Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

DIE TORA DES MESSIAS




Ein Verspoem in Hexametern
Von Josef Maria Mayer



ERSTER GESANG


Eines Morgens im Morgentraume sah ich Gesichte,
Schaute den Aufgang der Sonne und hörte englische Chöre
Himmlischer Hierarchie von Mächten, Thronen, Gewalten,
Michael, Gabriel, Raphael sah ich im himmlischen Lichte
Gnadenstrahlen ergießen wie Feuer vom göttlichen Throne
Und die lieblichsten Lieder hörte ich singen die Engel
Ewiger Liebe, die regiert das All und die Sonne.
Aber auf Erden lag ich im Gras am Hang eines Berges,
Ob es Hermon war, ich weiß nicht, oder der Tabor
Oder gar der heilige Berg der jungfräulichen Sion,
Aber ich sah auf dem Gipfel des heiligen Berges die Musen
Tanzen den ganz vollkommenen Chor der göttlichen Musen
Unter der Führung Uranias. Und Urania lächelnd
Rief mich hinan auf den Gipfel des heiligen Berges der Musen
In den Kreis der tanzenden Schwestern. Urania grüßte
Mich wie eine alte Vertraute und sagte: O Dichter,
Komm und lausche, o Dichter, komm zum Diktate der Muse,
Denn allein das Diktat der Muse macht ja den Dichter,
Du also lausche, was dir alles Urania kündet,
Weisheit kündet Urania, aber nicht weltliche Weisheit,
Irdische nicht, dämonische nicht, nicht sinnliche Weisheit,
Sondern die göttliche Weisheit, die himmlische Weisheit von oben,
Friedliche Weisheit kündet die Muse voll Sanftmut und Demut.
Nämlich die heiligen Musen vermögen nichts gegen die Wahrheit,
Sondern wir sagen die Wahrheit, sich selbst offenbarende Wahrheit,
Künden die absolute Herrschaft der göttlichen Wahrheit.
Wen die himmlische Muse erkoren, ergriffen am Schopfe,
Diesen Erwählten führen die Musen durch dunkelste Nächte
Bis zu dem jaspisfarbenen Thronsessel göttlicher Weisheit.
Hagia Sophia verehren die himmlischen Musen
Als die göttliche Herrin inspirierender Geister.
Nimm, o Dichter, die Schwanenfeder und tauch in die Tinte,
Tauch in das Tintenfass deine Schwanenfeder und schreibe,
Was Urania selbst dir diktiert im Auftrag der Weisheit.
Singe Gesetz und Gnade, singe Tora und Charis,
Singe verheißungsvolles prophetisches Wort und Erfüllung
Aller Verheißungen in dem göttlichen Bräutigam Jesus.
Singe deinen Messias, den Bräutigam bräutlicher Seele,
Singe den Gottmenschen, dessen Name Ewigkeit lautet.
Also sagte Urania mir im Traume am Morgen,
Las mir vor aus einem Pergamente der Weisheit
Eine lange harmonische Hymne von himmlischer Schönheit
Und ich erwachte und tauchte ins Fass der Tinte die Feder.


ZWEITER GESANG


Alle Söhne der jüdischen Mütter wollte ermorden
Pharao, König Ägyptenlandes. Aber der Retter
Und Erlöser, Gott der Ewige, rettete Moses
Durch die Hand der Tochter des Pharao, diese Prinzessin
Zog das Mosekind aus den Fluten des Nil und erzog es
In der Weisheit Ägyptens, von welcher auch Platon gelernt hat.
Mann geworden, kam Mose einmal zum Brunnen Zipporas
Und er zeugte gemeinsam mit der Gattin Zippora
Söhne. Jethro war der Schwiegervater des Mose,
Mose weidete seinem Schwiegervater die Herde,
Als ein kleines schwarzes Lämmchen sich einmal verirrte.
Mose verließ die neunundneunzig Schafe der Herde,
Suchte das einzige schwarze Schäfchen, das sich verlaufen.
So kam Mose zum Horeb, Gottes heiligem Berge.
Hier aber schaute Mose den Herrn in loderndem Feuer,
Eine lebendige Liebesflamme, brennend im Dornbusch.
Zwar das Feuer brannte, doch nicht verbrannte der Dornbusch,
Wie auch die Jungfrau Maria empfangen vom heiligen Geiste,
Christus geboren und blieb doch immerwährende Jungfrau.
Gott ist die Liebe, die lebendige Flamme der Liebe,
Unsere Gottheit ist nämlich ein verzehrendes Feuer!
Aber wer erträgt es, das Feuer der göttlichen Liebe?
Wer erträgt es, wie einst es die Jungfrau Maria ertragen?
Möge uns Unsere Liebe Frau vom Sinai helfen,
So wie sie selber zu gleichen einem brennenden Dornbusch,
Voll des brennenden Feuers der göttlichen Liebe und dennoch
Nicht verbrennend, nicht werdend zu einem Häufchen von Asche.
Hier ist heiliger Grund, o Mose, zieh aus die Sandalen,
Komme als Barfuß-Beter und Unbeschuhter und schaue
Gottes brennendes Herz voll Flammen lebendiger Liebe!
Heiß ist Gott! Zu heiß ist die Hitze der liebenden Gottheit,
Blendend die Schönheit der Liebe, des Lichtes Übermaß blendend,
Unaussprechlich ist die Erfahrung der göttlichen Liebe,
Wenn die menschliche Seele eines bevorzugten Menschen
Geistig sich vereinigt der heißen lebendigen Liebe
Gottes, unaussprechlich sind die Verzückungen, Wonnen,
Menschliche Zungen sagen das nicht und nicht Zungen der Engel,
Welche berauschende Seligkeiten erfahren die Seele
Dieses Propheten Mose vor dem Antlitz der Gottheit.
Denn die Ewige Gottheit der lebendigen Liebe
Sprach mit Mose wie mit einem vertraulichen Freunde
Über die intimsten Geheimnisse göttlicher Liebe.
Da erstrahlte das Antlitz des Mose vom Abglanz des Feuers
Göttlicher Liebe, er wurde zum Spiegel der göttlichen Liebe.


DRITTER GESANG


Ach, das Volk, das Volk, soll ferne bleiben dem Gipfel
Dieses heiligen Berges, wenn Gott mit dem Hammer des Donners,
Mit dem Hammer des göttlichen Wortes den Berg bringt zum Beben!
Gott schaut die Berge an, da rauchen von Dämpfen die Berge!
Gott verhüllt sich vorm närrischen Volk in der dunkelsten Wolke,
Gott, unendlicher Lichtglanz, hüllt sich in dunkle Gewölke.
Leute des einfachen Volkes, Männer und Weiber und Kinder,
Ehrfürchtig bleibt in der Ferne, spricht der Prophet mit der Gottheit.
Männer, als Sklaven geboren, einfache Hirten und Bauern,
Handwerker, Arbeiter, folgt nur euren täglichen Pflichten,
Fleißig opfert den Schweiß eures Angesichts Gott in dem Amte
Eures Dienstes und schafft als Sklaven der herrschenden Gottheit,
Weiber der Männer, einfache irdischgesonnene Weiber,
Miriam nicht vergleichbar, der prophetischen Schwester,
Backt eure Brote, kocht eure Milch und wascht eure Wäsche,
Aber mischt euch nicht in prophetische Gottesgespräche,
Und ihr Kinder, ihr Knaben und Mädchen in törichter Einfalt,
Folgt nur immer der sanften Erziehung der zärtlichen Mutter
Und der strengen Hand des ernsthaft führenden Vaters,
Spielt eure Spiele und spielt mit den Lämmern der Herde,
Aber bleibt in der Ferne, wenn einsam der Seher mit Gott spricht!
Blindes Volk mit unerleuchteten Augen des Herzens,
Eure Frömmigkeit selber ist ein Narrengeschwätze
Und Geplapper von alten Weibern und Geistesgestörten.
Wenn nicht der Seher von Gott empfangen würde die Weisung
Und als heiliger Führer des hebräischen Volkes
Eure Scharen gut führen würde zum heiligen Ziele,
Ach, ihr ginget recht eilig wieder zum Knoblauch Ägyptens,
Zu den Fleischpfannen Pharaos, blinde törichte Menge.
Eben erinnert die Muse mich an den heiligen Athos,
Diesen heiligen Berg der seligen Jungfrau Maria,
Männliche Mönche verehren dort die Jungfrau Maria
Und die Jungfrau Maria ist die einzige Frau dort,
Frau und Herrscherin einer Großschar männlicher Mönche,
Keine irdische Hausfrau wohnt in der Zelle des Mönches,
Keine Köchin und keine Putzfrau hilft dem Geweihten,
Nicht einmal in Gedanken gehen die Männer zu Huren,
Ja, selbst weibliche Tiere verbannte die Jungfrau Maria,
Denn die Heiligste duldet neben sich nicht eine Hündin,
Nicht eine schmeichelnde Katze, ein weibliches Vöglein,
Sondern Sie allein, die allerheiligste Herrin
Ist die Ewigweibliche Brautgenossin des Mönches!


