Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

CASANOVA


Von Josef Maria Mayer

Nach Marina Zwetajewa



(Bibliothek in einem Schloß in Böhmen. Ein dunkles Gemach. Die ewige Ruhe vieler Bücher. Über einen Sessel ein Mantel geworfen. Kerzen, die neben dem Rasenden Roland auf dem Tisch brennen, vertiefen die dunkle Nacht. Eine rote Insel in der Eiswüste: der Kamin. Unordentlich auf dem Boden Handschriften, Briefe, alte Kleider. Das einzige, was lebt, sind Casanovas Augen. Über allem in himmlischer Höhe das ewige Lächeln der Göttin.)


(Casanova, fünfundsiebzig Jahre alt, ein vornehmes Skelett. Gebändigte Lippen, aber völlig ungebändigte Augen. Das Antlitz prachtvoll. Hautfarbe eines Mulatten, Bewegungen eines Panthers, Stolz eines Löwen. Nicht herrisch, sondern kaiserlich. Violette Weste, Schuhe mit Glasschmuck. Die Kleidung auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Groteske. Nicht Ruine, sondern Skelett, fast schon Asche. Die letzte Stunde des Jahres 1799. Der Neujahrssturm heult.)


CASANOVA

(Über einem schneeweißen Haufen Papier)

Gehn wir dies Papier mal durch.

(Er liest)

„Teilen sollten wir uns das,

Ich die Weisheit, du die Rosen.“

Kenn ich doch. Ist das Teresa?

Nein, von Manon. Ach ich Esel!

„Als du dich von mir getrennt,

Hab ich lange, lange Jahre...“

(Er zerknüllt die Briefe und wirft sie in die Ecke.)

„Ihnen ist die Hölle sicher!

Nehmen Sie den Ring zurück!

Alles Liebe!“ Armes Kind,

Ach, sie war doch eine Nonne.

Statt des Ringes nur Papier.

Was ist das? „Mein treuer Sklave!

Gott hat uns ein Kind geschenkt,

Einen Sohn! Du bist der Pate!“

(Er lacht)

Klar, der Pate! Ach du Schelm!

„Sie sind mir ganz unerträglich,

Wären deine Augen nicht...“

„Spannen Sie den Wagen an,

Halten Sie bereit den Degen!“

O wie ritterlich! „Ich schwöre,

Ruft die Dame, so bewaffnet

Sich ganz Korfu wie ein Mann!“

Hier ein Vers aus dem Talmud.

„Ach, vergessen Sie mich nicht!“

„Niemals werd ich Sie vergessen!“

„Alles werde ich vergessen!“

„Heute Nachmittag ist Taufe.“

Bin ich denn schon wieder Pate?

„Lichtlos wie ein schwarzes Loch,

Das bedeutet, dich zu lieben...“

„Mit der Schwester ist es so:

Täglich sie und nächtlich ich...“

„Wie der gischtne Meeresschaum...“

„Meinen Geist in deine Hände!“

„Hier im trüben Albion

Gibt es keine schwarzen Augen...“

„Ha, ich tausch die Ewigkeit

Gegen diesen Garten Eden,

Ewig bin ich dein, M.M.“

Ach, was dir die Ewigkeit,

Das ist mir ein schlimmer Husten!

Was ist das? Wie ungereimt!

(Er wirft einen Brief weg und nimmt einen neuen.)

„Freund, verbrenne! Venezianer

Sind berühmt für Leidenschaft.“

„Nicht sind Frauen unbeständig,

Aber es gibt ja Millionen

Lippen!“ – „Ich beschwöre dich!“

Eifersucht macht mich zum Panther!“

„Bei dem Würfelspiel um dich,

Liebster, hab ich dich gewonnen!“

„Lebend bin ich doch im Recht,

Doch im Tod schafft man mich fort.“

Toll! „Mein ganzes Blut verström ich,

Wenn du Eine Träne weinst!“

Was ist das für eine Handschrift?

Mutter führt die Hand der Tochter?

„Mein Gebein ist mir verbrannt

Und verbrannt ist mir die Lebeer!“

Rechtschreibfehler, aber glühend.

