Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

Galileo Galilei



Ein Lehrstück

Von Josef Maria Mayer


PERSONEN

Ptolemäus, antiker Astronom

Aristoteles, antiker Philosoph

Aristarchos von Samos, antiker Naturwissenschaftler

Nikolaus von Kues, katholischer Philosoph und Theologe

Keppler, moderner Naturwissenschaftler

Tycho de Brahe, Prager Astronom und Alchemist

Martin Luther, Junker Jörg

Phillip Melanchthon, sein Genosse

Kardinal Bellarmin, ein Heiliger

Urban, Papst

Eine Seherin

Ein Geist, Weißer Bischof von Rom

Galileo Galilei, Wissenschaftler


Ort: Der absolute Raum als Sensorum Dei, Zeit: Die absolute Zeit als Gegenwart Gottes



ERSTE SZENE


(Griechenland, vor dem Tempel der Göttin der Weisheit. Aristoteles, Aristarchos und Ptolemäus.)

ARISTOTELES

Es gibt nur Eine Welt, die ewig ist,

Und sie ist aus Materia und Geist.

Materia ist aber nicht der Geist,

Der Geist ist aber nicht Materia.

Der Himmel ist die Welt vollkommnen Geistes,

Die Erde ist die Welt der Sterblichkeit.

Das Universum ist so zweigeteilt:
Hoch oben kreiset das Vollkommene,

Dort wandeln wie die Götter die Gestirne

Und kreisen ewig in perfekten Kreisen.

Die Erde aber ist Materia

Und sterblich ist Materia, die Mater.

Der Himmel ist sehr nah dem Höchsten Geist,

Die Erde ist sehr nah dem reinen Nichts.

Was aber hat das Seiende, das Sein,

Zu schaffen mit dem Nichtsein, mit dem Nichts?

Was hat der Kreis vollkommner Ewigkeit

Zu schaffen mit der Linie dieser Zeit?

Geist und Materia sind stets geschieden,

Der Himmel und die Erde sind geschieden.

Es gibt den Stoff, der nahe an dem Nichts ist,

Der ist dem Wandel unterworfen und

Ist eine lineare Zeit und endet

Im Tode, in der ewigen Vernichtung.

Es gibt ein Seiendes, das wird bewegt,

Das ist der Himmel, ist das Firmament.

Am Firmamente laufen ihre Bahnen

Die himmlischen Gestirne und die Götter,

Rund sind die göttlichen Gestirne, sind

Vollkommne Kreise, makellose Kreise.

Apollo ist vollkommen rund und rein

Und Luna ist die makellose Runde.

So wandeln Götter ewig ihre Kreisbahn.

Doch über dem bewegten Seienden

Ist unbewegtes Sein, die erste Ursach,

Der Ursprung aller himmlischen Bewegung.

Den Urgrund nennen wir den Höchsten Gott.

Der Höchste Gott in seiner Gottesschönheit,

In seiner Gottesweisheit, Gottesgüte

Zieht alle göttlichen Gestirne an

Und lenkt durch Seiner Schönheit Attraktion

Die Götter auf des Firmamentes Kreisbahn.

So unten treibt in Sterblichkeit die Erde,

Stets in chaotischer Bewegung treibend,

Materia, bestimmt für den Verfall.

Von Sterblichkeit durchwoben und von Tod,

Erfährt sie ihren Wandel, ihren Wechsel

Vom Nahesein und Fernesein der Sterne,

Die selber wandeln ewig ihre Bahnen

In den perfekten Kreisen wie die Götter

Und folgen als der strahlende Apollo

Und folgen als die makellose Luna

Und als die Venus Gottes höchster Schönheit,

Die als das Allgesetz hoch überm Himmel

Im Himmel aller Himmel thront als Gottheit,

Als Gott, als Erstursache alles Seins.

ARISTARCHOS

So oft ich aber die Natur bedenke,

So scheint mir, Gottes Sohn Apollo ist

Als Sonne der Gerechtigkeit das Zentrum,

Zentrale Sonne in dem Universum,

Und Mutter Erde, Unser Aller Mutter,

Bewegt in kreisgeformten Bahnen sich

Um die Zentrale Sonne des Apollo.

PTOLEMÄUS

Wir Forscher der Natur, der Wissenschaft,

Wir denken uns entweder still die Erde

In wandelloser Ruhe und die Sonne

Geht auf und unter, wie das Auge sieht,

Wie sichtbar, oder denken so wie du,

Die Sonne sei das Zentrum dieses Kosmos

Und Mutter Erde tanze um das Feuer.