VIERTER GESANG


Aber Levi und seine Leviten sind heilige Priester,
Aaron führt sie, der Hohepriester, der Bruder des Mose,
Mose nämlich ist Aaron zu einer Gottheit geworden,
Aber Aaron geworden der Gottheit Mund und Verkünder.
Stammelte Mose lallend unaussprechliche Worte,
Aaron bringt die deutliche Kunde in menschlicher Sprache.
Levi, Geliebter, Geweihter, Jakobs geheiligter Sprössling,
Dir vertraut ist das Amt des Priesters, so ziehe die Grenze
Zwischen dem heiligen Berg und den unheiligen Volke.
Männer der Welt und Weiber der Welt und Kinder der Eltern,
Keiner liebt mehr das Heilige. Wenig Heilige sind noch,
Aber alle lieben Erwerb und Besitz eitler Dinge.
Wertlose Dinge materieller Nichtigkeiten
Lassen euch jubeln das Herz. Ihr habt die mächtigen Triebe
Des Erwerbens, Besitzens, Bewahrens zu Göttern erkoren,
Habt die mächtigen Triebe der Lustbefriedigung sinnlich
Euch zur Göttin erkoren und die mächtigen Triebe
Eures Willens zur Macht und eurer Begierde nach Ehre,
Lobsprüchen, Ruhmeskränzen, euch zu Göttern erhoben.
Aber das Höchste Gut, das wahre ewige Gute
Ist euch keine Gebete wert und schmerzliche Opfer.
Ach, ihr Narren, wie schätzt ihr gering das höchste der Güter,
Gottes ewiges Leben in Gottes ewiger Liebe!
Gottes ewige Liebe in Glückseligkeit, Wonne!
Ewiges Lebens Wonne! Die Vereinigung Gottes,
Ewiger Liebe brennende Inbrunst, die Vereinigung Gottes!
Das ist euch kein Gedanke mehr wert, ihr weltlichen Männer
Und ihr plappernden Frauen und ihr törichten Kinder.
Wir, die Söhne von Levi, wir, die Leviten von Levi,
Wir gebieten euch, dem profanen Pöbel des Staubes,
Fern zu bleiben dem Heiligtume des heiligen Berges,
Wenn auf dem Sinai Gottes lebendige Flamme der Liebe
Küsst mit dem heiligen Kuss den prophetischen Mose,
Gottes intimen Vertrauten, den Freund der ewigen Gottheit!
In der Säkularisation des heiligen Glaubens
Kriecht ihr wie zuckende Würmer im Staube der Erde,
Erde zu Erde und Staub zu Staub und Asche zu Asche,
Euch profanen Pöbel bannen Levis Leviten,
Denn die Heiligtümer sind den Geweihten gegeben!


FÜNFTER GESANG


Aus der Ferne betet das Volk den Herrn an, den Vater:
Himmlischer Vater, du bist unser liebender Papa,
Wir sind kleine Kinder und wollen nichts weiter, o Papa,
Als zu krabbeln auf deinen Schoß und dort uns zu bergen.
Wir sind Sünder, o Papachen, aber geheiligte Sünder,
Weil wir gehören zum auserwählten Volke des Königs.
Du bist unser ewiger König, o himmlischer Papa,
Und wir dürfen uns freuen, o König, jauchzen und jubeln,
In die Hände klatschen und applaudieren wie Bäume,
Weil du uns liebst, o Papa, wie ein Vater den Sohn liebt,
Ob wir auch Sünder sind und bleiben, ewig es bleiben,
Ob wir die Huren begehren und gierig nach Gold sind und Silber,
Ob wir auch tägliche brechen deine göttliche Weisung,
Was sind uns deine Gesetze? Du bist ein Papa der Liebe,
Nicht aus Tugend werden die Sünder gerettet, Verdammte
Bis in alle Ewigkeit, die wir verdienen die Hölle,
Aber wir glauben, o König, wir glauben und das soll genügen.
Denn mit Verdiensten kann keiner sich Gottes Liebe erwerben,
Darum sündigen wir auch tapfer und voller Vertrauen
Auf den barmherzigen Vater, der alle Kinderlein lieb hat.
Was der Hohepriester verkündet und seine Leviten
Uns gebieten, hat ja für das einfache Volk keine Geltung,
Sondern wir vertrauen wie Kinder dem himmlischen Papa,
Hüpfen dem himmlischen Papa direkt in die ewigen Arme:
Nirgends ist Ruhe so süß als in deinen liebenden Armen.
Da du so sehr die Welt geliebt hast, himmlischer Papa,
Wollen wir feiern! Unsere reizenden Jungfrauen tanzen,
Tanzen zu Zymbeln, blasen die Flöten, blasen die Hörner!
Tanzen wollen wir, Papa, tanzen dem ewigen König,
Weil du geheiligte Sünder gerettet aus Gnade durch Glauben!


SECHSTER GESANG


Aaron, reden die Weiber des Volkes, Priester des Höchsten,
Unbegreiflich scheint uns die philosophische Gottheit,
Ach, wir verstehen dich nicht, dein absolutistisches Wesen
Ewigen Seins, ein allererstes Wesen der Wesen,
Allgegenwärtig, ortlos, zeitlos, die Ewige Gottheit
Ohne wallenden weißen Bart und kraftvolle Rechte,
Reiner Geist in überweltlichen Unsichtbarkeiten,
Diese Gottheit wissen wir nicht als Gott zu verehren.
Aber auch wir sind religiösen Sinnes und Fromme
Und verehren ein göttliches Wesen, welches uns beisteht,
Unsre Wünsche erfüllt und uns das tägliche Brot gibt
Und die Freuden auf Erden schenkt und Genuss an dem Dasein.
Alle Weiber rissen den goldenen Schmuck von den Ohren,
Rissen die goldenen Ringe von den ragenden Nasen,
Rissen die Kettchen herunter, baumelnd zwischen den Brüsten,
Nahmen die goldenen Eheringe ab von dem Finger
Und zuletzt die silbernen Kettchen von Knöcheln der Füße,
Schmolzen alles ein. Da fand sich der fleißige Künstler,
Einen Gott zu bilden den frommen Weibern des Volkes,
Einen goldenen Stier mit mächtig strotzenden Rampen,
Einen goldenen Stier mit goldenem Phallus des Stieres:
Gott der Kraft, o goldener Stier, du Omnipotenter!
Schrieen die Weiber und tanzten um das goldene Kälbchen,
Sangen bacchantische Lieder lärmend und bliesen die Flöten,
Bliesen die Hörner und schrieen: Kraftgott, Omnipotenter!
Aaron ekelte tief sich im Innern vor all dieser Torheit
Geiler Weiber, die phallische Kraft anbetender Weiber.
Mose kam vom Gipfel des Sinai strahlender Stirne,
Nahm den mächtigen Hammer in seine männliche Rechte
Und zertrümmerte zornig diesen abgöttischen Kraftgott
Und der Omipotente verging wie ein elendes Kälbchen.


SIEBENTER GESANG


Buße, Buße! Der traurigste Name des Volkes ist Buße!
Bußfertig, Weiber, bußfertig sollt ihr bereuen die Sünde
Und die empfindliche Buße annehmen, tun sollt ihr Buße,
Vierzigmal sprechen sollt ihr: Unser Vater im Himmel!
Ich bin kein Mensch mehr, Vater, ich bin dem zuckenden Wurm gleich,
Meine triebhafte Liebe ist der Liebe des Wurms gleich,
Ich bin kein Mann, o Vater, ich bin kein Ebenbild Gottes,
Sondern ein Schatten bin ich, ein leerer seufzender Schatten,
Bin ein Hauch, bin nichts als leere hauchende Seufzer,
Bin die Blume des Grases, die morgens zur Kinderzeit aufblüht
Und am Abend verwelkt in dem unleidlichen Alter.
Ich bin geschaffen aus Nichts und habe Anteil am Nichtsein,
Einzig dein Atem belebt mich, den du in die Nase geblasen!
Aber wenn du den Atem mir nimmst, den rasselnden Atem,
Dann zerfallen mir meine morschen klappernden Knochen
Und in dem Schoß der Mutter Erde muß ich verwesen,
Werde gefressen von Maden und werde zum Kote von Maden.
Warum denn prahlt der Mensch, als könnt er in Ewigkeit leben?
Abends weine ich bitter und schwemme mein Lager mit Tränen!
Morgens jauchz ich und juble voll der männlichen Stärke!
Wer sich rühmt seiner Ahnen, ist ein erbärmlicher Dummkopf,
Denn wohin ist der Vater, der so groß tat auf Erden?
So auch werde ich sterben und bin dann vergessen auf Erden.
Einzig der Ewige, unser göttlicher Vater ist ewig!
Mose kam mit der leuchtenden Mondstirn von Sinais Gipfel,
In den Händen die Tafeln, beschrieben vom Finger des Schöpfers,
Dies ist die göttliche Tora in der Sprache der Menschen,
Dies ist die Jungfrau Tora, die Weisung der göttlichen Weisheit!
Gott bot die Tora Ägypten an. Ägyptenland hörte:
Ich bin der Herr, hab keine anderen Götter als Jahwe!
Da sprach Ägypten: Aber ich liebe alle die Götter!
Gott bot die Tora Griechenland an. Und Griechenland hörte:
Du sollst nicht begehren das schöne Weib deines Nachbarn!
Griechenland sagte: Ich begehre das Weib meines Nachbarn!
Gott bot Israel die jungfräuliche Tora an. Jakob
Sagte: O Jungfrau Tora, ich gehorche und folge!
Göttliche Weisung, immerjugendliche Geliebte,
Schön ist dein reizendes Kleidchen aus lauter Historien, Mythen,
Köstlich ist dein nackter Körper aus lauter moralischer Weisheit,
Himmlisch ist deine Seele voll der Mysterien Gottes!