„Daß zur Rache dich das Alter

Sperrt als Uhu in ein Baumloch!“

„Langsam ist verbrannt dein Segel,

Als das Schiff vorüber trieb

Am Korallenriff...“ – „Komm wieder!“

„Eines Tags hab ich begriffen,

Dieser ist es, er allein!“

Ach das weibliche Geschwätz!

„Lebe wohl! Vorbei die Freundschaft,

Mit der Magd will ich nicht teilen.“

„Küss mich, dass ich auferstehe!“

„Du mein Tod und Untergang!“

„Gib die Briefe mir zurück!“

„Ich bin nur ein armes Weib,

Doch auch ich hab eine Seele!

Und zur Zeit der ersten Beeren

Werde ich ein Kind gebären.“

(Er wirft in Gedanken fröhlich das künftige Kind in die Luft.)

„War das ganze Jahr Geliebte,

Aber du, du bist der Beste!“

„Unsres Spaßes Folgen kommen

In der Weihnachtszeit ans Licht.“

„Warum bist du nicht schon sechzig,

Daß dir keine Frau mehr nachschaut?“

„Warum bist du nicht erst sechs,

Daß dich keine Frau betrachtet?“

„Deine heiße Leidenschaft

Ist mir noch ein Totenhemd...“

„Spucken will ich dir ins Antlitz!“

(Er ist gekränkt)

Ach! „Die Spuren Ihrer Füße

Küsse ich auf allen Wegen!“

„Unser vielgeliebtes Söhnchen...“

„Daß du nicht als Erster gingst,

Bin als Erste ich gegangen.“

„Ich die Perle von Venedig,

Wag es doch und tauch nach mir!“

„Tausend Dank für jede Stunde,

Tausend Dank für jeden Blick,

Fiebernd schreib ich, denn es naht

Mir jetzt bald die Todesstunde...“

„Willst du mich im Bett nicht haben,

Komme ich als Krankenschwester.“

„Nur der Tod allein belohnt mich!“

„Buhlen lass uns noch im Himmel!“

„Bei dem Schnarchen meines Mannes...“

„Giacomino sagt schon Papa...“

„Unser Söhnchen kriegt schon Zähne!“

„Wie verlogen Ihre Schwüre!“

„Treuer als Penelope

Sitze ich und wart auf dich.“

„Nach uns komme nur die Sintflut!“

„Du hast mir das Alphabet

Aller Wollust beigebracht,

Dafür danke ich dir ewig!“

(Er verdreht selig lächelnd die Augen und küsst den Brief.)

„Schick mir Geld und Perlen reichlich!“

„Nein, ich kehre nicht zurück,

Zwar ich liebe Sie von Herzen,

Doch mein Ehemann ist reich.“

„Weinen muß ich Tag und Nacht,

Du Verräter! Deine Manon,

Die man auch Libelle nennt.“

„Ihre Augen! Schwarz wie Pech!“

„Es gibt eine Sünde nur:
Nicht zu sündigen auf Erden.“

„Freund, es ist ein Sohn geworden,

Du, du bist der Patenonkel.“

Gott! Bin ich denn weltweit Pate?

Tausend Casanovaköpfe?

„Casanova, Casanova!“

Meine Unterschrift? Ein Röschen?

„Abschiednehmen will gelernt sein,

Eine Kunst des Abschieds gibt es.“

„Ihre Hände, Ihre Hände!“

„Du hast mir das Herz verwundet,

Schenke mir nun auch das Heil!“

„Unser Söhnchen Giacomo

Ist so schön! Er blendet alle!“

Ich vermehr mich wie Kaninchen.

„Gratuliere! Ein Soldat

Für die Heerschar der Franzosen!“

Ach, hier hagelt es ja Kinder!

Kaum zuckt meine Augenbraue,

Schon wird mir ein Sohn geboren!

„Komm nur nicht zu spät zur Taufe!“

Gott! „Gesund ist unser Söhnchen!“

Wieviel Söhne hab ich denn?

Nun, ich denk, das wär genug,

Jetzt wärs an der Zeit für Töchter.

„Und bring auch das Taufkleid mit,

Rosafarben! Eine Tochter!“

Ach, jetzt kommen wohl die Töchter?

„Hund! Statt des versprochnen Sohnes

Heult ein Mädchen in der Wiege!“

(Er fasst sich verzweifelt an die Stirn.)

Das ist ja der reinste Wahnsinn!

Dies der Liebeswerke Folgen!

