Herausgegeben von Dr. P.M. – Herausgeber der

Die Scholastik


Von Josef Maria Mayer


ERSTER TEIL

ERSTES GESPRÄCH


AGABUS
Was ist der Mensch?
MARIA
Wenn Aristoteles sich dem Menschen zuwendet und ihn anatomisch untersucht, findet er, dass das Gehirn nicht so wichtig ist wie das Herz. Das Geistige im Menschen, das Innere seiner geistseelischen Persönlichkeit findet sich im Herzen. Das Gehirn mit seinem Verstand ist so etwas wie eine Kühlung für das aufwallende Blut des Menschen, zur Beherrschung seiner Leidenschaften, die im Blut sich erhitzen und aufwallen.
AGABUS
Ich will ganz menschlich mich selbst verwirklichen.
MARIA
Ja, der Mensch ist ein Geist und ein Organismus. Organismus ist der Leib, denn Organismus heißt Organon, nämlich Werkzeug. Der Leib ist das Werkzeug der geistigen Seele. Der Organismus hat aber ein Ziel, eine Bestimmung. Dieses Ziel des Organismus wird nicht von außen an den Menschen herangetragen, durch die Gesellschaft etwa, sondern das Ziel des Organismus ist im Organismus selbst im Inneren angelegt. Und dieses Ziel des Organismus ist die Entfaltung aller seiner Möglichkeiten, die Verwirklichung aller seiner Potenzen.
AGABUS
Was treibt den Menschen an, die Verwirklichung aller seiner Potenzen zu erzielen?
MARIA
Aristoteles nennt das Entelechia. Es ist ein geistiges Prinzip, innewohnend dem lebendigen menschlichen Organismus, ein lebendiges geistiges Entwicklungsprinzip, das geistige Prinzip der Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung, welches zum Ziel führt, der vollkommenen Selbstverwirklichung des Menschen.
AGABUS
Wenn das für den Menschen gilt, den Mirkokosmos, gilt es dann auch für die ganze Welt, den Makrokosmos?
MARIA
Die ganze Welt, ich meine den Kosmos, die geschaffene Natur, drängt mit innerem Antrieb zur Selbstvollendung, zur Vollkommenheit. Dieser innere Drang nach Vollkommenheit macht die Schönheit des Kosmos aus. Der ganze Kosmos, oder wenn du willst, die ganze geschaffene Natur drängt aus innerem Trieb zur höchsten Vollkommenheit, zur höchsten Selbstentfaltung all ihrer Möglichkeiten, zur Vollendung. Die vollkommene Schönheit der Natur und des Kosmos ist das Ziel der Schöpfung, welche im Innern der Schöpfung als angestrebtes Ziel angelegt ist. Das nennt man Teleologie, die Wissenschaft vom Ziel. Das Universum hat ein Ziel, und dieses Ziel ist die vollkommene Schönheit.
AGABUS
So strebt auch der Mensch nach der vollkommenen Schönheit?
MARIA
Im Menschen ist von Natur aus ein inneres Streben, ein unstillbarer Drang, ein heiliger Trieb nach dem Guten, dem Vollkommenen und nach dem Glück des Menschen, oder, wenn du nicht Glück sagen willst, nach der vollkommenen Glückseligkeit und ewigen Wonne. Der Mensch strebt also nach dem Guten und Schönen. Was aber ist gut für den Menschen, was beschert ihm das angestrebte Glück? Aristoteles sagt, die höchstmögliche Selbstverwirklichung ist das Gute für den Menschen, die Realisierung aller seiner innewohnenden Möglichkeiten und die Vollendung aller seiner leibseelischen Potenzen in das wahre Gute für den Menschen, oder, anders gesagt: Werde, was du bist, o Mensch, werde wahrhaft Mensch. Ja, der Mensch muß wahrhaft zum Menschen werden, zum vollkommenen oder heiligen Menschen, das ist des Menschen Bestimmung, die ihm nicht von außen auferlegt ist, sondern die als inneres Gebot von Natur aus in ihm wohnt. Die Heiligkeit entspricht der Natur des Menschen.
AGABUS
Ist denn der Mensch von Natur aus gut, ganz gut, und macht ihn die Gesellschaft böse, oder ist der Mensch von Natur aus böse, ein Wolf der Mensch dem Menschen, und macht ihn die Gesellschaft zu einem guten Menschen?
MARIA
Aristoteles glaubt daran, das der Mensch wesenhaft gut ist. Mit dem Christentum kam die Erkenntnis, dass der Mensch zwar gut geschaffen ist, aber dass er eine Krankheit hat, man nennt das Sünde, ein Geneigtsein zum Bösen.
AGABUS
Der Mensch, man sagt, er sei ein höherer Affe.
MARIA
Eines unterscheidet den Menschen wesentlich vom Tier, das ist die Vernunft, der Logos. Der Mensch als vernünftiges Lebewesen ist von wesentlich anderer Art als die unvernünftigen Lebewesen. Darum soll der Mensch sich auch besonders in dem Bereich selbst verwirklichen, der in der ganzen Schöpfungsordnung allein dem Menschen gegeben ist, das ist seine Vernunft, sein geistiges Wesen. Dieses geistige Wesen des Menschen bedeutet, dass der Mensch nicht von seiner tierischen Natur getrieben wird, von Instinkten getrieben, sondern dass er mit einem freien Willen die Gabe hat, zu entscheiden, ob er sich dem Guten oder dem Bösen zuneigen will. Das geistige Wesen drückt sich nicht allein im abstrakten Wesen aus, sondern auch in der Geistigkeit der menschlichen Sprache und im Schöpfertum der Kultur, der Arbeit und der Kunst. Darin soll der Mensch sich verwirklichen, seine geistigen Potenzen selbst verwirklichen, damit der Mensch werde, was er von Natur aus ist, ein vernünftiges Lebewesen.
AGABUS
Wenn sich also der Mensch vor allen andern Lebewesen durch den Logos auszeichnet, was ist dann dieser Logos?
MARIA
Damit der Mensch auch richtig sein Wesen verwirkliche, seinen Logos realisiere, ist es wichtig, den Logos des Menschen zu erkennen und zu verstehen. Was also ist der Logos? Der Logos ist die Fähigkeit zur Erkenntnis, die Fähigkeit, die Dinge der Welt zu erkennen. Wenn der Mensch also als einzigartiges Lebewesen sich dadurch auszeichnet, den Logos zu besitzen, die Fähigkeit, die Welt zu erkennen, so ist es nach Aristoteles auch die innere Bestimmung des Menschen, die Welt zu erkennen. Aber anders als im neuzeitlichen Denken, dient die Erkenntnis der Welt nicht der Beherrschung der Welt, sondern die Erkenntnis der Welt dient der Wahrheit und der Selbstvervollkommnung des Menschen. Nicht die Herrschaft über die Natur, sondern die Erkenntnis der Natur ist das Höchste, ja, der Sinn des menschlichen Daseins überhaupt.
AGABUS
Dann ist der Mensch also im wesentlichen ein Erkennender?
MARIA
Das Höchste ist für Aristoteles nicht der handelnde Mensch, sondern der erkennende, nicht der Arbeiter, sondern der Philosoph, höher als die Vita Aktiva steht die Vita Kontemplativer, über dem Herrscher steht der Weise.
AGABUS
Sei mit gegrüßt, Göttin der Muße!
MARIA