ACHTER GESANG


Mose stand auf dem Gipfel des Berges Nebo in Moab,
Schaute das gelobte Land mit hungrigen Augen:
O du Land der Verheißung, o du Kanaan Gottes!
Schauen darf ich dich zwar, o Tochter Kanaan, schauen
Darf ich dich mit den heißbegehrenden Augen des Herzens,
Aber ich darf nicht hinein in deine fruchtbare Aue!
Ewiger Vater! Schrecklich bist du, du Ewige Liebe,
Schrecklich, schrecklich bist du, Ewige Liebe der Gottheit!
Schauen darf ich alle die Herrlichkeiten der Tochter
Kanaan, wie von der Brust, der Brust der Tropfen der Milch tropft!
Wie mit der Zunge von den Lippen sie leckt sich den Honig!
Schauen darf ich ihre Brüste wie prangende Trauben,
Prächtige, mächtige Trauben! Zwei Männer kaum können sie tragen!
Schauen darf ich den Weinberg der Tochter Kanaan, fruchtbar
Saugen die rankenden Reben Saft aus dem männlichen Weinstock!
Schauen darf ich die Füchse, die kleinen Füchse im Weinberg,
Wie sie die Beeren schlickern, wie sie naschen Rosinen!
Schauen darf ich die Bäume mit den runden Granaten,
Tochter Kanaan, schauen deine prallen Granaten!
Schauen darf ich den Baum der Erkenntnis mit leckeren Feigen,
Tochter Kanaan, ah mir, deine leckeren Feigen!
Aber ich darf nicht hinein, o schreckliche Ewige Liebe!
Schlage mich tot, o Vater, schlage mich tot auf der Stelle!
Aber du, o Sohn von Nun, mein Josua, kämpfe,
Kämpfe, Josua, fürchte dich nicht, Jehowah ist mit dir!
Fürchte dich nicht, mein Josua, Gott der Vater ist mit dir!
Sei getrost, o Josua, sei getrost und sei männlich,
Ja, sei männlich und stark, denn der Gott der Stärke ist mit dir!
Josua aber sagte zum Vater, dem sterbenden Mose:
Vater, mein kleiner Finger ist dicker noch, denn deine Lende!
Vater, du züchtigtest Israel mit neunschwänzigen Peitschen,
Ich aber züchtige Israel mit dem Skorpionschwanze!
Sei nur stark, mein Josua, sagte der sterbende Mose,
Sei nur männlich und stark und führe Israels Kinder
In das Land der Verheißung, wo Milch und Honigseim strömen!


NEUNTER GESANG


Israel, Kämpfer Gottes, erinnre dich, Israels Kinder,
Denkt daran, wie Gott dich geführt hat durch brennende Wüsten.
Kennst du die Wüste Zin nicht mehr, wo du lange gewandelt?
Hast du die Skorpionen-Steige der Wüste vergessen?
Muß ich dich noch ans bittere Wasser Mara erinnern?
Denk an das Haderwasser! An die Lustgräber denke!
Vierzig Jahre bist du gewandert, Israel, armer
Haufe Israel, armes Würmlein Israel, vierzig
Jahre durch die Wüste gewandert, da sind dir die Schuhe
Nicht zerfallen an deinen Füßen, dein Kleid nicht zerrissen.
Halsstarrig, hartnäckig warest du immer, murrender Sklave!
Weißt du nicht mehr, wie euch die brennenden Schlangen befallen,
Wie die Seraphen euch überfallen, die feurigen Schlangen,
Giftigen Schlangen, wie euch gebissen die giftigen Schlangen,
Wie so viele von euch gestorben vom Schlangenbiss damals?
Mose schrie damals zum Herrn: Das Volk stirbt durch feurige Schlangen!
Was denn hilft bei dem Biss der giftigen, brennenden Schlangen
Als die Kupferschlange allein an der Stange der Fahne!
Heil dir, an der Stange erhobene Schlange von Kupfer!
Nehuschtan, erhabene Schlange, erhöht an der Stange!
Denn aus den Zähnen der feurigen Schlangen kommt tödlicher Giftsaft,
Aber ein winziger Tropfen vom Gift der tödlichen Schlange
Ist ein Mittel des Heils des medizinischen Gottes.
Religiöse Erneurer später entfernten die Schlange
Nehuschtan aus dem Tempel Jerusalems, weil dieses Kultbild
Manchen zum Götzenbilde gedient. Die Schlange als Götze
Ist ja bekannt den Heiden, die feiern die phallische Schlange.
Aber kein anderer als der wahre Messias erklärte,
Daß die erhabene Schlange, erhöht an der Stange von Kupfer,
Ist ein prophetisches Vorbild auf den Christus am Kreuze!
Christus, am Kreuze, Kupferschlange, erhöht an der Stange,
O du heilige Schlange Christus, du Schlange der Weisheit,
Wer zu Tode gebissen von dem Giftzahn der Schlange,
Wer zu Tode gebissen von der satanischen Schlange,
Wer verletzt von den Schlangen der Sünde, des Todes, des Teufels,
Findet sein Heil allein in der Kupferschlange Messias!
Heil dir, gekreuzigte Schlange, Heil dir, Schlangen-Messias,
Heilige Schlange Messias, dein Gift dem Tode bereitend:
Todesschlange, wo ist dein tödliches Gift aus dem Giftzahn?
Denn erhöht an der Stange ist die Schlange von Kupfer
Und gekreuzigt die Schlange und auferstanden die Schlange!


ZEHNTER GESANG


Ach, wie lange mühten wir uns, die Trompeten zu blasen,
Ach, wie mühten wir uns, die Widderhörner zu blasen,
Mächtig wurden die Schofar-Hörner von Lippen geblasen!
Also bliesen die Muschel-Hörner Arjuna und Krishna,
Josua blies das Schofar-Horn und Jericho bebte!
Durch die blasenden Israeliten stürzte die Mauer,
Stürzte die Mauer von Jericho! Aber wer hat geholfen?
Wer hat es Israel möglich gemacht, die Stadt zu erobern,
Tochter Kanaan zu erobern, wer macht es möglich?
Rahab, die heilige Hure, Rahab, Jerichos Rose!
Denn den Kundschafter ließ sie ein und versteckte ihn oben
Auf dem Dach ihres Hauses zwischen Flachsstengeln, Rahab
Barg den Kundschafter Israels zwischen Flachsstengeln, Rahab
Sagte: Ich weiß, ihr werdet erobern Kanaans Städte,
Ausrotten werdet ihr Kindermörder, Magier, Hunde,
Aber ich flehe euch an, verschont doch Rahab, die Hure,
Ach, verschont die heilige Hure von Jericho, Rahab,
Ach, verschont die rote Wildrose Jerichos, Rahab,
Ach, verschont mich Hure, verschont mir Mutter und Bruder,
Wenn ihr erobert die Tochter Kanaan waffengewaltig!
Israels Kundschafter sprach zu Rahab, der heiligen Hure:
Rahab, Magd der Götter, Hierodule Astartes,
Hab keine Angst und fürchte dich nicht, du heilige Hure,
Du hast Barmherzigkeit und Gnade erwiesen den Juden,
Du sollst gerettet werden, ich spreche für dich bei dem Herrn vor,
Du sollst gerettet werden, Rose, barmherzige Rahab,
Bleib du nur mit Mutter und Bruder im Innern des Hauses,
Wenn das Kriegsheer vorübermarschiert, und häng aus dem Fenster,
Häng aus dem Fenster, schöne Rahab, du heilige Hure,
Einen roten Faden, ja einen blutroten Faden,
Rot wie das Menstruationsblut der Frauen, das Blut des Messias,
Dann wirst du, Rahab, gerettet werden vom Blut des Messias!
Jerichos Rose, Rahab, Mutter unsres Messias!
Jerichos Wildrose, Rahab, Mutter unsres Messias!
Wilde Aprilrose Jerichos, Rahab, Mutter unsres Messias!
So ward das Widderhorn geblasen – und Jericho bebte!


ELFTER GESANG


Samson war ein Richter, ein herrlicher Sonnensohn Gottes,
Gottgeweihter von Mutterschoß, ja ein Gottesverlobter,
Dem vom Heiligen Geiste die männliche Stärke empfangen,
Welche Stärke ruhte in seinem wallenden Haare!
Aber er liebte mit aller männlichen Stärke die Frauen,
Eine hatt es ihm angetan! Da sprach er zum Vater
Und zur Mutter: Delila gebt mir zum ehlichen Weibe!
Aber die Mutter sagte, es sprach die hebräische Mutter:
Diese schöne Delila ist Philisterin aber,
Diese Delila glaubt an die philistäischen Götter,
Israel hat doch genügend keusche heilige Jungfraun,
Die den himmlischen Vater lieben, den ewigen König,
Keusche heilige Jungfraun, die singen und tanzen dem König,
Nimm du doch eine von diesen keuschen heiligen Jungfraun!
Aber Samson entgegnete seiner hebräischen Mutter:
Einzig Delila gefällt mir! Sie ist die Lust meiner Augen!
Einzig Delila will ich und keine sonst als Delila!
Wenn die Philister mir nicht geben zur Gattin Delila,
Häng ich den Füchsen an ihre Fuchsschwänze brennende Fackeln,
Jage die Füchse mit brennenden Schwänzen ins Land der Philister!
Samson bekam tatsächlich zur Brautgenossin Delila,
Wie der Dichter sagt, das verfluchteste Luder der Erde,
Denn sie umschlang den Richter Samson und bettelte küssend,
Bettelte zärtlich liebkosend mit kusslich schmollenden Lippen:
Sag mir, Hebräer, worin liegt begründet dein Starksein?
Deine Stärke fürchten die philistäischen Kerle!
Zwar die Philister halten sich für kraftvolle Kerle,
Doch verglichen mit dir sind sie nur Schlappschwänze! Amen!
Samson verriet sein Geheimnis der Geliebten Delila:
Lilith Delila, meine Stärke sitzt in den Haaren,
Männlich stark bin ich, denn ich bin ein Gottesverlobter!
Schneidet das Haar man mir ab, so werde ich ebenfalls Schlappschwanz!
Lilith Delila nahm die Schere und schnitt mit der Schere
Samsons männliche Stärke ab, das wallende Haupthaar:
Samson, philistäische Kerle über dir, Samson!
Die angeblich so kraftvollen philistäischen Kerle,
Schlappschwänze allesamt, sie brannten die Augen aus Samson,
Aber noch der erblindete Samson war stärker als alle
Gottlosen Schlappschwänze! Samson rüstete sich zu der Rache!