Des Philosophen göttliche Erkenntnis

Erkennt den Höchsten Gott als Allbeweger,

Das Firmament als göttlich und vollkommen,

Im untersten Bereich der Hierarchie

Die gute alte Mutter Erde, sterblich.

Dies soll das Weltbild sein in der Antike.

ARISTOTELES

Was aber ist der Mensch? Ist Geist unsterblich

Im sterblichen Gefäß des Erdenleibes!

Doch der Unsterblichkeit der Menschenseele

Nicht würdig ist als Wohnort diese Erde,

Die sterblich ist, dem Tode unterworfen.

Wird die unsterbliche Geistseele frei

Vom sterblichen Gefängnis ihres Körpers,

Wo wird des Menschen Geist dann wohnen, wo?

Gott nimmt doch keine Kreaturen auf!

Gott ist der Denkende, Er denkt nur Gott,

Gott der von Gott Gedachte, Gott das Denken!

Nichts jemals wird in Gott sein als allein

Der göttliche Gedanke, den der Gott denkt!



ZWEITE SZENE


(Nikolaus von Kues vor der Hagia Sophia von Byzanz.)

NIKOLAUS VON KUES

Die Offenbarung spricht von Gottes Wesen.

Der Vater als der namenlose Urgrund

Und sozusagen Mutter allen Schweigens

Besitzt in sich das absolute Sein,

Besitzt den Selbstbesitz nicht für sich selbst,

Verschenkt das Sein der Gottheit an ein Du,

Gott schenkt die göttliche Natur dem Sohn.

In Gott das Große und das Kleine ist,

Gott ist Zusammenfall der Gegensätze.

Die Einheit und die Gleichheit der Personen

Des Vaters und des Sohnes sind verbunden

Durch die Vereinigung der Gottesliebe,

Gott Heilig Geist, von göttlicher Natur.

Die Allerheiligster Dreifaltigkeit

Ist Urbild aller seienden Geschöpfe.

Die ganze Schöpfung dieses Universums

Gestempelt ist von der Dreieinigkeit

Und trägt die Spuren des drei-einen Gottes.

Zusammenfall der Gegensätze und

Die Selbsthingabe ans geliebte Du,

Vereinigung von zwei Gestalten durch

Die liebende Bekanntschaft oder Freundschaft,

Grundmuster dies des ganzen Universums.

So Geist sind und Materia nicht zwei

Total entzweite Gegensätze, sondern

Der Geist wie die Materia sind Ausdruck

Des Einen Schöpfergottes oder Vaters,

Der sich verschenkt in schöpferischer Liebe.

O Seele du des Menschen, die du Geist bist,

Dein Körper stofflich ist nicht dein Gefängnis,

Der Leib persönlich ist der Seele Ausdruck,

Die Seele drückt sich durch den Körper aus.

Geistseele, wenn du Liebe schenken willst

An ein geliebtes Du als Seele geistig,

So schenkst du dich in dem Gefäß des Körpers

Und spendest deine Seelenliebe aus

Durchs Sakrament der körperlichen Liebe,

Dein Körper eins wird dem geliebten Körper

Und Seele sich vereinigt mit der Seele

Als Abbild der Vereinigung in Gott,

Da Gott der Vater eint sich Gott dem Sohn

In dem Mysterium der Liebe Gottes.

(Er seufzt...)

Sophia, schenke mir den Trost der Weisheit!

Parmenides und Heraklit, sie dachten,

Es sei das Eine Seiendes allein

Und auf der andern Seite sei die Vielheit,

Die mannigfaltigen Erscheinungen,

Dem Wandel unterworfen in der Zeit,

Geworfen in den Fluss, der immer anders

Und immer andre Wasser mit sich führt.

Auch Sokrates sprach mit Parmenides

Und diskutierte übers Eins. Und auch

Für Aristoteles war es gewiß

Ein absoluter Widerspruch, totales

Verschiedensein von Eins und Vielerlei.

Wir aber glauben an die Offenbarung

Der göttlichen Natur als der Dreieinheit.

Es ist die Eine Göttliche Natur.

