenhecke
Und nicht des tiefen Grabens Nacht der Recke.
Und ob er auch durchnässt und wundgerissen,
Er triumphiert, Dornröschen wachzuküssen!


4

Die schöne Welt ist wie ein Garten,
Befreundet sind die Rosenarten.
Was hält die schöne Welt zusammen?
Der Ewgen Freundschaft goldne Flammen!
Zerstört die Welt einst Streit und Feindschaft?
Nein! Ewig triumphiert die Freundschaft!


5

Die Ewige Freundin hat Rosen gepflanzt,
Zur Hochzeit der selige Schmetterling tanzt!
Der Schmetterling jubelt im glühenden Schoße
Der Ewigen Freundin, der Mystischen Rose!


6

O Ewige Freundin in Venuspantoffeln,
Du gräbst aus der Erde die süßen Kartoffeln,
Da naht schon der Engel – hör, Engel, mich stammeln! –
Die köstliche Frucht in den Eimer zu sammeln.


7

Ein Paradiesesgarten ist das All,
Die Engel spielen mit der Sonne Ball,
Die Engel jauchzen fröhlich auf im Chor:
Die Sonne rollte durch das Himmelstor!...


8

Die Freundin gräbt im Boden,
Die Schönste aller Frauen!
Gedenken wir der Toten,
Die lächelnd auf uns schauen!


9

Frau, in deinem Garten voll der Gnade
Blüht und fruchtet Rosenschokolade,
Süßes, deinem Gaumen zu liebkosen,
Duftend blühen Schokoladenrosen.


10

Fürwahr, die Liebe ist kein Märchen,
Fürwahr, ich sah ein Taubenpärchen,
Frau Liebe stiftet, wie ich sehe,
Die lebenslange treue Ehe.


11

So will ich nach der Taube gucken,
Will hören Girren, Gurren, Rucken.
Die Taube seh ich huldvoll nicken,
Den Tauber mit dem Schnabel picken.


12

Der Tauber zupft der Taube an des Rockes Zipfel,
Schon kracht von wildem Liebesspiel der Tanne Wipfel!


13

In Evas grünem Garten Eden
Mariengras wächst mit Reseden.
Frau Venus schlurft dort in Pantoffeln
Und Amor gräbt nach Süßkartoffeln.
Dort blüht das Röschen des Adonis,
Dort blüht das Siegel Salomonis.
Am roten Kelch der Himmelsschlüssel
Monarchen saugen mit dem Rüssel.
Die Osterglocke läutet schon!
Es glüht die Blume der Passion...


14

Wollt gestern mir in meinen Schädel schießen –
Heut Rosen mir aus meinem Haupte sprießen!
Wollt schneiden gestern mir durch meine Kehle –
Heut tanzt der Schmetterling in meiner Seele!


15

Im Himmel in dem Paradiesesgarten
Madonna pflegt die Rosen aller Arten.
Da bin ich Taugenichts und Grillenfänger
Madonnas meisterlicher Minnesänger.
So selig war ich oftmals schon auf Erden,
Wie selig soll mir erst im Himmel werden?


16

Komme ich zu Gottes Garten,
Klopfe an die Rosenpforte.
Wer ist da? hör ich den Zarten.
Ich! sag ich mit einem Worte.

Ach, ich werd nicht eingelassen,
Ach, ich muß vor Sehnsucht leiden!
Wer ist da? fragt Gott gelassen.
Du! so sage ich bescheiden.

Gott tut auf die Rosenpforte,
Ja, es öffnet sich die Rose,
Und ich lieg im Garten-Orte
Meiner Gottheit in dem Schoße!


17

Ich will mich Jesus weihen
Mit allen sieben Seelen!
Ja, Jesus wird mich freien,
Er wird sich mir vermählen
Im Bett aus Rosendornen!


18

In deiner Seele Garten-Heiligtume
Der Gottmensch Christus blüht als eine Blume.
Die Blume Christus sollst du stets begießen,
Dann werden in dir Paradiese sprießen.
Willst du dich auf den Gott-in-dir besinnen,
Wird außen alles Eden, Eden innen!


19

Was zu sagen ist mein Wille,
Bis ich schließlich werde stille?
Du, die Schönste aller Damen,
Du bist all mein Ja und Amen!