ZWÖLFTER GESANG


Einst war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Berge
Ephraim, der hieß Elkana, der hatte zwei Frauen,
Wie einst Jakob-Israel hatte Lea und Rachel,
Lea war fruchtbare Mutter und schenkte Israel Söhne,
Aber die Rachel mit den kontemplierenden Augen
War die Geliebte Israels, seine wahre Geliebte.
So auch Elkana hatte von dem Weibe Peninna
Söhne geschenkt bekommen, drei hebräische Söhne,
Aber Hanna, seine Geliebte, die Frau voll der Gnade,
Hatte noch keinen Sohn geboren dem Manne Elkana,
Darum weinte sie: Ach Elkana, du liebst nur Peninna,
Mich beachtest du nicht, weil ich dir nicht Kinder geschenkt hab.
Aber Elkana sprach zu seiner geliebteren Hanna:
Liebste, du bist mir mehr wert als sieben Söhne Peninnas!
Aber Hanna ging und opferte, opferte Lämmer
Vor dem Ewigen, betend bewegte Hanna die Lippen,
Schüttete Gott die Seele aus in stillen Gebeten,
Keinen Laut gab Hanna von sich, bewegte die Lippen,
Murmelte innerlich und betete weinend zum Schöpfer.
Aber der Priester des Tempels schaute die betende Hanna,
Glaubte nicht an das Gebet der schweigsam betenden Hanna,
Hielt das Weib für eine sündige Trinkerin, Weinrausch
Ihr nur bewegte die Lippen, er meinte, sie lalle im Weinrausch.
Aber Hanna belehrte den Priester des heiligen Tempels:
Meine Lippen bewegen sich nicht im Lallen vom Weinrausch,
Sondern ich klage dem Schöpfer all meinen elenden Jammer!
Gott erhörte Hannas Gebete. Die Frau voll der Gnade
Ihrem geliebten Elkana schenkte die Frucht ihres Leibes,
Samuel ward der Knabe genannt, ein Gottesverlobter
War er von Mutterschoß an, Erwählter des Höchsten,
War berufen zum Propheten, zum Seher der Gottheit.
Etwa zwölf Jahre zählte Samuel, lebend im Tempel,
Knabe, der den Priestern diente beim Opfer des Lammes,
Als er des Nachts auf seinem Bette vernommen die Stimme
Gottes, der ihn berief: O Samuel, Samuel, höre!
Samuel dachte, es rief ihn der Priester, er ging zu dem Priester,
Doch der Priester sagte zum Knaben: Ich hab nicht gerufen,
Doch wenn du wieder vernimmst die Stimme, die zu dir redet,
Sage: Rede, o Herr, dein Sklave lauscht deinem Worte!
Wiederum hörte Samuel auf dem Bette die Stimme
Gottes, der ihn berief: O Samuel, Samuel, höre!
Samuel sagte: Sprich, Herr, dein Sklave lauscht deinem Worte!


DREIZEHNTER GESANG


Abends im April im Garten hoch auf dem Dache
Meines Hauses stand ich zwischen den duftenden Blumen
Und erfreute mich an der Mutter Natur, an der Schöpfung
Gottes und schaute den brillanten Abendstern oben,
Jenen Planeten, den die Heiden Astarte gewidmet,
In mir war Liebe, aber ich wusste nicht, wen ich denn liebe?
Siehe, da sah ich, was ich sah, war die nackte Bathseba,
Wie sie nackend im Bade stand, vom Wasser berieselt,
Nass ihre langen schwarzen Haare den Körper umflossen,
Ihre Brüste sah ich, die vollen, quellenden Brüste,
Sah das bräunliche Muttermal auf der Linken der Brüste,
Sah den prächtigen Hintern, sah das mächtige Becken,
Sah die straffen Schenkel wie goldene Spangen des Goldschmieds,
Sah – sie drehte sich um – ich sah das heilige Dreieck
Ihrer schwarzbehaarten Scham, da wachte der Mann auf!
Also lud ich Bathseba ein in die Königsgemächer
Und erklärte ihr meine heiße Liebesbegierde,
Heiße Seufzer entflohen meinen durstigen Lippen
Und ich schmeichelte ihrer außerordentlich großen
Schönheit als die Spiegel der heiligen Herrlichkeit Gottes!
Sie errötete glühend vor Scham und spürte Begierde
In dem Fleisch erwachen und so ergaben wir beide
Uns den Wonnen der Liebe in dem Bette der Unzucht,
Denn Bathseba war vermählt mit dem Heiden Uria.
Ah, mein Geist, mein Geist, er zeugte im Schoße der Schönheit
Und Bathseba empfing in ihrem fruchtbaren Schoße
Ihre Leibesfrucht vom glückseligen Geiste des Königs!
Aber wie nun verbergen die Frucht der Liebe in Unzucht?
Dichter sagen: Das Leisetreten betört den Rivalen!
Dieser Heide Uria war ein gewöhnlicher Kriegsknecht,
Ich als der König von Gottes Gnaden gebot diesem Knechte,
Heute Nacht die eigene Frau im Bett zu erkennen,
Aber der Heide Uria litt an Aphrodisia,
Selbst das allersinnlichste Götterweibchen Bathseba
Nicht erregte den abgestorbenen Schlappschwanz Uria!
Also schickte ich diesen überaus elenden Kriegsknecht
An die vorderste Front im schrecklichen Kriege um Rabba
Und dort fiel er, wie ich es wollte, und fuhr in die Hölle!
Meine Freunde berichteten mir: Der Heide Uria
Ward zu Tode verwundet in dem Kriege um Rabba.
Ha, wie jauchzte und frohlockte die liebende Seele:
Jetzt ist Bathseba mein, jetzt ist mein eigen Bathseba,
Jetzt ist ganz die Meine die wollusttrunkne Bathseba!
Halleluja, mein ist Bathseba, ja, mein ist Bathseba!
Und ich fluchte dem Heiden: Fahr zur Hölle, Uria!


VIERZEHNTER GESANG


Mutter Bathseba, dein Thron steht neben dem Salomos, Königs
Aller Israeliten, dein Thron der Königinmutter.
Ich bin Adonia, der Sohn des verstorbenen David,
Und ich bitte dich, Bathseba, Königinmutter.
Denn als der König David alt war, da fror es ihn immer,
Seine Kreter und Pleter besorgten ihm darum ein Mädchen,
Abischag von Schunem war die Schönste der Jungfraun!
Schlank wie eine Gazelle und noch so jung wie ein Rehkitz,
Glatt wie Seide die schwarzen Haare, zu Zöpfen gebunden,
Schwarz die großen Augen wie Augen himmlischer Huris,
Schlankes Oval das Antlitz, die Haut gebräunt von der Sonne,
Schlank die Gestalt, von außerordentlich lieblicher Anmut,
Schwarz gekleidet wie eine schwarze Pantherin-Katze,
Lange Beine, wie die Flanken von flinken Gazellen,
Mit den Füßen liebkoste sie den schwarzen Kater von David.
Diese wärmte den alten Vater David im Winter,
Ohne dass Vater David erkannte das Abischag-Mädchen.
Ich nun, Adonia, der Sohn des heiligen David,
Ich erbitte von dir, Bathseba, Königinmutter,
Diese allerschönste Jungfrau von Israels Jungfraun.
Aber die Mutter Bathseba sprach, die Königinmutter:
Davids, des heiligen Königs, Gespielin willst du dir freien?
Wer die Gespielin des Königs hat, der trägt auch die Krone!
Aber David erkannte den heiligen Willen der Gottheit,
Adonia, du nicht wirst König im Königsstuhl Davids,
Sondern Salomo wird der König in Israels Reichen.
Salomo, Sohn Bathsebas, gesegneter Königinmutter,
Bat den Ewigen um die Weisheit, das Volk zu regieren,
Bat nicht um Reichtum, langes Leben, den Tod seiner Feinde,
Sondern bat um Sophia, die Throngenossin des Schöpfers!
Salomo wird die wunderschöne Abischag-Jungfrau,
Pantherin und Gazelle mit Augen von himmlischen Huris,
Initiieren in seinen salomonischen Harem!


FÜNFZEHNTER GESANG


Salomos Harem war der herrlichste Harem der Erde!
Salomo war der majestätische Löwe von Juda,
Seine Königinnen und Konkubinen im Harem
Waren seine Löwinnen. Während der Löwe in Ruhe
Lag unterm Busche, jagten die Löwinnen Fleisch von Gazellen,
Fleisch von Antilopen, die fetter sind als Gazellen,
Brachten das Fleisch von Gazellen und Antilopen dem Löwen.
Schlafen konnte der majestätische Löwe für Stunden,
Ja, die meisten Stunden des Tages lag er im Schlummer,
Wachte drei Stunden am Tag nur, wenn die Löwinnen brachten
Fleisch von Gazellen und Fleisch von Antilopen, das fette,
Denn dann verschlang der Löwe das Fleisch, das die Löwinnen brachten,
Dann begattete noch der Löwe die Löwinnen alle
Und befriedigt legte sich wieder der Löwe zur Ruhe.
Salomos Harem war der herrlichste Harem der Erde!
Salomo war der stolze Hahn, der stolzierende König,
Seine Königinnen und Konkubinen im Harem
Waren seine Hennen, seine wandelnden Glucken.
Fröhlich lärmend spazierten seine Glucken im Garten,
Bis der Hahn heranstolzierte und eine sich packte,
Mit dem Schnabel packte er im Genicke die Henne
Und besprang die Henne von hinten mit eiligen Stößen.
Manche suchte er selten heim, langweilige Hühner,
Eine der Glucken war ihm das appetitlichste Hühnchen
Und er besprang sie so oft von hinten mit heftigen Stößen,
Daß sie all ihre Federn verloren vom heftigen Stoßen
Und mit nackter Haut die Henne im Garten spazierte.
Salomos Harem war der herrlichste Harem der Erde!
Ob die Weiber auch ohne den weisen Salomo waren
Schnatternden Gänsen ähnlich oder kopflosen Hühnern.
Ach, wenn König Salomo sie nicht heimsuchte, saßen
Traurig im Haus sie und rauchten die Wasserpfeife mit Haschisch,
Sogen kräftig an der Pfeife und träumten von Ihm nur!