Wir glauben an die Eine Gottheit: Credo

In Unum Deum! Aber dieser Gott

Entfaltet sich in drei Personen als

Die Liebe einer liebenden Person

Zu dem geliebten Du, das wieder liebt,

Und die Vereinigung der Liebenden

Ist selbst die göttliche Person der Liebe.

In Gott ist Einheit: Eine Gottnatur,

In Gott ist Vielheit: Die Dreifaltigkeit.

So auch die Vielheit der Erscheinungen

Der Kreaturen in dem Universum

Steht nicht im absoluten Widerspruch

Zu der Idee der Einheit dieses Kosmos:
All-Einheit ist das Ebenbild der Gottheit.

Ich denke mir den Kosmos mathematisch,

Wie Punkt an Punkt gereiht ergibt die Linie,

Wie Eins an Eins gereiht ergibt die Zahlen.

In aller der Unendlichkeit der Zahlen

Als Grundeinheit ist immerdar die Eins.

Das Vielerlei des ganzen Universums

Ist Wiederholung seiner Grundeinheit.

Wie Mond und Sonne und die Sterne alle,

Die Erde auch ist ein Planet des Himmels.

Nicht überm Himmel schwebt der Erstbeweger,

Der durch die Schönheit lenkt das Firmament,

Und unten treibt in wesenlosem Chaos

Der sterblichen Materia die Erde,

Nein, Gottes Vielheit in der Einheit Gottes,

Sie spiegelt sich im Universum ab.

Die Erde ist ein himmlischer Planet.

Materia ist nicht von Anfang an

Dem Tode unterworfen, sondern ist

Von Gott geschaffen mit dem Geist zusammen

Als Ausdruck schöpferischer Liebe Gottes.

Gott drückt persönlich seine Liebe aus

Durchs Sakrament der körperlichen Liebe

Der Gottheit in dem Innern der Natur:
Das Universum ist wie eine Messe.



DRITTE SZENE


(Vor der Karmeliterkirche „Maria vom Sieg“ in Prag diskutieren Keppler, Tycho de Brahe und Nikolaus von Kues.)

KEPPLER

Kopernikus hat uns gebracht die Wende,

Er hat bestätigt, was einst Aristarchus

Von Samos sagte schon, die Sonne sei

Das Zentrum ihrer Galaxie, die Erde

Umkreist die Sonne im vollkommnen Kreis.

TYCHO DE BRAHE

Doch eure Kreise, die ihr ausgerechnet,

Die makellosen Kreise der Planeten,

Sie stimmen gar nicht überein mit meinen

Berechnungen, Erfahrungen des Kosmos.

KEPPLER

Wir müssen unsre Bahn erneut berechnen.

TYCHO DE BRAHE

Gott rechnet doch genau! Der weise Gott

Ist in der mathematischen Berechnung

Der einzig Weise, der vollkommne Weise.

KEPPLER

Schon Salomo sagt in dem Buch der Weisheit:
Sophia als des Kosmos Architektin

Schuf alles nach Gewicht und Maß und Zahl.

Sophia küsste Nikolaus von Kues!

Wie göttlich scheinst du mir, mein Philosoph!

Gott schuf aus absolutem Nichts den Kosmos,

Gott schuf die Körperwelt in Quantität.

Gott schuf die reinen Kreise der Planeten

Und schuf auf Erden lineare Zeit.

Was sagst du, weiser Nikolaus von Kues,

Was sagst du zu dem Kreis und zu der Linie?

NIKOLAUS VON KUES

Ein Dichter sang einst: Gott ist wie der Vollmond...

Das deut ich so: Gott ist ein reiner Kreis,

Gott ist die Große Runde Ewigkeit,

Der Mensch lebt in der linearen Zeit,

Hat Anfang, Mitte und das Ziel als Ende.

Die Offenbarung unsres Glaubens aber

Lehrt, dass die Ewigkeit kam in die Zeit,

Lehrt, dass die Weltvernunft ist Fleisch geworden.

Dies Urmysterium der Offenbarung

Hat Gott der Schöpfer abgebildet in

Dem Universum so, dass die Planeten

Nicht eine reine runde Kreisbahn laufen,

Nein, sich bewegen auf Ellipsenbahnen.

Der eine runde Kreis ist reine Gottheit,

Die reine Linie ist die reine Menschheit,

Doch die Ellipse ist der Gottmensch Christus,

In der Ellipse einst sich Kreis und Linie

In einer himmlischen Figur und diese

Gottmenschliche Figura der Ellipse

Ist jene Bahn, darauf sich die Planeten

Bewegen nach dem Allgesetz der Weisheit.