Aber der Mensch wird auch gedacht als Handelnder, aber sein Handeln hat nicht die Priorität, sondern die Priorität hat die Erkenntnis. Die erkennende Vernunft, der wissende Logos oder die Einsicht der Vernunft, wie immer du es nennen willst, übt die Herrschaft über die Handlungen aus. Der Mensch soll nicht blindlings seinen Trieben, Leidenschaften und Begierden folgen, wie das Tier blind dem Instinkt vertraut, sondern der Mensch soll besonnen leben und handeln, er soll durch die Vernunft seine Leidenschaften beherrschen. Die Leidenschaften, nicht gelenkt von der Vernunft, sondern ihre Begierden frei auslebend, sind zerstörerisch für den Menschen. Wenn der Mensch aber durch seine Vernunft die Leidenschaften zügelt, stehen die Leidenschaften im Dienst der Selbstverwirklichung des Menschen.
AGABUS
Wie in der Liebe offenbar wird.
MARIA
Ja, mein Herz, mein Traum, mein Leben!
AGABUS
Wo wir schon auf die Liebe gekommen sind – was ist Gott?
MARIA
Gott ist der Ursprung der Welt und des Menschen.
AGABUS
Muß man das im Glauben einfach annehmen und für wahr halten, weil man eben so spricht? Oder gibt es vernünftige Beweise oder zumindest überzeugende Indizien für die Existenz Gottes? Ich frage das aus intellektueller weiblicher Neugierde, nicht etwa weil ich an der Existenz Gottes zweifelte.
MARIA
Wir sehen in der ganzen Welt Bewegung. Woher kommt die Bewegung, was hält die Bewegung in Gang? Es muß doch ein Erstes geben, was die Bewegung verursacht hat. Es muß doch den Urbeweger geben, von dem alle Bewegung ihren Ausgang nimmt. Dieser Urbeweger aber darf selbst nicht von einem anderen bewegt sein, sonst wäre eben der andere der Urbeweger. Dieser Urbeweger aber wird erkannt an seinen Wirkungen. Seine Wirkung ist Bewegung und Streben. Wodurch aber wird die Bewegung mit ihrem inneren Streben erregt? Offensichtlich durch das Ziel, das angestrebt wird. Das Zeil zieht die strebende Bewegung an, immer weiter zu streben, bis sie das Ziel erreicht hat.
AGABUS
So ist es ja auch in der Liebe. Die Sehnsucht ist das Streben des Liebenden, der keinen Seelenfrieden findet, bis er am Herzen der Geliebten ruht.
MARIA
Ja, du kannst dir den Erstbeweger denken wie das Urbild der Liebe, wovon die menschliche Liebe das Abbild ist. Der Urbeweger als die schöpferische Liebe schafft alle Bewegung, alles Streben, alle Sehnsucht in der Welt, alles Treiben und Drängen auf ein Ziel hin, welches Er selber ist.
AGABUS
Wie definiert sich nun das Ziel der strebenden Welt?
MARIA
Alles Streben des Menschen und der Welt zielt ab auf die Selbstverwirklichung, auf die höchstmögliche Realisierung aller innewohnenden Möglichkeiten. Im Menschen und im Kosmos sind Potenzen, Möglichkeiten und Fähigkeiten, die alle volle Wirklichkeit annehmen wollen, das ist ihr Trieb und Streben. Das Ziel also ist die volle Selbstverwirklichung von Mensch und Welt. Das Ziel ist also volle Verwirklichung aller Möglichkeiten, vollkommene Realisierung aller Potenzen. Damit definiert sich das Ziel als höchste Wirklichkeit, als vollkommene Wirklichkeit. Wie aber kann man das nennen, was vollkommene Wirklichkeit ist?
AGABUS
Das nennt man Gott.
MARIA
Ja, in Ihr, der Gottheit, entspringt alles Streben, alle Bewegung. Der Dichter sagt: Es ist eine Sehnsucht in der Welt. Aber alles Streben mündet auch in die Gottheit. Sie ist Ursprung und Ziel, sie ist das Alpha und Omega. Aber sie ist nicht allein der Ursprung von Welt und Mensch und ist nicht allein das höchste Ziel von Welt und Mensch, sondern es ist, wie Aristoteles sagt, etwas Göttliches in der Natur, denn die Gottheit ist eben auch der Weg, sie ist die innere Kraft, die die Welt und den Kosmos vom Ursprung herausführt, führt den Weg des Strebens und der liebenden Sehnsucht und führt als innere Kraft und als Weg auch schließlich die Welt und den Menschen heim in den Schoß der Gottheit.
AGABUS
Ist das nun der Schöpfergott, der von außen die Welt ins Leben ruft? Oder ist das eine heidnische Gottheit, die im Innern der Natur lebt?
MARIA
Der Urbeweger des Aristoteles als das Ziel der Schöpfung übersteigt natürlich die Schöpfung, ist selbst nicht Bestandteil der Schöpfung, ist also eine transzendente Gottheit. Der Schöpfergott des Christentums ist auch nicht ein Gott, der in absoluter Transzendenz oberhalb und außerhalb der Welt steht, sondern ist zugleich die göttliche Liebe, die, wie der Hymnus der Kirche sagt, die Welt im Innersten zusammenhält. Die wahre Gottheit ist nicht allein die transzendente Gottheit, sondern gleicherweise die immanente Gottheit.
AGABUS
Was aber ist nun das Wesen dieser Gottheit selbst?
MARIA
Wenn die Gottheit des höchste Ziel des Menschen ist, wenn die vollkommene Selbstverwirklichung des menschlichen Wesens ins Gott erzielt wird, muß Gott in absoluter und vollkommener Form das besitzen oder gar sein, was des Menschen Vollkommenheit ausmacht. Der Mensch aber zeichnet sich vor allen andern Lebewesen dadurch aus, dass er Geist und Vernunft besitzt. Gott als die Vollkommenheit besitzt also Geist und Vernunft in Vollkommenheit. Aber Gott besitzt nicht einen menschlichen Geist und eine menschliche Vernunft, sondern Gott ist mehr als Geist und Vernunft, Gott ist göttliche Vernunft, das heißt göttlicher Logos, und Gott ist göttlicher Geist, das heißt Heiliger Geist.
AGABUS
Gott ist also der Logos. Das sagt im Übrigen der Evangelist Johannes auch: Und der Logos war bei Gott und der Logos war Gott. Der Logos aber wurde definiert als die Fähigkeit, zu erkennen. Der Mensch mit seinem menschlichen Logos erkennt die Welt. Was aber erkennt der Logos Gottes? Was erkennt Gott?
MARIA
Wenn Gott das Ziel der Welt und des Menschen ist, kann Gott nicht abhängig sein von der Welt und dem Menschen. Wenn der Logos Gottes aber die Welt und den Menschen denken und erkennen würde, wäre Gott abhängig von der Schöpfung, die er bräuchte als den Gegenstand seiner Erkenntnis. Gott aber als das höchste Ziel von Mensch und Welt ist vollkommen und unendlich erhaben über Welt und Mensch und lebt in vollkommener Freiheit von Welt und Mensch.
AGABUS
Was kann dann der Gegenstand der Erkenntnis Gottes sein?
MARIA
Wenn Gottes Logos nicht die Schöpfung erkennt, kann der Logos Gottes also nur Gott allein erkennen. Der Logos Gottes und der Geist Gottes erkennen Gott. Hier erhebt sich die natürliche Weisheit des Philosophen an die Grenze der Selbstoffenbarung Gottes als Dreifaltiger Gottheit: Gott der Ursprung, Gott der Logos, Gott der Geist, die drei Personen Gottes erkennen einander.