SECHZEHNTER GESANG


Wie aus fernem Lande und noch ferneren Welten
Sulamith ist zu mir gekommen, dem weisesten König.
Diese Sulamith war aus einem Gemälde entsprungen,
Welches mein Ideal der ewigen Herrlichkeit darstellt.
Von dem anderen Ende der Welt, vom Ende der Welten
Ist die unübertreffliche Schönheit hernieder gestiegen
Wie eine Jungfraungöttin vom Throne des Ewigen Gottes!
Lobet die göttliche Schönheit mit dem Blasen von Flöten,
Lobet die göttliche Schönheit mit dem Schlag der Triangeln,
Lobet die göttliche Schönheit mit den klappernden Blechen,
Lobet die göttliche Schönheit mit den klingenden Zymbeln,
Lobet die göttliche Schönheit mit dem Spiel der Kithara,
Lobet die göttliche Schönheit mit den Trommeln und Pauken,
Lobet die göttliche Schönheit mit den himmlischen Harfen!
Alles was lebt und atmet, atmet ewiges Leben,
Alles, was Ewigkeit atmet, lobe die göttliche Schönheit!
Singt, ihr Brüder, der göttlichen Schönheit heilige Oden,
Singt, ihr Brüder, der göttlichen Schönheit heiligen Hymnen,
Singt, ihr Brüder, der göttlichen Schönheit ewige Psalmen!
Sulamith mit den schwarzen Haaren, Sulamith, Schönheit,
Sulamith mit dem schlanken Leibe, Sulamith, Schönheit,
Sulamith mit den hübschen Brüsten, Sulamith, Schönheit,
Sulamith mit dem schlanken Becken, Sulamith, Schönheit,
Sulamith mit den langen Beinen, Sulamith, Schönheit,
Sulamith, nicht von dieser Welt, o Sulamith, Schönheit,
Du bist Ikone der göttlichen Schönheit, Sulamith, Schönheit!


SIEBZEHNTER GESANG


Salomo betete: Hagia Sophia, o Herrin,
War nicht das Wort Sophia in der griechischen Sprache
Ursprünglich nichts als das Handwerksgeschick der Zimmerer? Herrin!
Du bist die göttliche Zimmermännin, die Zimmerer-Göttin!
Doch das Handwerksgeschick der Zimmerer, das heißt Sophia,
Später bedeutete alles Geschick des Kunsthandwerks, Herrin,
Ja, die Geschicklichkeit in den Künsten, der Dichtkunst vor allem,
So dass die Dichter sprachen von der Sophia des Dichters
Als der göttlichen Muse, inspirierend den Dichter.
Später bedeutete dann das Wort Sophia das Wissen
Und die geheime Erkenntnis um das göttliche Wesen.
Erst also, o Sophia, warst du Zimmerin, Göttin,
Dann aber, o du göttliche Muse des heiligen Dichters,
Wurdest du gar zur Architektin, der Lieblingin Gottes,
Denn mit dem selben Wort bezeichnen die Heiligen Schriften
Dich als Lieblingin Gottes, Pflegekind, Hätschelkind Gottes,
Und als Werkmeisterin und Demiurgin, o Herrin,
Und als göttliche Architektin, der Kosmos dein Bauwerk.
Du also, meine göttliche Architektin Sophia,
Gabst mir ein die Vision, die Idee für den heiligen Tempel.
Siehe, in dem Ideenhimmel das Urbild des Tempels
Ist die Jungfrau, die Himmlische Jerusalem, Tempel
Gottes, mystische Stadt des Herrn, des Ewigen Gottes.
Aber als Abbild und als Schatten der künftigen Dinge
Will ich nach dem Vorbild der herrlichen himmlischen Wohnung
Gottes des Ewigen hier schon errichten auf Erden den Tempel
Als ein Heiligtum Gottes, als einen Wohntempel Gottes,
Als das Haus des Herrn, des Ewigen Gottes, auf Erden.
Gib mir Kunst und Weisheit, Architektin Sophia,
Die in dem Geist empfangne Vision der Idea des Tempels
Mit dem Handwerksgeschick der Zimmerer, Zimmerin-Göttin,
Hier zu verwirklichen, dass die Frommen staunen vorm Wunder
Dieser herrlichen Halle als eines Himmels auf Erden.
Danke, Zimmerin-Göttin, Architektin und Liebling,
Danke für die Vision des Neuen Jerusalems droben
In dem Ideenhimmel, und danke, Lieblingin Gottes,
Göttliche Muse des Dichters, du inspirierende Herrin,
Für die Gnade, die Schau zu realisieren auf Erden.
Alle meine Kunst verdank ich allein deiner Gnade,
Hagia Sophia, geliebte Zimmerin-Göttin,
Göttliche Architektin, geliebte Lieblingin Gottes!
Darum schenke ich, Salomo, dir mein Herz, o Sophia!


ACHTZEHNTER GESANG


Siehe, ich sah, und was ich sah, war die Weihe des Tempels.
Allen voran der Hohepriester im heiligen Turban
Und im weißen Gewand, mit Edelsteinen besetzten,
Er saß hocherhaben im heiligen Lehrstuhl des Mose.
Zu dem Lehrstuhl des Mose führten Stufen der Treppe
Sieben, zur rechten und linken Seite des Thrones
Standen zwölf Löwen. An der Rückenlehne des Stuhles
War zu sehen ein Lamm – kein Stier, wie andere sagen –
Sondern ein Lamm, das symbolisierte das heilige Opfer
Zur Versühnung des Volkes. Um den Obersten Priester
Standen die Priesterklassen, geordnet nach klassischer Ordnung,
Wie es entspricht der hierarchischen Ordnung Himmels und Erden,
Vierundzwanzig Älteste sah ich in schneeweißem Linnen,
Um die vierundzwanzig Ältesten, Sänger des Tempels
In geordneten Chören, singend die heiligen Hymnen
Und die göttlichen Psalmen des Lieblings der Israelslieder.
Dann sah ich Priester, zwölf Priester in schneeweißem Linnen
Traten zum Hohenpriester mit dem heiligen Salböl
Nach der geheimen Mischung des Heiligtum, nur für Sakrales,
Nicht als profanes Parfüm zu verwendendes heiliges Salböl
In der Mischung, wie der Ewige Moses geboten.
Nun trat der Hohepriester zu dem Opferaltar in dem Tempel
Und mit der rechten Hand der Hohepriester mit Salböl
Rieb den Opferaltar ein, das Salböl drang in die Poren
Des geweihten Steins der Platte des Opferaltares.
Dann bewegten zwölf Priester sich durch das Heiligtum wandelnd
Auch mit Salböl versehen und weihten den Tempel
An den bestimmten Pfeilern mit Salböl der Ewigen Gottheit.
Zu dem Hohenpriester traten Scharen von Priestern
Und ein Priester reichte dem Hohenpriester die Schale
Mit dem heiligen Weihrauch nach der Mischung des Mose
Und der Hohepriester schwenkte die Schale mit Weihrauch
Über dem Opferaltar und Wolken von Weihrauch erfüllten
Duftend den Tempel, ein Wohlgefallen der Nase des Höchsten.
Wie die Schwaden des Weihrauchs stiegen zur Wölbung
Reichverzierter Kuppel des Heiligtums, stiegen Gebete
Aller Heiligen auf und Chöre sangen die Hymnen
An die heiligen Patriarchen Israels. Sela.
Da verkündete würdig der Hohepriester das Opfer
In dem allerheiligsten Tabernakel des Wortes.
Aber die Wolke der Herrlichkeit also strahlend erfüllte
Diesen Tempel, ich sah die lebendige Flamme der Liebe
Und vor Herrlichkeit konnt ich nicht treten zum Opfer der Liebe!


NEUNZEHNTER GESANG


Da nun geweiht der Gottheit der salomonische Tempel,
Sangen die Tempelsänger, Leviten, Söhne von Levi,
Heilige Hymnen an die höchste Herrlichkeit Gottes:
Gottheit, Gottheit, Herrschaft, du bist die Quelle der Schönheit,
Heilige Urgottheit, heilige Urschönheit, Quelle der Schönheit,
Alle Künstler des Ewigen preisen dich, Quelle der Schönheit!
Heilige Urschönheit, du die Offenbarerin, Gottheit,
Du bist die Offenbarerin deiner Ewigen Liebe!
König Salomo, dem du deine Weisheit gegeben,
Hat dir als Architekt des Ewigen heute errichtet
Diesen Tempel zu Ruhm und Ehre der Herrlichkeit Gottes.
Ewiger, Ewiger, du hast König Salomo gnädig
Deine göttliche Intelligenz verliehen, der Weise
Ließ sich von der göttlichen Intelligenz inspirieren
Und so gelang dem Genie das geniale Kunstwerk zum Ruhm
Deiner göttlichen Urschönheit, unsre Ewige Gottheit!
Vater Abraham, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Mutter Sara, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Vater Isaak, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Mutter Rebekka, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Amme Deborah, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Jakob Israel, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Träumer Josef, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Schönster Josef, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Seher Mose, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Priester Aaron, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Heros Josua, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Ruth und Noomi, preiset mit uns die göttliche Schönheit,
Seher Samuel, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Tochter Michal, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Kluge Abigail, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Süße Bathseba, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Junge Abischag, preise mit uns die göttliche Schönheit,
König David, preise mit uns die göttliche Schönheit,
Alles was Odem hat, den Odem des ewigen Lebens,
Alles was Ewigkeit atmet, lobe die göttliche Schönheit!
König Salomo nun erhob sich vom Throne des Königs,
Sprach zur Gemeinde der Heiligen in der jüdischen Kirche:
Brüder und Schwestern, Geliebte im Herrn, gebaut ist der Tempel
Zu dem Ruhme der allerheiligsten Schönheit der Gottheit.
Aber wir wollen nun selber zum Tempel werden der Gottheit
Und der Ewigen Schönheit in uns ein Heiligtum bauen!
Geht im Frieden! Es segne euch die Ewige Schönheit!