„Du Vergesslichster der Freunde,

Kennst du diese Äuglein nicht?“

Ist das hier ein Kinderhort?

Ist das hier ein Kindergarten?

Ist das hier ein Waisenhaus?

(Er zerknüllt die Briefe und wirft sie ins Feuer.)

„Freund, der Wagen wartet schon!“

„Eisig kalt ist es in Moskau,

Doch die Herzen brennen heiß!“

Weg, du Schnee von Moskau, brenne!

„Menelaos reiste ab!“

O, die Stunde hat geschlagen...

„Ich zerreiße mich in Stücke!“

„Freund, mein Name ist Therese.“

Meinetwegen heiße Käse.

„Ah ich schmachte voller Schmerzen!“

Schmachte nur. „O Giacomo!“

„Weißt du noch, wie in Versailles...“

Böhmens Schloss ist goldner noch.

Hoch auf alle, die mir schrieben,

Alle, die mich fallen ließen,

Hoch auf alle meine Söhne,

Vierzigtausend Casanovas,

Die ich taufte, die zerstreut sind

An die Enden aller Erden!

Hoch aufs Pulver, das verschossen

Ward in allen Fürstenhöfen,

In den Schlössern, in den Lüften,

In den Wellen, in dem Wetter!

Weg mit Spangen! Weg mit Gürteln!

Weg mit Fürstinnen und Nonnen,

Nonnen in den lichten Hemdchen,

Öfter ohne Hemdchen noch!

Weg mit allen Kupplerinnen

In der Liebe, deretwegen

Neujahr feire heut ich so!

Weg mit allen Weibern, weg!

(Er beruhigt sich wieder.)

Da die Rose, da die Locken!

Ach die Locken aller Farben,

Ach die Locken aller Rassen!

Flachs der Säugling trägt in Holland

Und die Türkin trägt ihr Henna.

Töchter aller Zonen, Völker!

Leidenschaft von A bis O!

Geh zu Gott, du Rosenstrauß!

(Er wird zornig)

Veilchen nach Italia!

Stolze Seele, fort nach Holland!

Ungeheuer, nach Lyon!

Gott, o Gott, wie sehr verliebt

War ich in die Tänzerin

In Lyon! Ihr Körper bebt noch

Jetzt in meiner heißen Hand!

O Rosine, Vielgeliebte!

FÜRST

(Eintretend)

Was ist das hier für ein Chaos?

Welch ein Chaos, Casanova!

CASANOVA

(Stotternd)

Von dem Unsinn trenn ich mich

Und ich rechne ab mit Venus!

FÜRST

Blutet dir da nicht das Herz?

CASANOVA

Ach ich bin nur noch ein Krüppel

Und ein alter Sonderling.

Das Gesinde spotte nicht!

Sollte diese Liebesbriefe

Einer je mit frecher Hand

Werfen in den Abfalleimer?

Nein, die Liebesbriefe kehren

In die Glut, aus der sie stammen!

In den Frauenherzen einst

Ist entstanden jenes Feuer,

Das mir heut die Knochen wärmt.

(Mit bitterem Lächeln)

Jetzt vergilt man doch dem Greis

Den Verlust, den ich erlitten,

Die unendlichen Verluste,

Hier ist all mein Eigentum!

(Er schlägt sich an die Brust)

Und wenn Luna steigt als Sichel...

FÜRST

Soll die Kleidung auch verbrennen?

CASANOVA

Nein, die Kleider nehm ich mit.

FÜRST

Und wohin, mein Casanova?

CASANOVA

Fort, auf eine weite Reise.

FÜRST

Doch wohin, mein Freund, wohin?

CASANOVA

Nicht in Böhmen nur allein

Gibt es Gräber für die Toten.

FÜRST

Giacomo, mein lieber Freund,

Willst du mir den Neujahrssekt

Wohl versauern? Laß den Unsinn.

CASANOVA

(Sich ereifernd)

Dir, mein Fürst, ist es nur Unsinn,

Mir ist es nur Schmach und Schande.

Nein, ich bin fürwahr kein Dieb,

Ich errötete vor Scham,

Wär ich je ein Dieb gewesen.

Aber wär ich nur ein Dieb,

Denn ein Dieb ist doch ein König,

Mir gibt man ein Gnadenbrot!