DAS ALTER


1

Was ist das Leben wert, fehlt dir die Aphrodite?
Ich wäre tot, wenn ich um Liebe mich nicht mühte,
Der Liebschaft Heimlichkeit, die Zärtlichkeiten nett,
Vor allem jene Lust der Liebe in dem Bett!
Das ist der Blütenflor der anmutvollen Jugend
Den Männern und den Fraun und Mädchen voller Tugend.
Doch wenn beschwerlich kommt das Alter dann heran
Und manches Übel plagt und Hässlichkeit den Mann,
Dann kreist die Sorge stets um seine Stirne quälend
Und nicht einmal das Licht im Lenz ist ihn beseelend
Und lästig ist er nur den Fraun, die ihn verschmähn!
Kein junges Mädchen will den Mann im Alter sehn,
Er hässlich wie ein Wurm, sie lieblich wie ein Falter!
So mühevoll hat Gott gemacht das arge Alter!


2

Wir sind wie Blütenschmuck, wie ihn der Lenz erzeugt,
Wenn sich das Sonnenlicht voll Huld zur Erde neigt,
Wir freuen uns im Lenz am Lebensglück der Jugend,
Die Götter geben uns viel Kraft und manche Tugend,
Nichts Böses tut der Gott! Allein ein Übel droht,
Ein zweites Übel droht, das Alter und der Tod!
Kurz ist das Jugendglück, die Jugendlust ist flüchtig,
Die Jugend ist ein Hauch, wie Frühlingsdüfte nichtig.
Dann kommt im Leben doch heran das Abendrot:
Ach, besser allemal als Leben ist der Tod!
Das Übel uns beschwert. Aus Mangel an Erbarmen
Zugrunde geht ein Haus. Es hungern stets die Armen.
Dem fehlt sein liebes Kind, nach dem er so verlangt,
Um dessen Glück und Heil er immer betend bangt!
Ach, wenn der Mensch dann geht ins Totenreich hinunter,
Wenn er an Krankheit stirbt und es geschieht kein Wunder,
Wohin ist alles, was er in der Welt geliebt?
So groß das Leiden ist, das Zeus den Menschen gibt!



IN TIEFER DEMUT BETE ICH AN DIE VERBORGENE GOTTHEIT

Vom Engelgleichen Thomas


Verborgne Gottheit, ich anbete dich in Demut,
Die du in Doppel-Form wahrhaftig dich verbirgst!
Dir unterworfen ganz und gar ist meine Seele,
Bei deinem Anblick wird mein Menschenherz ganz klein!

Zwar Augen, Hände, Mund – sie können sich nur täuschen,
Gewisslich glaubt allein das Hören auf das Wort,
Was Gottes Sohn gesagt, das will ich alles glauben,
Nichts kann gewisser sein als dieser Weisheit Wort.

Am Kreuz verborgen war vor uns nur deine Gott-Art,
Doch hier ist uns verhüllt auch deine Menschen-Art.
Doch beides glaube ich und beides ich bekenne.
Genau so bitt ich dich, wie dich der Schächer bat...

Die Wundenmale seh ich nicht wie weiland Thomas,
Und doch als meinen Herrn und Gott bekenn ich dich.
Laß mehr und immer mehr mich, Jesus, an dich glauben,
Sei meine Hoffnung du, all meine Liebe du!

Erinnerungs-Symbol an unsers Meisters Sterben –
Brot, das lebendig ist, o Brot, das Leben schenkt!
Schenk mir die Gnade doch, in Ewigkeit zu leben
Und deine Wonnen zu genießen immerdar!

Du Pelikans-Geduld, Herr Jesus, o mein Meister,
Befleckt bin ich von Schuld! Mich reinige dein Blut!
Ein Tropfen schon allein, ein Tropfen deines Blutes
Erlöst die ganze Welt von aller Sündenschuld!

O Jesus, jetzt erblick ich dich in dichter Hülle,
Ich bitt dich, lass geschehn, was all mein Dürsten stillt:
Ah, dass ich schauen darf dein Antlitz ohne Schleier –
Der Gottheit Schönheit mich zutiefst glückselig macht!