TYCHO DE BRAHE

Ich muss euch leider nun verlassen, Keppler

Und Nikolaus von Kues, liebe Brüder.

Die Majestät von Prag gebot den Weisen

Von Prag, sie sollen in dem Goldnen Gässchen

Saturnus’ Blei in Phöbus’ Gold verwandeln.

Ich bin schon nahe dran am Stein der Weisen!

Doch Englands Jungfraunkönigin Eliza

Geschickt hat einen englischen Spion

Ins Goldne Gässchen, der den Stein der Weisen

Dem erzkatholischen Regenten Rudolf

Von Habsburg stehlen soll und geben ihn

Der anglikanischen Regentin Englands,

Elisabeth der Großen Gloriana.

KEPPLER

Ist die bekannt der englische Spion?

TYCHO DE BRAHE

Er unterschreibt mit Null-Null-Sieben. Aber

Den Stein der Weisen, wenn ich ihn gefunden,

Den weihe ich dem Kaiserhaus von Habsburg.

NIKOLAUS VON KUES

Nun, Tycho, der getauft du auf den Namen

Der Göttin Tyche bist, der Zufallsgöttin,

Vielleicht wird dir die große Zufallsgöttin

Den Stein der Weisen noch bescheren und

Du wandelst noch Materia in Geist!

So jedenfalls erwarten es die Toren.

TYCHO DE BRAHE

Maria, Goldnes Haus der Gottesweisheit,

Die Gott im Fleisch empfangen durch den Geist,

Erbitte uns die Gabe wahrer Weisheit,

Daß wir erkennen, was das Universum

Im Innersten zusammenhält: Die Liebe!



VIERTE SZENE


(Galileo Galilei in seinem Obergemach mit Fenster zum Apfelgarten und zum Firmament.)

GALILEI

Ich habe meinen Keppler gut studiert

Und auch den alten Aristoteles.

Wenn ich den Aristoteles bedenke,

Ist Gott der Herr hoch über allen Welten

Und lenkt durch seiner Weisheit reine Schönheit

Am Firmament die göttlichen Planeten

In den vollkommnen Kreisen ihrer Bahnen.

Die Erde ist für Aristoteles

In einer Hierarchie der Wertigkeit

Gelegen unterm Monde. Salomo

Und Phanias behaupten: Unterm Monde

Ist alles Nichtigkeit der Nichtigkeiten.

Und so auch Aristoteles, der sagt,

Die Erde treibt in ihrer Sterblichkeit

In einer wesenlosen Masse hin,

Die nah dem Nichts ist und die nicht Substanz hat,

Materielles wesenloses Chaos,

Dem Wandel unterworfen und dem Wechsel.

Nun aber höre ich den großen Keppler,

Die Mutter Erde schwebe auch am Himmel,

Sei Eine von den göttlichen Planeten.

Mit mathematischer Genauigkeit

Berechnen wir die göttlichen Planeten

Und ihre himmlischen Bewegungen,

Die revolutionären Allgesetze.

Wenn Gäa nun mit ihren breiten Brüsten,

Die schwarze Mutter Erde, schwebt am Himmel,

Dann können wie die göttlichen Planeten

Wir auch berechnen Unser Aller Mutter

Und können das Gesetz erforschen, das

Der Herr und Schöpfer unsrer Mutter gab.

So habe ich studiert und so gefunden,

Daß auf der Erde das Gesetz der Trägheit

Gesetzlich wirkt. Zwar Aristoteles

Sprach von den Körpern, wie sie sich bewegen,

Indem von außen sie gestoßen werden.

Am Firmament die göttlichen Planeten,

Sie werden von der Höchsten Macht bewegt,

Der Gottesweisheit Unbefleckten Schönheit.

Die göttlichen Planeten wiederum

In ihrem Nahesein und Fernesein

Bestimmen auf der Erde allen Wandel.

Ich aber fand in meinem Studium

Der heiligen Natur das Weltgesetz

Der Trägheit, dass auf Erden sich die Körper

Bewegen durch die eigne Kraft und Masse.

Was nun bedeutet dieses philosophisch?