FÜRST

Du bist Bibliothekar.

CASANOVA

(Beherrscht seinen Zorn nicht mehr)

Was soll das bedeuten? Siehe,

Jener Haushofmeister gießt

Wasser mir in meinen Wein.

Süße Beeren gibt’s im Sommer,

Ich bekomme davon nichts.

Und der Hahn, der Teufel hol ihn,

Kräht von Mitternacht bis Morgen

Und zerreißt mir meine Ohren.

Und wer darf den Gästen zeigen

Wallensteins Reliquie?

Ich darf nicht die Lanze zeigen!

Meine Kleider hängt man auf

Mir zum Spott auf einem Zaun.

Mir beschädigt man die seltnen

Edel-alten Pergamente.

Weißt du, wie der fette Pfaffe,

Ein Geschwür am Leib der Una

Sancta, dumm mich abgespeist

Mit den dümmsten frommen Phrasen?

Bitte ich um einen Renner,

Der mit Flügeln stürmen kann,

Gibt man mir die alte Mähre.

Und die Suppe ist so wässrig,

Daß ich all mein Fleisch verliere.

Grüßen will mich nicht der Adel.

Ist ein Tier im Park verschwunden,

Mir allein gibt man die Schuld.

Ob Gesinde oder Adel,

Ganz egal, sie spotten alle.

Warte, laß mich alles sagen!

Rede ich mit ihren Worten,

Lachen sie sich fast halbtot.

Doch versuch ich sie zu bilden

In der Sprache großer Meister,

Lachen sie sich fast halbtot.

Rezitiere ich den Tasso,

Lachen sie ihr Hohngelächter.

Küss ich schöner Damen Hände,

Grinsen sie voll Hohn und Spott.

Müh ich mich, sie einzuweihen

Ins Mysterium des Tanzes,

Drängt sich ekler Pöbel vor.

Ess ich einen süßen Pfirsich,

Kaum verkneifen sie ihr Kichern.

Kann ich eine Nuss nicht knacken,

Laut erschallt ihr Hohngelächter.

Trage ich im Knopfloch Lorbeer,

Lachen sie mich schallend aus.

Trage ich Vergissmeinnicht,

Grinsen sie mich höhnisch an.

Ob ich esse oder faste,

Trinke oder nüchtern bin,

Immer lachen sie mich aus.

Ob ich Lieder singe – Lachen!

Stoß ich um den Nachttopf – Lachen!

Ja, sie lachen, bis sie lachend,

Lachend keine Luft mehr kriegen!

(Er bemüht sich mühsam Atem zu holen.)

Hundert meiner besten Witze,

Über die die Götter lachen

Ihr olympisches Gelächter,

Wenn ich ihnen sie erzählte,

Dann herrscht finstre Totenstille,

Sie beräuchern sich mit Weihrauch,

Ernsthaft wie das Weltgericht!

FÜRST

(Mit tiefem Ernst)

Ich hab dir jetzt zugehört,

Ich hab dich nicht unterbrochen,

Seh ich dich, so muss ich denken:
Pegasus, o Pegasus!

Unvergleichlich dieses Ross!

Im gemeinen Pferdestall

Ist kein Platz für seine Flügel!

Aber trotzdem, lieber Freund...

(Auftritt Diener)

DIENER

Fürst, man bittet Sie zum Mahl.

FÜRST

(Schickt den Diener fort)

Wahnsinn wär es, ein Verbrechen,

Dich alleine ziehn zu lassen

In der Nacht bei diesem Schneesturm.

(Er klopft ihm auf die Schulter)

Keine Widerrede, bleibe!

Ich bin auch schon alt, gemeinsam

Feiern wir das neue Jahr

Und das bessere Jahrhundert

Und dann brechen wir gemeinsam

Auf in Einem Wagen ins

Neue bessere Jahrhundert.

Nun, was sagt mein Paladin,

Mein Orlando Furioso?

CASANOVA

Eins: Ich muss alleine sterben…

(Nach einer Stille)

Fürst, mein Fürst, um Gottes willen,

Geh, sei Ahn, Soldat, sei Onkel!

Sollte jemand nach mir fragen,

Wunder kennt die Neujahrsnacht,

Sag, er hockt bei Bücherstapeln.