ZWANZIGSTER GESANG


Ach ich armer Elias, ich einsamer armer Elias,
Isebel hat mich verjagt, die ehrt die Göttin Astarte,
Ach diese schlimme Hexe und grausige Königin jagte
Mich hinweg mit Hohn und drohte mit schrecklichem Tod mir,
Wenn ich nicht aufhörte, in dem Namen Gottes zu reden,
Würde sie mich verbrennen, in der Urne die Asche
Sammeln und die Urne aufbewahren im Hause
Und noch nach meinem Tode meine Asche verhöhnen!
Schreckliche Königin, grausige Hexe, zaubernde Fürstin,
Magische Künste benutzt du, Elias mit Fluch zu beschweren!
Und es ist dir gelungen, Isebel, zaubernde Hexe,
All deine Flüche sind über mich kommen, die magischen Künste
Haben gewirkt. Nun lieg ich trauernd unterm Wacholder
Und verseufz meine Seele und verweine mein Leben
Und ich schreie verzweifelt hinan zu der Ewigen Gottheit:
Ewige Gottheit, Ewige Gottheit, furchtbar und schrecklich,
Nimm mir das Leben, laß die Seele entfliehen dem Leibe,
Ewige Gottheit, befreie meine unsterbliche Seele
Aus dem dunklen Verließe meines sterblichen Leibes,
Ewige Gottheit, Ewige Gottheit, furchtbar und schrecklich,
Schlage mich tot! Ich darf mich ja leider selber nicht töten,
Schlage du mich tot, o furchtbare, schreckliche Gottheit!
Siehe, ich habe geeifert für deinen Ewigen Namen,
Habe gebrannt in leidenschaftlicher Liebe, o Schöpfer,
Für dein Ewiges Leben, für deine Ewige Liebe,
Aber jetzt bin ich ganz allein, der einzige Fromme!
Ach, die Heiligen haben abgenommen auf Erden,
Da ist keiner, der Gutes tut, nicht Einer tut Gutes,
Alle Menschen sind Lügner, faule Bäuche die Menschen,
Alle küssen den Phallus des Baal, des Goldenen Stieres,
Ich bin allein auf Erden als Sklave der Ewigen Liebe!
Also jammerte Vater Elias unterm Wacholder,
Da entsandte die Ewige Liebe ihm einen Engel.


EINUNDZWANZIGSTER GESANG


Pinhas war ein Israelit, der liebte Astarte,
Und er ging sehr gern in den Heiligen Garten Astartes,
In den verschlossenen Rosengarten Astartes,
Denn in diesem verschlossenen Rosenhage Astartes
Lebte die Midianiterin Kosbi, seine Geliebte.
Göttin Astarte, schöne Aprilrose, Göttin der Liebe,
Laß uns lustig leben und feiern die Lust und die Liebe!
Laß uns Hymnen singen der göttlichen Liebe und Schönheit!
Vorderhand nichts mehr vom Tod, von Feuer und Asche,
Sondern die Fruchtbarkeitsgöttin lieben wir sichtbar im Garten,
Denn die Fruchtbarkeitsgöttin Astarte, die Göttin der Liebe,
Macht den Heiligen Garten Astartes fruchtbar aus Liebe
Und vom zuckenden Wurm mit seinem zuckenden Triebe
Bis zu den himmlischen Göttern fühlt alles brennende Liebe!
Ist nicht die Schoschannah-Blume offen dem Stachel der Biene?
Duften die Kräuter des Beetes nicht schwül herüber zum Busche?
Bauen die Sperlinge sich nicht Nester am Haus der Geliebten?
Ach ich wollte, wir wären ein Paar von Sperlingen, Kosbi,
Bauten gemeinsam ein Nest uns am Tempel der Göttin der Liebe!
Turteltauben, ihr Turteltauben! Ach hätt ich ein Täubchen,
Göttliche Turteltaube der Liebe, ach hätt ich ein Weibchen!
Männlicher Eichbaum, wie umrankt dich lasziv doch die Ranke
Des berauschenden Efeu! Und du, du älterer Ulmbaum,
Reben umranken dich mit den prallen Trauben wie Brüste!
Kosbi wohnt in der Straße der Liebe, im Hause der Liebe,
Pinhas aber ist ein Spion im Hause der Liebe!
Kosbi beugt sich über die Wanne und wäscht ihre Haare
Und das Hemdchen rutscht über den Rücken, die Hüften sind nackend,
Kosbi steht vor dem Spiegel und färbt ihre Haare mit Henna,
Trägt ein leichtes Hemdchen, zu sehn sind die Spitzen der Brüste!
Göttin Astarte, deinem Busen weihe ich Kosbi!


ZWEIUNDZWANZIGSTER GESANG


Kosbi feierte ihren Geburtstag im Garten Astartes,
Ihre Freundinnen hatte sie eingeladen, die alle
Jüngerinnen waren der Großen Göttin Astarte.
Pinhas war der einzige Mann im Kreise der Frauen.
Kosbi lächelte, gerne scherzte sie neckend mit Pinhas:
Pinhas, das ist ja dein Traum, du seiest der Hahn in dem Korbe!
Pinhas sagte: Ich wollte deinen Freundinnen sagen:
Ich bin der Eunuch im salomonischen Harem!
Kosbi, du bist die schönste Stute in Salomos Ställen,
Aber Mattanja mit den langen rötlichen Locken,
Die ihr bedecken die kleinen, süßen, niedlichen Brüste
Und ihr herniederwallen zu den beweglichen Lenden,
Dieses Ebenbildnis Astartes, Mattanja soll tanzen
Ihren erotischen Bauchtanz heute Nacht auf dem Tische!
Kosbi sagte: Sieben Schleier verschleiern die Göttin,
Und den Jünger der Göttin, wenn er der Göttin sich nähert,
Lässt sie mehr und mehr erkennen die göttliche Schönheit,
Offenbart sich mehr und mehr dem schauenden Jünger!
Tanzende Göttin, welche tanzend den Kosmos erschaffen,
Tanzend lässt sie vorm Jünger fallen Schleier um Schleier,
Tanzende Göttin, tanzend den mystischen Schleiertanz, sieben
Schleier lässt sie fallen, noch trägt sie den siebenten Schleier,
Ihren erotischen Striptease tanzte die Göttin der Liebe,
Bis auf den siebenten Schleier steht vor dir nackend die Göttin,
Da ruft der Jünger der Göttin mit dem heißen Verlangen,
Ganz die Göttin in offenbarer Nacktheit zu schauen:
Göttin, reiße herunter vom Leib den siebenten Schleier!
So begierig ist der Jünger, zu schauen die Göttin,
Daß er nicht ruhig sagt: Laß ruhig sinken den Schleier,
Sondern in Inbrunst fleht: Ah, reiße herunter den Schleier!
So sprach Kosbi und nahm den langen Hals einer Flasche
In die Hände und zog heraus aus der Flasche den Korken
Und der Schaumwein spritzte in den geeigneten Becher!
Kosbi, Geliebte, dein Becken ist ein Becher voll Schaumwein!


DREIUNDZWANZIGSTER GESANG


Pinhas sagte: Meine geliebte Kosbi, verzeih mir,
Darf ich dich etwas fragen zur Natura des Weibes?
Frage nur, lächelte Kosbi mit ermunterndem Liebreiz.
Kosbi, im Gesetz des Mose stehen geschrieben
Die Gesetze der sexuellen Reinheitsvorschriften.
Dort steht, ein Mensch darf nicht mit einem Tiere verkehren.
Kosbi lächelte: Ja, die Hirten besteigen die Zicken,
Und besonders verdienstvoll ist im Kulte Astartes,
Wenn der Mann von hinten besteigt die Kuh. Und in Ofir,
Hört ich, kommen die Menschenaffen geil aus den Wäldern
Erigierten Mannesglieds und vergewaltigen Mädchen.
Kosbi, Kosbi, sagte lachend der liebende Pinhas,
Im Gesetz des Mose steht, dass hebräische Männer
Nicht begatten dürfen die Frauen zur Zeit ihrer Blutung.
Sag mir, ist es nicht schön für die Frau, zur Zeit ihrer Blutung
Mit dem Manne zu schlafen, schadet das ihrer Gesundheit
Oder hat das Gesetz des Moses andre Bedeutung?
Kosbi sagte: Wir heidnischen Frauen haben den Kultus,
Uns zur Zeit unsrer Blutung zurückzuziehen in Zelte,
Weil uns Frauen, wenn aufgetan der Brunnen des Blutes,
Unsere Männer fürchten, wir haben dann magische Kräfte!
Aber den Beischlaf mit einem Manne, den sollte man ordnen
Nach der Regel der Blutung. Denn zwischen Blutung und Blutung,
Wie zwischen Neumond und Neumond, geschieht der lustige Eisprung,
Da die Frauen empfänglich sind den zeugenden Samen
Und so Kinder empfangen werden können im Schoße,
Zwischen der ersten Blutung und dem lustigen Eisprung
Sollte die Frau sich des Liebesakts mit dem Manne enthalten,
Wenn sie nicht empfangen möchte ein Kind in dem Schoße.
Zwischen dem Eisprung und der nächsten Regel der Blutung
Aber kann die Frau sich mit dem Mann im Akte vereinen,
Denn dann ist sie nicht empfänglich den zeugenden Samen.
Pinhas sagte: Es gibt doch auch den Beutel aus Stierdarm,
Den der Mann über seinen Phallus zieht zur Verhütung.
Kosbi, du liebst doch so sehr dein durchsichtiges Kleidchen,
Laß das Kleidchen dir herunterreißen vom Körper!
Liebst du Durchsichtiges, nehm ich den durchsichtigen Stierdarm
Und verhülle den Phallus und wohne dir bei, o Geliebte!