Die Erde ist nicht mehr wie bei den Griechen

Ein wesenloses Fast-Nichts unterm Monde,

Materia allein und nicht Substanz,

Nein, meine wissenschaftliche Erkenntnis

Behauptet eine doppelte Natur:
Am Himmel waltet makelloser Geist

Und ist Substanz und wesenhaftes Wesen,

Auf Erden waltet heilige Natur

Und ist Substanz und wirklich wesenhaft.

Was aber sagt das einem Katholiken?

Und ich bin stolz, ein Katholik zu sein!

Der Katholik erkennt an zwei Substanzen,

Substanzen der Natura und des Geistes,

Die Wahrheit seines Meisters Jesus Christus.

In Christus sind ja zwei Naturen

In einer göttlichmenschlichen Person.

In Jesus die Natur des Logos ist

Und auch ist in ihm die Natur des Fleisches.

So Jesus ist aus Geist und aus Natur,

So Jesus ist aus Gott und ist aus Mensch,

So Jesus ist aus Himmel und aus Erde,

Mit Einem Worte: Unser Herr ist Alles!



FÜNFTE SZENE


(Galilei vor einem Fernrohr, in den Himmel schauend.)

GALILEI

Nun geh ich aus von einem Universum,

Das nicht geteilt in zwei verschiedne Hälften,

In einen höchst vollkommnen Vater Himmel

Und eine makelhafte Mutter Erde,

Ich gehe aus von einem Universum,

Das Gott der Schöpfer im Beginn geschaffen,

Als Gott der Schöpfer Himmel schuf und Erde,

Als Gott Materia erschuf und Geist,

Die Sichtbarkeit und die Unsichtbarkeit,

Der Engel und der Kirche Hierarchie.

Ein Gott ist nur und nur Ein Universum.

Doch jetzt will ich beweisen, dass der große

Kopernikus mit seiner Wende Recht hat

Mit seinem revolutionären Himmel.

Von Alexandria soll Ptolemäus

Mit mir durch dieses große Fernrohr schauen!

Ich hab es nicht erfunden, ich gestehe,

Doch habe ich es wesentlich verbessert.

Von Alexandria mein Ptolemäus,

Du sprachst von göttlicher Vollkommenheit

Der himmlischen Planeten, von der Sonne

In ihrer makellosen weißen Schönheit

Und von dem Mond in der perfekten Runde.

Ach, hätten einst die Griechen schon gewusst,

Was ich mit meinem Fernrohr jetzt erkenne,

Sie hätten nicht die Sonne angebetet

Und Luna nicht als makellose Göttin.

Apollo, lichter Gott von höchster Schönheit,

Du junger Sonnengott mit goldnen Locken,

Ich sehe, sieh, ich sehe deine Flecken!

Jungfräulich unbefleckte Göttin Luna,

Der Grieche sagt, du seist perfekt gerundet,

Perfekt gerundet seist du Himmelsweib,

Ich aber sehe durch mein scharfes Rohr

Unebenheiten und Gebirge da

Und Beulen hat und Buckel hat die Göttin!

Sei nicht enttäuscht, mein alter Ptolemäus,

Es bleibt die Sonne der Gerechtigkeit

Das Licht der Welt, der Heiland Jesus Christus,

Es bleibt die unbefleckte Jungfraumutter,

Perfekte Himmelskönigin Maria!

Doch dass sich Ptolemäus irrte, dass

Die göttlichen Planeten nicht perfekt,

Beweist noch nicht: Kopernikus hat Recht.

Nun mit dem scharfen Augenglas der Liebe

Ich starre an die Schönheitsgöttin Venus.

In epizyklischer Bewegung tanzt

Die Göttin Venus um das Sonnenfeuer!

Nicht hinter und nicht vor der Sonne tanzt sie,

Nein, um die Sonne tanzt sie epizyklisch.

Die Venus liefert mir nicht den Beweis,

Doch Venus ist ja aus dem Meer getaucht,

Ich will das mütterliche Meer befragen.

O Meer, in Ebbe waltest du und Flut,

Und anders sind Gezeiten nicht erklärbar,

Als dass die Erde um sich selber kreist

Und dass die Erde um die Sonne kreist.

Ich will das als Beweis den Menschen sagen.

Es mögen oberkluge Männer kommen,

Es mögen Fischer sagen, dass das Meer

An einem Tage zweimal ebbt und flutet,

Daß mein Beweis nicht ganz korrekt gedacht,

Doch brauch ich unbedingt Beweise und

Ein Irrtum hilft wohl auf der Wahrheit Spur,

Wie durch die Liebe Davids zu Bath-Sheva

Geboren ist der weise Salomon!