Ich bin doch ein Sonderling,

Jeder ist daran gewöhnt,

Sag es, dass mich keiner sucht.

FÜRST

Hast du auch genügend Geld?

CASANOVA

Ich bin Meister im Verschwenden,

Bins gewöhnt, dass mir das Geld fehlt.

FÜRST

(Reicht ihm sein Portemonnaie)

Du bist alt, ich bin es auch.

Vor der Sonne schweben Wolken.

CASANOVA

Ich steh tief in deiner Schuld.

Nicht verwöhn den Vagabunden.

(Er steckt dennoch verschämt das Portemonnaie ein.)

FÜRST

Hast du einen Reisepelz?

CASANOVA

Dieser Mantel ist doch prächtig!

FÜRST

Dieser da, verweht vom Winde?

CASANOVA

Tausend Frauen lagen drin,

Brannten drin in Liebesglut,

Wiegten sich in süßen Träumen

Überall auf dieser Erde.

FÜRST

Lebewohl, du Ewiger

Jude im Gesetz der Liebe!

(Sie umarmen sich. Fürst ab.)

CASANOVA

Ach Rosine, ach Rosine...

Goldne Löckchen, Skapuliere!

Nun die Hemden, eins, zwei, drei,

Wo ist denn die andre Wäsche?

Mir den letzten Rock zu stehlen!

Räuber ihr, ihr Sansculotten!

Solchen Diebstahl traute ich

Nichtmal einem Blinden zu.

Meine Wäsche mir zu stehlen!

Was ist das für ein Triumph?

Törichte Trophäensammler!

Hol euch alle doch der Teufel!

Aus Venezia verbannt

In den dunklen Wald von Böhmen,

Wo in deutschen Adern fließt

Quark! Zum Teufel doch mit euch!

Doch der letzte Kavalier

Lässt euch auch das letzte Hemd!

Doch die Glut und Ehre sind

Mein im Rock des Ewigen

Juden im Gesetz der Liebe!

Wohin führt die letzte Stunde?

Wohin führt die letzte all

Dieser Helenas und Evas...?

Oh wie hat doch Marion

Mir allein das Herz gestohlen!

(Die Uhr schlägt die elfte Stunde.)

Eine Stunde noch, dann ist

Dieser Karneval vorbei.

O, der reinste Liebes-Tempel!

(Er nimmt Ariostos Buch in die Hand)

Sage an, du mein Orakel,

Wann kommt zu mir Charons Kahn,

Wann befahre ich die Lethe

Und mit welcher Arm in Arm

Wach ich auf im Himmelsbett?...

(Ein Brief fällt aus dem Buch, er liest)

„In deinem Alter einst die Memoiren schreibend,

Du wirst sie schreiben, wenn du grau bist und vergessen,

Vergessen, lächerlich, in deiner Weste, fern

In einem öden Schloss im leeren Nirgendwo,

Die Wölfe heulen nachts, der Sturm bläst in die Kerzen,

O Casanova, du bist ganz allein und einsam,

Mit aller Liebe quitt! Ich sehe deinen Blick,

Die Augen schwarz wie Pech, die Augen voller Glut,

Die nieder brannten einst mein Herz, in Asche legten

Mein Leben, sehe sie. Dann wird aus deiner rechten

Uralten Greisenhand entstehen eine Schrift...

In deines Lebens Buch wird eine alte Frau...“

(Auf der Schwelle erscheint ein Wesen in Jäckchen und Stiefeln. Unter der Mütze quellen rötlichblonde Locken hervor. Sie ist ganz mit Schnee bedeckt. Sie steht wie eine Marmorstatue da.)

CASANOVA

O Himmelsmacht! Ist das ein schöner Traum?

Bist du das, o geliebte Simonetta?

FRANCESKE

Ich bin nicht Traum und bin nicht Simonetta.

Und bin ich auch gekleidet wie ein Page,

So bin ich aber doch ein junges Mädchen!

(Sie schüttelt sich den Schnee von der Brust.)

CASANOVA

Doch Kinder müssten lange schon im Bett sein,

Statt mitternachts zu spuken wie Gespenster.

(Er betrachtet sie genauer)

In deinen Augen ist der Seelenfunke,

An deinen Muschelohren goldne Ringe.

(Er hält seine Hand über die Kerzenflamme)

Doch wirklich, diese Feuerflamme schmerzt!