VIERUNDZWANZIGSTER GESANG


Aber die Perserin Anahita verehrte den Kultus
Baals, gern nahm sie auch teil an Baal sakralem Theater.
In dem heiligen Garten Anahitas errichtet
War die Statue Baals, war eine der heiligen Hermen,
Darstellend einen steinernen Phallus, gesalbt mit dem Salböl
Und von Anahita verehrt mit anbetenden Küssen.
Dieser Phallus des Baal erschien dem heidnischen Mädchen
Ein Symbol der zeugenden Omnipotenz des Allherrschers.
Baal, der Herr und Gebieter mit dem zeugenden Phallus,
Zeugt den Kosmos aus den einsam vergossenen Samen,
Wie die Ägypterinnen glauben von Amun, dem Einen
Einsamen Vatergotte des heidnischen Monotheismus,
Denn der einsame Vater des heidnischen Monotheismus
Masturbierte und schuf aus den traurigen Samen den Kosmos.
Aber Anahita glaubte an Baal und Astarte.
Einmal sprach sie: Astarte tanzte den schöpfrischen Bauchtanz,
Und erregt von der Göttin höchst erotischem Bauchtanz
Sprangen die Samen der Dinge aus dem ewigen Nichtssein.
Aber besonders verehrte Anahita den Abgott
Baal in der steinerne Statue, da der Schöpfer des Weltalls
Aufrecht steht mit erigiertem Phallus und vor ihm
Kniet die nackte Göttin Astarte und saugt mit dem Munde
Baal den schöpfrischen Samen aus seinem umschmeichelten Phallus.
Pinhas lernte den Kult von Anahita, der Freundin
Kosbis, und Pinhas schenkte auch einen phallischen Abgott
Seiner Geliebten und stellte die Vogelscheuche im Garten
In das Gurkenfeld der Geliebten, den fruchtbaren Acker.
Kosbi schaute lachend zu Pinhas’ phallischem Abgott,
Leckte die vollen Lippen mit der Spitze der Zunge.
Also treiben Israeliten und Heidinnen Unzucht!


FÜNFUNDZWANZIGSTER GESANG


Also sprach Adonai zu Jona, dem Seher, im Traume:
Geh zu der Tochter Ninive, sag dem verfluchtesten Luder,
Wenn sie nicht umkehrt von ihren Göttern und Götzen zum Schöpfer,
Komm ich und hebe ihr Röckchen über ihr Angesicht! Kräftig
Werde ich sie vergewaltigen, wenn sie nicht Buße tut! Sags ihr!
Aber Jona, der grimmige Mann mit verbittertem Herzen,
Dachte: Was soll ich der Tochter Ninive Buße verkünden?
Soll sie doch fahren zur Hölle, das verfluchteste Luder!
Jona war also nicht gehorsam dem Ewigen Gotte,
Darum warf ihn Gott hinab in den Abgrund des Meeres!
Jona gurgelte hilfeschreiend im Abgrund des Meeres:
Herr, Herr, Gottheit! Barmherzig, gnädig, langmütig, geduldig,
Alle Wasserfluten wogen mir über die Seele
Und ich ertrinke im Abgrund des Meeres, in finsteren Wassern
Hoffnungsloser Verzweiflung, depressiver Verzweiflung!
Gott, du warfest mich in diese Tiefe des Brunnens und schlossest
Über meinem Haupte den Bronnen mit dem Deckel zu, aber,
De profundis, domine! Höre mich gurgeln und jammern !
Rette mich aus dem Abgrund! Komm, und sei mein Befreier!
Da gebot der ewige Gott dem Walfische, Jona
Auszuspucken! Und Jona lag an Ninives Strande.
Tochter Ninive, Tochter Ninive, lüsterne Dirne,
Kehre zu Gott um und bringe Früchte heiligen Lebens!
Wahrlich, wahrlich, Tochter Ninive kehrte zu Gott um,
Schrie zum ewigen Rettergott: Erbarmen, Erbarmen,
Gott mein Retter, ich sterbe in meinen schmutzigen Sünden,
Sei mir gnädig, verzeih mir, nimm die Hure in Huld an!
Gott erbarmte sich und erließ der Ninive-Hure
Alle ihre Sünden und nahm sie gnädig als Kind an!
Jona aber saß unterm Baume und jammerte Gott zu:
Herr, Herr, Gott, barmherzig, gnädig, langmütigster Retter,
Nimm meine Seele von mir, denn ich mag länger nicht leben!
Gott sprach zu Jona: Meinst du, du zürnst mit Recht deinem Schöpfer?
Jona sprach zu Gott: Ich zürne mit Recht meinem Schöpfer!


SECHSUNDZWANZIGSTER GESANG


Tochter Chaldäa, du Eingeweihte in das Geheimnis
Jener allerhöchsten Gottheit, welcher entflossen
Alle kosmischen Energieen des nächtlichen Weltalls,
Du siehst das ewige Schicksal oder die Weltseele wirken
In den kosmischen Bahnen der bevölkerten Sterne,
Den mit Göttern und Genien und astralen Dämonen
Reich bevölkerten Sternen, welche Kräfte entsenden
Über die kosmischen Nervenbahnen der Weltseelengöttin
Zu den energetischen Feldern der göttlichen Erde,
Tochter Chaldäa, du Liebhaberin der göttlichen Erde
Als der Großen Mutter, der Magna Mater Natura,
Du siehst das Hochzeits-Liebesspiel von Himmel und Erde,
Kopulation von Gott und Göttin, von Vater und Mutter,
Siehst den männlichen Himmel befruchten die weibliche Erde
Und die Geschöpfe der Erde leben gemäß den Gesetzen
Der astralen Dämonen. Du willst Zukunft erkennen,
Willst die verschleierte Gottheit des ewigen Schicksals erkennen
Und das menschliche Wesen deiner Person, wie die Sterne
Als ein Wohnort kosmischer Genien dich definierten.
Wenn du Verliebtheit spürtest, Tochter Chaldäa,
Allzeit dachtest an einen schönen Mann, den du liebtest,
Nur noch denken konntest an ihn, nichts als den Geliebten
Denken konntest und haben wolltest das Herz des Geliebten,
Schrieest du zu der schrecklichen Macht der himmlischen Ishtar,
Welche Göttin der Liebe wohl auf dem Morgenstern droben
Alle die menschliche Liebe regiert mit mächtiger Willkür.
Tochter Chaldäa, wenn deine Verliebtheit zum reizenden Manne
Unglück dir bescherte, der Mann dir die Liebe verwehrte,
Selbst nicht Liebender war, ein Mann mit steinernem Herzen,
Unbeseelten Augen, ohne den Funken der Liebe,
Appetitlichen Munds, doch ohne das liebliche Lächeln,
Ach, dann hadertest du mit der schrecklichen Herrscherin Ishtar
Und die Liebesgöttin vom Morgenstern schien dir ein Dämon
Mit dem grausamen Willen, deine Seele zu quälen!
Rufe doch Ishtar, die himmlische Göttin vom Morgenstern, ruf sie,
Sag mir, Tochter Chaldäa, betest du zu der Dämonin,
Hat sie je dein Gebet erhört, dein Flehen um Liebe?


SIEBENUNDZWANZIGSTER GESANG


Tochter Chaldäa, für dich ist die Welt voll von Göttern,
Geistwesen, Engeln, Genien, voll von Dämonen und Teufeln,
Persische Peris leben in allen Blumen des Gartens,
Die dämonischen Devas durchwalten elementarisch
Erde und Wasser und Luft und Feuer und schließlich den Äther,
Götterstiere lassen regnen den Regen vom Himmel,
Gott und Göttin paaren sich in gewaltiger Wollust,
Böse Geister bringen das Unheil hinein in die Wohnung.
Alle Götter und Engel und die Teufelsdämonen
Willst du beschwören und bannen mit den magischen Worten,
Wie sie die Magier lehren, die Priester vom alten Atlantis.
Was aber Einfluss sei von guten und bösen Dämonen,
Fragst du die Wahrsagerinnen, Hellseherinnen, die falschen
Lügenprophetinnen, welche magische Bindfäden knüpfen,
Schleier weben der Göttin von Halbmond, Vollmond und Neumond.
Liebe aber lernst du von den Tempelprostituierten,
Lernst den Ritus der sexuellen Liebesvereinung
Von den Tempelprostituierten der Göttin der Wollust.
Du befragst deine Ahnen und du beschwörst deine Toten,
Betest den göttlichen Phallus an und die göttliche Vulva,
Rufst die Hexengöttin der finsteren Unterweltschatten,
Glaubst an die Göttin, die tanzt den mystischen Schleiertanz-Striptease,
Glaubst an die Geister der Elemente und betest zu ihnen,
Stichst mit Nadeln in die Puppe, um den Mann zu verhexen,
Schreibst geheimnisvolle Worte auf kleine Papiere
Und verbrennst die Papiere in einem magischen Kultus,
Glaubst, dass du selber bist eine menschgewordene Göttin,
Gott sei in dir und alle Außenwelt seiest du selber,
Gott sei die Welt, dein Ich sei die Welt, dein Selbst sei die Gottheit!