SECHSTE SZENE


(Papst Urban und Kardinal Bellarmin in der Sixtinischen Kapelle unter dem Bilde des Jüngsten Gerichts.)

KARDINAL BELLARMIN

Wir haben Galilei unterstützt

In seiner Forschung, haben Anteilnahme

Gezeigt und waren wirklich interessiert.

Sein Buch, das von den Sonnenflecken handelt,

Das haben wir genehmigt und es wurde

Gedruckt mit der Genehmigung der Kirche,

Weil dieses Büchlein von den Sonnenflecken

Die Bibel nicht berührt und weil dies Büchlein

Nicht das Kopernikanische System

Darstellt als eine absolute Wahrheit.

Mein Freund, der Wissenschaftler Galilei,

Hat unterschrieben seines Freundes Formel,

Die ich als Kardinal ihm vorgelegt,

Daß das Kopernikanische System

Sei eine Hypothese, mathematisch

Wahrscheinlich, sei sie einfach nur Beschreibung

Der himmlischen Gesetze der Planeten,

Doch soll man dies System nicht so verstehen,

Als sei die Wirklichkeit des Kosmos so.

Denn diese Lehre könnt dem Glauben schaden,

Weil es den Anschein hat, als ob die Lehre

Der Wissenschaft der Bibel unterstellt,

Sie irre sich, die irrtumslos doch ist.

Doch gibt es wirklich einmal den Beweis

Für das System der Wissenschaft, die Erde

Umkreist die Sonne, müssen Theologen

Vorsichtig bei der Interpretation

Der Bibel sein und müssen eher sagen:
Wir haben Gottes Buch nicht recht verstanden.

Denn wenn es wissenschaftliche Beweise

Gibt für der Erde Kreisen um die Sonne,

So lass der Theologe Vorsicht walten

Bei der Erklärung jener Worte in

Der Bibel, die von der Bewegung sprechen

Der Sonne und wie untergeht die Sonne

Und wie die Sonne aufgeht, dass dann nicht

Bei seiner Interpretation der Bibel

Der Theologe eine Lüge nennt,

Was wissenschaftlich schon bewiesen ist.

Die Hagia Sophia, Gottes Weisheit,

Sagt durch den Mund des Augustinus so:
Wenn jemand die Autorität der Bibel

Ausspielen wollte gegen den Beweis

Der Wissenschaft der menschlichen Vernunft,

So fehlt ihm das Verständnis dieser Bibel,

Er stellt der Wahrheit dann der Wissenschaft

Entgegen nicht den wahren Sinn der Bibel,

Vielmehr nur seine eigenen Gedanken,

Was er sich denkt bei manchen Bibelworten,

Tut so, als ob es in der Bibel stünde,

Als obs entspräch dem tiefen Sinn der Bibel.

PAPST URBAN

Als Stellvertreter Christi auf der Erde

Empfahlen dringend Wir dem Physiker,

Daß das Kopernikanische System

Von ihm behandelt wird als Hypothese

Rein mathematisch und er solle auch

Den hypothetischen Charakter des

Systems betonen, ohne auf die Bibel

Bezug zu nehmen. Wenn er das beachtet,

So sagten Wir, so gibt dem Physiker

Der Papst die Blanko-Unterschrift, er darf

Sein Büchlein von den beiden Weltsystemen

Veröffentlichen. Aber er missbrauchte

Das ihm voraus gespendete Vertrauen

Und darum haben Wir ihn auch verurteilt,

Da er den hypothetischen Charakter

Doch des Kopernikanischen Systems

Nicht mehr vertrat und noch vor dem Beweis

Der Wahrheit dieser Lehre sie vertrat,

Als ob sie ganz genau der Wirklichkeit

Entspräch des Universums. Aber dennoch

Wird seine Forschungstätigkeit fortan

Vom Papste nicht behindert, nein, vielmehr,

Wir fördern seine Forschungstätigkeit

Und unterstützen sie mit allen Mitteln.

So kann er den Diskurs veröffentlichen.

Ja, das Kopernikanische System

Darf weiterhin vom Physiker behandelt

Und diskutiert und ausgestaltet werden.

KARDINAL BELLARMIN

Die Weltanschauung Ptolemäus’ ist

Gemäß antiker Weisheit ausgestaltet,

Da sich das Universum spaltet auf

In einen Himmel des vollkommnen Geistes

Und eine Erde stofflich und verderblich.