Ist das ein Traumbild, ist das Fieberschwäche?

FRANCESKE

Gekommen bin ich heute nur zu Ihnen,

Zu sagen, dass ich Sie von Herzen liebe!

CASANOVA

Sie liebt mich? Also ist es nur ein Traum!

Ich hab das Schloss in Böhmen längst verlassen,

Der Diener deckte meine Beine zu,

Es heult der Schneesturm draußen laut, ich träume,

Ich träume, dass zu mir ein Mädchen kommt,

Das Mädchen sagt: Ich liebe Sie von Herzen!

Wie schön sind diese Worte, o wie schön,

Wie gierig bin ich, sie noch mal zu hören,

Ich wiederhol sie selbst: Ich liebe Sie!

(Er verspottet sich selbst)

Ich, Casanova, zähle siebzehn Jahre,

Ich bin noch jung und bin ein schöner Heros!

FRANCESKE

Sie träumen nicht, o lieber Herr, bei Gott,

Ich sage Ihnen nichts als reine Wahrheit!

Die Toren! Sowas tut man einfach nicht!

Im Schlosse sitzen festlich viele Gäste,

Die Vasen schwellen an vor roten Rosen,

Die Damen strahlen klar wie Diamanten,

Und edler Rotwein wird gewiss kredenzt!

Bei Ihnen aber, wunderlieber Herr,

Bei Ihnen sitzt nicht Einer in der Nacht,

Bei Ihnen, bei dem allerbesten Herrn!

CASANOVA

Hab ich mich etwa in dem Wald verirrt?

Und bin ich wieder jung wie in der Jugend?

FRANCESKE

Da sehe ich schon ein paar graue Haare,

Mir aber macht ein graues Haar nichts aus.

CASANOVA

Weh, selbst im Traum sind meine Haare grau?

Großvater ich und sie ein junges Mädchen?

FRANCESKE

Großväterchen ist nur noch ein Skelett

Und murmelt immer nur von einer Alten...

CASANOVA

Ach Mädchen, bitte, bitte, sprich doch leiser,

Denn sonst erwache ich von meinem Traum.

FRANCESKE

Der Förster hat mich bei sich aufgenommen,

Er ging durch seinen Wald und fand mich da,

So bin ich bei dem Förster aufgewachsen.

CASANOVA

O Mitternacht! Jahrhundertwende! Nichts

Kann mich verwundern! Aber trotzdem, trotzdem!

FRANCESKE

Ich will mit Ihnen nichts als glücklich sein!

CASANOVA

Ich bin erledigt! Willst du lügen – lüge!

FRANCESKE

(Stellt ihren Stiefel auf den Sessel)

Wie finden Sie denn diese meinen Stiefel?

CASANOVA

Die junge Traumfrau ist erstaunlich schwungvoll!

(Franceske beisst ihn rasch in die Hand)

Ah, Mädchen, Mädchen, warum beisst du mich?

FRANCESKE

Ich habe hoch und heilig doch geschworen,

Daß Sie nicht träumen! Ach es tut mir leid!

Was bin ich doch für ein gemeines Biest!

CASANOVA

Geh weg, du Traum, so schön du bist! Mein Mädchen!

FRANCESKE

Nein, ich bin eine widerliche Kobra,

Kein Mädchen! Könnte sonst ich diese Hand,

Gerade diese...? Ich muß mich bestrafen!

(Sie beisst sich selbst in die Hand)

CASANOVA

Wenn du mich schon als Traumgestalt bezauberst,

Mein Mädchen, wie dann erst in Wirklichkeit!?

FRANCESKE

Sind denn die Spuren meines Bisses tief?

CASANOVA

O Heroine! Nie mehr ohne Handschuh!

(Er hält einen Augenblick ihre Hand)

FRANCESKE

Nein, alle sollen diese Wunden sehen!

So lassen Sie mich bitte los, mein Herr!

(Sie geht zurück zur Tür)

CASANOVA

Wie, ohne Abschiedsworte gehst du schon?

Ein wildes Tier, das satt ist von der Beute?

FRANCESKE

Ich fürchte doch, Sie fürchten meine Bisse.

CASANOVA

Wenns nur die Bisse wären! Doch das Herz schmerzt!

(Sie geht)