ACHTUNDZWANZIGSTER GESANG


Adonai! Vernimm der Tochter Zion Wehklagen!
Sehr allein ist deine Tochter Zion auf Erden,
Übermächtig aber die Scharen von Teufeln und Heiden!
Ach, die Welt ist voll von tausend tanzenden Teufeln,
Aber du, o Herr, bist Burg mir und Hort mir und Zuflucht.
Unter den Armen des alten Gottes, des ewigen Gottes,
Findet Zuflucht die Tochter Zion, die einsame Tochter.
Ach mir, Adonai, du schenktest mir Einsamkeit, wehe,
Bittere Einsamkeit und erfüllt von Gram muß ich sitzen,
Spötter lachen, sich machen sich ein lustiges Leben,
Sie genießen den besten Wein und die leckersten Speisen,
Gottlose Narren haben die appetitlichsten Frauen,
Zeugen niedliche Kinder, die ihren Papa bewundern.
Aber deine Tochter Zion ist einsam in dunkler
Nacht der Sinne und Nacht der Seele, dem Dunkel des Geistes!
Gottlose Narren leben hinter dem Rücken des Schöpfers,
Setzen all ihr Vertrauen aufs Geld und denken nicht weiter
An den Sinn des Lebens und leben dumpf wie das Vieh hin.
Aber die Tochter Zion trinkt den Becher des Kummers,
Mischt in den Wein des Kummers ihre blutigen Tränen,
Opfert sich selber wie ein Schlachtschaf auf dem Altare,
Auserwählte des Ewigen, trägt sie die Sünden der Väter,
Sünden der Heiden, Sünden der Narren, Sünden der gottlosen Frevler,
Denn der Ewige legt die Strafen des göttlichen Zornes
Auf die Tochter Zion, sie trägt die Strafen der Sünder,
Ob sie auch fromm ist wie wenige und der Heiligkeit nachstrebt.
Du, ach Adonai, du behandelst die eigene Tochter
So als wär sie die Schuldigste von den Sündern auf Erden!
Ach mein Schöpfer, ich kann mit dir nicht streiten, Gebieter,
Welches Maß an Leiden du zumisst deiner Geliebten,
Muß ich tragen, muß weinen alle bemessenen Tränen,
Die im Buche des Lebens stehen, im Buch der Bestimmung.
Und ob ich auch möchte geduldig leiden und tragen,
Gibt es kein Maß auf deiner Waage für all meine Trauer,
Und ich murre! Du gibst mir nicht mehr als ich tragen kann, Vater,
Aber gib nicht so viel, wie ich tragen kann, Ewiger Vater!


NEUNUNDZWANZIGSTER GESANG


Jungfrau Jerusalem weint, denn sie verlor ihre Kinder:
Ach meine lieben Kinder, ihr süßen, niedlichen Kindlein,
Meine Geliebten, meine Lieblinge, Püppchen und Küsser!
Babylonische Feinde, ja, satanische Menschen
Haben euch mir genommen, kinderklauende Frevler!
Ach, die Richter von Babylon halten sich selber für Götter,
Aber Ungerechtigkeiten find ich am Orte
Der Gerechtigkeit und finde Rechtsbruch statt Rechtsspruch.
Aufgeblasene Richter mit unfruchtbaren Geliebten,
Huren sündigen Konkubinats, mir raubten die Kinder.
Ach, die Jungfrau Jerusalem ist zur Witwe geworden,
Ihre Kinder zu armen Waisenkindern im Weltall!
Trösten kann ich euch nicht, ich bin ja selber ganz trostlos
Und ich schleiche einher im schwarzen Kleide der Witwe.
Früher war ich für euch die Himmelskönigin, strahlend
In den goldnen Sandalen und dem Mantel voll Sterne,
Jetzt bin ich eine Bettlerin in zerrissenen Lumpen!
Gottlose, die mich sehen gehen alleine die Straße,
Zischen hinter mir her: Sie ist zur Witwe geworden,
Kinderlos ist sie, schreibt sie ein in das Buch der Geschicke
Als die Kinderlose, der nichts im Leben gelungen!
Also zischen die Gottlosen mit den Zungen von Schlangen,
Ich beweine der Seele Kinderlosigkeit, einsam
Bin ich, allein, denn meine Tröster sind alle gegangen.
Aber Gott, mein Tröster, hat mich im Traume getröstet,
Allzeit wird die Zärtlichkeit eines liebenden Kindes
Mit mir sein und der Himmel wird mich segnen durch Kinder.
Unfruchtbar bin ich in der Kinderlosigkeit meiner
Einsamen Seele, aber Gott der Ewige schenkt mir
Mehr geliebte Kinder als selbst der Gattin des Gatten
Und es werden noch sagen die vielen geistigen Kinder,
Daß meine Wohnung zu klein ist für ihre lachenden Scharen,
Ihre lustigen himmlischen Heerscharen englischen Lachens!


DREISSIGSTER GESANG


Ach, hier müssen wir leben, wir vertriebenen Juden,
Hier an den stinkenden Wassern dieses ekligen Babel.
An den Teichen stehen die Trauerweiden wie Schleier
Und wir hängen die Harfen in die trauernden Bäume.
Babel sagt: So singt uns doch die Lieder von Zion!
Tochter Zion, wie kann ich von deiner Herrlichkeit singen,
Ferne von dir und ferne von meiner himmlischen Heimat?
Denk ich an dich, o Tochter Zion, du himmlische Heimat,
So verzehrt mich die Sehnsucht nach deiner herrlichen Schönheit!
Ach in Gedanken, nur in Gedanken, umschreit ich die Mauern
Und die Elfenbeintürme und die goldene Pforte,
Ach in Gedanken, nur in Gedanken, durchzieh ich die Pforte
Wie ein Kamel die Pforte des Nadelöhres durchschreitet.
Aber Babel hält mich gefangen, ich darf nicht nach Hause.
Jungfrau Jerusalem, wenn ich in dem Land der Verbannung
Dich vergessen würde, so sollte die Hand mir verfaulen.
Nicht vor Babel, dem gottlosen Sünder, dem Sklaven des Marduk,
Nicht vor Babel preis ich zur Harfe die Herrlichkeit Zions,
Heimlich sing ich die schöne Jungfrau Jerusalem, heimlich
Seufz ich all meine Sehnsucht aus nach der himmlischen Heimat,
Nach den Bergen der Tochter Zion, umschreite die Türme,
Zähle die Türme, zähle die Pforten, zähl die Kanäle,
Oben und unten die Wasserleitungen zähl ich im Geiste
Und betrete im Geiste, im Geist alleine den Tempel
Durch den Vorhof der Frauen zum Allerheiligsten, Gottheit,
Ewige Gottheit, ruf ich, hol heim mich zur himmlischen Heimat,
Daß ich auf den Bergen der Tochter Zion frohlocke!


EINUNDDREISSIGSTER GESANG


Aber der Prophet Jesaja hörte vom Vater
Und vom Herrscher die Weisung: Geh nackt durch die Straßen!
Barfuß und nackt, mit ausgezogenem Lendenschurz nämlich,
Ging der Prophet durch die Straßen und rief: Gott möchte euch trösten!
Trösten will Gott euch, Israeliten, mütterlich trösten!
Josef, sei du den Witwen wie ein Ehemann, Helfer
Sei den Witwen und Tröster ihrer Einsamkeit, Josef,
Sei ein Vater den Waisenkindern, den winzigen Würmlein,
Die den Vater vermissen, denen die Mutter gestorben,
Josef, sei du den Waisenkindern Vater und Mutter,
Dann wird Gott dich lieben mehr als die eigene Mutter.
Aber wenn eine Mutter auch vergäße das Söhnchen,
Unbekümmert, wie die Straußenmutter die Eier
In den Sand legt, unbekümmert, was ihnen geschehe,
Gott wird dich nicht vergessen. Lieblingssohn Gottes,
Gottes Liebling bist du, Ephraim. Gottes Erbarmung
Wühlt im Mutterschoß Gottes, Gott will sich deiner erbarmen.
Ephraim, Gottes Liebling, Gott will dich herzlich umarmen
Und dich heben an Gottes Wange, mit Lippen dich küssen,
Dich liebkosen, wie zärtliche Mütter die Kinder liebkosen,
Wie ein zärtlicher Vater liebkost den bevorzugten Liebling!
Wie in Demut die Dienerin schaut auf die Hände der Herrin,
Schauen wir zu Gott, und Gott gibt uns täglich die Speise,
Wie die Vögelin breitet die Flügel über die Küken,
Wie die Glucke die Küken birgt unter ihrem Gefieder.
Darum sei meine Seele auch still wie ein Kind, das gestillt ward,
Wie ein Kind, das gestillt ward an den Brüsten der Mutter,
Sei meine Seele still an den Brüsten der Ewigen Gottheit.
Israel, hoffe auf die ewige Gottheit von nun an.
Ewige Gottheit, Herrscherin meiner Seele, Erbarmen
Wühlt dir in deinen Mutterschößen, o Ewige Gottheit,
Trösten willst du Jakob, Josef und Ephraim, trösten
Wie die zärtlich liebende Mutter tröstet den Liebling.
Ruhet auf dem Schoße der Jungfrau Jerusalem, Kinder,
Thront auf den Schenkeln der liebenden Jungfrau Jerusalem, Söhne,
Trinkt aus den Brüsten der Jungfrau Jerusalem Ströme des Trostes,
Trinkt aus den Brüsten die Milch des Trostes, die Muttermilch Gottes!
Denn der Ewigvater bietet die Mutterbrust liebreich,
Der Messias selbst ist die Milch des Trostes des Vaters
Und der Geist melkt die Mutterbrüste des Ewigen Vaters!