ZWEITES GESPRÄCH


AGABUS
Wenn der Mensch also den Logos besitzt, was ist dann Logik?
MARIA
Logik ist die richtige Art des Denkens. Logik lehrt nicht, wie die Psychologie, wie der Mensch denkt, sondern wie er denken soll, damit er zu wissenschaftlicher Erkenntnis kommt.
AGABUS
Womit beginnt das richtige Denken?
MARIA
Die wissenschaftliche Erkenntnis beginnt bei den Begriffen. Begriffe gewinnt man durch Definition. Die Definition eines Begriffes erfordert zwei Bestimmungen: Erstens, in welche Klasse von allgemeinen Begriffen lässt sich der Begriff einordnen? Also: Was ist der Mensch? Der Mensch gehört zur Klasse der Lebewesen. Zweitens muss die Definition den Begriff von den andern Begriffen der gleichen Klasse unterscheiden. Also: Was ist der Mensch? Der Mensch ist ein Lebewesen, aber ein vernunftbegabtes, denkendes, sprechendes, kulturschaffendes Lebewesen. Die Begriffe bilden eine Hierarchie vom Allgemeinen zum Besonderen. Die Definition des Begriffes schreitet vom Allgemeinen zum Besonderen fort. Also: Es ist ein Lebewesen, es ist ein vernünftiges Lebewesen, es ist ein Mann, es ist ein Deutscher, es ist ein Friese, es ist ein blonder Friese, es ist ein bärtiger blonder Friese, es ist eben jener bärtige blonde Friese.
AGABUS
Nachdem der Begriff definiert worden ist, wie schreitet der Logiker in der Erkenntnis fort?
MARIA
Wenn man die Begriffe anschaut, kommt man zu höheren und allgemeineren Gattungsbegriffen. Aristoteles kam zu zehn allgemeinen Grundkategorien: Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Wo, Wann, Wie, Haben, Wirken, Leiden. Die ersten vier Kategorien sind die wichtigsten. Also bestimmt man die Begriffe nach den vier Kategorien, nach der Substanz des Dinges, also seinem Wesen, nach der Quantität des Dinges, also seiner Menge, nach der Qualität des Dinges, also seiner Beschaffenheit, und nach der Relation des Dinges, also seinen Beziehungen zu anderen Dingen.
AGABUS
Wenn man die Begriffe nun geklärt hat und nach den Kategorien genauer bestimmt, wie geht der Denker dann vor?
MARIA
Nun bildet der Denker einen Satz über den Begriff. In dem Satz oder philosophischen Urteilsspruch sind zwei Dinge enthalten: Das Subjekt ist der Begriff, über den etwas ausgesagt werden soll, das Prädikat ist die Aussage, die über den Begriff gemacht wird. Es gibt nun verschiedene Urteilssprüche. Das bejahende Urteil sagt: Diese Rose ist blutrot. Das verneinende Urteil sagt: Diese Rose ist nicht blutrot. Das allgemeine Urteil sagt: Alle Rosen verwelken. Das besondere Urteil sagt: Einige Rosen sind dornenlos. Das Urteil, das ein Sein aussagt, sagt: Die Rose blüht. Das Urteil, das eine Notwendigkeit aussagt, sagt: Diese Lilie muß morgen aufblühen. Das Urteil, das eine Möglichkeit aussagt, sagt;: Diese Lilie kann heute nacht noch aufblühen.
AGABUS
Maria, meine Philosophin, wenn du philosophierst, so wird es zur Poesie. Aber wenn der Denker nun sein philosophisches Urteil gesprochen hat, wie schreitet er fort in der Erkenntnis?
MARIA
Nach dem Urteilsspruch zieht der Denker seine Schlüsse. Ein Schluß ist eine Rede, in der aus bestimmten Voraussetzungen etwas Neues hervorgeht. Aus Urteilen wird ein neues Urteil geschlussfolgert. Die vorgegebenen Urteile sind die Prämissen, das geschlussfolgerte neue Urteil ist die Konklusion. Aristoteles schließt: Alle Menschen sind sterblich, Platon ist ein Mensch, also ist Platon sterblich.
AGABUS
Was zu beweisen war! Aber da kann man ja alles beweisen: Alle Menschen sind Sünder, Maria ist ein Mensch, also ist Maria eine Sünderin! Hier ist doch der Irrtum offensichtlich.
MARIA
Ich danke dir für deine Liebe zu meiner Unbefleckten Erkenntnis. Ein Schluß ist auch noch kein Beweis. Die Prämisse muß natürlich stimmen. Wenn ich sage: Alle Menschen sind sterblich, das ist meine Prämisse, dann ist ja logisch, das der Mensch Platon sterblich ist. Wenn aber nun Platon unsterblich wäre, dann wäre die Prämisse falsch, denn dann müsste es heißen: Alle Menschen, außer Platon, sind sterblich.
AGABUS
Ich danke dir, meine Philosophin. So muß man eben sagen: Alle Menschen sind Sünder, außer dem Gottmenschen Jesus und der Unbefleckten Empfängnis Maria, das wäre die richtige Prämisse.
MARIA
Ja wahr. Will man fortlaufende Schlüsse zu Beweisen werden lassen, muß also als erstes die Grundlage stimmen. Man muß den Satz, aus dem man eine Behauptung zum Beweis werden lassen will, aus höheren und allgemeineren Sätzen ableiten. Nach Aristoteles stößt der Geist so immer weiter vor in immer höhere Höhen, bis der menschliche Geist zu einigen Grundwahrheiten kommt. Über allen Grundwahrheiten steht die Eine Grundwahrheit, das ist der Satz vom Widerspruch: Das, was ist, kann nicht gleichzeitig und in derselben Hinsicht nicht sein.
AGABUS
Also: Gott der gut ist, kann nicht böse sein?
MARIA
Ja, und Gott, der das ewige Sein ist, der ewige Ich bin, kann nicht absolute Leere oder das ewige Nichts sein.
AGABUS
Wir sind schon bei der Metaphysik.
MARIA
Du hörtest doch schon oft von den Ideen, die Platon das einzig Wirkliche nannte, dagegen die sogenannte konkrete Wirklichkeit, die uns umgibt, von Platon nur als Schatten der Ideen betrachtet wurde. Aristoteles sieht eine intimere Verbindung zwischen den Ideen und dem Konkreten. Die Ideen nennt er das Allgemeine, die allgemeinen Begriffe. Das Allgemeine ist nun für Aristoteles in dem Konkreten. Die konkreten Bäume vergehen, aber der allgemeine Baum an sich bleibt bestehen. Allerdings ist der allgemeine Baum an sich nicht losgelöst von den konkreten Bäumen existent, sondern er ist das unvergängliche Wesen, das in den konkreten Bäumen ist. Wir Menschen kommen zum Allgemeinen, in dem wir von den konkreten Dingen abstrahieren und denkend zu ihrem allgemeinen Wesen vordringen. Wenn du die vielen Frauen betrachtest und von dem konkreten und zufälligen der einzelnen konkreten Frauen abstrahierst und dich zum unvergänglichen Wesen der Frau erhebst, zur natürlichen Bestimmung der Frau, dann erhebst du dich zu der Frau an sich, zur allgemeinen Frau, zur Idee der Frau.
AGABUS
Und das ist mir die Weise, in einer intellektuellen Vision dich, Maria, zu schauen.
MARIA
Ja, mein Schatz, so erkennst du die Makellose Konzeption der Frau der Offenbarung.
AGABUS
Wie ist nun genauer das Verhältnis zwischen Himmel und Erde, Geist und Natur, Allgemeinen Ideen und Konkreter Wirklichkeit?
MARIA
Adas allgemeine Wesen der konkreten Einzeldinge nennt Aristoteles Formen, manchmal aber verwendet er auch den platonischen Begriff der Ideen dafür. Du weißt ja, das Platon der achtzigjährige Lehrer war und Aristoteles der zwanzigjährige Schüler. Die Form aber braucht auch etwas, das geformt wird, sonnst wäre es sinnlos, von Form zu sprechen. Das, was geformt wird, nennt Aristoteles Stoff oder Materie. Die Materie an sich ist noch nicht wirklich, sondern sie hat in sich nur die Möglichkeit zur Wirklichkeit. Wirklich wird die Materie, in dem sie von der Form gestaltet wird. Die Formen allerdings, die der Möglichkeit der Materie zur Wirklichkeit verhelfen, sind nicht allein die ewigen Ideen, sondern auch die Kraft, die die Materie zur Wirklichkeit führt und zudem der letzte Zweck, das höchste Ziel der Materie. Die Materie aber ist nicht etwas rein Passives, sondern sie hat einen gewissen Widerstand in sich gegen die Form, daraus erklärt Aristoteles die Unvollkommenheit des Daseins. Zusammengefasst in vier Punkten gibt es also zum ersten der Stoff, etwa das Gold, aus dem ein Kelch geformt wird, zweitens die Form, das ist also die eigentliche Form des Kelches, etwa in Form einer Lilienblüte, zum dritten gibt es die Wirkursache, das ist der Goldschmied, der den goldenen Kelch bildet, und zum vierten gibt es die Zweckursache, das wäre dann die Verwendung des goldenen Kelches beim eucharistischen Opfer.
AGABUS
Während du sprachest, kam mir ein Gedanke: In der Heiligen Schrift ist bei der Schöpfungsgeschichte die Rede von dem chaotischen Urmeer, über welchem der Heilige Geist schwebte. Das Chaosmeer heißt im Lateinischen aber Maria. Wenn du nun das Urmeer wärest, die Urmaterie, der Stoff des Kosmos, und der Heilige Geist schwebte über dir als die Form?
MARIA
(lächelt)
Ja, auch Aristoteles denkt sich die Formen so, dass eine erste und absolute Form existieren muß. Denn wo Form und Stoff aufeinander treffen, entsteht Bewegung. Die Form ist das Bewegende und der Stoff das Bewegte. Wie wir aber schon erklärt haben, muß man bei aller Bewegung an einen Erstbeweger denken. Der Erstbeweger ist die absolute Form, der absolute Geist, die totale Vollkommenheit. Die absolute Vollkommenheit aber ist Gott. Dieser absolut vollkommene Gott ist Geist und Erkenntnis und erkennt sich selbst. Gott ist der Logos, der vermittels des Geistes die Urgottheit erkennt.