Wenn im Kopernikanischen System

Die Erde wird zum göttlichen Planeten,

Dann ist Materia nicht mehr geschieden

Grundsätzlich von der geistigen Substanz,

Auch die Materia hat dann Substanz,

Ist nicht nur Akzidenz und abzustreifen.

So tritt dann neben die Substanz des Geistes

Materia auch wahrhaft als Substanz.

Und das entspricht dem biblischen Gedanken:
Im Anbeginn schuf Gott der Herr als Schöpfer

Den Himmel geistig und die Erde stofflich

Als Ausdruck seiner schöpferischen Liebe.

PAPST URBAN

Das ist nun so die Mode unsrer Zeit.

Doch Wir, als Stellvertreter Christi, sehen

Die Physiker der Zukunft kommen schon,

Die sagen werden, weder Ptolemäus

Noch auch Kopernikus erkannten richtig,

Des Universums Wahrheit ist noch anders.

Der Lehrstuhl des Apostels definiert

Die rechte Interpretation der Bibel.

Der Papst sagt: In der Bibel steht geschrieben,

Wie Christenmenschen in den Himmel kommen,

Nicht aber, wie der Sternenhimmel aussieht.

KARDINAL BELLARMIN

O Pappa! Doch die Sternenhimmel preisen

Die allerschönste Herrlichkeit des Herrn!



SIEBENTE SZENE


(Doktor Martin Luther als Junker Jörg mit dichtem Vollbart in der Wartburg, bei ihm sein Freund und Genosse Phillip Melanchthon.)

MELANCHTHON

(singt)

Martinus Luther ist ein Christ,

Ein glaubensstarker Mann!

Weil heute sein Geburtstag ist,

Zünd ich ein Lichtlein an.

JUNKER JÖRG

Ich denk an einen neuen Astrologen,

Der will beweisen, dass die Erde sich

Bewegt und dass sie um die Sonne kreist,

Der will beweisen, dass die Sonne still steht,

Der Mond, die Sterne und das Firmament.

Der Narr will alle Kunst der Astronomen

Nun stellen auf den Kopf. Doch sagt die Bibel,

Daß stillgestanden war die Sonne einst

Auf Josuas Gebet und nicht die Erde.

Denn damals sagte Josua zum Herrn

Und vor den Augen Israels rief er:
O Sonne, über Gibeon steht still!

O Luna, still steh über Ajalon!

Da stand fürwahr die Himmelssonne still

Und stehen blieb der Mond auf seiner Bahn,

Bis Israel genommen Rache an

Den Feinden Gottes, blieb die Sonne stehen,

Den ganzen Tag verzögerte die Sonne

Den Untergang ins Meeresbett des Westens!

MELANCHTHON

Die physikalische Vernunft und auch

Die Bibel spricht davon: Die Sonne kreist,

Sie geht am Morgen auf, am Abend unter.

Die Bibel ist doch wörtlich auszulegen!

Die wörtlich ausgelegte Bibel zeugt

Doch von der Wahrheit, dass die Sonne kreist,

Am Morgen aufgeht und am Abend unter,

Die Erde ruht auf festen Fundamenten.

JUNKER JÖRG

O Heiligkeit des puren Biblizismus!

Doch wo der Rattenschwanz des Antichristen

Und seine geile Hure Babylon

Die Bibel zu ersetzen suchen durch

Konzile, Kirchenväter, Papst und Dogmen,

Kann man der Sintflut Einhalt nicht gebieten!

Die Hure Babylon von sieben Hügeln

Hurt ja mit einer andern Hure noch,

Die Heidin ist, der Hure der Vernunft!

So lehrt es uns der pure Biblizismus,

Des heiligen Purismus’ Buchstabtreue,

Daß Gott die Welt erschuf in sieben Tagen,

Als er wortwörtlich aussprach Gottes Wort.

Nun kommt die Hure der Vernunft, die Heidin,

Sie redet wie die Säue Epikurs,

Spricht von Materia und von Atomen,

Von Urmateria und Geistentwicklung,

Von der Natur und wie sie sich entfaltet.

So hurt die Hure der Vernunft mit Satan,

Weil schon der Rattenschwanz des Antichristen,

Der Papst, hurt mit der Hure Babylon!