DRITTES GESPRÄCH


AGABUS
Heute wird viel über die Schöpfungsgeschichte nachgedacht. Die Materialisten leugnen die Existenz eines Schöpfergeistes und erklären alles aus der Selbstentwicklung einer Urmaterie. Wie ist denn die Stellung des Philosophen Aristoteles zu diesem Problem?
MARIA
In den Mythologien der Heiden steht am Anfang die chaotische Urmaterie, aus der die Götter geboren werden, diese Götter zeugen neue Götter, diese neuen Götter des Geistes ermorden die Götter der Natur und herrschen dann auf dem Olymp. Der Geist entwickelt sich durch Kampf aus der Urmaterie. Diese Mythologie haben die heiligen Kirchenväter immer abgelehnt. Aber die griechische Philosophie leitet die Welt aus dem göttlichen Sein ab. Das Sein ist aus sich selbst seiend. Allein der göttliche Geist ist der letzte Grund für alles wirkliche Dasein. Gott ist also in der Philosophie nicht das Produkt einer langen Entwicklung der Materie, sondern Gott ist Geist und ewiges Sein und ist die Ursache der Welt. Gott schafft die Welt auch nicht, weil er sie nötig hätte, sondern Gott als das Vollkommene und perfekte Totale ist in sich vollendet und bedarf keines Dings. Gott ist als göttlicher Geist das ewige Sein ist totaler Vollkommenheit und besitzt sich vollkommen selbst. Gott denkt sich selbst als das absolute Sein.
AGABUS
Gott denkt sich selbst? Was denkt der göttliche Geist, kannst du das sagen?
MARIA
Der göttliche Geist denkt sich selbst. Gott ist der Denker, Gott ist das Gedachte und Gott ist das Denken. Der Vater ist der Denker, der Logos ist der Gedachte und der göttliche Geist ist das Denken.
AGABUS
Die griechischen Philosophen ahnten also auch schon die Drei-Einheit Gottes?
MARIA
Sowohl Platon als auch Aristoteles umschrieben das Höchste Gut als Dreifaltigkeit von Ewiger Wahrheit, vollkommener Güte und perfekter Schönheit. Gott als das Sein an sich, Gott fasst in sich zusammen die Wahrheit, die Güte und die Schönheit des ganzen Seins.
AGABUS
Ist Gott nun das Sein, gibt es dann noch ein anderes Sein als Gott?
MARIA
Außer dem seienden Gott gibt es nur Nichtsein. Gott ist das totale Sein, weil es nichts gibt, was zur vollkommenen Totalität des göttlichen Seins noch ein Etwas hinzufügen könnte.
AGABUS
Gott als das totale Sein, kann dieser Gott böse sein?
MARIA
Für Platon und Aristoteles ist das göttliche Sein, das die vollkommene Güte, die absolute Wahrheit und die perfekte Schönheit ist, dieser Gott kann nur als der Gute an sich bezeichnet werden, Agathon, das Höchste Gut ist diese Gutheit Gottes. Und diese Güte Gottes wird gedacht als der Urgrund und die Quelle alles wirklichen Daseins.
AGABUS
Madonna! In der vollkommenen Güte, in der ewigen Wahrheit und in der perfekten Schönheit erkenne ich dich! Du bist so gütig, mild und süß! Du lehrst die Wahrheit und du bist die Besiegerin aller Irrlehren! Und vor allem bist du makellos schön!
MARIA
Ja, mein Geliebter, ich werde immer und ewig für dich das junge schöne Mädchen sein, denn ich allein bin die Immerwährende Jungfrau, und ich bin ganz dein!



ZWEITER TEIL


ERSTES GESPRÄCH


AGABUS
Maria, kannst du mir etwas erzählen über die arabischen und jüdischen Traditionen des Aristotelismus?
MARIA
In der christlichen Kirche wurde zuerst das Gespräch zwischen dem Evangelium und der platonischen und neuplatonischen Philosophie geführt, später wurde das Gespräch zwischen dem Evangelium und Aristoteles geführt. Ähnlich war es in der Entwicklung der arabischen Philosophie. Die Muslime, die dem Gottesbilde Mohammeds glaubten, befassten sich zuerst mit dem Zusammenspiel von muslimischer Religion und Neuplatonismus. Da sind zu nennen Alkindi, von dem aber nichts überliefert ist, und zum anderen Alfarabi, der die Sekte der Lauteren Brüder gründete. Diese Sekte versuchte eine Verschmelzung von muslimischer Religion und Neuplatonismus. Von der islamischen Geistlichkeit wurde diese Sekte sehr skeptisch betrachtet. Dann aber gewann der Aristotelismus mehr Einfluss auf die arabischen Philosophen.
AGABUS
Die berühmtesten arabischen Philosophen sind doch Avicenna und Averroes?
MARIA
Avicenna gilt als der größte arabischen Philosoph im arabischen Morgenland. Er war wie Aristoteles Naturforscher. Avicenna lehrte nicht wie die Neuplatoniker eine Emanation der Natur aus Gott, sondern er stellte den göttlichen Geist und die Materie einander gegenüber und behauptete mit Aristoteles die Ewigkeit der Materie.
AGABUS
Aristoteles sprach also nicht von der Materie als einem Geschöpf Gottes?
MARIA
Die Materie war für Aristoteles das Prinzip der Vervielfältigung und Einschränkung des geistigen Prinzips. Die Materie mit ihrer Vielheit und ihrem ewigen Wandel von Stirb und Werde konnte nach der Ansicht Aristoteles nicht vom göttlichen Geist geschaffen sein, da sonst der Geist als der Eine und Grenzenlose ein Prinzip der Vielheit und Einschränkung geschaffen hätte, eine Welt geschaffen hätte, in welchem die Vergänglichkeit der Vielheit herrscht, das heißt, ein Reich des Todes.
AGABUS
Avicenna nahm also auch an, die Materie sei ewig. Wie ist dann das Verhältnis von Gott und Welt in der Weltsicht Avicennas?
MARIA
Gott ist der Erstbeweger der Welt, die aus Gott emanierenden geistigen Form-Ideen realisieren sich in der ewigen Materie.
AGABUS
Die geistigen Formideen, was lehrt Avicenna über sie? Sind sie wie die Ideen Platons die wahre Wirklichkeit und sind sie im Ideenhimmel? Oder sind sie die Formprinzipien an der Materie, die dem Stoff innewohnende Entelechie? Oder sind sie allein Abstraktionen einer abstrahierenden menschlichen Logik, Produkte des Gehirns des Mannes?
MARIA
Die Ideen sind vor den Dingen im Geiste Gottes. Die Ideen sind in den Dingen als Formen und als Prinzip der Entelechie, was ihr Dasein in der Schöpfung begrifft. Was aber die menschliche Erkenntnis betrifft, erkennt der Mensch die Form-Ideen durch logische Schlüsse, durch rationales Denken, durch Abstraktion. Sie sind vor den Dingen für Gott, sie sind in den Dingen für die Welt, sie sind nach den Dingen für den Menschen.
AGABUS
Das selbe lehrte doch auch Abälard, der verliebte Mönch. Aber hat ihn nicht Bernhard von Clairvaux kritisiert?
MARIA
Wenn du vom heiligen Bernhard sprichst, dann geht mein Herz mir über vor Wallungen heißer Liebe! Mein Troubadour! Aber was den Universalienstreit betrifft, das lassen wir vorerst beiseite.
AGABUS
Was lehrt denn nun Averroes?
MARIA
Wie Avicenna der größte Philosoph des arabischen Ostens genannt wird, nennt man Averroes den größten Philosophen des arabischen Westens. Er nennt Aristoteles einfach den Philosophen.
AGABUS
Tat das der heilige Thomas nicht auch?
MARIA
Ja, Thomas nannte Aristoteles einfach den Philosophen, und Thomas nannte Averroes einfach den Kommentator. Die Werke des Averroes sind nämlich im Wesentlichen Kommentare zu den Werken des Aristoteles.
AGABUS
Was war nun die Lehre des Averroes?
MARIA
Artistoteles sprach von der Materie, als dass sie keine Wirklichkeit habe, sondern nur Möglichkeit, Potenz. Der göttliche Geist trage die geistigen Formen an die potente Materie heran und so verwirklichen sich die Formen in der Materie und die Möglichkeiten der Materie werden zu Wirklichkeiten. Averroes aber dachte, die Formen werden nicht vom göttlichen Geist quasi von außen an die Materie herangetragen, sondern in der ewigen Materie ruhen im Innern verborgen die ewigen geistigen Formen als das geistige Prinzip in der Materie, als Entelechie, die in Evolutionen oder Entwicklungen die mögliche Materie zur wirklichen Materie sich entwickeln lassen.
AGABUS
Diese Philosophie ist weit entfernt von der Offenbarung an den Creator Spiritus, den Creator ex nihilo!
MARIA
Averroes schloß sich auch dem Aristoteles an, was die Unsterblichkeit betrifft. Nämlich für Aristoteles ist allein der göttliche Geist unsterblich. Die Materie als Prinzip der Vielheit und Vereinzelung ist nicht unsterblich. Die persönliche Seele eines konkreten Menschen sah Aristoteles als mit dem Körper vergänglich an, allein der innewohnende göttliche Geist sei unsterblich. Averroes schloß sich dem an. Es ist also nicht Sokrates unsterblich und es ist nicht Diotima unsterblich, sondern die Philosophia allein ist unsterblich.
AGABUS
Sokrates wird also nicht in Mohammeds Garten Eden kommen und dort auf weichen Sofas liegen und allerbesten Wein trinken und Geflügel essen und die schönen schwarzhaarigen Huris lieben?
MARIA
Nein, das wird er nicht. Der Geist des Sokrates ist unsterblich und kehrt heim zu Gott.
AGABUS
Averroes entwickelt also eine arabische Philosophie, die sich unterscheidet von den Gesetzen der arabischen Religion des Islam. Wie definiert er das Verhältnis von Glaube und Vernunft?
MARIA
Die Religion des Islam und die Gottesvorstellungen des Koran waren für Averroes für die einfältigen Menschen gemacht, für die Unweisen. Die höhere Wahrheit über die göttlichen Dinge lehre die Philosophie. Der Koran ist für die unweise Masse, die Philosophia ist für die wenigen Wissenden.
AGABUS
Sophia ist, wie ihr Name sagt, nur wenigen bekannt, sagt Jesus Sirach.
MARIA
Darum warf die islamischen Obrigkeit die Schriften des Philosophen auch ins Feuer. Aber das änderte nichts daran, dass Thomas reichlich von ihm lernte. Nach dem Tode des Averroes und dem Niedergang des arabischen Aristotelismus wandte sich die arabischen Geisteswelt mehr den Fragen des Glaubens im Sinne einer mystischen Gottesliebe zu. So wird auch auf Albertus Magnus und den Engelgleichen Thomas der Mystiker Meister Eckard folgen.
AGABUS
Jetzt bleibt mir nichts, als dich zu grüßen als die Neue Eva vom Himmlischen Lustgarten Eden, als die Königin des Paradieses, welcher ich meine unsterbliche Seele für alle Ewigkeiten schenke!