MELANCHTHON

O Junker Jörg, der du bist Gottes Schwan,

Du wirst dem Papste ewig eine Pest sein!

JUNKER JÖRG

Ich glaub an kein Konzil und keinen Papst,

Ich glaub an meine Biblia allein.

MELANCHTHON

Ein feste Burg ist Unser Gott und Herr,

Der Herr ist unsre Wehr und unsre Waffe!

JUNKER JÖRG

Doch Christus lieb ich nicht, denn Er verzehrt mich!

Gott musste erst zum einem Teufel werden,

Bevor er werden konnte Gott der Gnade!

(Er schleudert das Tintenfass, mit dessen Tinte er seine Bibelübersetzung schrieb, an die Wand, weil er dort den Teufel sieht.)

Geh weg, du Satanas, du fette Ratte!



ACHTE SZENE


(Eine hundertjährige Greisin mit weißem Haar als Orakel der Ewigen Weisheit thront in ihrem Lehrsessel und weissagt.)

SEHERIN

Ich sehe Galileo Galilei:
Die Wissenschaftler werden ihn verehren

Als Marterzeugen für die Wissenschaft

Und als Ikone menschlicher Vernunft.

Sie werden sagen, dass die Mutter Kirche

Ihn pfäffisch hat zum Widerruf gezwungen.

Mit Galileo Galileis Fahne

Die Wissenschaft von der Natur wird sich

Emanzipieren von der Mutter Kirche,

Emanzipieren von der Offenbarung,

Die Christus anvertraut der Mutter Kirche.

Die Wissenschaft von der Natur wird schließlich

Die Leibesfrucht im Mutterschoß sezieren!

Sie wird im chemischen Labore schaffen

Kunstmenschen und auch ihre Doppelgänger

Und Mischungen aus Menschen und aus Affen!

Die Mutter Kirche hat nicht mehr verlangt,

Als dass der Physiker nicht mehr sagt, als

Er wissenschaftlich auch beweisen konnte.

Die Wissenschaft und Forschung, ungezügelt,

Erforscht einst die Mechanik der Atome

Und wird noch atomare Waffen schaffen!

Ob Waffen aus gespaltenen Atomen

Die Welt vernichten werden? Wer weiß das?

Die Wissenschaftler der modernen Zeiten

Sind nicht bereit zum gläubigen Gehorsam

Der weisen Mutter Kirche gegenüber.

Sie unterwerfen sich nicht mehr den Priestern,

Ob diese Gottes Wahrheit auch bewahren

In den gebenedeiten Priesterhänden.

Der Mutter Kirche Herrschaft wird vergehen,

Die Herrschaft wird dann liegen in den Händen

Der Wissenschaft, der menschlichen Vernunft.

Doch diese wissenschaftliche Vernunft,

Emanzipiert vom gläubigen Gehorsam

Der Offenbarung Christi gegenüber

Und seiner Jungfrau-Braut, der Mutter Kirche,

Ach, diese wissenschaftliche Vernunft

Gibt dann die Welt der Selbstzerstörung preis!

Ich sehe aber, siehe, was ich sehe,

Im weißen Kleid der Bischof ists von Rom,

Der blutig unterm Kreuz zusammenbricht!

O sprich zu mir, du Gast aus ferner Zukunft!

DER WEISSE BISCHOF

(Als Geistererscheinung leise sprechend)

Im Evangelium ist eine Weisheit,

Die Weisheit wird ein reines Licht euch spenden

Und euch erleuchten in den Forschungen

Vom Ursprung der Materia, von der

Entwicklung der Materia. Die Bibel

Ist Trägerin der Botschaft von dem L e b e n ,

Sie gibt ein Bild der Weisheit von dem L e b e n .

So achtet immerdar das Menschenleben

Vom Augenblicke der Empfängnis an

Bis zu dem ganz natürlichen Verscheiden.

Im Evangelium Johannis ist

Das L e b e n jenes Licht, das Christus schenkt.

Wir sind von Gott berufen in das L e b e n

In Ewigkeiten einzugehen, nämlich

In eine ewige Glückseligkeit!

Das L e b e n ist ja selbst ein Name Gottes,

Gott, der Lebendige, ist Gott des L e b e n s !

(Er lächelt voller Liebe)

Von ganzem Herzen grüße ich den Dichter,

Der Gott lobpreisen wird als JAHWE-EVA:

ICH BIN DAS LEBEN, Mutter alles Lebens!