ZWEITES GESPRÄCH


MARIA
Sprechen wir einmal von den beiden philosophischen Zechgenossen Al-Gazzali und Thomas.
AGABUS
Willst du die beiden zum Wettstreit antreten lassen?
MARIA
Ja, wir wollen schauen, wer die Perle der Weisheit gefunden hat.
AGABUS
Wer ist Al-Gazzali?
MARIA
Er schrieb wie Thomas eine Theologische Summe. Ein Christ sprach einmal, er sei überzeugt, dass es seine erste Aufgabe sei, Gott in seinen Reden und Sinnen sprechen zu lassen. Auch Al-Gazzali wollte von Gott sprechen und nach dem Gesetz Gottes leben. Ihm erschien der Koran als das Gesetz Gottes. Die Sufi-Mystik lehrte ihn, seine Seele aufsteigen zu lassen zu Gott.
AGABUS
Und Thomas?
MARIA
Thomas schrieb eine philosophische Summe gegen die Heiden, nämlich vor allem gegen die ketzerischen Auffassungen von Avicenna und Averroes, die mit der Christus-Offenbarung nicht vereinbar waren. Thomas nannte sein Schaffen Theologie, Al-Gazzali nannte es Wissenschaft von der Religion, das ist ein sehr bezeichnender Unterschied.
AGABUS
Thomas, in seiner Argumentation gegen die arabischen Philosophen, hatte er da einen intellektuellen Bundesgenossen?
MARIA
Ja, er zog immer wieder den Moses Maimonides heran, der er Rabbi Moses nannte. Wir werden, so Gott will, später über ihn sprechen.
AGABUS
Wo sind denn Gemeinsamkeiten zwischen Al-Gazzali und Thomas?
MARIA
Die scholastische Methode, die Dialektik, findet sich bei beiden. Diese Methode des Ja und Nein fand sich schon bei Photios, dem byzantinischen Botschafter beim Kalifen von Bagdad und späteren Patriarchen von Konstantinopel.
AGABUS
Ich meine, Dante reiht ihn in seiner Commedia unter die Irrlehrer ein.
MARIA
Auch behaupten einige, die Kunst, eine theologische Summe zu schreiben, sei zu Thomas über den islamischen Umweg gekommen.
AGABUS
Sind sich denn Thomas und Al-Gazzali auch als Persönlichkeiten ähnlich?
MARIA
Beide haben schon früh eine tiefe religiöse Bildung erhalten. Beide zeichnen sich durch eine große intellektuelle Kraft aus. Beide lehrten in den akademischen Zentren ihrer Kulturbereiche, der eine in Bagdad, der andre in Paris. Beide fühlen sich angezogen vom armen mönchischen Leben. Thomas stammte aus einer reichen Großgrundbesitzerfamilie und schloß sich dem Bettelorden an. Al-Gazzali wandte sich als glänzender Hoftheologe dem Sufi-Weg der Armut und Demut zu. Beide sind systematische Theologen und vom Intellekt bestimmt. Beide fanden nach anfänglichen Widerständen von Traditionalisten ihrer Religion schließlich eine weite Verbreitung, ja, ihr Einfluss wirkt noch tausend Jahre später nach.
AGABUS
Gibt es auch Parallelen in ihren Werken?
MARIA
Beide wollten eine Neubelebung der Wissenschaft von der Religion. Beide hatten nach zahlreichen juristischen oder philosophischen Büchern das Bedürfnis, eine Quintessenz ihrer Theologie zu verfassen, ihrer Weisheit über Gott und Welt und Mensch. Beide hatten es zu tun mit einer traditionalistischen Theologie einerseits und einer ungläubigen Philosophie andererseits. Dem Islamisten genügte nicht der Koran, sondern er wollte einen vernünftigen Weg zu Gott begründen. Der Aquinat wollte nicht allein die Lehre der Bibel und der Kirche gläubig annehmen, sondern darüber hinaus die Lehre mit der Vernunft ergründen und begründen. Beide Theologen schätzten Aristoteles unter allen Philosophen am meisten. Beide waren sich aber einig darin, das über den Philosophen Aristoteles die göttliche Offenbarung zu stellen ist. Dem Islamisten schein dies der Koran zu sein, Thomas sah in Christus die volle Offenbarung Gottes. Beide beginnen und enden in ihren theologischen Summen bei Gott. Beide Werke handeln von den Lastern, der Fressgier, der Sexgier, Zorn, Haß, Lüge, Habgier, Geiz und Stolz, und von den Tugenden. Al-Gazzali nennt die Tugenden Reue, Umkehr, Geduld, Dankbarkeit, Gottesfurcht und Hoffnung. Thomas nennt die Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung, Klugheit, Starkmut, Maßhalten, Gerechtigkeit.
AGABUS
Nach so vielen Parallelen müssten nun doch einige Unterschiede auftauchen.
MARIA
Trink erst einmal einen Becher Wein. (Pause) –
AGABUS
Man spricht immer so schlecht vom Stil des scholastischen Mönchslatein. Die Humanisten spotten immer über das mittelalterliche Latein.
MARIA
Und du nennst dich einen Römer und kannst noch nicht einmal Latein? Nein, lege alle Vorurteile und Scheuklappen ab! Wir wollen nun über die Unterschiede zwischen unsern beiden Denkern sprechen. Gazzali lehnte die aristotelische Begrifflichkeit ab und weigerte sich über Substanz und Akzidenz zu philosophieren. Thomas dagegen machte sich nicht nur die aristotelische Logik, sondern auch dessen Physik und Metaphysik weitgehend zu eigen. Er versuchte, mit Hilfe aristotelischer Prinzipien die Christus-Offenbarung neu zu durchdenken.
AGABUS
Das versuchte doch auch Abälard.
MARIA
Abälard stellte die Vernunft des Menschen über den gottgeoffenbarten Glauben. Bernhard dagegen stellte die mystische Gottesliebe über den Verstand des Menschen. Bernhard meinte, die Liebe der Braut Seele zu ihrem Bräutigam Jesus sei die schönste Weisheit.
AGABUS
Was war bei Gazzali und Thomas die Absicht ihres Werkes?
MARIA
Gazzali wollte eine Versöhnung des mystischen Sufismus mit der islamischen Jurisprudenz, der Scharia. Er war ein Jurist und Gottsucher und meinte, das Gesetz, dem der Jurist zu folgen habe, stehe nicht im Widerspruch zu einem Aufstieg zu Gott. Thomas war mehr Philosoph als Jurist und er wollte die Versöhnung zwischen Philosophie und Theologie. Das Dogma aber, wie es von den Kirchenvätern herausgearbeitet worden ist und entwickelt aus der Heiligen Schrift, ließ Thomas unangetastet. Er erkannte die Autorität der heiligen Mutter Kirche und ihre Deutungshoheit über die Schrift eindeutig an. Einige sprachen von den zwei Wahrheiten, einer natürlichen Wahrheit der Naturphilosophie und einer davon verschienen Glaubenswahrheit der Schrift. Aber Thomas lehrte, dass die Wahrheit nur eine ist und sich selbst nicht widersprechen kann. Die Vernunft kann dem Glauben nicht widersprechen. Er ordnete die Philosophia als Ancilla Domini der Theologie unter, denn die Wissenschaft von der Offenbarung Gottes in Christus muß die philosophierende Vernunft erleuchten und führen du vollenden, die Philosophie aber dient der Offenbarung, indem sie die Offenbarung durchdenkt, erkennt, begründet und verteidigt und erläutert.
AGABUS
Wie haben die beiden Denker ihre theologischen Summen konzipiert?
MARIA
Gazzali gestaltete sein Werk nach dem stufenweisen Aufstieg der Sufi-Mystik. Er stellte den Lebensweg eines frommen Moslems dar, angefangen vom Bekenntnis zur Einheit Gottes, bis zum Eingang in den Huri-Himmel. Ohne Erlösungsdrama ist der Weg, von Station zu Station schreitet der Moslem voran zum Ziel der Glückseligkeit. So behandelt Gazzali zuerst die religiösen Pflichten des Moslems, das Bekenntnis zur Einheit Gottes, das Gebet, das Almosen, die Wallfahrt nach Mekka. Dann werden die Pflichten des Menschen gegenüber den Menschen behandelt, Tischsitten, Arbeit, Ehe, Freundschaft, Reisen. Dann wird ein Lasterkatalog geschildert und daraufhin ein Tugendkatalog. Die Tugenden gipfeln im Gottvertrauen. Alles schließt mit einem mystischen Weg ins Jenseits und den Paradiesgarten. Thomas, obwohl aristotelisch denkend, wählt eine neuplatonische Konzeption: Der Mensch kommt von Gott und kehrt heim zu Gott. Der erste Teil der Summe handelt von Gott der, Ursache alles Seins, dem Schöpfer der Kreaturen und des Menschen und von der Ursünde des Menschen. Der zweite Teil handelt von der Heimkehr des Menschen zu Gott.
AGABUS
Das ist ein unterschiedlicher Aufbau der Werke, eine grundverschiedene Struktur. Aber was ist der eigentliche wesentliche Unterschied zwischen dem Moslem und dem Katholiken, zwischen dem Juristen und dem Philosophen, zwischen dem Sufi-Lehrer und dem Engelgleichen Doktor?
MARIA
Das Gemeinsame von Islam und Judentum und Christentum ist die Herkunft der Welt von Gott her und die Bestimmung Gottes als das Ziel der Welt. Aber was ist die Mitte, das Herzstück der theologischen Summen? Vierzig Kapitel verfasste Gazzali, und im zwanzigsten Kapitel preist er Mohammed, den Schreiber des Koran. Gazzali nennt Mohammed einen Propheten, schildert ihn als einen leuchtenden Menschen voll von Tugenden, aber er bekräftigt die Wahrheit, dass Mohammed ein Mensch und nichts als ein Mensch ist, ein Geschöpf Gottes. Thomas dagegen stellt in die Mitte seiner Summe Jesus Christus, der gerade der Weg des Menschen zu Gott ist, der Weg der Heimkehr der Welt und des Menschen zu Gott. Dieser Jesus Christus ist ein wahrer Mensch und zugleich der wahre Gott. Er ist nämlich der einzige Gott-Mensch! So schreibt Thomas in neunundfünfzig Betrachtungen von der göttlichen und der menschlichen Natur in der einen Person Jesus Christus. Diese Betrachtungen führen ihn zu den Betrachtungen über das Geheimnis Gottes: In siebenundzwanzig Betrachtungen spricht Thomas von der einen göttlichen Natur Gottes, des Einen, und in sechzehn Betrachtungen von den drei Personen in der einen Natur Gottes, nämlich den drei göttlichen Personen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dies kann muslimische Philosophie nicht begreifen. Alles dreht sich bei Thomas, dem Engelgleichen Doktor, um das Mysterium Trinitatis und das Mysterium Incarnationis.
AGABUS
Das Mysterium Incarnationis: Dass Gott das kleine Jesuskind in der Krippe ist! Wer also hat die Perle der Weisheit gefunden?
MARIA
Die Perle im Schoß der Muschel fand Thomas!


DRITTES GESPRÄCH


MARIA
Mit Philon von Alexandrien, den neuplatonischen jüdischen Philosophen und der Kabbala hast du dich ja schon beschäftigt. Wir wollen jetzt über den jüdischen Aristotelismus sprechen und wollen uns auf Maimonides beschränken, vom heiligen Thomas einfach Rabbi Moses genannt.
AGABUS
Wenn es interessant ist, wollen wir uns Zeit nehmen, nicht wahr?
MARIA
Ich danke Gott für jede Stunde, die ich mit dir zusammensein darf.
AGABUS
Meine Lehrmeisterin, lehre mich die Weisheit! In deiner Schule will ich wiese werden! Ohne dich ist jede Weisheit nur Torheit!
MARIA
Wir wollen also jetzt über Rabbi Moyses sprechen.
AGABUS
Was schrieb er?
MARIA
Er schrieb die Leitung für die Ratlosen, den Führer der Unschlüssigen.
AGABUS
Die Welt ist voll von Ratlosen, Unschlüssigen!
MARIA
Da sind die Ratlosen, die sehen die religiöse Überlieferung der Genesis und dann sehen sie ihre naturphilosophische Verstandeserkenntnis und begreifen nicht, in welchem Verhältnis Glaube und Wissenschaft stehen. Rabbi Moyses schreibt für jene, die das mosaische Gesetz kennen, an die Offenbarung vom Sinai glauben, die redlich in ihrem Charakter sind und sich mit Naturphilosophie beschäftigen und von der menschlichen Vernunft geführt werden.
AGABUS
Er schreibt also für zwei, drei Männer.
MARIA
Maimonides übernimmt die wissenschaftliche Welterklärung des Aristoteles, wie er sie von Alfarabi und Avivcenna übernommen hat. Er anerkennt aber gleichzeitig die Tora, die Gott dem Mose offenbart hat. Er ist von der Gültigkeit der biblischen Offenbarung überzeugt und will deren Richtigkeit mit Hilfe der Philosophie beweisen. Er glaubt also nicht wie die arabischen Philosophen, die Religion sei nur eine Verschleierung von Wahrheit, der unweisen Masse gegeben, allein die Philosophie sei die Wahrheit, die nur wenigen Eingeweihten gegeben sei, sondern Rabbi Moyses glaubt an die heilige Wahrheit der biblischen Offenbarung und will diese deuten im Lichte der Philosophie.
AGABUS
Ist Rabby Moyses denn nur dem Aristoteles wohlgesonnen?
MARIA
Die Werke des Empedokles, des Pythagoras, des Hermes Trismegistos und des Porphyrius seien nichts wert. Platons Werke seien dunkel, sie seien durch Aristoteles überholt und folglich entbehrlich.
AGABUS
Das erinnert mich an meine Freunde, die meinen, sie kennten Christus und folglich könnten sie Platon und Pythagoras auch ruhig beiseite lassen mit höhnischem Hochmut.
MARIA
Nun, Rabbi Moyses richtet sich an eine intellektuelle Elite. Er schreibt für jene, die durch die Beschäftigung mit der Naturphilosophie in Konflikt mit dem biblischen Glauben gekommen sind. Er will sie lehren, den Bibeltext nicht im buchstäblichen Sinn zu verstehen, sondern den geheimnisvollen eigentlichen Sinn der Bibel zu erkennen.
AGABUS
Der Rabbi Moyses hat also eine andere Deutung der Schöpfungsgeschichte als unsere armen Freunde, die Buchstabengläubigen?
MARIA
Rabbi Moyses ist vertraut mit den jüdischen Geheimlehren vom tieferen Sinn des Schöpfungswerkes und der tieferen Bedeutung des himmlischen Thronwagens Gottes.
AGABUS
Ich habe darüber in der Kabbala gelesen.
MARIA
Rabbi Moyses bringt nun die Theologie der Schöpfung in Verbindung mit der Physik des Aristoteles und die mystischen Geheimnisse vom himmlischen Thronwagen Gottes bringt er in Verbindung mit der Metaphysik des Aristoteles.
AGABUS
Wie spricht nun Rabbi Moyses über Gott, den er mit dem rechten Auge der jüdischen Geheimlehren und dem linken Augen der aristotelischen Metaphysik anschaut?
MARIA
Rabbi Moyses gewinnt ein geläutertes Gottesbild, von allen Anthropomorphismen frei. Dann betrachtet er das Verhältnis Gottes zur intelligiblen Welt und betrachtet schließlich das Verhältnis Gottes zu den Menschen.
AGABUS
Man spricht doch von Gottes Hand, man spricht sogar von Gottes Gebärmutter.
MARIA
Rabbi Moyses zeigt, dass Gottes Gebärmutter in körperlicher Ausdruck ist für das rein geistige göttliche Wesen der Allbarmherzigkeit. Wenn eine körperliche Sprache über Gott nicht übereinstimmt mit dem philosophischen Gottesbild des Einen, der Geist ist, dann muß man die körperlichen und menschlichen Ausdrücke über Gott philosophisch interpretieren und ihren geistigen Gehalt herausarbeiten.
AGABUS
Und wen die Rede von den sechst Tagen ist, in denen Gott die Welt erschuf?
MARIA
Nur Narren glauben, dass es sechs Tage von vierundzwanzig Erdenstunden waren. Rabbi Moyses spricht über die Schöpfungsgeschichte als einem esoterischen Geheimnis, welches die jüdischen Weisen nur wenigen Wissenden überlieferten.
AGABUS
Was meinst du mit esoterisch?
MARIA
Ich meine weder Gnosis noch Okkultismus noch Aberglauben, was alles Satanismus ist. Ich meine die tiefere geheimere Bedeutung der Schrift im Gegensatz zu ihrem exoterischen Gewand, welches die Buchstaben darstellen.
AGABUS
Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig?
MARIA
Ja, der heilige Augustinus stieß sich auch erst an der exoterischen Gestalt der Heiligen Schrift und suchte deshalb die Weisheit beim Pseudomystizismus der Manichäer, bis der heilige Ambrosius von Milan dem heiligen Augustinus die esoterische Innenseite der Heiligen Schrift aufschloß. Dazu verwendet Rabbi Moyses nun die Philosophie, um den geheimnisvollen geistigen Inhalt der Heiligen Schrift zu erschließen.
AGABUS
Was ist für Rabbi Moyses das Zentrum des Alten Testaments?
MARIA
Das Zentrum der Tora ist der Begriff oder Name Gottes. Rabbi Moyses will den Begriff Gottes klären. Er verwendet dazu die negative Theologie des Neuplatonismus. Die negative Theologie besagt, das man von Gott allein sagen kann, was Gott nicht ist. Was Gott in seinem Wesen ist, ist unergründlich, aber indem man mehr und mehr alles ablegt, was Gott nicht ist, gewinnt man eine Ahnung, eine mystische Vision von Gott.
AGABUS
Aber die Bibel spricht von Gott doch eher so, als wäre es ein Mann.
MARIA
Rabbi Moyses legt alle Schriftworte, die von Gott so sprechen, als wäre Gott ein Mensch, auf seinen göttlich-geistigen Sinn aus und bleibt nicht kleben an der Sprache, die in menschlichen Gleichnissen den Menschen einen Begriff von Gott geben will. Gott ist Geist und besitzt nicht einen menschlichen Körper, weder den eines Mannes noch auch den einer Frau.
AGABUS
Die menschlichen Begriffe von Gott sind also nur Allegorien?
MARIA
Die allegorischen Begriffe sind nur das Kleid der Bibel, aber der geistige Sinn ist der nackte Leib.
AGABUS
Ist diese geistige Erkenntnis Gottes denn für die Menschen erreichbar oder ist sie allein ein Geheimwissen für eine Elite von Eingeweihten?
MARIA
Die arabischen Philosophen sagten, der Koran sei für die ungebildete Menge, die Philosophische Erkenntnis Gottes allein für eine Elite von Wissenden. Rabbi Moyses dagegen forderte von allen Menschen die Erkenntnis des geistigen Gehaltes der Bibel. Die Philosophie der Weisen dient dem Volk, den inneren Sinn der Bibel als eines Redens vom geistigen Gott zu verstehen.
AGABUS
Wie kann man aber einen Gott erkennen, der so ganz der absolut Andere zu allem Seienden ist, dass man von ihm nicht sagen kann, wer er ist, sondern nur, was er nicht ist?
MARIA
Nachdem Maimonides also auf neuplatonische Weise gemäß der negativen Theologie als den absolut unbeschreiblichen Gott definiert hat, bemüht er sich, Gott nun doch auch positiv zu fassen. Er meint, das absolute Wesen Gottes sei undefinierbar, aber über die Eigenschaften Gottes, über Gottes Attribute, lasse sich etwas positives aussagen. Die arabischen Philosophen sagten, wenn Gott Einer ist und eine absolute Einheit, dann würde der Satz: Gott ist barmherzig, schon eine Zweiheit behaupten, nämlich Gott und die Barmherzigkeit, und damit wäre die totale Einheit Gottes nicht mehr gegeben. Wenn wir nun von Gottes Allmacht, Gottes Weisheit, Gottes Schönheit sprechen, dann kämen wir mit der Vielzahl von göttlichen Hypostasen zur Vielgötterei, da es eine Göttin der Macht gibt, eine Göttin der Weisheit und eine Göttin der Schönheit, wie bei Homer. Über die Einheit des Wesens Gottes könne also nichts ausgesagt werden, als: Gott ist Gott.
AGABUS
Wenn diese Einheit des Wesens Gottes also undefinierbar ist und wenn dieser von allen positiven Bestimmungen entleerte Begriff des Einen als des Gottes der Philosophen in absolutem Widerspruch zu aller geschaffenen Vielheit steht, wie können die Menschen, die in der Vielheit des Daseins leben, zu diesem absolut Einen in Beziehung treten und andererseits wie kann der absolut Eine in Beziehung treten zu der kreatürlichen Vielheit?
MARIA
Das Volk Israel kann einen Gott, zu dem die Menschen nicht in Beziehung treten können, nicht akzeptieren. Das Volk des alten Bundes Gottes versteht Gott als Gesetz mit ethischen Forderungen. Die Israeliten erkennen aus der Heiligen Schrift des Alten Bundes Gott als den persönlichen Herrscher und Vater. Dieser Gott Israels ist gemäß der Torah ein transzendenter Gott. Damit ist die Selbstständigkeit der Schöpfung gegeben und damit auch die Möglichkeit der philosophischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis der Schöpfung. Ein Gott der Philosophen als das absolut Eine, das in keine Beziehung treten kann zur kreatürlichen Vielheit, ist für die Juden nicht akzeptierbar. Rabbi Moyses will also das biblische Gottesbild der Torah bewahren, wenn er es auch philosophisch durchdringen und interpretieren will, und will die Vereinbarkeit des biblischen Gottesbildes mit der Gotteserkenntnis der menschlichen Vernunft beweisen.
AGABUS
Gibt es denn überhaupt Gotteserkenntnis, wenn Gott der Unerkennbare, der Unaussagbare und Ganz-Andere ist?
MARIA
Rabbi Moyses korrigiert darum auch die neuplatonische Gottesvorstellung von dem vollkommen Unaussagbaren hin zu dem persönlichen Gott als Herrscher und Vater, wie er ihn gemäß der Offenbarung der Torah erkennt.
AGABUS
Wenn Rabbi Moyses also über den Gott der Philosophen den Gott Abrahams, den Gott Isaaks, den Gott Israels stellt, ist dann wieder eine Beziehung wischen Gott und den Kreaturen möglich?
MARIA
Die Tora offenbart Gott als einen Gott des Willens zum Guten, der ethische Forderungen an den Menschen stellt. Der Mensch ist gemäß der Heiligen Schrift ein Mensch, der gut sein soll, ja, heilig sein soll. Diese Ethik des Guten als Wille Gottes und als Soll des Menschen verbindet nach Rabbi Moyses Gott und die Menschen.
AGABUS
Wenn Rabbi Moyses also den Gott des Glaubens über den Gott der Vernunft stellt, gibt es dann noch eine natürliche vernünftige Gotteserkenntnis?
MARIA
Die natürliche Gotteserkenntnis der menschlichen Vernunft kann die Eigenschaften Gottes an den Wirkungen Gottes in der Welt erkennen. Die menschliche Vernunft kann Gott als erste Seinsursache der Schöpfung erkennen und als Wille zum Guten, der dem Menschen gebietet, gut zu sein. Diesem Gott, der in der Welt und in den Menschen als Schöpfer und als Wille zum Guten erkennbar ist, soll sich der Mensch nähern so weit es der Abstand zwischen Schöpfer zu Geschöpf zulässt.
AGABUS
Eine vollständige Vereinigung ist also nicht möglich?
MARIA
Im Judentum ist die Vereinigung von Gottheit und Menschheit nicht anerkannt.
AGABUS
Wie nähert sich also der Mensch dem Gott Israels?
MARIA
Der Gott, der an den Wirkungen in der Schöpfung als Seinsursache erkennbar ist und in den Menschen als Wille zum Guten, dieser Gott ist das Vorbild des Menschen und das Ziel, auf welches der Mensch hinleben soll.
AGABUS
Gott ist also das Ziel des Menschen. Aber ist der Mensch das Ziel der Schöpfung? Ist die Schöpfung geschaffen allein um des Menschen willen? Oder ist auch die Schöpfung auf Gott als Ziel hin geschaffen?
MARIA
Gott ist die Seinsursache der Schöpfung und das Ziel der gesamten Schöpfung. Allerdings ist die Schöpfung um des Menschen willen geschaffen, darum ist, als der Mensch von Gott abfiel, auch die Schöpfung gefallen, darum aber wird mit der Erlösung des Menschen auch die Schöpfung erlöst.
AGABUS
Warum ist die Schöpfung überhaupt geschaffen? Muß es notwendigerweise eine Schöpfung geben? Oder ist es ein freier Willensakt Gottes gewesen, die Welt zu schaffen? Was meint Rabbi Moyses?
MARIA
Rabbi Möyses hält den Zweck der Zwecke für unerkennbar. Er weiß nicht, warum Gott die Schöpfung und den Menschen geschaffen hat und warum Gott nicht lieber nichts geschaffen hat. Rabbi Moyses weist auf die Unergründlichkeit des göttlichen Schöpferwillens hin.
AGABUS
Wenn dennoch Gott das Ziel des Menschen ist und das göttliche Vorbild, wie kann der Mensch dann den unerkennbaren Gott erkennen? Wie kann der Mensch mit Gott in Verbindung treten?
MARIA
Nach Rabbi Moyses ist das absolute eine Wesen Gottes unerkennbar, aber der Mensch kann mit Hilfe der Gotteserkenntnis die Eigenschaften Gottes erkennen und mit den Hypostasen Gottes persönlich in Verbindung treten. Indem der Mensch mit einer Hypostase Gott mittels der Erkenntnis in Verbindung tritt, ist der individuelle Mensch in Verbindung mit dem allerhöchsten Weltzweck. Rabbi Moyses stellt die geistigen Tugenden des Menschen über die moralischen Tugenden und erklärt die Gotteserkenntnis zur höchsten Tugend des Menschen, darum sei der Mensch verpflichtet zum Lernen und zum Studium des göttlichen Gesetzes. Allein durch die geistige Gotteserkenntnis, die der Schüler aus dem Studium der Tora gewinnt, tritt der Mensch in Verbindung mit den Hypostasen Gottes und in den Hypostasen Gottes mit dem unerkennbaren Einen.
AGABUS
Rabbi Moyses spricht von der Möglichkeit, den unerkennbaren Gott in seinen Attributen zu erkennen, den nur negativ zu definierbaren Einen in seinen Attributen dennoch positiv definieren zu können. Wie definiert nun Rabbi Moyses Gott in seinen Eigenschaften positiv?
MARIA
Er greift auf Aristoteles zurück und nennt Gott das Denken des Denkens.
AGABUS
Gott ist also Logos.
MARIA
Gott ist die Einheit von Denker, Gedachtem und Denken. Das Denken Gottes ist nicht ein Attribut Gottes, das ihm zukommt, sondern es ist sein inneres Wesen, da das Selbstbewusstsein die höchste Stufe des Seins ist.
AGABUS
Rabbi Moyses also wählte die negative Theologie nur, um allzumenschliche Gottesbilder vom transzendenten Vater fernzuhalten, wählte dann aber schließlich doch die positive Bestimmung Gottes als des Denkens des Denkens?
MARIA
Die negative Theologie führte ihn eben nicht zu dem Irrtum, Gott sei absolute Leere, sondern zu der Vorstellung, Gott ist der Inbegriff aller Vollkommenheit.
AGABUS
Und dieser Gott, den Rabbi Moyses mit Hilfe der aristotelischen Philosophie definiert als den Logos, ist er, wie in der Bibel, der Schöpfer? Oder ist die Welt etwa von Ewigkeit, wie die arabischen Aristoteles Kommentatoren behaupteten?
MARIA
Rabbi Moyses sagte, dass die Frage von Weltschöpfung oder Weltewigkeit philosophisch unentschieden sei, dass er aber die Lösung der Frage akzeptiere, die die Propheten überliefert haben, da die jüdische Prophetie Dinge erklärt, zu denen die spekulative Vernunft des Menschen allein nicht gelangen kann. Nachdem der Standpunkt der Propheten, Gott sei der Schöpfer der Welt, von Rabbi Moyses angenommen worden ist, bemüht er sich, mit Hilfe der Philosophie die Überlegenheit des prophetischen Standpunktes zu beweisen.
AGABUS
Die Philosophie steht also unter der Offenbarung.
MARIA
Aber Rabbi Moyses rationalisierte den Glauben an den Gott Israels. Seine nüchterne Logik ist fern von der Poesie des Alten Testaments und auch fern von den mystischen Spekulationen der Kabbala. Der heilige Thomas aber verwandte die Argumente des Rabbi Moyses in seiner Schrift gegen die Philosophie der arabischen Heiden.
AGABUS
Ich bin begierig, auch über den engelgleichen Thomas von dir zu lernen.
MARIA
Jetzt nimm erst einmal deinen Sommerurlaub, lies fleißig in der Bibel, und wenn du wiederkommst, wollen wir wieder in den philosophischen Kindergarten gehen und von Thomas reden.